Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
Entführung Ganymeds. Gemälde im palmyrenischen „Grab der drei Brüder“ (2. Jhd. n. Chr.). (c)wmf.org
Faustina die Jüngere reitet auf Adler. Römische Münze, spätes 2. Jhd. (c)BM, R. 14738
Ausschnitt von der Goldschale von Hasanlu (10./9. Jhd. v. Chr.): Frau fliegt auf Adler gen Himmel; darüber das Reich der Götter. CC-BY-SA-4.0 via Wikimedia
Der Gott Nisroch. Assyrisches Relief, 9. Jhd. v. Chr. (c)Babylon Chronicles
Heb. nescher; trad. „Adler“. Spätestens, seit Tristram 1883, S. 172 erklärt hat, gemeint sein müsse der Gänsegeier, weil in Mi 1,16(„Mache dich kahl und schere dich wegen der Kinder deiner Wonne; mach deine Kahlheit größer wie der nescher, denn sie wurden von dir hinweg exiliert!“) von der Kahlköpfigkeit dieses Vogels die Rede sei und weil das Arabische nissr klar den Gänsegeier meine, wird in Lexika (anders als in Kommentaren) immer häufiger stattdessen „Geier“ vorgeschlagen (z.B. z.B. Kronholm in ThWAT V, Sp. 680-689; Adler (WiBiLex); auführlich auch Schroer 1996 und nach ihr Wüste 2018, S. 160-163; letztlich zeigt Schroer aber nur, dass im Orient übrigens häufig auch Geier abgebildet wurden). Hier daher auch Dohmen 2004: „Dann habe ich euch auf Geiersflügeln getragen.“ (dagegen z.B. Houtman 1996; Dozeman 2009; Albertz 2015: „Adler“). Plinius berichtet in NatHist X 3, dass von alten Naturkundlern bisweilen z.B. auch der Lämmergeier zur Gattung der „Adler“ gerechnet wurde; wahrscheinlich lassen sich die beiden Vögel terminologisch also nicht so klar scheiden, wie Exegeten dies gerne hätten. Ob daher jeweils besser mit „Adler“ oder „Geier“ zu übersetzen ist, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Und der spricht hier und im parallelen Vers Dtn 32,11 sehr stark für „Adler“: Dass Menschen von Adlern getragen worden seien, ist ein verbreitetes Motiv in der Mythologie. Der sumerische König Etana etwa wird im gleichnamigen Epos (24. Jhd. v. Chr.?) von einem Adler zum Himmel getragen. Auf der Goldschale von Hasanlu reitet eine unbekannte Frau auf einem Adler. Zeus entführt Ganymed in Gestalt eines Adlers zum Olymp, und weil dies als Allegorie für den Transport von Seelen in den Himmel verstanden wurde, mauserte sich der Adler zu einem der häufigsten Motive in nabatäischen und palmyrenischen Gräbern (oben ein Bsp.). Auf römischen Darstellungen reiten Kaiser:innen v.a. des 2. Jhds. sogar häufig auf Adlern (s.o.); dieses Bild steht für ihre „Apotheose“ oder „Vergöttlichung“ (vgl. z.B. Filipek 2023, S. 17), also einer anderen Art der Himmelfahrt. Der Transport auf Adlerflügeln ist also ein sehr aufgeladenes Bild, das das gelobte Land auf eine Stufe mit dem Himmelreich hebt (gut Graupner 2021, S. 373). Genauer: Auch darüber hinaus sind Tristrams Argumente ohnehin nicht sehr stark. Ob auch in den alten arabischen Zeugnissen mit nissr wirklich stets der Gänsegeier gemeint ist, lässt sich gar nicht beurteilen. Arab. nasr versteht man jedenfalls üblicherweise als „Adler“, und auch der assyrische Gott Nisroch (s. oben) ist klar ein Adler-Gott, kein Geier-Gott, und gerade nicht glatzköpfig. Dass Mi 1,16 auf die Glatzköpfigkeit des nescher abziele, ist auch überhaupt nicht klar. Gerade die Kahlheit am Kopf kann ein nescher ja nicht „vergrößern“. Den Schlüssel zu diesem Vers dürfte Ps 103,5 enthalten: Dieser Vers spricht davon, dass ein nescher „seine Jugend erneut“. Auch das passt am besten zum Adler; vgl. Physiologus 6 (2.-4. Jhd.): „Wenn der Adler alt wird, so werden seine Flügel schwer und seine Augen verdunkeln sich. Dann sucht er eine klare Quelle und fliegt von hier empor zur Sonne, wo er die Flügel und Augen ausbrennt. Darauf lässt er sich herab in die Quelle, taucht dreimal darin unter und wird so verjüngt.“ (Üs.: Lauchert. Auf diesen Mythos wird gewiss auch im Etana-Epos angespielt, als der federlose Adler Tag für Tag zum Sonnengott Schamasch betet und dieser ihm daraufhin Etana schickt, mit dessen Hilfe ihm neues Gefieder wächst). Alte Ausleger haben daher Ps 103,5 entweder direkt mit diesem Mythos erklärt oder mit der Mauser, mit der Adler ebenfalls ihr Gefieder erneuten und sich so „verjüngten“ (vgl. z.B. Maximus von Turin [4. Jhd.], Sermo 55; Saadja; Raschi; weitere bei Bochart II S. 168f.). Auf beide Weisen würde der Adler seine „Kahlheit“ sogar maximal „vergrößern“, anders als der Geier. Ich (S.W.) bin daher unsicher, ob es überhaupt an einer Stelle sinnvoll ist, von der üblichen Üs. „Adler“ abzugehen.(Zurück zu v.4)
Graupner, Axel (2021): „Auf Adlers Schwingen“ (Ex 19,4). zu Herkunft und Funktionalisierung eines wirkmächtigen Motiv, in: David Bindrim / Volker Grundert / Carlin Kloß (Hgg.): Erotik und Ethik in der Bibel. FS Manfred Oeming. Leipzig.
Kurzform von Saadia ben Joseph Gaon, einem wichtigen jüdischen Ausleger in der ersten Hälfte des 10. Jhds.
Akronym von Rabbi Schlomo ben Jizchak, einem wichtigen jüdischen Ausleger der zweiten Hälfte des 11. Jhds. aus Frankfreich, der die ganze Bibel kommentiert hat. Wahrscheinlich der wichtigste jüdische Ausleger überhaupt: Sein Kommentar ist beinahe kanonisch und daher in allen jüdischen Studienbibeln abgedruckt; manche mittelalterliche Bibelhandschriften bestehen gar nicht aus Bibeltext nebst einem Targumtext, sondern aus Bibeltext nebst dem Kommentar von Raschi.