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{{S|6}} Sollt (werdet) ihr<ref name="atta" /> mir ein Königreich (Königtum) von Priestern sein<ref>''Königreich von Priestern'' - Extrem umstrittener Ausdruck; allein über diese kurze Phrase ließe sich eine kleine Bibliothek füllen. Wurzel der Diskussion ist natürlich, dass der Ausdruck in [[1 Petrus 2#s9 |1 Pet 2,9]] und [[Offenbarung 5#s10 |Offb 5,10]] (und [[Offenbarung 1#s6 |Offb 1,6]]; [[Offenbarung 20#s6 |20,6]]) zitiert wird und Luther auf ihn in dieser Fassung seinen Generalangriff gegen die katholische Kirche stützt: „''Man hat's erfunden, daß Papst, Bischöfe, Priester und Klostervolk der geistliche Stand genannt werden, Fürsten, Herren, Handwerks- und Ackersleute der weltliche Stand, was eine gar feine Erdichtung und Heuchelei ist. Doch soll sich niemand dadurch einschüchtern lassen, und zwar aus diesem Grund: Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes ..., wie St. Peter 1.Petr.2,9 sagt: ‚Ihr seid ein königliches Priestertum und ein priesterliches Königreich‘, und die Offenbarung: ‚Du hast uns durch dein Blut zu Priestern und Königen gemacht.‘ (Off.5,10). ... Darum ist des Bischofs Weihe nicht anders, als wenn er an Stelle und als Vertreter der ganzen Versammlung einen aus der Menge nimmt, die alle gleiche Gewalt haben, und ihm befiehlt, diese Gewalt für die andern auszuüben...!''“ (An den christlichen Adel deutscher Nation. Modernisiert von U. Köpf). Diese Auslegung hat übrigens eine extrem lange Tradition; schon im Seder Elijahu Rabbi 79 wird ein Ausspruch von Rabbi Acha (frühes 4. Jhd.) überliefert, der erklärt, zum Ornat des Hohepriesters gehöre deshalb eine Brustplatte mit auf Edelsteinen eingravierten Namen der zwölf Stämme Israels, weil auch der Hohepriester nur stellvertretend für alle Israeliten am Altar stehe und alle anderen theoretisch genauso gut dort vorne stehen könnten: „''Warum sind die Namen der Stämme auf den Steinen eingraviert? Weil auf dem Sinai ''alle'' ‚Priester‘ genannt wurden ... Es ist (nun aber ja) unmöglich, dass (jeweils) alle (gleichzeitig) am Altar zugegen sind. Daher mussten alle Namen über dem Herzen des Hohepriesters eingraviert werden. Danach (gilt nämlich:) Wenn der Hohepriester eintritt, um vor Gott ein Opfer darzubringen, ist es, als stünde jeder von diesen als Hohepriester vor ihm, gekleidet in priesterliche Gewänder.''“<br />Der Ausdruck lässt sich aber auf unterschiedlichste Weisen verstehen (s.u.); eine Abwägung ist hier sehr schwierig. Ist man mit einer derart schwierigen Stelle konfrontiert, lässt man sich am besten vom Text selbst leiten: Das Ende von V. 5 und V. 6 hängen strukturell eng zusammen: „''(Wenn ihr meinen Geboten folgen wollt...,) (A) '''werdet ihr mir sein''' Vasall/Eigentum (B) unter den '''ganzen''' Völkern; (B') obwohl mir die '''ganze''' Erde gehört, (A') '''werdet ihr mir sein''' ein Königreich/Königtum von Priestern und ein eine heilige Nation.''“ (gut Davies 2004, S. 59; Kim 2014, S. 258). Man wird die Sätze also gemeinsam auszulegen haben. Im Satz (A-B) hat „Vasall/Eigentum unter den ganzen Völkern“ die Tiefenstruktur des üblichen Ausdruck „Vasallen/Eigentums-Volk“ (s.o.; w.: „Volk der Vasallität/des Eigentums“, wie auch „heilige Nation“ streng wörtlich „Nation, heilig“ wäre). Israel wird also dreifach charakterisiert: (1) als „Volk der Vasallität/des Eigentums“, (2) als „Königreich/Königtum von Priestern“, (3) als „Nation, heilig“ (gut Dohmen 2005). Vergleicht man die Ausdrücke, steht in jedem potentiell ein Wort, das die Bürger Israels in ihrer Gesamtheit bezeichnet („Volk“, „Königreich“, „Nation“), und in jedem ein Wort, das Menschen beschreibt und diese Menschen in Relation zu Gott setzt („Vasall“, „Priester“, „heilig“; s.u. zu „Heiligkeit“ im Deuteronomismus). Am ehesten hat man die fraglichen einzelnen Begriffe daher in jeweils diesem Sinn zu nehmen: Die Gesamtheit der israelitischen Bürger ist „Gott vasallenpflichtig“, dient ihm „als Priester“ und ist „ihm geheiligt“, ist also das „Privat-Volk dieses Gottes“, der über es als König herrscht.<br />'''Andere Deutungen''': „Königreich von Priestern“ ist im Heb. eine Genitivkonstruktion. Man hat sie auf | {{S|6}} Sollt (werdet) ihr<ref name="atta" /> mir ein Königreich (Königtum) von Priestern sein<ref>''Königreich von Priestern'' - Extrem umstrittener Ausdruck; allein über diese kurze Phrase ließe sich eine kleine Bibliothek füllen. Wurzel der Diskussion ist natürlich, dass der Ausdruck in [[1 Petrus 2#s9 |1 Pet 2,9]] und [[Offenbarung 5#s10 |Offb 5,10]] (und [[Offenbarung 1#s6 |Offb 1,6]]; [[Offenbarung 20#s6 |20,6]]) zitiert wird und Luther auf ihn in dieser Fassung seinen Generalangriff gegen die katholische Kirche stützt: „''Man hat's erfunden, daß Papst, Bischöfe, Priester und Klostervolk der geistliche Stand genannt werden, Fürsten, Herren, Handwerks- und Ackersleute der weltliche Stand, was eine gar feine Erdichtung und Heuchelei ist. Doch soll sich niemand dadurch einschüchtern lassen, und zwar aus diesem Grund: Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes ..., wie St. Peter 1.Petr.2,9 sagt: ‚Ihr seid ein königliches Priestertum und ein priesterliches Königreich‘, und die Offenbarung: ‚Du hast uns durch dein Blut zu Priestern und Königen gemacht.‘ (Off.5,10). ... Darum ist des Bischofs Weihe nicht anders, als wenn er an Stelle und als Vertreter der ganzen Versammlung einen aus der Menge nimmt, die alle gleiche Gewalt haben, und ihm befiehlt, diese Gewalt für die andern auszuüben...!''“ (An den christlichen Adel deutscher Nation. Modernisiert von U. Köpf). Diese Auslegung hat übrigens eine extrem lange Tradition; schon im Seder Elijahu Rabbi 79 wird ein Ausspruch von Rabbi Acha (frühes 4. Jhd.) überliefert, der erklärt, zum Ornat des Hohepriesters gehöre deshalb eine Brustplatte mit auf Edelsteinen eingravierten Namen der zwölf Stämme Israels, weil auch der Hohepriester nur stellvertretend für alle Israeliten am Altar stehe und alle anderen theoretisch genauso gut dort vorne stehen könnten: „''Warum sind die Namen der Stämme auf den Steinen eingraviert? Weil auf dem Sinai ''alle'' ‚Priester‘ genannt wurden ... Es ist (nun aber ja) unmöglich, dass (jeweils) alle (gleichzeitig) am Altar zugegen sind. Daher mussten alle Namen über dem Herzen des Hohepriesters eingraviert werden. Danach (gilt nämlich:) Wenn der Hohepriester eintritt, um vor Gott ein Opfer darzubringen, ist es, als stünde jeder von diesen als Hohepriester vor ihm, gekleidet in priesterliche Gewänder.''“<br />Der Ausdruck lässt sich aber auf unterschiedlichste Weisen verstehen (s.u.); eine Abwägung ist hier sehr schwierig. Ist man mit einer derart schwierigen Stelle konfrontiert, lässt man sich am besten vom Text selbst leiten: Das Ende von V. 5 und V. 6 hängen strukturell eng zusammen: „''(Wenn ihr meinen Geboten folgen wollt...,) (A) '''werdet ihr mir sein''' Vasall/Eigentum (B) unter den '''ganzen''' Völkern; (B') obwohl mir die '''ganze''' Erde gehört, (A') '''werdet ihr mir sein''' ein Königreich/Königtum von Priestern und ein eine heilige Nation.''“ (gut Davies 2004, S. 59; Kim 2014, S. 258). Man wird die Sätze also gemeinsam auszulegen haben. Im Satz (A-B) hat „Vasall/Eigentum unter den ganzen Völkern“ die Tiefenstruktur des üblichen Ausdruck „Vasallen/Eigentums-Volk“ (s.o.; w.: „Volk der Vasallität/des Eigentums“, wie auch „heilige Nation“ streng wörtlich „Nation, heilig“ wäre). Israel wird also dreifach charakterisiert: (1) als „Volk der Vasallität/des Eigentums“, (2) als „Königreich/Königtum von Priestern“, (3) als „Nation, heilig“ (gut Dohmen 2005). Vergleicht man die Ausdrücke, steht in jedem potentiell ein Wort, das die Bürger Israels in ihrer Gesamtheit bezeichnet („Volk“, „Königreich“, „Nation“), und in jedem ein Wort, das Menschen beschreibt und diese Menschen in Relation zu Gott setzt („Vasall“, „Priester“, „heilig“; s.u. zu „Heiligkeit“ im Deuteronomismus). Am ehesten hat man die fraglichen einzelnen Begriffe daher in jeweils diesem Sinn zu nehmen: Die Gesamtheit der israelitischen Bürger ist „Gott vasallenpflichtig“, dient ihm „als Priester“ und ist „ihm geheiligt“, ist also das „Privat-Volk dieses Gottes“, der über es als König herrscht.<br />'''Andere Deutungen''': „Königreich von Priestern“ ist im Heb. eine Genitivkonstruktion. Man hat sie v.a. auf vier verschiedene Weisen aufgelöst, die alle sprachlich möglich sind:<br />(1) Genitivus qualitatis, (1a) also entweder ein Königreich, das gänzlich von Priestern im Vollsinn dieses Wortes bevölkert ist, weil alle die Priesterwürde innehaben, (1b) oder ein Königreich, in dem ''auch'' Priester leben, oder (1c) ein „priesterliches Königreich“, also ein Königreich, (1cA) das ''als Ganzes'' ein Verhältnis zu Gott hat wie ein Priester oder (1cB) das wie in [[Jesaja 61#s5 |Jes 61,5f.]]; [[Ezechiel 20#s41 |Ez 20,41]] gleich einem Priester andere Nationen missionieren soll.<br />(1cA) ist die sinnvollste Interpretation, s.o. So z.B. auch Houtman 1996; Dohmen 2005, S. 63; Assmann 2015, S. 230; Kass 2021, S. 293. Zu (1a) s. schon oben Rabbi Acha und Luther; ebenso Mechilta; Talmud b.Schab 88a. Diese Deutung hat heute wieder einige Anhänger, seit Blum 1990, S. 51f. gut darauf hingewiesen hat, dass in [[Exodus 24#s4 |Ex 24,4-8]], dem strukturellen Gegenstuck unseres Abschnitts, die jungen Männer gleich Priestern Gott Opfer darbringen und Mose Volk und Altar mit Blut besprengt, was seine nächsten Parallelen in der Priesterweihe in [[Exodus 29#s20 |Ex 29,20f.]]; [[Leviticus 8#s22 |Lev 8,22f.]] hat. Muss man im „Königreich der Priester“ noch mehr mithören als „Königreich aus Gottes-Dienern“, sollte man wirklich ''dies'' mithören. So z.B. auch Krause 2020, S. 113f.; Schmitt 2022, S. 176f. Chavel 2015, S. 186 hat dies auch sozialgeschichtlich erklärt: Im Hintergrund stehe die Situation des Exils, wo die exilierten Israeliten keine Tempel und oft auch keine Priester zur Verfügung hatten. Daher wird in unserem Abschnitt ganz Israel zu Priestern erklärt, in 24,4-8 auch zu solchen geweiht, und [[Exodus 20#s18 |Ex 20,18-22]] bestimmt darüber hinaus, dass für den Priesterdienst nicht mehr vonnöten sei als ein schnell aufgeschütteter Erdhaufen als Altar. (1cA) <br />(2) Genitivus agentis: „Königreich der Priester“, also „ein Königreich, über das Priester als Könige walten“ (z.B. Moran 1962). Auch diese Deutung hat heute wieder einige Anhänger, seit angenommen wird, Vv. 4-8 seien sehr spät von nachpriesterschriftlichen Autoren verfasst worden (s. die Anmerkungen) und im Hintergrund stehe die Situation der hellenistischen Zeit, dass Israel quasi von Priestern regiert worden sei (z.B. Lohfink 1990, S. 355; Otto 1996, S. 77). Aber richtig Propp 2006: Auch in dieser Periode wurden die Hohepriester erst um 104 v. Chr. auch zu „Königen“, das ist viel zu spät zur Erklärung diesse Abschnitts.<br />(3) attribuierender Genitiv (vgl. GKC §132c; IBHS §95.3c): Eine Nation mit königlichem Priestertum, die also als Nation im Verhältnis zu anderen Völkern sowohl die Priesterwürde als auch die Königswürde innehätte. So Davies 2004, S. 102 und ähnlich Levenson 1987, S. 31, warum auch immer.<br />(4) Genitivus appositionis: „Ihr werdet mir sein ein Königreich, Priester“. Heute m.W. (S.W.) niemand mehr; unter alten Übesetzern aber z.B. Sym, Theod („Königreich, Priester“); TgO, TgN, TgF: „Könige, Priester“ oder „Könige und Priester“. Hieraus ist wahrschienlich die Fomulierung in Offb und auch in Jub 16,18 entstanden: „Könige und Priester“.</ref> | ||
und eine heilige (asketische, und ''meine'')<ref>''heilig (asketisch, ''meine'')'' - Noch ein Schlüsselwort der Bibel. „Asketisch“, wie hier als Übersetzungsalternative vorgeschlagen wurde, ist eigentlich nicht sehr treffend, aber „heilig“ noch weniger, wenn man vom heutigen Verständnis dieses Wortes ausgeht. Am ehesten träfe den Sinn dieser Stelle und verwandter Stellen im Buch Dtn statt „heilige(s) Nation/Volk“ eine Übersetzung wie „''meine'' Nation“. Ähnlich z.B. GN: „Ein Volk, das mir ganz zur Verfügung steht und mir ungeteilt dient“; HfA: „Ein heiliges Volk, das allein mir gehört“.<br />Heute ist ein „Heiliger“ grob eine religiöse Person mit Vorbildcharakter, die Gott auch als solche anerkannt hat, daher für diese Person Wunder wirkt und sie nach ihrem Tod auf irgendeine Weise „nahe bei sich“ sein lässt. Im Alten Israel dagegen waren zwei andere Konzeptionen von „Heiligkeit“ verbreitet: Die der priesterschriftlichen Schule und die der deuteronomistischen, die auch hinter md. Vv. 4-8 unseres Kapitels steht (s. die Anmerkungen). Nach beiden Konzeptionen ist „Heiligkeit“ soviel wie „Hingeordnet-sein auf Gott“, den Inbegriff der Heiligkeit (s. [[Jesaja 6#s3 |Jes 6,3]]).<br />Für die priesterschriftliche Schule ist diese irdische „Heiligkeit“ aber genauer verletzlich, gestuft und kann auch Orten und Dingen zukommen: Etwas oder jemand kann seine Heiligkeit verlieren, indem er oder es „verunreinigt“ wird, z.B. durch Kontakt mit den falschen Menschen oder Dingen. Heiligkeit lässt sich aber auch wiederherstellen und „aufladen“. Etwa hier: „''Ich bin JHWH, euer Gott. Darum heiligt euch und seid heilig, denn ich bin heilig. Ihr sollt euch nicht selbst verunreinigen durch irgend Gewürm, das sich auf der Erde schlängelt!''“ ([[Leviticus 11#s44 |Lev 11,44]]). Besonders Priester – laut der Priesterschrift die Nachkommen Aarons – sind zu solcher Heiligkeit und Reinigung berufen, da sie ihren Dienst an „heiligem Ort“ und mit „heiligem Gerät“ verrichten. Solche „Reinigung“ kann geschehen durch spezielle Riten wie die Waschung, durch bestimmte kultische Handlungen.<br />Die deuteronomistische Schule hat eine radikal andere Vorstellung. Dinge und Gebäude können im Deuteronomium gar nicht heilig sein. Und auch bei Menschen gibt es nicht unterschiedliche „Grade“ von Heiligkeit: „Heilig“ ist das ''ganze Volk Israels'', ausnahmslos und von vornherein – nur dank der Tatsache, dass Gott sich Israel in Ägypten als sein Volk erwählt hat. Das bringt für dieses auserwählte Volk aber auch eine Reihe von Verboten und Pflichten mit sich: In [[Deuteronomium 7 |Dtn 7,1-5]] etwa das Verbot, fremde Götter anzubeten – „''denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott JHWH: Er hat dich erwählt, ihm Vasallen-Volk zu sein aus allen Völkern der Welt!''“ ([[Deuteronomium 7#s6 |Dtn 7,6]]). Laut [[Deuteronomium 14#s1 |Dtn 14,1]] darf man sich nicht ritzen oder eine Glatze scheren (s. dort), – „''denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott JHWH: Er hat dich erwählt, ihm Vasallen-Volk zu sein aus allen Völkern der Welt!''“ ([[Deuteronomium 14#s2 |Dtn 14,2]]). In [[Deuteronomium 14#s3 |Dtn 14,3-21a]] wird eine Reihe von Tieren als Speise verboten, die ein Migrant, der nicht zum Volk Gottes gehört, problemlos essen darf (14,21b) – „''denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott JHWH!''“ ([[Deuteronomium 14#s21 |Dtn 14,21c]]). Und immer so weiter.<br />Dass es diese zweite Vorstellung ist, die hinter unserem Satz steht, ist klar: Hier wird dieses Verhältnis zwischen Gott und seinem auserwählten, ihm geheiligten Volk erst ins Sein gesetzt: Sobald Israel sich dazu entscheidet, den von JHWH vorgeschlagenen Vertrag zu unterschreiben, wird es ein solches sein und hat dann im Gegenzug die noch zu entwickelten Gebote einzuhalten (vgl. gut z.B. Krause 2020, S. 113f.133; s. zu dieser Idee deutlich [[Deuteronomium 26#s17 |Dtn 26,17-19]]; [[Deuteronomium 27#s9 |27,9f.]]). S. dann weiter in den Anmerkungen.<br />Danach ist es also erstens gerade kein Automatismus, was Vv. 5f. vorschlagen: Israel ist nicht schon automatisch „heilige Nation“, wann immer sie Gottes Gebote bewahrt, sondern erst, wenn sie einwilligen, Gottes Gebote wahren zu wollen, werden sie von da an heilige Nation sein und müssen ''als solche'' dann Gott Folge Leisten. Und zweitens darf man dann gerade ''nicht'' erwarten, dass in der Zeile zuvor gesagt wird, eine Teilgruppe Israels sei „priesterlich, ''d.h. heilig in gesteigerter Weise und in hervorragendem Maße''“ (Fohrer 1963, S. 361, Hervorhebung: S.W.). Beides passt nicht gut zur deuteronomistischen Theologie.</ref> Nation!‘<ref name="Familie" /> –</poem> | und eine heilige (asketische, und ''meine'')<ref>''heilig (asketisch, ''meine'')'' - Noch ein Schlüsselwort der Bibel. „Asketisch“, wie hier als Übersetzungsalternative vorgeschlagen wurde, ist eigentlich nicht sehr treffend, aber „heilig“ noch weniger, wenn man vom heutigen Verständnis dieses Wortes ausgeht. Am ehesten träfe den Sinn dieser Stelle und verwandter Stellen im Buch Dtn statt „heilige(s) Nation/Volk“ eine Übersetzung wie „''meine'' Nation“. Ähnlich z.B. GN: „Ein Volk, das mir ganz zur Verfügung steht und mir ungeteilt dient“; HfA: „Ein heiliges Volk, das allein mir gehört“.<br />Heute ist ein „Heiliger“ grob eine religiöse Person mit Vorbildcharakter, die Gott auch als solche anerkannt hat, daher für diese Person Wunder wirkt und sie nach ihrem Tod auf irgendeine Weise „nahe bei sich“ sein lässt. Im Alten Israel dagegen waren zwei andere Konzeptionen von „Heiligkeit“ verbreitet: Die der priesterschriftlichen Schule und die der deuteronomistischen, die auch hinter md. Vv. 4-8 unseres Kapitels steht (s. die Anmerkungen). Nach beiden Konzeptionen ist „Heiligkeit“ soviel wie „Hingeordnet-sein auf Gott“, den Inbegriff der Heiligkeit (s. [[Jesaja 6#s3 |Jes 6,3]]).<br />Für die priesterschriftliche Schule ist diese irdische „Heiligkeit“ aber genauer verletzlich, gestuft und kann auch Orten und Dingen zukommen: Etwas oder jemand kann seine Heiligkeit verlieren, indem er oder es „verunreinigt“ wird, z.B. durch Kontakt mit den falschen Menschen oder Dingen. Heiligkeit lässt sich aber auch wiederherstellen und „aufladen“. Etwa hier: „''Ich bin JHWH, euer Gott. Darum heiligt euch und seid heilig, denn ich bin heilig. Ihr sollt euch nicht selbst verunreinigen durch irgend Gewürm, das sich auf der Erde schlängelt!''“ ([[Leviticus 11#s44 |Lev 11,44]]). Besonders Priester – laut der Priesterschrift die Nachkommen Aarons – sind zu solcher Heiligkeit und Reinigung berufen, da sie ihren Dienst an „heiligem Ort“ und mit „heiligem Gerät“ verrichten. Solche „Reinigung“ kann geschehen durch spezielle Riten wie die Waschung, durch bestimmte kultische Handlungen.<br />Die deuteronomistische Schule hat eine radikal andere Vorstellung. Dinge und Gebäude können im Deuteronomium gar nicht heilig sein. Und auch bei Menschen gibt es nicht unterschiedliche „Grade“ von Heiligkeit: „Heilig“ ist das ''ganze Volk Israels'', ausnahmslos und von vornherein – nur dank der Tatsache, dass Gott sich Israel in Ägypten als sein Volk erwählt hat. Das bringt für dieses auserwählte Volk aber auch eine Reihe von Verboten und Pflichten mit sich: In [[Deuteronomium 7 |Dtn 7,1-5]] etwa das Verbot, fremde Götter anzubeten – „''denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott JHWH: Er hat dich erwählt, ihm Vasallen-Volk zu sein aus allen Völkern der Welt!''“ ([[Deuteronomium 7#s6 |Dtn 7,6]]). Laut [[Deuteronomium 14#s1 |Dtn 14,1]] darf man sich nicht ritzen oder eine Glatze scheren (s. dort), – „''denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott JHWH: Er hat dich erwählt, ihm Vasallen-Volk zu sein aus allen Völkern der Welt!''“ ([[Deuteronomium 14#s2 |Dtn 14,2]]). In [[Deuteronomium 14#s3 |Dtn 14,3-21a]] wird eine Reihe von Tieren als Speise verboten, die ein Migrant, der nicht zum Volk Gottes gehört, problemlos essen darf (14,21b) – „''denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott JHWH!''“ ([[Deuteronomium 14#s21 |Dtn 14,21c]]). Und immer so weiter.<br />Dass es diese zweite Vorstellung ist, die hinter unserem Satz steht, ist klar: Hier wird dieses Verhältnis zwischen Gott und seinem auserwählten, ihm geheiligten Volk erst ins Sein gesetzt: Sobald Israel sich dazu entscheidet, den von JHWH vorgeschlagenen Vertrag zu unterschreiben, wird es ein solches sein und hat dann im Gegenzug die noch zu entwickelten Gebote einzuhalten (vgl. gut z.B. Krause 2020, S. 113f.133; s. zu dieser Idee deutlich [[Deuteronomium 26#s17 |Dtn 26,17-19]]; [[Deuteronomium 27#s9 |27,9f.]]). S. dann weiter in den Anmerkungen.<br />Danach ist es also erstens gerade kein Automatismus, was Vv. 5f. vorschlagen: Israel ist nicht schon automatisch „heilige Nation“, wann immer sie Gottes Gebote bewahrt, sondern erst, wenn sie einwilligen, Gottes Gebote wahren zu wollen, werden sie von da an heilige Nation sein und müssen ''als solche'' dann Gott Folge Leisten. Und zweitens darf man dann gerade ''nicht'' erwarten, dass in der Zeile zuvor gesagt wird, eine Teilgruppe Israels sei „priesterlich, ''d.h. heilig in gesteigerter Weise und in hervorragendem Maße''“ (Fohrer 1963, S. 361, Hervorhebung: S.W.). Beides passt nicht gut zur deuteronomistischen Theologie.</ref> Nation!‘<ref name="Familie" /> –</poem> | ||
Dies sind die Worte, die du sprechen sollst zu den (Söhnen=) Kindern Israels!“ | Dies sind die Worte, die du sprechen sollst zu den (Söhnen=) Kindern Israels!“ | ||
Version vom 9. August 2023, 19:17 Uhr
Syntax ungeprüft


Lesefassung (Exodus 19)
(kommt später)Studienfassung (Exodus 19)
1 Zum dritten Neumond (Im dritten Monat), nachdem die (Söhne Israels=) Israeliten aus dem Land Ägypten ausgezogen waren, an diesem Tag (am selben Tag, am ebensovielten Tag)〈a〉 kamen sie in die Wüste Sinai (Sin).〈b〉
2 Sie zogen von Refidim fort, kamen in die Wüste Sinai und lagerten in der Wüste. Israel lagerte dort gegenüber dem Berg;〈c〉
3 Mose indes stieg hinauf zu Gott.〈d〉
Und JHWH rief ihm vom Berg her zu {wie folgt}:
„So sollst du (zum Haus Jakobs=) zur Familie Jakobs sagen
und den (Söhnen=) Kindern Israels〈e〉 erzählen:
4 ‚Ihr〈f〉 habt gesehen,
was ich an (in)〈g〉 Ägypten getan habe
und [dass] ich euch auf Flügeln des Adlers (Gänsegeiers?)〈h〉 getragen habe
und euch zu mir gebracht habe.
5 (Und nun: Wenn=) Wenn ihr daher〈f〉 {hörend} auf meine Stimme hören werdet (wollt)
und (meinen Bund bewahren=) den Vertrag (Bund)〈i〉 mit mir halten werdet (wollt),
sollt (werdet)〈j〉 ihr mir (mein) Vasall (Erwerb)〈k〉 sein
unter den ganzen Völkern;
obwohl mir die ganze Erde gehört, (denn mir gehört die ganze Erde.; Mir gehört zwar die ganze Erde, aber)
6 Sollt (werdet) ihr〈f〉 mir ein Königreich (Königtum) von Priestern sein〈l〉
und eine heilige (asketische, und meine)〈m〉 Nation!‘〈e〉 –
Dies sind die Worte, die du sprechen sollst zu den (Söhnen=) Kindern Israels!“
Anmerkungen
Exodus 19 ist ein Spitzentext des Ersten Testaments. Hier beginnt der längste zusammenhängende Abschnitt der Bibel: Die sog. „Sinai-Perikope“, die erst in Num 10,11 enden und dann noch einmal länger im Buch Dtn rekapituliert werden wird und die sich hauptsächlich auf mehreren Gesetzessammlungen und Aufzählungen zusammensetzt. Ex 19-24, die „vordere Sinai-Perikipe“, ist davon die Einleitung, die mit der Erzählung in Kap. 19 v.a. den Rahmen dafür bereitet, dass Gott im Folgenden Gebot auf Gebot erlassen kann.
Ex 19 ist außerdem ein Lieblingskapitel von Redaktionskritikern (=> Redaktionskritik). Aus guten Gründen: Dass die Israeliten in Vv. 1-2 doppelt den Sinai erreichen und in Num 10,12; 10,33.35 doppelt von dort wieder aufbrechen, zeigt deutlich, dass Ex 19 ein zusammengesetzter Text ist, an dem mindestens zwei Autoren(kreise) geschrieben haben. Die konkretere Entstehungsgeschichte des Texts ist außerordentlich umstritten; weil es hier aber auch für das rechte Verständnis der einzelnen Abschnitte so wichtig ist, sollen hier wenigstens die gröbsten Aspekte dieser Entstehungsgeschichte nachvollzogen werden. Im letzten Absatz ist das Wichtigste der folgenden Diskussion zusammengefasst; der weniger interessierte Leser kann ohne Verlust direkt zu diesem Absatz springen.
Es ist erstens klar, dass Ex 19 überwiegend keine alten Traditionen verarbeitet hat, sondern dass das Gros des Kapitels spät entstanden ist: Davon, dass am Sinai Gebote erlassen worden sind, weiß erst das junge Buch Nehemia (Neh 9,13f.; vgl. z.B. Schmid 2016). Ist in alten Texten wie Dtn 33,2; Ri 5,5; Ps 68,9.18 vom Sinai die Rede, ist es ein Berg unter vielen (Schmid 1976, S. 154f.: „Sinaischweigen“ der biblischen Texte). Im Ersten Testament gibt es eine Reihe von Stellen, die die wichtigsten Ereignisse der israelitischen Heilsgeschichte zusammenfassen; in keinem davon ist von Geschehnissen am Sinai die Rede (vgl. z.B. Booij 1984, S. 2f.). Die Erscheinung Gottes am Ende von Ex 19 ist laut unserem Kapitel die größte und eindrücklichste der ganzen Bibel; Verfasser anderer Theophanien scheinen sie aber nicht zu kennen (Jeremias 1965, S. 109f.). Selbst Num 33, in dem noch einmal die einzelnen Stationen der Reise Israels nachvollzogen werden, weiß nichts von einem Berg in der Wüste Sinai (Roskop 2011, S. 183f.). Man geht daher in der neueren Redaktionskritik überwiegend entweder davon aus, dass in den ältesten Schriftquellen des Pentateuch die Moseerzählung entweder mit dem Durchzug durchs Meer endete oder dass danach allenfalls „Itinerare“ (also Wegangaben wie hier „Sie zogen von Refidim fort, kamen in die Wüste Sinai und lagerten in der Wüste.“ in V. 2) folgten. Alles andere im Kapitel wären dann jüngere Fortschreibungen dieses Itinerars.
Recht große Einigkeit besteht zweitens darin, dass wegen der Terminologie V. 1 priesterschriftlich ist und md. Vv. 4-8 deuteronomistisch (zum Alternativvorschlag, die Vv. seien noch jünger, s. zu V. 3). Diese Verse weisen voraus auf Ex 24,4-8; beide Abschnitte rahmen damit die vordere Sinaiperikope als „Fachwerk, in das das Bundesbuch [Ex 20,22-23,33] eingehängt ist“ (Otto 1996b, S. 78) – auch das dürfte noch mehrheitsfähig sein und wird gleich wichtig werden für die Interpretation von V. 6.
Drittens: V. 9 ist ein nachdeuteronomistischer Nachtrag, wie die Wiederaufnahme des Vers-Endes von V. 8 in V. 9 deutlich zeigt (so fast alle Redaktionskritiker). Zu diesem Vers gehört wahrscheinlich auch V. 19, der einlöst, was V. 9 verspricht (z.B. Oswald 1998, S. 42f.72; Albertz 2015; Germany 2017, S. 116; Stoppel 2018, S. 310). Die Erwähnung von Aaron in V. 24 macht außerdem sehr wahrscheinlich, dass Vv. 24f. (post)priesterschriftlich sind, falls nicht nur die Rede von Aaron Nachtrag in diesen Vers ist.
Bis hierhin ist die Entstehungsgeschichte des Kapitels recht klar; die folgenden Verse aber sind umstritten. Es ist gewiss, dass im deuteronomistischen Text nach V. 8 noch etwas folgen muss, bevor ab Kap. 20 Gottes Gebote erlassen werden können. Dtn 5,4 setzt mindestens V. 18 voraus, der danach nicht (post)priesterschriftlich sein wird. Dtn 5,5 setzt außerdem md. die Vv. Ex 20,18f voraus, die wiederum voraussetzen, dass sich Mose gerade beim Volk befindet – anders, als die Vv. 20-23 erzählen. Damit sind die Vv. 20-25 insgesamt recht wahrscheinlich nachdeuteronomistisch und V. 17 dürfte (vor)deuteronomistisch sein.
Damit bleiben Vv. 10-16, die am schwierigsten zu beurteilen sind:
Rechnet man Vv. 9a.19 zur selben Text-Schicht wie Vv. 20-25, könnte man insgesamt eine (vor)deuteronomistische und eine (nach)priesterschriftliche Sinaierzählung basteln, etwa:
J (?) + [post-P]:〈n〉 Vv. 1.2b-3a.[9a.]11.[12-13a.]15-16[.19-25]: Die Israeliten kommen in der Wüste an (1), lagern sich am Berg (2b), Mose steigt hinauf (3a). Gott spricht, [dass er im Wolkendunkel kommen wolle, damit das Volk an Mose glaubt (9a);] das Volk soll sich für die Ankunft Gottes am dritten Tag bereiten (11). [Mose soll außerdem Berg und Volk abgrenzen (12a), denn auf das Berühren des Berges steht die Todesstrafe (12b-13a)]. Mose befiehlt also, sich für den dritten Tag zu bereiten (15, s. 11), und wirklich kommt Gott am dritten Tag in dunklem Gewölk und zu Schofarklang (16, s. 9a.11). [Während Mose und Gott redet, wird dieser Schofarklang sogar immer lauter (19, s. 16). Bevor die Rede auf den Inhalt des Gesprächs kommt, muss Mose allerdings noch einmal auf den Berg, um dort den Auftrag zu bekommen, dem Volk noch einmal einzuschärfen, den Berg nicht zu besteigen (20-25, s. 12-13a)].
E (?) + [D]: 2a.3b.[4-8.]10.13b-14.17-18: Die Israeliten kommen aus Refidim in die Wüste Sinai und lagern dort (2a). Mose wird auf den Berg gerufen (3b) [und bekommt dort den Vertrags-Antrag (4-6), den das Volk annimmt (7-8a), was Mose Gott zurückmeldet (8b)]. Gott befiehlt daraufhin, dass Mose das Volk heiligen und dieses sich die Kleider waschen soll (10), denn zum Signal des Widderhorns (statt des „Schofar“) soll das ganze Volk den Berg besteigen (13b). Also heiligt Mose das Volk und dieses wäscht die Kleider (14, s. 10), dann führt er es zum Fuß des Berges (17), der sogleich zu brennen und zu rauchen beginnt (18). Als das Volk Rauch und Flammen sieht, gerät es in Panik und will den Berg lieber nicht besteigen... (20,18ff).
Aber nichts zwingt dazu, Vv. 10-16 auf zwei Quellen aufzuteilen und die Tatsache, dass die vordere Sinaiperikope so wenig Nachhall in anderen biblischen Texten gefunden hat (s.o.), macht die Annahme sinnvoller, dass nur eine ältere Sinaierzählung hinter Vv. 10-18 steht. Vv. 11-13a könnten zwar gut aus der selben Feder stammen wie Vv. 9.19-25, ändern aber wenig am Sinn des Textes, weshalb man sie besser nicht ausscheidet. Als Entstehungsgeschichte kann man dann annehmen: Die ursprüngliche (spätvorexilische?) Sinaierzählung erzählte davon, wie die Israeliten zum Berg in der Wüste Sinai gelangten, wo dem ganzen Volk Gott erschien, um sein Gesetz in Ex 20,22-23,33 zu erlassen. Zunächst fürchteten die Israeliten sich vor dieser Erscheinung, so dass Mose allein Empfänger dieses Gesetzes sein musste (Ex 20,18-21). Daher schrieb er es auf (24,4) und besiegelt es in 24,5-8 mit einer doppelten Zeichenhandlung, wonach in 24,9-11 die 70 Ältesten Israels sich doch trauten, den Berg zu besteigen und dort vor Gott ein Mahl zu halten.
Ein deuteronomistischer Autor nahm die Gelegenheit wahr und schrieb mit 19,4-8 die deuteronomistische Bundestheologie in das Kapitel hinein, wodurch gleichzeitig und gut deuteronomistisch auch Ex 24,5-8 so umgedeutet wurde, dass von nun an ganz Israel die Priesterwürde innehatte.
Ein postpriesterschriftlicher Autor dagegen war nicht einverstanden mit der Vorstellung, dass Gott zu ganz Israel gesprochen und ganz Israel sogar Gott gesehen haben solle, darum fügte er erstens die Ergänzung 19,9a ein, um direkt vor dem Vers von der Vorbereitung des Volks klarzumachen, dass die Gotteserscheinung nur Mose allein gelten wird, vielleicht in Vv. 11-13a direkt vor der Rede davon, dass ganz Israel den Berg hinaufsteigen soll, stattdessen den ergänzenden Abschnitt, nach dem im Gegenteil der Berg für das Volk tabu war, in V. 19 einen Vers, laut dem der den Aufstieg signalisierende Schofarklang gar nicht aufgehört und Mose währenddessen mit Gott geredet habe, in Vv. 20-25 noch einmal eine doppelte Bekräftigung, dass wirklich der Berg für Israel tabu war, weil nur Mose und Aaron ihn besteigen durften, und in 24,1f. schließlich noch einen kurzen Abschnitt, der gewiss Vv. 3-11 ersetzen sollte (vgl. mit Vv. 9-11) und nach dem die 70 Ältesten gerade nicht in die Nähe von Gott gekommen seien und das Volk nicht einmal auf den Berg gelangt sei.
Wichtig ist hiervon für das folgende v.a., dass Vv. 4-8 deuteronomistisch sind und sich auf 24,4-8 beziehen und dass md. Vv. 9.19-25 ursprünglich sehr wahrscheinlich nicht zu Kap. 19 gehörten, sondern Korrekturen theologischer Gegner waren. Im Folgenden wird dennoch versucht, den Endtext insgesamt sinnvoll auszulegen.
Zum Inhalt: Nachdem Gott die Israeliten aus Ägypten befreit und durch das Meer geführt hat, bringt er sie nun an den Berg Sinai (Vv. 1-2), um ihnen durch Mose vorzuschlagen (V. 3), nun auch offiziell seine „Vasallen“ zu werden: Ein Königreich, das insgesamt als Priester für den König JHWH zu dienen hat, eine Nation, die sich von groß bis klein für ihn rein zu halten hat (Vv. 4-6).
Traditionell wird dies meist übersetzt als „Wenn ihr den Bund mit mir halten wollt, sollt ihr unter allen Völkern mein Schatz sein: Ein Königreich/Königtum von Priestern, eine heilige Nation.“ Man kann sich heute daher nur schwer von der Vorstellung freimachen, hier werde etwas unendlich Positives und Israel über alle Völker hinaus Würdigendes vorgeschlagen: „Bund“ klingt nach Augenhöhe, „Schatz“, „Königreich“ sind sehr positiv aufgeladene Begriffe, und „Priester“ und „Heiligkeit“ werden doch wohl in der Bibel auch etwas Positives sein. Liest man die Bibel außerdem von vorne nach hinten, ist man im Buch Genesis soeben mit dem „Noah-Bund“ und dem „Abrahams-Bund“ konfrontiert worden und damit mit einem sehr anderes „Bundes-Konzept“, in dem vor allem lag, dass Gott sich selbst dazu verpflichtete, ausgewählte und besonders würdige Personen zu belohnen. Entsprechendes erwartet man dann auch hier.
Damit ist der Antrag aber aller Wahrscheinlichkeit nach falsch verstanden. Was Mose den Israeliten hier antragen soll, ist zunächst ein Vertrag: Das Wort stammt aus dem Bereich der Politik und beschreibt die Vereinbarung zwischen ungleich Gestellten wie insbesondere zwischen Großkönig und den von ihm unterworfenen regionalen Herrschern, die ihm mit diesem Vertrag vasallenpflichtig wurden. Man ist sich heute in der Forschung auch recht einig, dass sich die israelitische „Bundes-Theologie“ in den Büchern Ex-Dtn, die auch im Hintergrund dieses Abschnitts steht und sich etwa vom Bund mit Noah sehr unterscheidet, aus solchen antiken Vasallenverträgen heraus entwickelt hat (vgl. zur Stelle schön knapp z.B. Assmann 2015b, S. 19). Was in Vv. 3-8 genauer geschieht, entspricht auch insgesamt dem antiken Vertragswesen: In Kapitel 19 wird nicht schon der Vertrag geschlossen, sondern er wird nur grob umrissen angetragen, ohne schon Details zu klären; willigt der Vertragspartner (=Israel) ein, werden danach Nägel mit Köpfen gemacht wie hier in den folgenden Kapiteln mit dem Erlass der Zehn Gebote und des Bundesbuchs als den konkreteren Vertragsinhalten (vgl. gut z.B. Polak 2004), und erst danach wird in Ex 24,1-11 besagter Vertrag ratifiziert.
Mit diesem Vertrag nun wird Israel nicht zum „Kronschatz“ Gottes, sondern entweder sein Eigentum oder sein Vasall, grosso modo also zur „Kolonie Gottes“ (s. zum Wort in V. 5), über die der Kolonialherr JHWH als König herrscht. Da die Israeliten damit Kolonialbürger eines Gottes werden, sind sie fortan „Priester“ (V. 6). Dieses Wort ist heute positiver konnotiert als zumindest stellenweise in der Bibel: Gerade in der deuteronomistischen Schule sind Priester Leviten und stehen damit auf einer Stufe mit den armseligen Migranten, Waisen und Witwen (Dtn 14,29; 16,11.14; 26,12f.). Es ist gut möglich, dass es hier nach der Rede von Israel als Gottes „Vasallen-Nation“ nicht mehr bedeutet als: „Gottes-Diener“; Vv. 5-6 müssen insgesamt nicht mehr bedeuten als das oben zitierte „wenn du diesen Vertrag einhältst, werde ich dich als Untertan annehmen“ – nur eben ins Religiöse gewendet (aber s.o. zu weiteren möglichen Bedeutungen, die mindestens mitschwingen könnten). Als solche Priester sollen sie für Gott „heilig“. Wieder ist dies nichts ausschließlich Positives; ein „Heiliger“ ist in der Vorstellung des Deuteronomiums keine Person mit Vorbildcharakter wie im heutigen Sprachgebrauch, sondern „heilig“ heißt zunächst nur, Gottes Volk zu sein und dafür aber auch eine ganze Reihe von Ge- und Verboten einhalten zu müssen – Israel wird hier also auch zu Disziplin und Verzicht berufen. Bedingung dafür, dass Israel Gottes Kolonie werden darf, ihm als Priester dienen darf und seine Gebote beachten darf, ist dann auch noch, dass die Israeliten Vertragsbedingungen einhalten werden, die ihnen noch gar nicht bekannt sind und als die sich im Folgenden eine ganze Kanonade von Verordnungen entpuppen werden, und dass sie grundsätzlich „auf Gottes Stimme hören“ werden. Man könnte geradezu paraphrasieren: „Ich habe euch ja nun geholfen (und, by the way, ihr habt ja auch gesehen, wie hart ich strafen kann. Nur so als Hinweis). Nun fordere ich daher von euch, dass ihr mir gehorcht. Wenn ihr das tut, dürft ihr meine Knechte sein“. Von einer Gegenleistung, die Israel für diese Knechtung zu erwarten hat, ist dagegen gar nicht die Rede.
Natürlich ist die Wahl des „erwählten Volkes“ an sich sehr wohl eine unendliche Würdigung; das Dtn wird gar nicht müde, das zu betonen. Und natürlich hat Israel für seine Vertragstreue an sich sehr wohl positive Gegenleistungen Gottes zu erwarten (s. z.B. Dtn 7,9f.; 26,19). Nur – gerade hier wird anders als im Dtn beides mit keinem Wort erwähnt. Es überrascht daher sehr, dass die nörgelnden und ungehorsamen Israeliten (s. Ex 14,11f.; 15,24; 16,2f..25-29; 17,2-7) in Vv. 7-8 so spontan und mit einer Stimme diesen unattraktiven Vertrag eingehen wollen, ohne auch nur seinen Inhalt zu kennen. Wenig überraschend kommt es dagegen, dass im Kapitel Ex 32, das sich ursprünglich direkt an Ex 24 angeschlossen hat, just in dem Moment, da Mose den Vertrag verschriftlicht, die Israeliten ihn bereits das erste Mal brechen.
„“ –
| a | Zum dritten Neumond..., an diesem Tag - Etwas unklare Zeitangabe. Wahrscheinlich ist sie mit der Marotte eines oder mehrerer Autoren der Priesterschrift zu erklären, nicht nur Großabschnitte mit Zeitangabe statt mit Verb zu einzuleiten (vgl. z.B. Booij 1984, S. 17), sondern auch noch diverse Großereignisse der Heilsgeschichte Israels überflüssig mit „an diesem Tag“ hervorzuheben (Gen 7,11: Sintflut; Ex 12,14.17.41: Pesach; Lev 8,34: Priesterweihe; 16,30: Jom Kippur; gut z.B. Ramban; Propp 2006; Leder 2010, S. 296), was hier zu der redundanten Formulierung „zum dritten Neumond, ... an diesem Tag“ führt. In jedem Fall ist auch nach dieser Zeitangabe klar, dass mit dem Auszug aus Ägypten eine neue Ära angebrochen ist, die eine neue Zeitrechnung erforderlich macht: „[Der Vers] lehrt, dass man die Monate/Neumonde vom Auszug der Israeliten an zählte“ (Mechilta, Baḥodeš 1; s. Ex 12,2: „Dieser Monat [des Auszugs aus Ägypten] soll euch der Erste der Monate [im Jahr] sein!“). Genauer: Die Zeitangabe wurde auch deshalb schon seit frühester Zeit stark diskutiert, weil im Judentum u.a. an dieser Zeitangabe das Datum des Wochenfests festgemacht wurde (s. z.B. die Diskussion im Talmud, j.Meg iii 6). ḥodš könnte entweder der „Monat“ oder der „Neumond“ sein, was zunächst auf Ähnliches hinausliefe, da der Kalender des Alten Israel ein Mondkalender und der Neumond daher der Beginn eines neuen Monats war. Unklar ist dann aber das folgende an diesem / am selben / am ebensovielten Tag: (1) Muss man ḥodš i.S.v. „Neumond“ nehmen, so dass mit dem Wort von einem bestimmten Tag die Rede wäre, und dieser Tag würde hier unnötigerweise noch einmal hervorgehoben? „Am 1.3. Anno Exodi, an exakt diesem Tag“ (so z.B. Chizkuni; Kass 2021; R-S: „Am dritten Neumond ..., genau auf den Tag“)? Diese Deutung wird im Judentum präferiert (z.B. bei Jacob 1997; Cassuto 1967; Sarna 1991), da sich für das Wochenfest das Datum 50 Tage nach Pesach durchgesetzt hat (Lev 23,15-17). Der 1.3. wäre dann 45 Tage nach dem 15.1., und die Geschehnisse in Kap. 19 kann man mit etwas gutem Willen auf fünf Tage verteilen, so dass die 10 Gebote in Kap. 20 exakt am Datum des Wochenfests offenbart worden wären, an dem Ex 19-20 auch nach der jüdischen Leseordnung jeweils zu lesen ist. (2) Muss man ḥodš i.S.v. „Monat“ nehmen... (2a) ... und „an diesem Tag“ heißt ohne Parallelen „am Ersten diesen Monats“, was auf das selbe Datum wie (1) hinausliefe (so TgJ; Sforno; Utzschneider 2017, S. 12; HfA: „Genau am 1. Tag des 3. Monats“)? (2b) ... und „am selben Tag“ heißt „am ebensovielten Tag wie der Auszug aus Ägypten“, also am „15.3.“ (s. Ex 12,6.18; so z.B. Houtman 1996; Dohmen 2005; BB: „Genau drei Monate nach dem Auszug aus Ägypten“)? Dann wären die Israeliten am 15.1. aus Ägypten ausgezogen, am 15.2. zur Wüste Sin gekommen (Ex 16,1) und am 15.3. zur Wüste Sinai. (2c) ... und „am selben Tag“ bezöge sich auf das dritte in „im dritten Monat“, also „am 3.3.“ (so Tirinus, Menochio, Cornelius a Lapide)? (2d) ... und „an diesem Tag“ funktioniert ähnlich wie das „das ist heute“ in der Gründonnerstagsliturgie und soll zum Ausdruck bringen, dass die Geschehnisse am Sinai nie passé, sondern immer aktuell sind (ganz fernliegend; so aber der Midrasch Tanchuma Buber; Raschi; Jacob 1997 und Markl 2007, S. 61f. gleichzeitig mit (1); auch EÜ 80, HER05: „Im dritten Monat ... - am heutigen Tag - ...“)? (Zurück zu v.1) |
| b | Syr: in die Wüste Sin; alle anderen Versionen: Sinai. Nach der Logik von Ex ist Syr natürlich Unsinn; in der Wüste Sin waren die Israeliten schon vor vielen Tagen (s. Ex 16,1). Doch die Variante in Syr ist vielsagend: Wie der Name „Sinai“ zu erklären ist und warum für den „Berg Sinai“ an manchen Stellen „Berg Horeb“ steht, ist umstritten; eine beliebte Erklärung ist aber, dass Sin-ai soviel heißt wie „der [Berg] in der Wüste Sin“ (vgl. z.B. Clifford 1972, S. 109; zur Lage der Wüste s. WiBiLex) und dass man dies in manchen Quellen durch Horeb („Wüstenei, Wildnis“) ersetzt hätte, weil auch der syrische Gott des Mondes „Sin“ hieß, so dass der biblische Gott den Israelten sonst „auf dem [Berg] des [Gottes] Sin“ begegnet wäre (z.B. Wyatt 2001, S. 93). Hat Syr dissimiliert, indem sie zunächst mit „Wüste Sin“ grob das Gebiet des Lagerns umrissen und dann mit „Wüste Sinai“ genauer den Teil der Wüste um den „Berg Sinai“ angegeben hat? Dann würde das die Herleitung des Namens des Berges von der Wüste Sin und seine Lokalisierung in derselben stützen – denn wo der „Berg Sinai / Horeb“, ist nicht einmal ungefähr klar; zu 14 (!) verschiedenen in der Literatur diskutierten Orten s. OpenBible. (Zurück zu v.1) |
| c | Vv. 1-2 kann man zur Not so lesen, dass V. 1 eine Kurzfassung der Reise mit Betonung des Zielorts gibt und V. 2 dann noch einmal im Einzelnen auseinanderlegt, woher genau die Israeliten kamen und wo genau sie ihr Lager aufschlugen. Da in Num 10,12 und Num 10,33.35; 12,16 aber auch doppelt von der Wüste Sinai / dem Berg JHWHs aufgebrochen und nach Paran gewandert wird, ist klar, dass Vv. 1.2a aus zwei unterschiedlichen Quellen stammen (vgl. Davies 1983, S. 3f.; => Redaktionskritik). tFN: Dass V. 1 aus P stammt, ist offensichtlich (s.o.); 2a (dazu vgl. Ex 12,37a; 13,20; 16,1; 17,1 und z.B. Hutzli 2023, S. 267) gehört demnach zu einer älteren Quelle als P – wahrscheinlich aus J, s. die Anmerkungen. (Zurück zu v.2) |
| d | Nach jüd. Auslegung am zweiten Tag, s. Mechilta; Raschi. (Zurück zu v.3) |
| e | Familie Jakobs ... Söhne Israels - w. „Haus Jakobs“; eine wörtl. Übersetzung verschleiert aber, dass „Haus Jakobs“ eine soziale Größe ist: „Haus“ ist eine häufige Wechselbezeichnung für das „Haus eines Vaters“, also für die Sozialstruktur der Großfamilie, bei der um den Wohnsitz eines Stammvaters herum die Wohnsitze seiner Nachkommen angeordnet sind. Dem entspricht in der nächsten Zeile die Rede von den „Kindern Israels“. Israel ist dabei bekanntlich Zweitname des Patriarchen Jakobs, weshalb auch in 3c Jakob als Wechselbegriff für „Israel“ verwendet werden kann. Gott wendet sich an Israel also zu Beginn dieses kurzen Gedichts mit zwei Familien-Begriffen (ähnlich gut Kass 2021, S. 290: „vor-nationale oder vor-staatliche Bezeichnungen“), was dadurch noch verstärkt wird, dass das Volk näher bestimmt wird als die Nachkommenschaft ihres gemeinsamen Vorfahren Jakob/Israel. In V. 6 werden am Ende des Gedichts nach der Rede vom „Vertrag“ dagegen demonstrativ zwei politische Begriffe verwendet: heilige Nation statt dem üblichen „heiliges Volk“, weil ´am („Volk“) ursprünglich ebenfalls ein Begriff aus dem Umfeld der Familie ist (gut Hausmann 1999, S. 113), und Königreich (s. dazu dort): Hier wird ein Staatsvertrag geschlossen. tFN: Weder aus dem im AT singulären Parallelismus „Haus Jakobs ... / Söhne Israels“ noch aus den Ausdrücken „heilige Nation“ statt „heiliges Volk“ (Dtn 7,6; 14,2.21; 26,19; 28,9; Weish 17,2) und „Vasall“ statt „Vasallen-Volk“ (Dtn 7,6; 14,2; 26,18) darf man daher automatisch Rückschlüsse auf die Entstehungszeit von Vv. 3-8 ziehen (so z.B. Perlitt 1969, S. 169-174; Ska 2009 [=1999], S. 144.146; Gertz 2000, S. 227; Römer 2009, S. 133; => Redaktionskritik), da sie rhetorisch zu erklären sind. Das Adler-Wort in V. 4 ist ein altes Mythem (s. dort) und braucht gar keine biblische Quelle; wenn außerdem wirklich bei V. 4 und Dtn 32,11 eine Stelle die andere beeinflusst hat, geht die Richtung gewiss von unserem Vers zu Dtn, da die Vorstellung dort komplexer ist. Die Bundestheologie in Vv. 3-8 ist auch klar deuteronom(ist)isch und nicht (nach)priesterschriftlich (richtig Perlitt 1969, S. 171; Aurelius 2003, S. 151f.). Das einzige stärkere Argument für eine nach-deuteronomistische Entstehungszeit könnte also der Ausdruck „Königreich von Priestern“ sein. Dieser muss aber wahrscheinlicher sogar geradezu anti-priesterschriftlich verstanden werden (s.u.; vgl. dazu wie auch zu anderen Argumenten für nachdeuteronomistische Entstehungszeit Aurelius 2003, S. 141-151). Ist das richtig, sind insgesamt die Vv. 3-8 überdeutlich deuteronomistisch (vgl. zu diversen typischen Begriffen und weiteren Parallelen z.B. Baentsch 1903, S. 171; Dozeman 2009; Oswald 2014, S. 181). (Zurück zu v.3 / zu v.6) |
| f | Klangspiel: V. 4 beginnt mit `attem („ihr“), V. 5 mit (wa)´attah („und nun, daher“), V. 6 wieder mit (wa)`attem („ihr“); gut beobachtet von Beentjes 2006, S. 8f. Das unterstreicht die Logik der Verse: Ihr wurdet Zeugen davon, was ich tat, darum sollt ihr nun mein Eigentum sein: Die ganze Welt gehört zwar mir, ihr aber, die ihr Zeugen wurdet, sollt mein Königreich und meine Nation werden. (Zurück zu v.4 / zu v.5 / zu v.6) |
| g | Textkritik: MT: an Ägypten, d.h. „was ich den Ägyptern angetan habe“, z.B. am Schilfmeer. Viele Handschriften inkl. Tg-Hss. dagegen mit anderer Präp. in Ägypten, was sich nur auf die Plagen bezöge. Zwischen beiden Varianten lässt sich kaum entscheiden; die meisten Vrs. stützen aber MT. (Zurück zu v.4) |
| h | Plinius berichtet in NatHist X 3, dass von alten Naturkundlern bisweilen z.B. auch der Lämmergeier zur Gattung der „Adler“ gerechnet wurde; wahrscheinlich lassen sich die beiden Vögel terminologisch also nicht so klar scheiden, wie Exegeten dies gerne hätten. Ob daher jeweils besser mit „Adler“ oder „Geier“ zu übersetzen ist, hängt vom jeweiligen Kontext ab (so am sinnvollsten UBS 1980, S. 82). Und der spricht hier und im parallelen Vers Dtn 32,11 sehr stark für „Adler“: Dass Menschen von Adlern getragen worden seien, ist ein verbreitetes Motiv in der Mythologie. Der sumerische König Etana etwa wird im gleichnamigen Epos (24. Jhd. v. Chr.?) von einem Adler zum Himmel getragen (Bild 1). Auf der Goldschale von Hasanlu (10./9. Jhd. v. Chr.?) reitet eine unbekannte Frau auf einem Adler hinauf zum Reich der Götter (Bild 2). Aelian berichtet in NA XII.21 davon, „Gilgamosch“ [sic] sei, als er als Säugling aus dem Fenster geworfen werden sollte, von einem Adler gerettet und zu seiner Ziehmutter getragen worden. Henkelman 2006, S. 823-825 vermutet als direkte Quelle Ktesias von Knidos (5./4. Jhd. v. Chr.), der dies wiederum aus mesopotamischen Quellen geschöpft hätte. Zeus entführt Ganymed in Gestalt eines Adlers zum Olymp, und weil dies als Allegorie für den Transport von Seelen in den Himmel verstanden wurde, mauserten sich (Ganymed und) der Adler zu einem der häufigsten Motive in nabatäischen und palmyrenischen Gräbern (Bild 3). Auf römischen Darstellungen reiten Kaiser:innen v.a. des 2. Jhds. sogar häufig auf Adlern (Bild 4); dies steht für ihre „Apotheose“ oder „Vergöttlichung“ (vgl. z.B. Filipek 2023, S. 17), also eine andere Art der Himmelfahrt. Nach vier dieser fünf Zeugnisse dürfte der Transport auf Adlerflügeln also ein aufgeladenes Bild sein, das den Sinai auf eine Stufe mit dem Himmelreich hebt (gut Graupner 2021, S. 373. Alternativ müsste man den Ausdruck verstehen als Metapher dafür, dass die zurückgelegte Reise schnell und beschwingt wie auf Adlers Flügeln vonstatten ging, was nach den vorangegangenen Kapiteln absurd wäre [so aber z.B. Albertz 2015: „(gesprochen) mit einem kleinen verzeihenden Lächeln“]). Allerdings ist der Sinai nicht der Olymp (zu etwas ähnlichem wird er erst in Ex 24,9f. werden): Gott hat als Adler die Israeliten zu sich gebracht; der Sinai ist olympisch erst durch seine Anwesenheit. In Dtn 32,11 ist dieses Bild mit einem weiteren verbreiteten Volksglauben verquickt: In „Wie ein Adler sein Nest aufstört, über seinen Jungen schwebt, seine Flügel ausbreitet, es [= Israel] aufnimmt, es trägt auf seinen Schwingen“ spielen die letzten drei Verben auf die selbe Vorstellung wie unser Vers an, die ersten beiden dagegen auf den Glauben, Adler scheuchten ihre Jungen aus dem Nest (wonach sie vom Bartgeier großgezogen würden; vgl. Aristoteles, HistAn IX 23.2; Plinius, NatHist X 3; Ambrosius, Hex V 18.60 u.ö.). Im Gegensatz zum Adler hat Gott die Israeliten aus ihrem Nest gescheucht, um sie dann auf Adlers Schwingen zu tragen. Genauer: Auch darüber hinaus sind Tristrams Argumente ohnehin nicht sehr stark. Ob auch in den alten arabischen Zeugnissen mit nisr wirklich stets der Gänsegeier gemeint ist, lässt sich gar nicht beurteilen; meist wird es ebenso wie arab. nasr als Bezeichnung sowohl für den Geier als auch für den Adler verstanden. Verwandt ist z.B. akk. našru, ein nur einmal in einem Glossar belegtes Synonym für erû („Adler“). Dass weiter Mi 1,16 auf die Glatzköpfigkeit des nescher abziele, ist auch überhaupt nicht klar. Gerade die Kahlheit am Kopf kann ein nescher ja nicht „vergrößern“. Den Schlüssel zu diesem Vers dürfte Ps 103,5 enthalten: Dieser Vers spricht davon, dass ein nescher „seine Jugend erneut“. Auch das passt am besten zum Adler; vgl. Physiologus 6 (2.-4. Jhd.): „Wenn der Adler alt wird, so werden seine Flügel schwer und seine Augen verdunkeln sich. Dann sucht er eine klare Quelle und fliegt von hier empor zur Sonne, wo er die Flügel und Augen ausbrennt. Darauf lässt er sich herab in die Quelle, taucht dreimal darin unter und wird so verjüngt.“ (Üs.: Lauchert. Auf diesen Mythos wird gewiss auch im Etana-Epos angespielt, als der federlose Adler Tag für Tag zum Sonnengott Schamasch betet und dieser ihm daraufhin Etana schickt, mit dessen Hilfe ihm neues Gefieder wächst. Abgebildet findet man diese Vorstellung z.B. hier). Alte Ausleger haben daher Ps 103,5 entweder direkt mit diesem Mythos erklärt oder mit der Mauser, mit der Adler ebenfalls ihr Gefieder erneuten und sich so „verjüngten“ (vgl. z.B. Maximus von Turin [4. Jhd.], Sermo 55; Saadja; Raschi; weitere bei Bochart II S. 168f.; zum sich mausernden Adler z.B. auch Wünch 2016, S. 3). Auf beide Weisen würde der Adler seine „Kahlheit“ sogar maximal „vergrößern“, anders als der Geier. Ich (S.W.) bin daher unsicher, ob es überhaupt an einer Stelle sinnvoll ist, von der üblichen Üs. „Adler“ abzugehen. Unten: Assyrisches Rollsiegel (12./11. Jhd. v. Chr.): Greif und Vogel-Apkallu kämpfen um Bullen. (c) Morgan Seal 608 |
| i | Vertrag - traditionell: „Bund“; ein Schlüsselwort des Ersten Testaments (testamentum übrigens ist die Üs. der VL dieses Worts). Weil der „Bund“ zwischen Gott und Mensch in der Bibel stets ein Vertrag inter impares ist (Lohfink 1964, S. 427) – also zwischen den Menschen hier unten und Gott da oben –, bei denen entweder der Ranghöhere sich selbst zur Unterstützung des Untergebenen verpflichtet oder bei der Untergebene wie hier zur Einhaltung von Geboten und Verordnungen verpflichtet wird, ist die klassische Übersetzung aber nicht sehr treffend. Was Mose hier im Auftrag Gottes dem Volk Israel antragen soll, ist treffender ein bindender Vertrag. S. näher zu „heilig“ und in den Anmerkungen. (Zurück zu v.5) |
| j | sollt (werdet) - Wie sich V. 5a zu 5b verhält, ist leicht umstritten. Nach dem üblichen antiken Vertragsformular zu urteilen folgt hier nach der Eröffnungsformel, in der die einstigen Wohltaten des ranghöheren Vertragspartners geschildert werden, direkt die Schlussformel, in der in einem Bedingungssatz die Folgen für das (Nicht-)Einhalten des Vertrags beschrieben werden. Vgl. zu dieser Schlussformel etwa im Vertrag von Muršili II. mit Manapa-Tarḫunta: „Wenn du alle diese Dinge tust[, die in diesem ausführlichen Vertrag soeben aufgezählt wurden,] werde ich [dich] als Untertan annehmen. Sei mein Verbündeter! In Zukunft sol[en für dich] diese Verpflichtungen gelten.“ (CTA 69.A i 58f., zitiert nach Christiansen/Devecchi 2013, S. 73). Zu dieser Minimalform des Vertrags s. die Anmerkungen. Patrick 1977, S. 148 und nach ihm z.B. Moberly 1983, S. 226f. FN 4 und Davies 2004, S. 43f. ziehen es vor, stattdessen 5a nicht als Bedingungssatz zu lesen, sondern als logische Voraussetzung: „Wenn ihr 5a tut, hat das automatisch das in 5b-6 zur Folge“. Grammatisch ist das möglich; dass hier aber Israel ein Vertrag angetragen wird, macht wahrscheinlicher, dass 5a entsprechend dem üblichen Vertragsformular zu verstehen ist (s. die Anmerkungen). Vgl. auch noch Dtn 28,9, wo (einmal wieder im Buch Dtn) unsere Stelle zitiert wird: „JHWH wird dich installieren für sich als heiliges Volk, wie er dir geschworen hat, wenn (ki) du die Gebote deines Gottes JHWH einhalten und auf seinen Wegen wandeln willst.“. Auch sonst passt Patricks Interpretation nicht zur Theologie des Dtn, s. zu „heilig“. (Zurück zu v.5) |
| k | Vasall (Erwerb) - Heb. sigulah, ein weiteres theologisches Schlüsselwort: Israel ist auch laut Ps 135,4 und Mal 3,17 sigulah Gottes; in Dtn 7,6; 14,2; 26,18; Tit 2,14 heißt Israel sehr ähnlich „sigulah-Volk Gottes“. Sehr nah ist auch der Ausdruck ´am naḥalah („Erb-Volk Gottes“; Dtn 4,20; ähnlich Dtn 9,26.29; 32,9; 1 Kön 8,51.53). sigulah steht dabei entweder für den Gewinn, den Gott sich erarbeitet hat – genauer also dafür, dass Gott sich Israel als Eigentums-Volk für seine Befreiung aus Ägypten und Führung durch die Wüste erworben hat –, oder wegen dem folgenden Vers noch wahrscheinlicher für den Benefizianten-Stand Israels – genauer also dafür, dass Israel sich Gott für seine Wohltaten freiwillig als Untertan unterworfen hat. Beide Bedeutungen treffen sich am besten im Wort „Vasall“: Israel soll Gott für sein Beneficium der Befreiung aus Ägypten und Führung durch die Wüste die Vasallentreue schwören; im Gegenzug fordert Gott per Vasallenrecht die Einhaltung des Bundesbuchs in den folgenden Kapiteln. Genauer: Der Unterschied zwischen den Begriffen sigulah und naḥalah lässt sich aus dem rabbinischen Hebräisch und der Verwendung des verwandten akkadischen Wortes sikiltu(m) erhellen: Meist bezeichnen beide Worte präziser Eigentum, das man sich erarbeitet hat, indem man mit geliehenem Geld gewirtschaftet, indem man gespart oder indem man Kriegsbeute erbeutet hat (vgl. ThWAT V s.v.; auch Greenberg 1951; Held 1961, S. 11f.; Speiser 1956b; Stellen auch bei Lohfink 1969, S. 545f. FN 87. Letzteres auch in Pred 2,8) – im Gegensatz zur naḥalah („Erbe“), die man unverdient besitzt. Besonders oft wird das Wort verwendet, wenn minderjährige Kinder, Frauen oder Angehörende armer Bevölkerungsgruppen, die gerade noch nicht über „Erbeigentum“ verfügen, sich ungewöhnlicherweise dennoch eigenes Eigentum erarbeiten können. Die LXX übersetzt daher recht treffend in Mal 3,17 mit peripoiäsis („Gewinn“) und sonst mit periousios („überschüssig“, vgl. periousia: „Überschuss, Überfluss“). Vgl. zu dieser Bed. deutlich auch Mekilta, Baḥodeš 2 zu unserer Stelle: „[Der Ausdruck bedeutet:] Ihr seid mir genau so kostbar wie jemandem seine sigulah kostbar ist. Aber Rabbi Joschua ben Korcha [2. Jhd.] meinte, der Ausdruck diene nur der Lebendigkeit [der Darstellung]: Gerade dafür, dass man es nicht wirklich so versteht wie ‚Ihr seid msgln [=erarbeiteter Gewinn] für mich wie die Frau von ihrem Ehemann msglt [= die Frau mit der Habe ihres Mannes Gewinn für sich selbst erwirtschaftet], der Sohn von seinem Vater, der Knecht von seinem Herrn und die Magd von ihrer Herrin‘, fährt die heilige Schrift fort mit: ‚Die ganze Erde gehört mir[, ich musste mir also gar nichts erarbeiten]‘.“ Wahrscheinlich mit der selben Logik, die Redeweise sei zu vermeiden, dass sich Gott Israel erst erwirtschaften musste, übersetzen Syr und die Targumim mit „Geliebte“, und ein ähnliches Verständnis hat sich nach der Umdeutung unserer Stelle in 1 Pet 2,4-10 (vgl. Beentjes 2006, S. 12f.) auch in der christlichen Auslegung durchgesetzt und bisweilen noch bis heute durchgehalten. Gemeint ist nach dem üblichen Sprachgebrauch im Akkadischen und im rabbinischen Hebräisch im Gegenteil gerade nicht „kostbares“ oder „besonders geliebtes Eigentum“ (Houtman 1996: „precious possession“; Kass 2021, S. 287: „treasure“; Markl 2007, S. 63; Assmann 2015, S. 429: „Juwel“), sondern das kleine Vermögen, das man sich mit Mühe vom Munde abgespart hat. Das übliche Verständnis als „Schatz“ könnte höchstens der Vers 1 Chr 29,3 nahelegen, der dann nach V. 2 aber wahrscheinlich ebenfalls so zu deuten ist, dass David nicht nur seine aktuelle Habe für den Tempel aufgewandt hat (V. 2), sondern darüber hinaus (´od + lama´lah, V. 3) hat er auch noch weiteren Besitz nur dafür erarbeitet hat, um damit ebenfalls den Tempel auszustatten. Der Unterschied der Ausdrücke ´am naḥalah („Eigentumsvolk“) und ´am / goj sigulah wäre danach also genauer der, dass Ersterer beschreibt, dass Israel Gottes Eigentum ist, Letzerer dagegen, dass er sich dieses Eigentumsvolk erworben hat wie hier durch sein Handeln in Ägypten und der Wüste. Neben dieser ökonomischen Verwendung des Wortes gibt es im Akkadischen und Ugaritischen aber außerdem einen politisch-religiösen Gebrauch: Man ist jemandes sikiltu(m) / sglt, wenn man dessen Untergebener ist. So ist in RS 18.038 für den hethitischen Großkönig der ugaritische König Ammurapi sein sglt und im Mari-Brief ARM XIV 81 fragt Königin Schibtu sarkastisch über eine andere Königin: „Bin ich etwa ihre Dienerin, ihre Magd oder ihre šagiltam!?“ (29f.). Besonders häufig ist jemand aber sikiltu(m) einer Gottheit – so in den Eigennamen Sikilti-Adad („Sigulah des Hadad“), Sikilti-Uqur („Sigulah des Uqur“) und der Kurzform Sikiltum („Sigulah“); auch auf Alalakh-Tafel II wird König Abban mit einer ähnlichen Reihung wie in ARM XIV bezeichnet als „Diener von Haddu, Liebling von Haddu, sikiltum von...“ (76). Welches Verhältnis bei dieser Verwendung genau mit diesem Begriff ausgedrückt wird, ist nicht klar. Bes. nach ARM XIV 81 ist jemandes sikiltum diesem wahrscheinlich untergeben; spielt auch hier die übliche Bed. von sikiltum mit hinein – wovon auszugehen ist –, wird er ihm außerdem untergeben sein wegen einer Leistung des Höhergestellten. Am besten übersetzt man daher wie vorgeschlagen mit „Vasall“. (Zurück zu v.5) |
| l | Königreich von Priestern - Extrem umstrittener Ausdruck; allein über diese kurze Phrase ließe sich eine kleine Bibliothek füllen. Wurzel der Diskussion ist natürlich, dass der Ausdruck in 1 Pet 2,9 und Offb 5,10 (und Offb 1,6; 20,6) zitiert wird und Luther auf ihn in dieser Fassung seinen Generalangriff gegen die katholische Kirche stützt: „Man hat's erfunden, daß Papst, Bischöfe, Priester und Klostervolk der geistliche Stand genannt werden, Fürsten, Herren, Handwerks- und Ackersleute der weltliche Stand, was eine gar feine Erdichtung und Heuchelei ist. Doch soll sich niemand dadurch einschüchtern lassen, und zwar aus diesem Grund: Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes ..., wie St. Peter 1.Petr.2,9 sagt: ‚Ihr seid ein königliches Priestertum und ein priesterliches Königreich‘, und die Offenbarung: ‚Du hast uns durch dein Blut zu Priestern und Königen gemacht.‘ (Off.5,10). ... Darum ist des Bischofs Weihe nicht anders, als wenn er an Stelle und als Vertreter der ganzen Versammlung einen aus der Menge nimmt, die alle gleiche Gewalt haben, und ihm befiehlt, diese Gewalt für die andern auszuüben...!“ (An den christlichen Adel deutscher Nation. Modernisiert von U. Köpf). Diese Auslegung hat übrigens eine extrem lange Tradition; schon im Seder Elijahu Rabbi 79 wird ein Ausspruch von Rabbi Acha (frühes 4. Jhd.) überliefert, der erklärt, zum Ornat des Hohepriesters gehöre deshalb eine Brustplatte mit auf Edelsteinen eingravierten Namen der zwölf Stämme Israels, weil auch der Hohepriester nur stellvertretend für alle Israeliten am Altar stehe und alle anderen theoretisch genauso gut dort vorne stehen könnten: „Warum sind die Namen der Stämme auf den Steinen eingraviert? Weil auf dem Sinai alle ‚Priester‘ genannt wurden ... Es ist (nun aber ja) unmöglich, dass (jeweils) alle (gleichzeitig) am Altar zugegen sind. Daher mussten alle Namen über dem Herzen des Hohepriesters eingraviert werden. Danach (gilt nämlich:) Wenn der Hohepriester eintritt, um vor Gott ein Opfer darzubringen, ist es, als stünde jeder von diesen als Hohepriester vor ihm, gekleidet in priesterliche Gewänder.“ Der Ausdruck lässt sich aber auf unterschiedlichste Weisen verstehen (s.u.); eine Abwägung ist hier sehr schwierig. Ist man mit einer derart schwierigen Stelle konfrontiert, lässt man sich am besten vom Text selbst leiten: Das Ende von V. 5 und V. 6 hängen strukturell eng zusammen: „(Wenn ihr meinen Geboten folgen wollt...,) (A) werdet ihr mir sein Vasall/Eigentum (B) unter den ganzen Völkern; (B') obwohl mir die ganze Erde gehört, (A') werdet ihr mir sein ein Königreich/Königtum von Priestern und ein eine heilige Nation.“ (gut Davies 2004, S. 59; Kim 2014, S. 258). Man wird die Sätze also gemeinsam auszulegen haben. Im Satz (A-B) hat „Vasall/Eigentum unter den ganzen Völkern“ die Tiefenstruktur des üblichen Ausdruck „Vasallen/Eigentums-Volk“ (s.o.; w.: „Volk der Vasallität/des Eigentums“, wie auch „heilige Nation“ streng wörtlich „Nation, heilig“ wäre). Israel wird also dreifach charakterisiert: (1) als „Volk der Vasallität/des Eigentums“, (2) als „Königreich/Königtum von Priestern“, (3) als „Nation, heilig“ (gut Dohmen 2005). Vergleicht man die Ausdrücke, steht in jedem potentiell ein Wort, das die Bürger Israels in ihrer Gesamtheit bezeichnet („Volk“, „Königreich“, „Nation“), und in jedem ein Wort, das Menschen beschreibt und diese Menschen in Relation zu Gott setzt („Vasall“, „Priester“, „heilig“; s.u. zu „Heiligkeit“ im Deuteronomismus). Am ehesten hat man die fraglichen einzelnen Begriffe daher in jeweils diesem Sinn zu nehmen: Die Gesamtheit der israelitischen Bürger ist „Gott vasallenpflichtig“, dient ihm „als Priester“ und ist „ihm geheiligt“, ist also das „Privat-Volk dieses Gottes“, der über es als König herrscht. Andere Deutungen: „Königreich von Priestern“ ist im Heb. eine Genitivkonstruktion. Man hat sie v.a. auf vier verschiedene Weisen aufgelöst, die alle sprachlich möglich sind: (1) Genitivus qualitatis, (1a) also entweder ein Königreich, das gänzlich von Priestern im Vollsinn dieses Wortes bevölkert ist, weil alle die Priesterwürde innehaben, (1b) oder ein Königreich, in dem auch Priester leben, oder (1c) ein „priesterliches Königreich“, also ein Königreich, (1cA) das als Ganzes ein Verhältnis zu Gott hat wie ein Priester oder (1cB) das wie in Jes 61,5f.; Ez 20,41 gleich einem Priester andere Nationen missionieren soll. (1cA) ist die sinnvollste Interpretation, s.o. So z.B. auch Houtman 1996; Dohmen 2005, S. 63; Assmann 2015, S. 230; Kass 2021, S. 293. Zu (1a) s. schon oben Rabbi Acha und Luther; ebenso Mechilta; Talmud b.Schab 88a. Diese Deutung hat heute wieder einige Anhänger, seit Blum 1990, S. 51f. gut darauf hingewiesen hat, dass in Ex 24,4-8, dem strukturellen Gegenstuck unseres Abschnitts, die jungen Männer gleich Priestern Gott Opfer darbringen und Mose Volk und Altar mit Blut besprengt, was seine nächsten Parallelen in der Priesterweihe in Ex 29,20f.; Lev 8,22f. hat. Muss man im „Königreich der Priester“ noch mehr mithören als „Königreich aus Gottes-Dienern“, sollte man wirklich dies mithören. So z.B. auch Krause 2020, S. 113f.; Schmitt 2022, S. 176f. Chavel 2015, S. 186 hat dies auch sozialgeschichtlich erklärt: Im Hintergrund stehe die Situation des Exils, wo die exilierten Israeliten keine Tempel und oft auch keine Priester zur Verfügung hatten. Daher wird in unserem Abschnitt ganz Israel zu Priestern erklärt, in 24,4-8 auch zu solchen geweiht, und Ex 20,18-22 bestimmt darüber hinaus, dass für den Priesterdienst nicht mehr vonnöten sei als ein schnell aufgeschütteter Erdhaufen als Altar. (1cA) (2) Genitivus agentis: „Königreich der Priester“, also „ein Königreich, über das Priester als Könige walten“ (z.B. Moran 1962). Auch diese Deutung hat heute wieder einige Anhänger, seit angenommen wird, Vv. 4-8 seien sehr spät von nachpriesterschriftlichen Autoren verfasst worden (s. die Anmerkungen) und im Hintergrund stehe die Situation der hellenistischen Zeit, dass Israel quasi von Priestern regiert worden sei (z.B. Lohfink 1990, S. 355; Otto 1996, S. 77). Aber richtig Propp 2006: Auch in dieser Periode wurden die Hohepriester erst um 104 v. Chr. auch zu „Königen“, das ist viel zu spät zur Erklärung diesse Abschnitts. (3) attribuierender Genitiv (vgl. GKC §132c; IBHS §95.3c): Eine Nation mit königlichem Priestertum, die also als Nation im Verhältnis zu anderen Völkern sowohl die Priesterwürde als auch die Königswürde innehätte. So Davies 2004, S. 102 und ähnlich Levenson 1987, S. 31, warum auch immer. (4) Genitivus appositionis: „Ihr werdet mir sein ein Königreich, Priester“. Heute m.W. (S.W.) niemand mehr; unter alten Übesetzern aber z.B. Sym, Theod („Königreich, Priester“); TgO, TgN, TgF: „Könige, Priester“ oder „Könige und Priester“. Hieraus ist wahrschienlich die Fomulierung in Offb und auch in Jub 16,18 entstanden: „Könige und Priester“. (Zurück zu v.6) |
| m | heilig (asketisch, meine) - Noch ein Schlüsselwort der Bibel. „Asketisch“, wie hier als Übersetzungsalternative vorgeschlagen wurde, ist eigentlich nicht sehr treffend, aber „heilig“ noch weniger, wenn man vom heutigen Verständnis dieses Wortes ausgeht. Am ehesten träfe den Sinn dieser Stelle und verwandter Stellen im Buch Dtn statt „heilige(s) Nation/Volk“ eine Übersetzung wie „meine Nation“. Ähnlich z.B. GN: „Ein Volk, das mir ganz zur Verfügung steht und mir ungeteilt dient“; HfA: „Ein heiliges Volk, das allein mir gehört“. Heute ist ein „Heiliger“ grob eine religiöse Person mit Vorbildcharakter, die Gott auch als solche anerkannt hat, daher für diese Person Wunder wirkt und sie nach ihrem Tod auf irgendeine Weise „nahe bei sich“ sein lässt. Im Alten Israel dagegen waren zwei andere Konzeptionen von „Heiligkeit“ verbreitet: Die der priesterschriftlichen Schule und die der deuteronomistischen, die auch hinter md. Vv. 4-8 unseres Kapitels steht (s. die Anmerkungen). Nach beiden Konzeptionen ist „Heiligkeit“ soviel wie „Hingeordnet-sein auf Gott“, den Inbegriff der Heiligkeit (s. Jes 6,3). Für die priesterschriftliche Schule ist diese irdische „Heiligkeit“ aber genauer verletzlich, gestuft und kann auch Orten und Dingen zukommen: Etwas oder jemand kann seine Heiligkeit verlieren, indem er oder es „verunreinigt“ wird, z.B. durch Kontakt mit den falschen Menschen oder Dingen. Heiligkeit lässt sich aber auch wiederherstellen und „aufladen“. Etwa hier: „Ich bin JHWH, euer Gott. Darum heiligt euch und seid heilig, denn ich bin heilig. Ihr sollt euch nicht selbst verunreinigen durch irgend Gewürm, das sich auf der Erde schlängelt!“ (Lev 11,44). Besonders Priester – laut der Priesterschrift die Nachkommen Aarons – sind zu solcher Heiligkeit und Reinigung berufen, da sie ihren Dienst an „heiligem Ort“ und mit „heiligem Gerät“ verrichten. Solche „Reinigung“ kann geschehen durch spezielle Riten wie die Waschung, durch bestimmte kultische Handlungen. Die deuteronomistische Schule hat eine radikal andere Vorstellung. Dinge und Gebäude können im Deuteronomium gar nicht heilig sein. Und auch bei Menschen gibt es nicht unterschiedliche „Grade“ von Heiligkeit: „Heilig“ ist das ganze Volk Israels, ausnahmslos und von vornherein – nur dank der Tatsache, dass Gott sich Israel in Ägypten als sein Volk erwählt hat. Das bringt für dieses auserwählte Volk aber auch eine Reihe von Verboten und Pflichten mit sich: In Dtn 7,1-5 etwa das Verbot, fremde Götter anzubeten – „denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott JHWH: Er hat dich erwählt, ihm Vasallen-Volk zu sein aus allen Völkern der Welt!“ (Dtn 7,6). Laut Dtn 14,1 darf man sich nicht ritzen oder eine Glatze scheren (s. dort), – „denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott JHWH: Er hat dich erwählt, ihm Vasallen-Volk zu sein aus allen Völkern der Welt!“ (Dtn 14,2). In Dtn 14,3-21a wird eine Reihe von Tieren als Speise verboten, die ein Migrant, der nicht zum Volk Gottes gehört, problemlos essen darf (14,21b) – „denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott JHWH!“ (Dtn 14,21c). Und immer so weiter. Dass es diese zweite Vorstellung ist, die hinter unserem Satz steht, ist klar: Hier wird dieses Verhältnis zwischen Gott und seinem auserwählten, ihm geheiligten Volk erst ins Sein gesetzt: Sobald Israel sich dazu entscheidet, den von JHWH vorgeschlagenen Vertrag zu unterschreiben, wird es ein solches sein und hat dann im Gegenzug die noch zu entwickelten Gebote einzuhalten (vgl. gut z.B. Krause 2020, S. 113f.133; s. zu dieser Idee deutlich Dtn 26,17-19; 27,9f.). S. dann weiter in den Anmerkungen. Danach ist es also erstens gerade kein Automatismus, was Vv. 5f. vorschlagen: Israel ist nicht schon automatisch „heilige Nation“, wann immer sie Gottes Gebote bewahrt, sondern erst, wenn sie einwilligen, Gottes Gebote wahren zu wollen, werden sie von da an heilige Nation sein und müssen als solche dann Gott Folge Leisten. Und zweitens darf man dann gerade nicht erwarten, dass in der Zeile zuvor gesagt wird, eine Teilgruppe Israels sei „priesterlich, d.h. heilig in gesteigerter Weise und in hervorragendem Maße“ (Fohrer 1963, S. 361, Hervorhebung: S.W.). Beides passt nicht gut zur deuteronomistischen Theologie. (Zurück zu v.6) |
| n | „Post-P“ statt „P“ deshalb, weil P aktuell aktuell nicht mehrheitsfähig wäre, da neuere Redaktionskritiker überwiegend glauben, im priesterschriftlichen Geschichts-Entwurf sei auf V. 1 direkt Ex 24,15b oder ursprünglich Ex 25,1 gefolgt (24,15b z.B. Elliger 1952, S 121f.; Weimar 2008, S. 293; Sommer 2015, S. 53; 25,1 z.B. Pola 1995; Schmid 2010; zur Diskussion vgl. neuerdings Hutzli 2023, S. 284f.328). (Zurück zu ) |





