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Amos 8

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Lesefassung (Amos 8)

1 2 3

4 Hört dies, die ihr so sehr nach dem Armen giert,
Dass ihr den Geringen von seinem Land fortschafft so,
5 Dass ihr sprecht: „Wir wollen Getreide verkaufen! Wär doch der Sabbat vorbei!
Wir wollen unsere Kornspeicher öffnen! Wär doch der Feiertag um,
Dass wir das Getreide mit zu kleinem Maß abmessen können,
Dass wir zu hohe Preise verlangen können,
Dass wir mit manipulierten Instrumenten betrügen können,
6 Dass wir für die kleinste Geldschuld den Geringen versklaven können
Um den Armen für Geld zu kaufen,
Und Getreideabfall verkaufen wir auch.“

 7   8 9 10 11 12 13 14

Anmerkungen

Studienfassung (Amos 8)

1a Dies zeigte mir (ließ mich sehen) JHWH (der Herr JHWH)b:c
Siehe: Ein Korbd mit Sommerfrüchten.e
2 Da sprach er: „Was siehst du, Amos?“
Und ich sprach: „Einen Korb mit Sommerfrüchten.“e

Und JHWH sprach zu mir:
„Das Endee ist gekommen für mein Volk Israel;
Ich kann nicht (werde nicht, möchte nicht) weiterhin fortfahren, an ihm vorüberzuziehen:f
3 Dann werden heulen die Sängerinnen (Lieder, Wände? Fürstinnen?)g des Palastes (Tempels) an jenem Tag“h
Spruch des Herrn JHWH –:
„Eine Menge an Leichen (viel sind der Leichen)! Überall hingeworfen (überall wirft man [sie] hin, überall ein Hinwerfen)!i Stille!“j


4 Hört dies, die (gieren=) ihr giert nach dem (schnappt nach dem, schnüffelt nach dem, anschnaubt den, tretet nieder den)k Armen,
{Und} Fortschaffendl die Geringen (Demütigen) des Landes,k
5 Denkend (sprechend):m „Wann ist [endlich] der Neumond[tag]n vorübergegangen, dass wir Getreide verkaufen können,
Und der Sabbat,n dass wir [unsere] Korn[speicher] (Korn[behälter]) öffnen können,
Verkleinernd das Efao
Und vergrößernd den Schekelp
Und beugend eine betrügerische Waage;q
6 kaufend mitr Geld (Silber) die Schwachen
und den Armen wegenr einem Paar Sandalen!?
Und den Abfall des Korns verkaufen wir [auch].“:s

 7 JHWH hat geschworen beim Stolz (dem Hochmut, der Hoheit) Jakobs:t
„Wenn ich in Ewigkeit alle ihre Taten vergäße...!u
  8 Müssen (Mussten) nicht deshalbv die Erde erbeben
Und (dann) alle trauern (vertrocknen), die auf ihr wohnen
Und steigen wie der (wie ein) Fluss (wie das Licht?)w alles
Und wogen und [dann wieder] zurückgehen (getränkt werden)x wie der Fluss Ägyptens?y

9 ({Und es geschehen} An jenem Tag...: Ich werde=) An jenem Tag –“h
Spruch des Herrn JHWH –
„Werde ich die Sonne am Mittag untergehen lassen
Und verfinstern die Erde am hellen Tag.
10 Und ich werde verwandeln eure Feste in Trauer
Und alle eure Lieder in Klage[geschrei] (Totenklage);
{Und} Ich werde auf alle Hüften (all eure Hüften)z ein Trauergewand bringen
Und auf alle Köpfe eine Glatze;aa
{Und} Ich werde esab machen wie die Trauer um den einzigen Sohn
Und [selbst noch] das Ende davon (das, was darauf folgt)ab wie (einen bitteren Tag=) den Todestag (das Ende davon einen wahrhaft bitteren Tag).ab

11 Siehe, Tage kommen“ac
Spruch des Herrn JHWH –
„In denen ich Hunger über das Land schicken werde.
Nicht Hunger nach Brot
Und nicht Durst nach Wasser,
Sondern danach, zu hören die Worte (das Wort)ad JHWHs.
12 Und (sie werden=) man wird wanken von Meer zu Meer
Und vom Norden und bis zum Osten;ae
(Sie werden=) Man wird umherirren (umherschweifen), um das Wort JHWHs zu suchen
Aber (sie werden=) man wird [es] nicht finden.af
13 An jenem Tagh werden die schönen Mädchenag ohnmächtig werden
Und die Knaben vor Durst.ah
14 Die bei der Schande Samariast schwören und sprechen:
‚So wahr dein Gott lebt,ai Dan!‘aj
Und: ‚So wahr (dein Bewohner=) der dich Bewohnende lebt, Beerscheba (?, der Weg nach B.?, der Kult von B.?, , der Schreitende von B.?, der Brunnen von B.?, die Macht von B.?, dein Geliebter, B.?, dein Pantheon, B.?, der Schreitende von B.?)ak
Sie werden fallen und sich nicht wieder aufrichten.“

Anmerkungen

In Vv. 1-3 folgt die vierte Vision des „Visions-Quartetts“ in Am 7,1-8,3; zu Grundlegendem s. daher die Anmerkungen zu Amos 7. Die vierte Vision ist dabei wie Am 7,7-9 eine „Wortspiel-Vision“: Gott lässt Amos einen Korb mit „Sommerfrüchten“ (qajiṣ) sehen, der aber wahrscheinlich weniger symbolisch als wort-symbolisch genommen werden darf: Der Obst bedeutet, dass nun endgültig das „Ende“ (qeṣ) über Israel gekommen ist. Dieses Ende wird in V. 3 in dunkelsten Farben ausgemalt: „Eine Menge an Leichen! Überall hingeworfen!“

In Vv. 4-14 schließt sich daran überraschenderweise noch einmal ein Urteilsspruch an, der mit der Einleitung „Hört dies!“ an die „Hört diesen Spruch!“-Abschnitte in Am 3; Am 4; Am 5 erinnert. Auch darüber hinaus finden sich in diesem Abschnitt viele deutliche Zitate der vorangehenden Kapitel.
Vergleiche:

  • Am 8,4: „Hört dies, die (gieren=) ihr giert nach dem Armen“
    Am 2,7: „Sie, die gieren nach dem Staub der Erde auf dem Kopf des Geringen und die Beugen den Weg der Armen“
  • Am 8,6: „kaufend mit Geld die Schwachen und die Armen wegen einem Paar Sandalen“
    Am 2,6: „Weil sie für Geld verkaufen den Gerechten und den Armen wegen einem Paar Sandalen“
  • Am 8,7: „JHWH hat geschworen beim Stolz Jakobs“
    Am 6,8: „So schwört der Herr JHWH bei sich selbst: ‚... Ich verabscheue den Stolz Jakobs!‘“
  • Am 8,8 wird fast wörtlich noch einmal wiederholt in Am 9,5
  • Am 8,9f.: „Ich werde die Sonne am Mittag untergehen lassen und verfinstern die Erde am hellen Tag, und ich werde verwandeln eure Feste in Trauer“
    Am 5,8: „Er ist der zum-Morgen-die-Dunkelheit-Verwandler, ist der, der den Tag zur nacht verfinstert“
  • Am 8,12f.: „Und man wird wanken von Meer zu Meer ...; an jenem Tag werden die schönen Mädchen ohnmächtig werden und die Knaben vor Durst.“
    Am 4,8: „Und es wankten zwei, drei Städte zu einer Stadt, um Wasser zu trinken.“
  • Am 8,13f.: „An jenem Tag werden die schönen Mädchen ohnmächtig werden ...; sie werden fallen und sich nicht wieder aufrichten.“
    Am 5,2: „Es ist gefallen, es kann sich nicht wieder aufrichten das Mädchen Israels“

Viele Kommentatoren nehmen deshalb an, dass Am 8,4-14 nicht vom Verfasser der vorangehenden Kapitel stammen, sondern dass jüngere Autoren mit dem Vokabular dieses Verfassers eine Art späteren Anhang zum Amosbuch verfasst haben. Das kann gut sein, aber das Phänomen lässt sich auch leicht anders erklären:
Gott macht nun „den Sack zu“: Oft und lange genug hat er Amos seine Israeliten ermahnen lassen, aber – siehe Am 7,10-17 – nichts ist geschehen; stattdessen haben sie seinem Propheten gar den Mund verboten, und immer noch sind es fast die selben Vorwürfe, die er gegen sie vorbringen kann und muss. Nun führt also endgültig kein Weg mehr daran vorbei: Das Ende für Israel ist gekommen.

Vv. 4-6 greifen dabei noch einmal einen dieser früheren Vorwürfe auf und machen ihn stellvertretend für alle anderen zur Begründung des folgenden Urteils: Wegen dem unmoralischen und asozialen Verhaltens der Angehörigen der israelitischen Oberschicht, die so sehr auf Gewinn aus sind, dass sie dafür gar die Armen von ihrem Land vertreiben und dieselben auch noch in die Schuldknechtschaft zwingen, gilt ganz Israel das, was Gott in Vv. 7-8 ankündigt: Naturkatastrophen apokalyptischen Ausmaßes werden über Israel hereinbrechen; nie im Leben wird Gott Israel diese Untaten verzeihen.

Weil dies zum finalen Vorwurf gemacht wird, sei hier noch einmal kurz auf die Schuldknechtschaft eingegangen. „Schuldknechtschaft“ ist im Alten Israel ein sozialer Status, der irgendwo zwischen freiem Bürgertum und echtem Sklaventum einzuordnen ist. Korostovtsev hat Schuldknechte passend als „Halbsklaven“ bezeichnet. In die Schuldknechtschaft geriet man ursprünglich hauptsächlich infolge von Naturkatastrophen o.ä., die dazu führten, dass die eigene Landwirtschaft, die im Alten Israel fast alle Israeliten auf ihrem eigenen Land betrieben, so wenig Ertrag abwarf, dass sie sich dafür verschulden mussten. Im Laufe des 9. und 8. Jahrhunderts v. Chr. aber transformierte sich nach und nach die Gesellschaft des Alten Israel: Neben den ruralen Dörfern bildeten sich größere Städte heraus und mit ihnen eine städtische Oberschicht, was man auch archäologisch z.B. daran erkennen kann, dass im späten 9. Jahrhundert mehrere Palastanlagen in Samaria erbaut wurden, auf die V. 3 anspielt. Diese Oberschicht konnte größere Mengen an Kapital anhäufen und dann mit diesem Kapital auf dem Markt operieren – unter anderem auf dem Gebiet des privaten Getreidehandels, den Vv. 5-6 thematisieren. Methoden wie die, die in diesen Versen beschrieben werden, werden auch dazu beigetragen haben, dass auf diese Weise Gewinn erwirtschaftet werden konnte, und werden daher noch häufiger in der Bibel kritisiert (s. z.B. auch Hos 12,8; Mi 6,9-11; noch Sir 26,29-27,1), aber schon grundsätzlich ist ja Handel darauf angelegt, Gewinn zu erwirtschaften: Korn wird teurer vermarktet, als sein reiner „Materialwert“ es rechtfertigte, und die Spanne zwischen Materialwert und Marktwert ist der Gewinn der Händler aus der städtischen Oberschicht und der Verlust der Bauern aus der ländlichen Unterschicht Israels. Auf diese Weise konnte dieser Getreidehandel neuen Formats zu einer Art „menschengemachten Naturkatastrophe“ werden: Bauern konnten nun immer leichter und häufiger auch aufgrund der wirtschaftlichen Praktiken der städtischen Oberschicht verarmen und sich verschulden.
Der erste Schritt war dann der, dass sie ihre Häuser und Felder an ihre Gläubiger veräußern mussten (s. Hab 2,7), so dass diese „Haus an Haus reihen und Feld an Feld rücken“ konnten (Jes 5,8; s. auch Mi 2,2). Damit aber war man endgültig in der Schuldenfalle, so dass der zweite Schritt war, auch noch sich selbst oder die eigenen Angehörigen verkaufen zu müssen (s.2 Kön 4,1; Spr 22,7; Mt 18,24f.; bes. Neh 5,2-5). Nicht als Sklaven im engen Sinne allerdings: Im Unterschied zu Kriegsgefangenen aus anderen Nationen blieben Israeliten, die verkauft worden waren oder sich selbst verkauft hatten, nur sechs Jahre in Sklaverei; danach mussten sie freigelassen werden (s. Ex 21,2; Lev 25,39-41; Dtn 15,12; Jer 34,14). Nach dem deuteronomistischen Gesetz musste ihm dabei außerdem ein „Startguthaben“ (Kessler) mitgegeben werden (s. Dtn 15,3-5), nach dem jüngeren Heiligkeitsgesetz erhielten sie sogar ihr einstiges Eigentum zurück (Lev 25,41). In der Zwischenzeit aber galten sie als Eigentum ihres Gläubigers und selbst Frauen, die sie in dieser Zeit heirateten und Kinder, die sie in dieser Zeit zeugten, blieben auch nach dem Ablauf der sechs Jahre im Besitz des Gläubigers (Ex 21,4; dieses Gesetz wurde später geändert, s. wieder Lev 25,41). Vom Sklaven im engen Sinn unterschied sie außerdem, dass sie auch in der Schuldknechtschaft noch Eigentum besitzen konnten; aller Gewinn aber, den sie in dieser Zeit erwirtschafteten, war der Gewinn ihres Gläubigers, sodass dieser dank dieser Institution peu à peu reicher und immer noch reicher werden konnte.
Die Schuldknechtschaft ist also vergleichbar mit einer privatisierten Privatinsolvenz-Institution: Sechs Jahre lang hat man keine freie Handhabe über den eigenen Besitz, können keine Gewinne erwirtschaftet werden und müssen die Schulden möglichst abgearbeitet werden, bis man nach dem Ablauf dieser sechs Jahre nach einem Schuldenschnitt neu starten kann. Weil diese Institution aber im Alten Israel privatisiert war, wurden die armen Bevölkerungsschichten nach Möglichkeit geradezu in diese Privatinsolvenz gedrängt, um Gewinne aus ihrer Verarmung schlagen zu können, und ist daher noch besser vergleichbar mit moderner Sklaverei.
Die Institution der Schuldknechtschaft blieb im Alten Israel noch viele Jahrhunderte legal. Schon im Amosbuch aber wird nicht einmal die Institution selbst, sondern gleich das ganze System hinter dieser Institution aufs Schärfste angegriffen: Dieses System ist es letztlich, was JHWH dazu bewegt, das ganze Nordreich zu vernichten.

In Vv. 9-14 wird das Selbe – das Urteil Gottes – noch einmal in zwei Strophen ausgefaltet, die beide mit einem Hinweis auf „jenen Tag / Tage“ beginnen, woran sich jeweils ein „Spruch des Herrn JHWH“ anschließt. Vv. 9f. hängt eng mit Vv. 8f. zusammen; nach dem Erdbeben und dem Bergeschmelzen folgt in V. 9 typisch für eine Schilderung „jenes Tages“, also des „Tages JHWHs“, die übernatürliche Dunkelheit als weitere kosmische Katastrophe. V. 10 stellt als Folge daraus ganz Israel als Gemeinschaft von Klagenden dar, die alle an diesem Tag Familienangehörige verloren haben und sie mit den üblichen Trauerriten betrauern: Gott bringt den Tod über Israel.
Vv. 11-14 wird durch das „An jenem Tag“ in V. 13 noch einmal in zwei Unterabschnitte gegliedert: Im ersten, Vv. 11-12, wird eine landesweite Hungers- und Wassernot beschrieben. Das ist poetisch stark, nachdem in V. 8 beschrieben wurde, wie das ganze Land sich verflüssigt und nachdem die Dürstenden in V. 12 „von Meer zu Meer“ wanken. Doch ihr Hunger und Durst lässt sich nicht stillen, denn wonach sie recht eigentlich hungern und dürsten, sind „Worte Gottes“, die aber nun in ganz Israel verstummt sind, nachdem in Am 7,10-17 Amos von dort ausgewiesen wurde. Im zweiten Abschnitt, Vv. 13-14, werden selbst die Mädchen und Knaben infolge dieses „Wort-Gottes-Mangels“ ohnmächtig niedersinken. V. 14 betont noch einmal aus anderer Perspektive, dass dies ja ihre eigene Schuld ist: Wie zu Beginn dieses Abschnitts wird auch am Ende noch einmal auf eine bereits zuvor erwähnte Untat angespielt: Nicht nur haben sie ja Amos als den Propheten JHWHs aus Israel ausgewiesen, sondern außerdem beten sie von Dan bis Beerscheba an den falschen Orten zu den falschen Göttern (s. Am 5,4-6.26) – wen braucht es da zu wundern, dass ihnen kein Wort Gottes Linderung verschafft? Nein, Israel ist am Ende: „Sie werden fallen und sich nicht wieder aufrichten.“

aZum Stil von Am 8,1-3 s. zu Am 7,1. (Zurück zu v.1)
bTextkritik: JHWH (der Herr JHWH) - VUL, Tg und Syr wie MT: „der Herr JHWH“. LXX dagegen nur „JHWH“. Die Gottesbezeichnungen im Amosbuch sind ohnehin eine komplexe Problematik; bisher haben wir Varianten zu Gottesbezeichnungen überhaupt nicht verzeichnet, weil es in MT-Handschriften und LXX ungemein viele Varianten zu den Lesarten des Codex Leningradensis gibt (die auch jeweils sehr wenig Bedeutungsunterschied machen). In Am 7,1.4 z.B. setzt LXX nur „JHWH“ statt „der Herr JHWH“ voraus, in Am 7,7 „JHWH“ statt Ø. Auch hier nun hat LXX wie in Am 7,1.4 nur „JHWH“ statt „der Herr JHWH“ und ist damit kein sehr starker Textzeuge (LXX hätte alle vier Verse mit der selben Gottesbezeichnung aneinander angeglichen; welche Gottesbezeichnung ursprünglich wo stand, ließe sich aus LXX also nicht ableiten). Speziell zu diesem Vers ist nun aber kürzlich mit DSS F.Amos1 der mit Abstand älteste heb. Textzeuge dieses Verses identifiziert worden, und dieser hat wie LXX die kürzere Lesart (vgl. Tov 2014, S. 6f. [S. 4f. in Vorläuferdokument]). Das könnte hier sehr gut der ursprüngliche Text sein, da die längere Lesart sich auch leicht als Angleichung an Am 7,1.4 erklären lässt und da irgenwo die kürzere Lesart ja auch ursprünglich gestanden haben wird, die LXX dazu bewegte, die anderen Stellen daran anzugleichen. (Zurück zu v.1)
cDies zeigte mir der JHWH (der Herr JHWH) - Eine Abwandlung der Botenformel „dies sprach der Herr JHWH“ aus Am 1-3; s. dort. Anders als dort teilt sich JHWH dem Amos ab Am 7 also nicht mehr nur durch Worte, sondern durch Visionen mit, obwohl sich in Am 8-9 anders als in Am 7 an die Vision doch wieder eine Gottesrede anschließen wird. (Zurück zu v.1)
dtFN: Korb - Heb. kelub, seltenes Wort in der Bibel. Sonst nur noch in Jer 5,27 und Sir 11,28, beide Male in der Bed. „(Vogel-)Käfig“. Vgl. ähnlich kilubi („Vogelnetz“) in den Amarna-Briefen. An dieses Wort denkt hier offensichtlich auch LXX, die mit „Gerät des Vogelfängers“ übersetzt; auch VUL und Syr kannten das Wort offenbar nicht in der Bed. „Korb“ (VUL: „Obst-Haken“, Syr: „Zeichen für das Ende“). Die anderen alten Vrs. aber schon und die Bed. „Korb“ lässt sich auch etymologisch gut herleiten (vgl. v.a. Baumgartner 1951); an der Bed. hier gibt es also wenig Zweifel. (Zurück zu v.1)
eSommerfrüchte (Vv. 1f.) + Ende (V. 2) - Anders als Am 7,7f. verdichten Am 8,1-2 offensichtlich eine „Wortspiel-Vision“: qajiș („Sommerfrucht“) klingt vielleicht identisch, mindestens aber sehr ähnlich wie qeș („Ende“), daher können Sommerfrüchte in der Vision ein „Ende“ in der Realität bedeuten. S. näher bei „Genauer“. In dt. Üss. versucht man das manchmal nachzubilden: (1) „Ein Erntekorb ... Gekommen ist der Ernteschluss...“ (PAT), (2) „Ein Korb mit Erntefrüchten ... Das Abernten kommt über mein Volk Israel“ (R-S), (3) „Ein Korb mit Herbstfrüchten ... Es kommt der Herbst über mein Volk“ (TEX), (4) „Ein Korb mit Sommerfrucht ... Gekommen ist die Summe für mein Volk“ (TUR), (5) „ein Korb mit reifem Obst ... Mein Volk ist reif für das Ende“ (z.B. EÜ 80, GN, HER05, HfA, NeÜ, NL, LUT84, ZÜR), (6) „Ein Korb mit reifem Obst ... Die Zeit ist reif geworden“ (SLT), (7) vielleicht am besten: „Ein Korb mit reifen Sommerfrüchten ... es reift das Ende meines Volkes Israel“ (Vater). (8) Cool Duhm: „Ein Obstgericht ... Das Gericht ist gekommen...“.
Sommerfrüchte sind v.a Feigen und Weintrauben (s. Gen 6,13; Ez 7,2.6; t.Ned iv 1f.), die im August/September geerntet wurden. Dieser Monat, der im Gezerkalender der „Monat der Sommerfrucht“ geannt wird (s. zu Am 7,1), war im Alten Israel der letzte Monat des Jahres; das Ende Israels fällt also mit dem Jahresende zusammen. Und eben mit der Ernte, was gut mit dem komplexen Wortspiel in Am 6,1.5.7 zusammenstimmt, s. dort.
Heute erklärt man die Verse überwiegend als reine Wortspiel-Vision; die Symbolik des Erntekorbes selbst wäre also relativ unwichtig. Früher war es umgekehrt und man hat v.a. versucht, den Korb symbolisch zu deuten. Bes. sinnvolle Ansätze: (1) Sommerobst und Ernte stehen für das Jahresende und damit symbolisch für das Ende Israels (z.B. Pussey, Driver, Harper). Das ist die beste Interpretation, da das Wort für „Sommerobst“ häufiger die Jahreszeit selbst bezeichnet: den „Sommer“. Vgl. außerdem Mt 13,39! (2) Sehr ähnlich, aber etwas simpler: Reifes Obst und Ernte stehen für das Ende, für das Israel nun reif ist (so z.B. Moldenhawer, Keil, Nowack, gut dann BB: „Reif wie das Obst ist mein Volk für das Ende“); (3) das Abschneiden / Abrupfen steht für die Bestrafung Israels (z.B. Baur).
Genauer: Häufig ist man der Meinung, im Dialekt des Nordreichs sei qeș sogar identisch wie qajiș ausgesprochen worden, da es im Gezer-Kalender nicht qjș, sd. geschrieben wird, wie ähnlich in den Samaria-Ostraka jajin („Wein“) nicht jjn, sondern jn geschrieben wird und also wohl jen gesprochen wurde (vgl. z.B. Wolters 1988 oder wieder Notarius 2016). Es ist also möglich, dass „Wein“ und „Sommerfrüchte“ im Nordreich zur Abfassungszeit des Amosbuches beide qeș ausgesprochen wurden. Bei dem Wort für „Sommerfrucht“ ist das ziemlich sicher, bei dem für „Ende“ allerdings nicht: Es ist gut möglich, dass auch dieses Wort damals und dort noch anders ausgesprochen wurde, nämlich nicht qeș, sondern qiș oder qișș. Sicherheit lässt sich darüber heute leider nicht mehr erlangen.
Exakte Homophonie ist für eine Wortspielvision aber gar nicht notwendig. Die einzige andere eindeutige biblische Wortspielvision ist die Doppelvision in Jer 1,11-14, wo der geschaute maqqel šaqed („Mandelstab“) bedeutet, dass Gott über sein Wort šoqed („wachen“) wird und der napuḥ („siedende“) Kessel bedeutet, dass Unglück tippataḥ („losbrechen“) wird. Wie man beim zweiten Beispiel sieht, können die aufeinander bezogenen Wörter in einer Wortspielvision lautlich auch recht weit entfernt voneinander sein.
Vergleichbare Beispiele kennt man aus der Traumdeutung der Antike. Für diese gilt das Selbe. Viele ägyptische Beispiele haben Noegel / Szpakowska 2007 zusammengetragen. Zu mesopotamischen Parallelen vgl. z.B. Oppenheim 1956, etwa das Bsp. auf S. 241: „Wenn ein Mann in seinem Traum einen Raben (arbu) isst, wird er Einkommen (irbu) haben.“ Für Griechenland finden sich viele entsprechende Bspp. in der Schrift Oneirokritika von Artemidor von Daldis aus dem 2. Jhd. n. Chr., besagte „Sprachphilosophie des Traums“ war in Griechenland aber schon lange zuvor so verbreitet, dass z.B. Aristophanes sie schon im 5. Jhd. v. Chr. in „Die Wespen“ veralbern konnte: „Sosias: ‚[In meinem Traum] nahm sich dieser schmutzige Wal eine Waage und wog Rindfleisch (demos) ab.‘ Xanthias: ‚Oh weh! Er will das Volk (demos) zerteilen!‘ Sosias: ‚Außerdem schien mir, dass Theorus neben ihm säße, aber er hatte den Kopf eines Raben (korax). Dann flüsterte Akibiades mir ins Ohr: ‚Schau, da ist Theolus mit dem Kopf eines Parasiten (kolax)!‘.‘ Sosias: ‚Da hat Alkibiades sich korrekt verlispelt[, das ist die Bedeutung des Traums].‘(40-46; das erste Wortpaar wird zumindest identisch geschrieben, das zweite nicht).
Wird also aus dieser Wortspielvision abgeleitet, dass auch Am 7,7f. eine Wortspielvision sein wird, muss weder für diese noch für jene Stelle daraus folgen, dass die betreffenden Worte Homophone waren. (Zurück zu v.1 / zu v.2)
fKlangspiel: lo `osip ´od ´ober lo; mit der starken o-Assonanz erinnert die Zeile sehr an die in Am 5,20, in der mit o-Assonanz der Klageruf ho ho nachgebildet wurde. S. näher die Anmerkungen zu Amos 7. (Zurück zu v.2)
gTextkritik: Sängerinnen (Lieder, Wände? Fürstinnen?) - Umstrittenes Wort. Ursprünglich sind sicher die Konsonanten שר(ו)ת (šr(w)t / ßr(w)t). (1) MT macht daraus širot („Gesänge“, vom Sg. širah). Der Satz sagte dann ungefähr das selbe wie V. 10b. So auch Sym, Syr. So auch Stuart, Sweeney, Garrett, Carroll, Kessler; je entweder übersetzt wie oben oder unwahrscheinlicher „man wird Lieder heulen“. Dies entwickelt sich also gerade wieder zur Mehrheitsübersetzung. So auch H-R, HfA, SLT, NeÜ, NL, LUT, TAF, TUR, van Ess, ZÜR; so auch schon Raschi, Kimchi, Eliezer von Beaugency, Abravanel. (2) LXX und Theod dagegen übersetzen mit „Zimmerdecken / das, was oben ist“, dürften die Konsonanten also als šurot („Wände“) gedeutet haben. So auch Dahl, Hayes 1988, S. 196.208 und Gordis 1979-80, der sinnvoll LamR i 2 vergleicht: „Worin unterscheidet sich einer, der nachts weint, von einem, der tagsüber weint? Weint man nachts, weinen die [widerhallenden] Wände des Hauses und die Sterne am Himmel mit einem; weint man tagsüber, tun sie's nicht.“ Ähnlich auch schon Ehrlich 1912b, s. 250. Aber das wäre ein arg verkürzter Ausdruck – „die Wände werden heulen“ für „die Wände werden widerhallen vom Geheul aller“. Tg kombiniert übrigens (1) + (2) in einer Doppelübersetzung: „Zu jener Zeit wird in ihren Häusern Heulen statt Singen sein.“ (3) Aq und VUL haben sehr seltsam „dann werden die Türangeln quietschen“; so tatsächlich auch Schegg. Das ist so schief, dass es kaum eine freie Übersetzung sein wird, sondern wohl ein heb. șirot („Türangel“) statt širot voraussetzen muss, und dies widerum lässt sich kaum anders erklären denn als Hörfehler, bei dem (4) ßirot („Fürstinnen“) verhört wurde. Als „Edelfrauen“ wollen hier auch Praetorius und Sellin lesen; erwogen auch von Hammershaimb. (5) Bis vor kurzem dagegen wurde der Text fast einheitlich korrigiert zur scharot („Sängerinnen“). So z.B. Rudolph, Soggin, Paul, Jeremias, Eidevall; auch B-R, EÜ, GN, HER05, PAT, TEX. Dies ist zwar die einzige Deutung der heb. Konsonanten, die überhaupt keinen Rückhalt in der Textgeschichte hat, ist aber (1) vorzuziehen, weil sich 3c am besten als Wiedergabe des Geheuls von Personen deuten lässt, und hat unter Deutungen auf Personengruppen mit Abstand den meisten Rückhalt in Forschung und in dt. Üss. (Zurück zu v.3)
han jenem Tag - häufigerer Ausdruck für den „Tag JHWHs“, s. zu Am 5,18. (Zurück zu v.3 / zu v.9 / zu v.13)
iÜberall hingeworfen - also entweder: Menschen wurden en masse erschlagen, oder: Sie werden bloß „hingeworfen“, weil der Tod in solchem Maße überall herrscht, dass man gar nicht dazu kommt, die ganzen Leichen zu begraben.
Zum merkwürdigen Satzbau vgl. gut Rudolph 1971, S. 239f.: „Man hört und sieht Frauen, die die Totenklage anstimmen über ein schreckliches Massensterben, die Worte kommen ihnen, offenbar von Weinen unterbrochen, nur stoßweise von den Lippen [...].“ (ebenso Mays, Paul, Carroll).
tFN: Im Heb. vokalisiert wie Hifil: hišli(j)k „man wirft [sie] hin“. Weil das ohne explizites Subjekt und ohne Objekt nicht sehr schön ist, wird meist umvokalisiert zu Hofal: hašlak („Sie wird hingeworfen“; so z.B. Harper, Paul, Eidevall). Alternativ vokalisieren Rudolph als Infinitiv hašlek („überall ein Hinwerfen!“) und B-R; Öttli 1901, S. 75; Halévy 1903, S. 203 und Niditch 1980, S. 36 als Imperativ hašlek / hašlik („wirf hin!“; s. nächste FN). Nötig sind die ersten beiden Umdeutungen nicht; nach Am 2,8.13.15; 4,3.7 und vielleicht Am 5,3 lässt sich dieses Hifil leicht als sechstes / siebtes Hifil lesen, das im Amosbuch ungewöhnlicherweise nicht transitive, sondern intransitive Bed. hat: „Die Menge der Leichen, überall ist sie hingeworfen!“ (Zurück zu v.3)
jStille - s. zu Am 6,10. Wieder wird ironischerweise nicht deshalb zu „heiligem Schweigen“ aufgefordert, weil Gott anwesend ist, sondern weil er grausig abwesend ist, s. Vv. 11f.
Leider nicht sehr treffend daher BB, GN, HfA, NL: „Überall herrscht Totenstille“. Früher wurde diese Interjektion gelegentlich quasi-adverbial gedeutet, daher z.B. LUT 84: „viele Leichname, die man heimlich (=still) hinwirft.“ Völlig anders noch B-R, die den Satz JHWH in den Mund legen und als Kette knappster Befehle deuten: „Genug! Leichen allerorten! Zusammenwerfen! Dann still!“ Ähnlich noch Niditch 1980, S. 35: „Throw them anywhere! Silence!“; ähnlich bereits Tg und Raschi. Dann aber wäre der Sg. des Imperativs erklärungsbedürftig; dies ist sehr unwahrscheinlich.
tFN: Ob die Akzentuierung falsch ist und ein trennender Akzent vor diese Interjektion gehörte, ist gar nicht sicher. Es gibt nicht viele Interjektionen, die nicht am Klausel-Beginn, sondern -Ende stehen können; das häufige selah (mit ungewisser Bed.) in den Psalmen aber zumindest wird stets mit verbindendem Akzent mit dem vorangehenden Wort verbunden, ebenso na` ohne Maqqef („bitte!“), s. Ps 118,25; Jes 36,8; Jer 17,15 u.ö. Es ist gut möglich, dass dies normal ist für die Prosodie hebräischer Interjektionen am Klauselende. (Zurück zu v.3)
kgieren (schnappen, schnüffeln, anschnauben, treten) + fortschaffen - zu den us. Deutungsmöglichkeiten des ersten Wortes s. den Kommentar zu Am 2,7. Fast alle Neueren deuten hier ebenso wie dort merkwürdigerweise nicht als š`p („gieren, schnappen“, vielleicht auch „schnüffeln“), sondern mit LXX und Syr zu Am 2,7 als Nebenform von šup („trampeln, treten“). Dabei deuten hier so nicht mal LXX und Syr (LXX: „die ihr ermahnt“, via „anschnauben“, Syr wie Tg: „die ihr verachtet“, beide haben also entweder hš`pjm als hš`țjm verlesen oder deuten „anschnauben“ als Geste der Verachtung). Dafür aber vielleicht VUL: qui conteritis, „die ihr bedrückt“. Grund für diese Übersetzungsentscheidung dürfte sein, dass die meisten auch das folgende lašbit in der Bed. „beseitigen“ = „ausrotten“ nehmen. Das ist aber nie die Bed. dieses Worts. Negiert heißt es „etwas nicht mangeln lassen“, das Positiv davon ist „etwas mangeln lassen“, indem man es „abschafft“ oder „fortschafft“. Daher häufig mit Ortsangabe, die angibt, von wo etwas fortgeschafft werden soll; s. Ex 12,15; Jes 30,11; Jer 36,29; Ez 23,48; 30,13; 34,25 (richtig Fleischer 1989, S. 186-8; Kessler). „Treten + beseitigen“ liegt hier auch gar nicht nahe; wie dieses „Gieren“ und „Fortschaffen“ sich äußert, schildern nämlich Vv. 5f. („indem ihr denkt:...“): Die Armen sollen mitnichten getötet werden, sondern sollen als Schuldknechte aufgekauft werden, nachdem sie zunächst ihr Land vermutlich an die selben Käufer verkaufen mussten (daher auch der Ausdruck „die Armen des Landes). „Gieren“ auch Schröder, Ewald, Hitzig, Budde, Hayes 1988, Fleischer 1989.
Fortschaffen - Klangspiel: Heb. la-šbit klingt ähnlich wie „Sabbat“ (šabbat) in V. 5. (zu v.4)
lDer Sinn der einzelnen Zeilen von Vv. 4b-6b ist nicht ganz einfach zu deuten, da hier sechs Infinitive aufeinander folgen, die im Heb. ähnlich wie im Dt. unterschiedlichste Funktionen haben können. Entweder so: fortschaffend = konsekutiver Infinitiv: „[ihr giert nach dem Armen] und also schafft ihn fort (von seinem Land)“. Denkend = spezifizierender Infinitiv: „Und dabei denkt ihr: ...“. Verkleinernd, vergrößernd, beugend = entweder ebenso oder konsekutive Infinitive: „Wir wollen unsere Kornspeicher öffnen und haben dabei ein verkleinertes Efa“ usw. (gut Philipps: „While you make your measures short...“) oder weniger wahrscheinlich „wir wollen sie öffnen und dann das Efa verkleinern“ (so z.B. Dahl). Kaufend schließlich ist finaler Infinitiv: „Wir wollen endlich handeln und dabei betrügen, um die Armen kaufen zu können.“ Oder aber so: Ab der wörtlichen Rede sind alles konsekutive Infinitive, die sich auf den Sabbat-und-Neumond-Satz zurückbeziehen (z.B. de Wette: „Wann ist der Neumond vorüber, dass wir Korn verkaufen, und der Ruhetag, dass wir Getreide auftun, dass wir das Epha verkleinern, und den Seckel vergrößern, und die Wage fälschen zum Betrug; dass wir um Silber Dürftige kaufen, und einen Armen [wegen] ein Paar Schuhen...“).
Der Sinn dieser langen Infinitivkette jedenfalls ist klar: Ähnlich, wie in den vorangegangenen Kapiteln v.a. die Kritisierten durch Partizipienketten charakterisiert werden, so eben hier durch diese Infinitivkette: Vv. 4-6 sind ein einziger Mega-Vorwurf des Amos an seine Gegner. (Zurück zu v.4)
mAnakrusis: lemor („denkend“ = „indem ihr denkt“) steht hier außerhalb des Metrums. Für gewöhnlich würde es sogar noch im vorangehenden Vers stehen, steht hier aber am Versbeginn, um einen weiteren Infinitiv an dieser Zeilenposition zu erhalten. (Zurück zu v.5)
nNeumond[tag] + Sabbat - Zwei hohe Feiertage, gemeinsam auch genannt in 2 Kön 4,23; Jes 1,13f.; 66,23; Ez 46,3; Hos 2,13. Der Sabbat wird noch heute im Judentum beachtet; eine ganze Reihe von speziellen Ge- und Verboten hat sich im Laufe der Jahre an die Sabbat-Observanz angelagert. Dies dürfte die älteste Stelle sein, an der immerhin bereits belegt ist, dass sabbats (und neumonds) nicht gehandelt werden durfte, ähnlich wie hierzulande und heutzutage am Sonntag. Ähnlich Ez 46,3: Neumond und Sabbat sind keine Arbeitstage, sondern religiöse Festtage. Ursprünglich war der Sabbat aber wahrscheinlich kein wöchentlicher, sondern ein monatlicher Feiertag, der mit dem Vollmondtag zusammenfiel; sehr wahrscheinlich war dies auch zur Abfassungszeit des Amosbuches die Situation. S. näher z.B. Sabbat (AT) (WiBiLex). (zu v.5)
oEfa - Ein Trockenmaß zum Abmessen von Getreide. Diesem verpassen sie einen doppelten Boden, um ihre Käufer betrügen zu können und weniger Getreide ausgeben zu müssen. Zu dieser und den folgenden Betrügereien vgl. bes. gut Bohlen 1986, S. 288f.; Fendler 1973, S. 41.
Die ersten drei Betrügereien werden im Alten Orient noch häufiger gemeinsam genannt, waren also eine verbreitete Praxis. Vgl. z.B. in der Lehre des Amenomepe: „Schiebe nicht die Handwaage beseite, verfälsche nicht die Gewichte, schädige nicht die Teile des Scheffelmaßes.(TUAT III/2, S. 240); im ägyptischen Totenbuch: „Ich habe dem Hohlmaß nichts hinzugefügt noch etwas weggenommen; ich habe das Flächenmaß nicht geschmälert und beim Ackerland nicht betrogen; ich habe nicht am Gewicht der Handwaage etwas hinzugefügt; ich habe das Lot der Standwaage nicht festgehalten...(TUAT II/4, S. 511f.); im Schamasch-Hymnus: „Er, der dabei betrügt, wenn er die Waage hält, der Gewichte vertauscht, der verringert [...](nach: COS I, S. 418); im Codex Hamurapi §73: „Wenn ein Kaufmann ... das Geld mit zu kleinem Gewichtsstein bzw. das Getreide mit zu kleinem Meßgefäß hingibt, bei der Rücknahme das Geld mit (zu großem) Gewichtsstein bzw. das Getreide (mit zu großem Messgefäß) zurücknimmt...(TUAT I/1, S. 54); Spr 20,10: „Zweierlei Gewicht und zweierlei Maß sind JHWH ein Gräuel“ usw. (Zurück zu v.5)
pSchekel - Normgewicht. Zur Abfassungszeit des Amosbuches gab es noch keine geprägten Münzen mit feststehendem Wert; bezahlt wurde daher, indem Edelmetalle abgewogen wurden mit einer Waage wie der, von der gleich die Rede ist. Dieses Normgewicht machen die Händler schwerer, um ihren Käufern noch mehr Edelmetall aus der Tasche zu ziehen. (Zurück zu v.5)
qdie betrügerische Waage beugen - d.h. wir manipulieren sie, so dass sie über unsere eben erwähnten Betrügereien hinaus noch zusätzlich zu unseren Gunsten wiegt. Hier auch noch verdoppelt: Die Waage wird „manipuliert“, und schon zuvor und prinzipiell ist sie eine „betrügerische Waage“. (Zurück zu v.5)
rZu für in 6a vs. wegen in 6b s. zu Am 2,6: „Sandalen“ sind ein sprichwörtlich geringer Betrag; s. Sir 46,19; auch 1 Sam 12,3 LXX. Die Präposition in 6b heißt aber nicht „für den Gegenwert von“, sondern „wegen“; gemeint ist also sehr wahrscheinlich: „wegen einer noch so geringen Geldschuld [die den Armen in die Schuldknechtschaft zwingt]“. (zu v.6)
sViele ältere Kommentatoren verschoben diese letzte Zeile ans Ende von V. 5, um den Korn-Abfall-Verkauf bei den anderne Kornhandels-Betrügereien einreihen zu können. So leider neuerdings wieder BB, GN, HfA, NL. Das ist sehr falsch und damit wird einer der stärksten Züge dieser Strophe zunichte gemacht: Die Armen werden en passant aufgekauft; sie sind nur eine weitere Ware, die im Zuge des betrügerischen Kornhandelns mit über den Ladentisch gehen. Zudem unterstreicht die Rahmung des Armen-Kaufs durch die Getreide-Betrügereien, dass sie überhaupt erst dank dieser Betrügereien aufgekauft werden können (vgl. ähnlich bes. gut Lang 1981, S. 483; auch Eidevall; Carroll). Das Verb ist deshalb Qatal und nicht ebenfalls Infinitiv, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass das eigentliche Ziel dieses ihres Handel(n)s tatsächlich die Versklavung der Armen ist. Dem selben Zweck dient die Inclusio mit „Armer“ in 4a und 6b. (Zurück zu v.6)
tZum Stolz Jakobs in V. 7 s. zu Am 6,8. Hier ist der Ausdruck etwas schwieriger: „JHWH schwört beim Stolz Jakobs“ ist eine Kombination aus „JHWH schwört bei sich selbst“ und „JHWH hasst den Stolz Jakobs“ in diesem Vers (vgl. auch Am 4,2, wo JHWH ebenfalls bei sich selbst schwört). (1) Am wahrscheinlichsten ist auch hier wie in 6,8 „Stolz Jakobs“ mindestens auch ein Ausdruck für Samaria. Vv. 7.14 umrahmen also Vv. 8-13 mit der Inclusio „JHWH schwört beim Stolz Jakobs = Samaria“ + „Sie, die schwören bei der Schande Samarias“ (dazu s. gleich), was auch unabhängig von der Bed. dieses Ausdrucks offensichtlich ist. Bei Samaria statt sonst bei sich selbst kann JHWH schwören, weil Samaria auch Sitz eines JHWH-Heiligtums ist. (2) Alternativ halten viele 7a für eine „an Ironie kaum noch zu überbietende Schwurformel“ (Rudolph 1971, S. 264): Gemeint sei wirklich der Hochmut der Israeliten, und höhnisch schwört Gott hier nicht bei sich, sondern gerade bei diesem ihm so verhassten Charakterzug der Israeliten (z.B. noch Wellhausen, Paul, Carroll).
Die Schuld Samarias hält man i.d.R. für einen Parallelbegriff zu den beiden unsicherenden folgenden Begriffen, die irgendwie fehlerhafte religiöse Praxis bezeichnen müssen (s. dort), und daher „Schuld“ für ein Schimpfwort für einen Götzen, bes. oft speziell für das goldene Kalb von Bethel. Aber ganz recht bereits Schröder; König 1914, S. 18; auch Hayes 1988, S. 213 (obwohl seine eigene Interpretation sehr fern liegt) und Kessler: 14a geht gar nicht parallel mit 14bc; wörtlich ausgeführt wird nur ein Schwur bei „deinem Gott, Dan“ und bei „dem dich Bewohnenden, Beer-Scheba“. Wahrscheinlicher ist also die „Schuld Samarias“ gerade das nicht-Schwören bei dem, der eigentlich der „Stolz Jakobs“ ist, sondern bei dem in Dan ganz im Norden Nordreiches oder bei dem in Beerscheba ganz im Süden des Südreiches.
Alternativ wurde früher in 14a gerne der Text geändert, v.a. von `ašmat („Schuld“) mit den selben Konsonanten zu `ašimat („Aschima“, eine Göttin von Hamath, die von dort nach 720 nach Samaria eingeführt wurde, s. 2 Kön 17,29f.; so z.B. Snaith, Soggin, Jeremias, Gordis 1979-80, S. 258) oder mit anderen Konsonanten zu `ašerat („Aschera“, die vermutlich früher als göttliche Ehefrau JHWHs angesehen wurde und die jedenfalls sicher in den meisten Heiligtümern gemeinsam mit JHWH verehrt wurde. S. näher anfanghaft z.B. Göttin (WiBiLex). So schon Hitzig, z.B. auch Maag 1951, S. 55; Markert 1977, S. 190). (Zurück zu v.7 / zu v.14)
uEine abgebrochene Selbstverfluchungsformel, s. zu Am 5,22. Gemeint ist also: Nie und nimmer („in Ewigkeit“) werde ich auch nur eine („alle“) ihrer Taten vergessen, sondern auf immer wegen ihnen zürnen. (Zurück zu v.7)
vdeshalb, also wegen „all ihrer Taten“. (Zurück zu v.8)
wTextkritik: Lies mit allen nicht ka`or („wie das Licht“) in MT, sondern nach LXX, VUL, Syr, Tg und mehreren MSS wie in der nächsten Zeile und in Am 9,5 kaje`or („wie der Fluss“). (Zurück zu v.8)
xTextkritik: Lies mit allen nicht wenišqah („getränkt werden“) wie Ketiv, sondern nach Qere, LXX, Sym, Theod, VUL, Syr, Tg und einigen MSS wie in Am 9,5 wenišqe´ah („zurückgehen“). (Zurück zu v.8)
yV. 8 schildert insgesamt ein Erdbeben apokalyptischen Ausmaßes. In starken Bildern; weil 8cd häufig als „sehr schlechter“ (Wellhausen) / „nicht sehr glücklicher“ (Hammershaimb) / „merkwürdiger“ (Jeremias) / „seltsamer“ (Eidevall) / „verwirrender“ (Carroll) usw. metaphorischer Vergleich bezeichnet wird und für sich genommen auch wirklich nicht gut verständlich ist, sei das Bild kurz erklärt: Wie der Vergleich mit Am 9,5 zeigt, wo der selbe Vers leicht variiert und „vollständiger“ noch einmal wiederholt wird, wird hier eine Motivkombination eingespielt, mit der noch häufiger im Raum Israels verdichtet wird, was geschieht, wenn Gott wütend auf oder an der Erde handelt. Vgl. bes. nah

Nah 1,5: „Vor ihm erbeben die Berge und dann zerfließen die Hügel und dann erhebt sich die Erde vor seinem Angesicht...“; auch
KAgr xv 1-3: „]Als Gott aufschien [...] schmolzen die Berge [....] und die Gipfel zersplitterten[“;
Jes 64,1f.: „Oh, dass du herniederführest, dass vor deinem Antlitz die Berge erbebten, wie Feuer Reisig entzündet, wie Feuer die Wasser wogen lässt...“;
Mi 1,4: „Und die Berge zerschmelzen unter JHWH, und die Täler spalten sich – wie Wachs vor dem Feuer, wie Wasser, das am Abhang ausgegossen wird...“;
Ps 97,4f.: „Die Erde sah es und bebte, die Berge zerschmolzen wie Wachs vor JHWH...“;

1QHa xi 35: „Und die Fundamente (der Erde = die Berge) zerschmelzen und beben ... bis zur vorbestimmten, ewigen, unvergleichlichen Zerstörung.“;
verwandt sind auch Ri 5,4f.; Ps 46,7; Hab 3,6.10.
Verglichen wird hier also nicht die Erschütterung der Erde bei einem Erdbeben mit dem langsamen Steigen und Fallen des Nils (was ja in der Tat ein absurder Vergleich wäre), sondern im Hintergrund steht die Vorstellung eines Erdbebens von solch gigantischem Ausmaß, dass selbst die steinernen Berge sich gänzlich desintegrieren und verflüssigen, so dass die ganze Erde von diesem flüssigen Gestein überschwemmt wird, bevor diese Flut dann wieder zurückgeht. Bildspender dürften dabei Vulkanausbrüche gewesen sein; geschildert wird es aber hier wahrscheinlich deshalb so, wie es geschildert wird, um damit auf Am 5,24 anzuspielen: „Nun wird Recht wogen wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegendes Wadi!“. Dass hier von einem vergangenen Erdbeben die Rede ist, das auch in Am 1,1 erwähnt wird, wie viele glauben, liegt also ebenfalls ganz fern; nach V. 7 liegt ohnehin nahe, dass hier stattdessen geschildert wird, was Folge davon sein wird, wenn Gott zu ewigwährendem Zorn entbrennt (die Verbformen dagegen, mit denen Gese 1989, S. 64 ebenfalls für ein künftiges Erdbeben argumentiert, sind kein starkes Argument: V. 8 ist eine Frage und in Fragen können Yiqtols und Weqatals im Heb. verwendet werden wie Qatal und Wayyiqtol. Vgl. z.B. Gen 37,15f.: „Was suchst [Yiqtol] du? – Ich suche [Qatal] meine Brüder.“; weitere Bspp. in Dav §45 Rem. 1). Vv. 6f. gehören also sicher mit den folgenden Versen zusammen; geschildert wird insgesamt wieder, was am „Tag JHWHs“ geschehen wird. (Zurück zu v.8)
zTextkritik: alle Hüften (all eure Hüften) - VUL, Syr und 3 MSS haben wie in den beiden vorangehenden Zeilen „eure“, die anderen Vrs. aber nicht – sicher geht dies also nur zurück auf eine versehentliche Angleichung an diese Zeilen. (Zurück zu v.10)
aaKlage + Trauergewand + Glatze - Hebräische Trauerbräuche, s. näher Trauer (AT) (WiBiLex). Zusammen auch genannt in Jes 15,2f.; Jer 48,37f.; Ez 27,30f. u.ö. S. auch noch mal nächste FN. (Zurück zu v.10)
abes + davon - nicht gut erklärlich. „Es“ + „davon“ könnte sich allenfalls auf „das Klagegeschrei“ beziehen. So aber nur wenige, z.B. Wellhausen, Elhorst, Driver, Harper. Die meisten, die dies überhaupt kommentieren, glauben stattdessen, es beziehe sich auf „den in v. 10a geschilderten Vorgang im Ganzen“ (Markert 1977,s S. 186; so z.B. auch Hammershaimb, Rudolph, Koch, Garrett). Schön ist das aber auch nicht, v.a., weil der „bittere Tag“ vor den zuvor erwähnten Trauerriten so blass auszufallen scheint.
Möglich wäre dies: Im Judentum unterscheidet man heute und mindestens seit talmudischen Zeiten mehrere Phasen der Trauer um einen Toten. Beerdigt wird ein solcher so schnell wie möglich; selten sogar am selben Tag, oft jedenfalls binnen 24 Stunden. Die Zeit zwischen dem Tod und der Beerdigung nennt man aninut, an die Beerdigung schließt sich die siebentägige schiva an, die danach in reduzierter Form noch weitere 23 Tage (insgesamt also 30 Tage) als scheloschim fortgesetzt wird. Jede dieser Phasen ritueller Trauer waren und sind durch bestimmte Riten und Bräuche charakterisiert. Noch heute zum Beispiel müssen trauernde Juden noch während aninut ihre Kleidung anreißen (eine Nachwirkung der „Trauerkleidung“), noch heute dürfen sie bis zum Ende von scheloschim ihre Haare nicht schneiden (eine Nachwirkung der „Glatze“). Im Talmud nun wird der „bittere Tag“ in Am 8,10 häufig mit aninut identifiziert; vgl. b.Ber 16b (Warum ging Rabbi Schimon ben Gamliel noch in der Nacht nach dem Todestag seiner Frau in ein Badehaus, obwohl das beim rituellen Trauern verboten ist? Weil er nach Am 8,10 der Meinung war, man habe nur bis zum Ende des Sterbetag zu trauern); b.MK 21a + b.Suk 25b (Bei rituellem Trauern darf man keine Phylakterien tragen. Wie lange? Rabbi Jehoschua sagt: Nur für den Sterbetag, siehe Am 8,10); b.Zeb 100b (Wie lange trauert man rituell? Bis zur Beerdigung, oder für einen Tag, wie Am 8,10 besagt? Rabbi Jehuda HaNasi sagt: Für den Todestag und die folgende Nacht; wird jemand bereits am Todestag beerdigt, ohne die folgende Nacht). Ähnlich wie b.Zeb 100b verbindet auch schon Tob 2,3 unseren Vers mit dem Tag der Beerdigung: (Ich beerdigte ihn, kehrte in mein Haus zurück, aß mein Brot unter Tränen und Klage und dachte an die Worte, die der Prophet Amos in Bethel gesprochen hatte: ‚Ich werde verwandeln eure Feste in Trauer usw.‘ Und ich weinte bitterlich.). Man muss nicht das Gesamt der talmudischen Trauer-Riten bereits für biblische Zeiten voraussetzen, gut möglich ist aber, dass „Bitter-Tag“ die Bezeichnung des Todestags war und zum Beispiel die drei zuvor genannten Bräuche „Klagegeschrei“, „Trauergewand“ und „Glatze“ wirklich an diesem Tag auszuführen waren. Dazu Gott: „Und [selbst] das Ende davon (also von diesem Trauern und Klagen) werde ich machen wie den Bitter-Tag“, oder in den Worten von Eliezer von Beaugency: „d.h., selbst am Ende wird man sie nicht trösten können; es wird für euch auf ewig so schlimm bleiben wie ein Neumond [ein Zeichen des Unglücks] zu seinem Beginn“. Ähnlich schon Gordis 1979-80, S. 257, der zumindest annimmt, jom mar sei ein terminus technicus für entweder den Todes- oder den Begräbnistag. Vielleicht nach ihm EÜ 1980: „und das Ende wird sein wie der bittere Tag (des Todes).“
Bedenklich ist allerdings, dass es unabhängig von diesen Am 8,10-Zitaten in den Talmudim keinen Beleg für jom mar als terminus technicus gibt. Das ist daher ziemlich hypothetisch; ein besserer Vorschlag zur Erklärung dieser beiden Zeilen ist mir (S.W.) aber nicht bekannt. Ist einem das zu hypothetisch, muss man frei übersetzen, z.B. wie MEN: „Ich werde es dabei hergehen lassen wie bei der Trauer um den einzigen Sohn und will [noch] das Ende davon zu einem bitteren Unheilstag machen!“; weniger nah LUT: „ich will ein Trauern schaffen, wie man trauert über den einzigen Sohn, und es soll ein bitteres Ende nehmen.“ (zu v.10)
acKlangspiel: jamim ba`im, „Tage kommen“. Kommen ist Partizip, nicht Yiqtol, was verwendet würde, wenn hier etwas über die Tage vorausgesagt würde. Gottes Entscheid steht bereits so fest, das schon damit die Tage bereits jetzt am Kommen sind. Exakt gleich in Am 4,2; Jer 30,3; Ez 30,9; Sach 11,6. (Zurück zu v.11)
adTextkritik: die Worte (das Wort) - Ursprünglich waren wahrscheinlich die Konsonanten dbr. MT und einige Tg-Mss deuten das entweder als defektiv geschriebenen Plural dibre(j) („die Worte“) oder das -j am Ende wäre entstanden durch Dittographie des j- in „JHWH“. LXX, VUL, Tg, Syr und einige MT-Mss dagegen deuteten entweder als Sg. debar („das Wort“) oder das dbr wäre entstanden durch Haplographie des -j vor „JHWH“. Die meisten halten den Sg. für ursprünglich; trotz dieser starken Bezeugung sollte man wegen dem folgenden Sg. und der Tatsache, dass der Sg. grundsätzlich wesentlich gebräuchlicher ist als der Pl., aber den Pl. für ursprünglich halten. So neuerdings z.B. auch Jeremias, Garrett, Carroll und Kessler. (Zurück zu v.11)
aeWieder kein ganz leichter Vers. jam (meist: „Meer“) heißt auch „Westen“ (z.B. Gen 28,14; Dtn 3,27; 1 Chr 9,24), nacheinander werden hier also drei von vier Himmelsrichtungen genannt. Aber vergleiche Ps 107,3, wo das Wort „Süden“ zu bedeuten scheint: „von Osten und von Westen, von Norden und von jam.“ Vier Deutungen sind verbreitet: (1) „Von Meer zu Meer“ gibt hier überhaupt keine Himmelsrichtungen an; man wankt „vom Norden bis zum Osten und vom (Mittel-)Meer zum Toten Meer“ (die meisten); (2) ein jam steht hier für „Westen“, eins für „Süden“, da das Tote Meer die Südgrenze des Nordreiches war (Hammershaimb, Anderson/Freedman, Gordis 1979-80, s. 257f.); (3) „Süden“ fehlt bewusst, da dort Juda liegt, und dort lässt sich Gottes Wort noch finden (Rudolph, Soggin, Paul, Eidevall). (4) Man nimmt nicht nur „Meer und Meer“, sondern auch ṣafon und mizraḥ nicht als Bezeichnungen für Himmelsrichtungen, sondern in ihren anderen Bedd. als „Dunkelheit“ resp. „Sonnenaufgang“, also „Man wird wanken von Meer zu Meer, von Mitternacht bis zum Sonnenaufgang“ (LUT 45 + 12, R-S, TAF). Vorschlagen möchte ich (S.W.) gerne (5), dass in diesem Ausdruck das chaotische Umherwanken auch sprachlich zum Ausdruck kommt. Auch Norden und Osten sind ja keine Gegensätze, so dass man „vom Norden zum Osten“ wanken könnte. Vielleicht ist der innere Kompass hier also sogar noch stärker verwirrt: Man wankt „vom Norden zum Osten und vom Meer zum Meer“, die dann nicht mal unterschiedliche Gewässer bezeichnen müssten.
Die meisten Üss. übersetzen entweder wörtlich oder folgen Deutung (1), z.B. GN + HfA: „Sie werden im Land umherirren, vom Toten Meer bis zum Mittelmeer und vom Norden bis zum Osten.“ (Zurück zu v.12)
afAber man wird es nicht finden: Im Heb. kürzestmögliche Zeile mit nur fünf Silben: welo jimṣa`u. Vielleicht daher treffender: „Man wird umherirren, um das Wort JHWHs zu suchen – aber nichts!“ (Zurück zu v.12)
agMädchen - Nicht: „Jungfrauen“. S. zu Am 5,2. (Zurück zu v.13)
ahTextkritik: Die Akzentuierung von V. 13 kommt unerwartet. Vielleicht ist dies ein Fall von Hypergrammatikalität? – Das Verb am Versbeginn ist feminin. Auf den ersten Blick sollte man daher meinen, dass damit auch die Versstruktur klar ist: Das Verb bezöge sich nur auf die „Mädchen“; „und die Knaben vor Durst“ wäre ein zweiter Satz, in dem das Verb erspart ist und stattdessen „vor Durst“ als Balastvariante fungiert (eine sehr übliche Versstruktur). Zur Akzentuierung dieses Doppelsatzes wären v.a. zwei Akzentuierungsweisen zur Verfügung gestanden, einmal nämlich mit Athnach, einmal ohne:

(1) בי֤ום ההוא֙ תתעלפנ֔ה הבתול֖ת היפ֑ות והבחור֖ים בצמֽא׃
(2) בי֥ום הה֣וא׀ תתעלפנ֗ה הבתולת֙ היפ֔ות והבחור֖ים בצמֽא׃
In beiden Fällen hätte der Vers mindestens zwei starke Trenner, nämlich Athnach und Zaqef im ersten, Zaqef und Rebia im zweiten Fall, und der jeweils stärkste hätte die beiden Sätze voneinander getrennt. In der Akzentuierung im MT dagegen steht überhaupt kein starker Trenner – weder Athnach noch Zaqef noch Rebia:
בי֨ום הה֜וא ת֠תעלפנה הבתול֧ת היפ֛ות והבחור֖ים בצמֽא׃
In sehr seltenen Fällen kann ein feminines Verb vor einem doppelten Subjekt oder Objekt, deren erstes Glied feminin und deren zweites maskulin ist, sich dennoch auch auf beide Glieder beziehen; vgl. bes. Num 12,1: „Es sprachen (fem.) Miriam und Aaron...“. Offenbar soll durch die auffallende Akzentuierung überklar gemacht werden, dass der Vers genau so und nicht anders zu deuten und zu sprechen ist; nicht als zwei Sätze also, sondern als nur einer; nicht „An jenem Tag werden die schönen Mädchen ohnmächtig werden. Und die Knaben [werden auch ohnmächtig werden] vor Durst“, sondern „Die schönen Mädchen und die Knaben werden [beide] ohnmächtig werden vor Durst.“

Dann aber müsste der Vers Prosa sein (Garrett etwa analysiert folgerichtig auch so): Aufspalten lässt er sich nur nach „die schönen Mädchen“; ein Enjambement wie „Es handeln SUB1 | und SUB2 MOD“ gibt es aber nicht in der heb. Poesie. Was ein solcher Prosavers hier aber sollte, wäre ganz unerklärlich: Vv. 12.14 sind offensichtlich Poesie, auch V. 13 ließe sich leicht als Poesie analysieren und hätte auch leicht so akzentuiert werden können. Warum die Masoreten das nicht getan haben und dann sogar besonders betont hätten, dass sie anders analysiert haben, ist rätselhaft. Obwohl zumindest Ginsburg und Wickham überhaupt keine Akzentuierungsvarianten verzeichnen, liegt näher, dies als Fehlakzentuierung zu betrachten und den Vers aufzufassen, als sei er akzentuiert wie bei (1). (Zurück zu v.13)
aischwören + so wahr ... lebt - Geschworen wurde im Alten Israel bei Göttern, u.a. mit der Schwurformel hier: „So wahr X lebt“. Mit dieser und anderen Schwurformel bekannte man zum einen natürlich die Existenz dieser Gottheit und bekannte man sich zum Anderen selbst zu dieser Gottheit; wer „bei dem Gott von Dan“ schwört, ist also jedenfalls kein Anhänger der Jerusalemer JHWH-Religion (s. noch mal nächste FN). Die Masoreten, die u.a. den heb. Konsonantentext mit Vokalzeichen versahen, unterschieden künstlich zwischen Schwüren bei JHWH und Schwüren bei allem anderen und allen anderen Göttern, indem sie „So wahr ... lebt“ in „So wahr JHWH lebt“ archaisierend als ḥaj, in „so wahr [nicht-JHWH] lebt“ als ḥe vokalisierten. Die beiden Schwüre in V. 14 sind beide als ḥe vokalisiert; die Masoreten erkannten den Gott von Dan also nicht als „ordentlichen“ JHWH an. S. nächste FN. (Zurück zu v.14)
ajdein Gott, Dan = JHWH. Im Alten Israel herrschte nicht nur Polytheismus (also ein „Mehr-Götter-Glaube“), sondern auch ein Polyjahwismus (also ein „Mehr-JHWHs-Glaube“). Wie Katholiken glauben, dass Christus in jeder geweihten Hostie gleichzeitig ganz gegenwärtig ist, so glaubten die Israeliten, dass Gott, der im Himmel thront, in mehreren irdischen Heiligtümern gleichzeitig ganz gegenwärtig war. Mit dem Unterschied, dass die „vielen JHWHs“ in den vielen Kultstätten doch „unterschiedener“ waren als die sozusagen „vielen Christusse“ in den vielen Hostien, so dass man einander z.B. sagen konnte: „Ich segne dich im Namen vom JHWH von Samaria. – Und ich segne dich im Namen vom JHWH von Teman.“ (vgl. KAgr 14+18). Entsprechend war auch „der Gott von Dan“ ein JHWH, von dem man sich vorstellte, dass er auf dem Stierbild von Dan thronte, das Jerobeam I. dort aufgestellt hatte (s. 1 Kön 12,29f.). In Dan wurde auch wirklich eine griechische Votivinschrift aus dem 3./2. Jhd. v. Chr. gefunden (die sog. „Zoilus-Inschrift“), in der dieser Zoilus vor „dem Gott in Dan“ einen Schwur ablegt. (Zurück zu v.14)
akdein Bewohner, Beerscheba (?, der Weg nach B.?, der Kult von B.?, , der Schreitende von B.?, der Brunnen von B.?, die Macht von B.?, dein Geliebter, B.?, dein Pantheon, B.?, der Schreitende von B.?) - Umstrittendster Ausdruck des Kapitels. Auch LXX konnte damit wohl nichts anfangen und übersetzt mit dem selben Ausdruck wie in der Zeile zuvor: „dein Gott“ (so auch H-R, LUT 84, TEX). Zu unserer Primärübersetzung s. zu (5). Heb. derek,
(1) auf den ersten Blick also „der Weg von/nach Beerscheba“ (so auch VUL, vielleicht Syr (vielleicht auch zu (2), so deutet z.B. Lamsa)), was v.a. in den neuesten Kommentaren gerne als „Pilgerfahrten nach Beerscheba“ erklärt wird (vgl. Am 5,5), wie man ähnlich im Islam „bei der Haddsch nach Mekka“ schwören kann (z.B Paul, Garrett, Eidevall, Carroll, Kessler, auch schon Baur; auch BB, GN, HfA, Michaelis). Aber richtig Gordis 1979-80, S. 258: Wege und Pilgerfahrten „leben“ doch nicht, in der Bibel und noch lange danach sind „Beim Leben von...“-Schwüre aber nur mit Lebewesen und Göttern belegt.
(2) Dahl, Rosenmüller, Moldenhawer und König 1914, S. 17 erklären das Wort stattdessen als „Art und Weise“ (was derek auch wirklich gelegentlich bedeuten kann) und danach als „Kult“ (so bereits Tg, so auch LUT 45, LUT 12, SLT); aber dafür gilt das Gleiche,
(3) ebenso für die Textkorrektur brk, was auch noch für b´rk („dein Brunnen“, das selbe Wort wie im ON „Beer-Scheba“) stehen soll (so Oort 1900, S. 142; Elhorst, Wellhausen).
(4) Neuberg 1950, Ackroyd 1968, S. 4 und Anderson/Freedman verbinden dagegen die Konsonanten mit dor („Kreis, Versammlung“); „deine Versammlung“ soll dann „dein Götter-Pantheon“ bedeuten, was in der Tat immerhin die Bed. von dr im Ugaritischen sein kann. Das dürfte die zweitbeste Alternative sein; dagegen spricht vor allem, dass Dan nur als JHWH-Heiligtum bekannt ist.
(5) Näher liegt der Vorschlag von Gordis 1979-80, S. 259, drk als darek zu vokalisieren: „der dich Bewohnende“, von dur („wohnen, bewohnen“). Er vergleicht gut den Ausdruck dr mtwḥjm „der den Himmel Bewohnende“ in den Pijjutim. Vgl. Mt 23,21: „Wer beim Tempel schwört, schwört bei demselben und bei dem, der ihn bewohnt.“; auch 1 Kön 8,13 = 2 Chr 6,2; Ps 76,2f.; 132,14. Ein häufiger Wechselbegriff für den Tempel ist miškan, „der Wohnort“ (z.B. Ps 26,8). Sinnvoll ist dieser Vorschlag auch deshalb, weil sicher nicht speziell die Kulte und Götter von Dan und Beerscheba angegriffen werden sollen, sondern Dan und Beerscheba stehen als nördlichster und südlichster Teil Gesamt-Israels für das ganze Reich und somit für alle Kultstätten außer dem in Jerusalem. Auch deshalb wäre zu erwarten, dass hier ein dem „dein Gott“ entsprechender möglichst universaler Begriff folgte, wie eben „dein Bewohner“.
(6) Sicher überlegen ist dieser Vorschlag u.a. auch deshalb dem von Linville 2008, S. 156f. (auch schon erwogen von Hayes 1988, S. 215), zu vokalisieren als dorek „der Schreitende (von Beerscheba)“. Gebräuchlich ist zwar im Ugaritischen und Hebräischen der Ausdruck „der Schreitende über Berge“ o.ä., nie wird dieser Ausdruck aber absolut verwendet.
(7) Beliebt ist schließlich noch die Textkorrektur zu dodeka („dein Geliebter“ wie Jes 5,1 oder „dein Verwandter“ = Familiengott, Hausgott), so z.B. BHK, BHS, Cripps, Snaith, Hammershaimb, Markert 1977, S. 191; noch Olyan 1991; Zehnder 1999, S. 381f.; auch EÜ 80, HER05, PAT („dein Liebling“), MEN, ZÜR 31 („dein Schutzgott“), R-S („dein Stammgott“). (7b) Manche Vertreter halten darin das dod auch für einen Eigennamen einer anderen Gottheit, die vielleicht (!) in der Mescha-Inschrift belegt ist („Der Altar ihres Dod“), daher hier: „Dein Dod“. Aber die Konsonanten des MT werden gestützt durch Mur, VUL, Tg und Syr.
(8) Sehr sicher nicht möglich ist der Vorschlag von Bartina 1956, drk bedeute hier „Macht, der Mächtige“ wie das Ugaritische drkt (so hier auch Amsler, Mays, Soggin, Stuart, Jeremias, Barstad 1984, S. 191-201). Dagegen vgl. nämlich schon Zirker 1958: ug. drkt heißt nicht „Macht“, sondern „Rang, Hoheit“. (Zurück zu v.14)