Amos 5

Aus Die Offene Bibel

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Syntax ungeprüft

Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Anmerkungen

Studienfassung (Amos 5)

1 „Hört dieses Wort,
Das icha anhebe über euch [als] Totenklage,b Haus Israel:c
2 ‚Es ist gefallen,d es kann nicht wieder aufstehen
Das Mädchen Israels,e
Es ist hingestreckt auf seinen Boden,
Es gibt keinen, der es aufrichtet (aufrichten könnte)!‘“

3 Denn (Fürwahr) so spricht der Herr JHWH:
„Die Stadt, die ausziehtf zu tausend (als Tausendschaft)
Wird hundert übrig behalten,g
Und die auszieht zu hundert (als Hundertschaft)
Wird zehn übrig behalten für das Haus Israel.“


4 Allerdings (denn, fürwahr) [auch] so sprach (spricht) JHWH zum Haus Israel:
„Sucht mich,h (und lebt=) dann werdet ihr leben!“
5 Aber (und) sucht nicht auf Betheli
Und nach Gilgalj geht nicht
Und nach Beerschebak zieht nicht hinüber,
Denn Gilgalj wird (ins Exil gehend ins Exil gehen=) ganz bestimmt ins Exil gehenl
Und Bethel wird zur Nichtigkeit.m
6 Sucht JHWH, (und lebt=) dann werdet ihr leben,
Damit er nicht entzünde (spalte, durchdringe, verbrenne, dareinfahre)n wie {das} Feuer das Haus Josefs
das (frisst=) verbrennt, (und=) während niemand löscht für Bethel (wegen Bethel)!o


7 Die Recht-in-Wermut-Verwandlerp
[Die] Gerechtigkeit zu Boden werfen sie!q
8 [Doch] der Plejaden-und-Orion-Macher,r
Der zum-Morgen-die-Dunkelheit-Verwandler
Und der[, der] den Tag [zur] Nacht verdunkelt (verdunkelte),
Der Meereswasser-Rufer,
[Der] sie [dann] ausgießt auf die Oberfläche der Erde –
JHWH ist sein Name!
9 Der über-dem Starken (Mächtigen)-Verwüstung (Zerstörung)-aufblitzen-Lasser –
Verwüstung (Zerstörung) bringt er (und Verwüstung kommt) über die Festung (befestigte Stadt).

10 Sie hassen den, der im Tor Recht spricht _Und verabscheuen den, der aufrichtig (untadelig) redet. 11 12 13 Darum wird der Kluge (Einsichtige) zu dieser Zeit schweigen, denn diese Zeit ist böse (schlecht). 14 Sucht das Gute und nicht das Böse, damit ihr lebt! Und JHWH, der Gott der Heerscharen, wird so mit euch sein, wie er sagt. 15 Hasst das Böse und liebt das Gute und richtet das Recht auf im Tor! Vielleicht wird JHWH, der Gott der Heerscharen, dem Überrest Josefs gnädig sein! 16 17Und in allen Weinbergen ist Trauer (Wehklagen), denn ich werde durch deine Mitte schreiten, spricht JHWH. 18 Wehe denen, die den Tag JHWHs herbeiwünschen! Wozu soll denn der Tag JHWHs sein? Er wird Finsternis sein und nicht Licht. 19 20 Ist nicht der Tag JHWHs Finsternis (Dunkelheit) und nicht Licht? Dunkelheit, nicht Helligkeit (Glanz, Tageslicht) ist er.s 21 Ich hasse, ich verwerfe eure Feste, und eure Festversammlungen kann ich nicht riechen. 22 Denn wenn ihr mir Brandopfer opfert, missfallen sie mir, und an euren Speiseopfern habe ich keinen Gefallen, und das Heilsopfer von einem Mastvieh will ich nicht ansehen. 23 Halte den Lärm deiner Lieder von mir fern! Und das Spiel deiner Harfen will ich nicht hören! 24 Aber Recht ergieße sich wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein immerfließender Bach! 25 Habt ihr mir vierzig Jahre in der Wüste Schlachtopfer und Speiseopfer dargebracht, Haus Israel? 26 Und habt ihr den Sikkut und Kiun getragen, eure Götzenbilder, den Stern eurer Götter, die ihr euch gemacht habt? 27 So werde ich euch über Damaskus hinaus gefangen wegführen, spricht JHWH, Gott der Heerscharen ist sein Name.</poem>

Anmerkungen

aIch ist wahrscheinlich JHWH, nicht Amos: Am 5,1 beginnt wie wie die beiden vorangehenden Kapitel mit „Hört dieses Wort...“. Beide Male wird dadurch ein Ausspruch JHWHs eingeleitet (Am 3,1: „Hört dieses Wort, das JHWH über euch redet...“; Am 4,1f.: „Hört dieses Wort...: Es schwört der Herr JHWH bei seiner Heiligkeit: ...“). Weil in Am 5,1 anders als dort kein Sprecher des wiedergegebenen Ausspruchs in V. 2 identifiziert wird, halten die meisten Am 5,1f. für die Rede des Amos, so dass Am 5,1f. aus dem Muster von Am 3,1 und Am 4,1 fallen würde (z.B. Fleischer 1989, S. 95: „Wäre der Sprecher von V 1 JHWH, so würde man vor dem Höraufruf eine einleitende Botenspruchformel erwarten. Daß erst V 3 mit einer solchen eingeleitet wird, kann zumindest als schwaches Indiz dafür gewertet werden, daß der Verfasser dieses Verses die VV 1-2 nicht als Gottesrede verstanden hat. Damit entsteht aber eine Spannung zwischen dem dbr des Höraufrufs in Am 3,1 und 4,1 und demjenigen in Am 5,1, der auf eine Prophetenwort hinweist.“). Nun folgt aber Am 5,1 direkt auf Am 4,13 (man bedenke hier auch, dass die Aufteilung der hebräischen Bibel in Kapitel erst im 15. Jahrhundert geschah. Ursprünglich ist die Bibel nicht in Kapitel gegliedert, sondern in Abschnitte, die mal enger mit den vorangehenden und/oder folgenden Abschnitten zusammenhängen, mal loser), wo davon die Rede war, dass Gott „dem Menschen seine Klage kündet“ (s. dort); und dies zusammen mit der üblichen Verwendung von „Hört dieses Wort“ macht doch sehr wahrscheinlich, dass hier und im Folgenden JHWH spricht. LXX ergänzt daher sogar „das Wort [des Herrn]“. (Zurück zu v.1)
bTotenklage: Kultischer Volksbrauch im Alten Israel: Starb ein:e Israelit:in, stimmte man eine Totenklage auf den/die Verstorbene:n an (s. z.B. 2 Sam 1,17ff.; 3,33f. zu zwei Totenklagen Davids). Gelegentlich war diese Totenklage auch Aufgabe besonderer Spezialist:innen (s. z.B. Jer 9,16f.19f.; Ez 32,16), von denen in diesem Kapitel auch in V. 16 die Rede sein wird. S. dazu näher Totenklage (AT) (WiBiLex). (Zurück zu v.1)
cHaus Israel - Biblisches Idiom. Weil Kernfamilien i.d.R. zusammen in einem Haus lebten, konnte man „Haus“ auch als Wechselbegriff für „Familie“ verwenden. Diese Verwendung von „Haus“ ließ sich auch ausweiten, so dass „Haus“ auch stehen konnte für die erweiterte Familie (die „Sippe“) und am Ende sogar für ein ganzes Volk, das sich als Nachkommenschaft eines Stammvaters wie hier Israels (=Jakobs, s. Gen 32,29) verstand.
Textkritik: Der Vokativ klappt ungewöhnlich nach; normalerweise würde man ihn am Beginn der Zeile erwarten. LXX und VUL verbinden u.a. deshalb diese Worte mit dem folgenden Vers (wieder: man bedenke hier auch, dass die schriftliche Einteilung hebräischer Texte in Verse frühestens im 8. Jahrhundert geschah). Das ist grammatisch nicht möglich, da „Haus Israel“ maskulin, die folgenden Verbformen dagegen feminin sind. Außerdem findet sich ein vergleichbar nachklappendes „Haus X“ nicht nur hier, sondern auch am Ende von V. 3 und V. 6 und ist daher sogar eher typisch für dieses Kapitel, so ungewöhnlich es im Heb. auch klingt. Der sich durch die Verschiebung ergebende V. 2' ist aber so klar gegliedert, dass auch deshalb leicht einsehbar ist, warum LXX und VUL den Text dennoch so aufgefasst haben:

(A) Das Haus Israel (B) ist gefallen, (C) Es kann nicht wieder aufstehen,

(A') Das Mädchen Israels (B') wurde auf seinen Boden geworfen,
(C') Es gibt keinen, der es aufrichtet. (Zurück zu v.1)
dgefallen - und liegt nun im Sterben, daher hier als Einleitung der (etwas voreiligen) Leichenklage. (Zurück zu v.2)
eMädchen Israels - Ein weiteres Idiom; ebenso in Jer 18,13; 31,4.21. Gemeint ist nicht ganz Israel, wie die übliche Üs. „Jungfrau Israel“ nahelegt, sondern Samaria, die Hauptstadt Israels. Im ganzen Alten Orient verbreitet war nämlich das Bild von Hauptstädten als Frauen, die in besonders engem Verhältnis zu einer männlichen Gottheit standen. So bes. ausführlich z.B. in Jes 47, wo Babylon nacheinander als „Tochter“, „Mutter“ und „Witwe“ (im Gegensatz zu „Braut“, s. z.B. Jes 62,3f.) dargestellt wird. Heb. betulah ist nicht eigentlich die „Jungfrau“, s. Joel 1,8, wo eine Witwe als betulah bezeichnet wird. betulah (von btl „trennen, absondern“) ist stattdessen wahrscheinlich das regelmäßig im Haus ihres Vaters von anderen Männern abgesonderte Mädchen. I.d.R. ist es daher schon eine Jungfrau, in der Wortbedeutung liegt es aber nicht. Wird an dieser und den drei Jeremia-Stellen oben also Samaria und sonst häufig Zion (=Jerusalem) als betulah bezeichnet, soll Samaria / Jerusalem damit wahrscheinlich dargestellt werden als von Gott besonders behütete Stadt (s. zur Stelle bes. Schmitt 1991, S. 386f.), und dies hier und in Jer 18,13 deshalb, weil gerade gesagt werden soll, dass dieses Behütet-Sein von Gott nun nicht mehr gilt. Samaria gehört hier also zum „Hausstand“ Israels, nämlich als das Nästhäkchen dieser Familie. Dass gerade dieses Nesthäkchen nun sterben wird, ist besonders tragisch. (Zurück zu v.2)
fauszieht - Gemeint ist der militärische Auszug, s. Gen 4,16; Dtn 20,1; 1 Sam 8,20 u.ö. Dazu passen die Zahlen; Israels Armee war organisiert in „Tausendschaften“ und „Hundertschaften“, s. bes. 1 Sam 22,7; 2 Sam 18,1; auch 1 Sam 17,18; 18,13. Gut daher Wolff: „als Tausendschaft“ und „als Hundertschaft“; gut auch BB („Ziehen aus einer Stadt 1000 Männer in den Krieg...“); LUT („Die Stadt, aus der tausend zum Kampf ausziehen...“); ZÜR („Die Stadt, die ausrückt mit tausend...“) u.a. (Zurück zu v.3)
gtFN: übrigbehalten - Prima vista eigentlich: „übrig lassen“; der Hifil von scha`ar ist häufig und hat stets diese Bed. (s. z.B. Dtn 2,34; 1 Sam 14,36; 1 Kön 16,11 u.ö.). Einzige Ausnahme ist vielleicht die stehende Wendung ´ad bilti hisch`ir-lo ßarir „bis ihm kein Überlebender übrig blieb“ (Num 21,35; Dtn 3,3; 28,55; Jos 10,33; 11,8). Wegen der üblichen Verwendung von scha`ar Hifil will Ehrlich 1912, S. 239f. hier stattdessen das Piel tischa`er lesen. Entweder dies, oder scha`ar Hifil hat hier ausnahmsweise die selbe Bed. wie in besagter Redewendung, oder es ist dies die sechste Stelle in Am (nach Am 2,8.13.15; 4,3.7), an der Hifil ungewöhnlicherweise nicht transitive, sondern intransitive Bed. hat (also nicht „übrig lassen“, sondern eben „übrig behalten“). (Zurück zu v.3)
hSucht mich - Zur Bed. s. die nächste FN. (Zurück zu v.4)
iBethel - Name einer Stadt Israels, in der sich ein wichtiges Heiligtum befand; s. zu Am 4,4. W. „Haus Gottes“; Vv. 4f. sind also geradezu paradox: JHWH soll Israel „suchen“, das „Haus Gottes“ aber soll es nicht „auf-suchen“ (im Heb. das selbe Wort). Suchen, Heb. darasch, kann im Zhg. mit dem Kult drei unterschiedliche Bed. haben: (a) „eine Kultstätte aufsuchen“ (s. z.B. Ps 24,6 mit Ps 24,3.7), (b) „Gott (evt.: durch ein Medium) befragen“ (s. z.B. 1 Sam 9,9), (c) „Gott verehren“ – entweder durch kultische Verehrung oder noch häufiger dadurch, dass seinen Geboten Folge geleistet wird (s. z.B. Ps 119,2 mit Ps 119,10.45.94). Klar wird durch das Beieinander von Vv. 4.5 zunächst: darasch heißt überraschenderweise auf jeden Fall schon mal keinesfalls (a) und (c1); das sollen die Angesprochenen gerade nicht tun. Und V. 14 wird dann noch weiter präzisieren: darasch JHWH heißt hier wirklich einzig (c2): Nicht kultische Verehrung, sondern nur gottgemäßes Handeln. In die gleiche Kerbe wird dann deutlichst noch mal Am 5,21-27 hauen.
Im babylonischen Talmud findet sich in b.Mak 23b-24a eine schöne und sehr passende Auslegung dieser Stelle: „Rabbi Simlai lehrte: ‚613 Gebote [die sog. mitzvot, an die strenggläubige Juden sich noch heute halten] wurden Mose gegeben. ... Dann kam David und dampfte die 613 Gebote auf elf ein [denn in Ps 15 stehen elf Vorschriften]. ... Dann kam Jesaja und dampfte sie auf sechs ein [denn in Jes 33,15 stehen sechs Tugenden]. ... Dann kam Micha und dampfte sie auf drei ein [s. Mi 6,8]. ... Dann kam noch mal Jesaja und dampfte sie auf zwei ein [s. Jes 56,1]. ... Und schließlich kam Amos und dampfte sie auf nur noch eines ein [nämlich eben in diesem Vers: Sucht mich (und mehr braucht es nicht, denn schon dann) werdet ihr leben!].‘ Rabbi Nachman ben Isaak wandte ein: ‚Vielleicht bedeutet dieser Vers aber ja: ‚Sucht mich mit allen [Vorschriften der] Torah!‘ Aber auch dann kam ja immerhin Habakuk und dampfte sie zu einem ein, da es dort ja heißt (Hab 2,4): ‚Der Gerechte wird leben durch seinen Glauben.‘‘“ (Zurück zu v.5)
jGilgal - Name einer Stadt Israels, in der sich offenbar ein sonst nicht mehr belegtes weiteres wichtiges Heiligtum befand. W. „Stein-Kreis“. (zu v.5)
kBeerscheba - Name einer Stadt im äußersten Norden Judas nahe der Grenze zu Israel, in der sich ebenfalls ein wichtiges Heiligtum befand; offenbar war es auch nach der Trennung von Israel und Juda noch üblich, dass Israeliten zu diesem Heiligtum „hinüberzogen“. W. „Brunnen der sieben (Schwüre)“, vgl. Gen 21,22-34. (Zurück zu v.5)
lKlangspiel: gilgal galoh jigleh. Wellhausen daher schön, aber wenig sinngemäß: „Gilgal wird zum Galgen gehen“; näher de Wette („Gilgal entgilt es mit Gefangenschaft“), auch Rudolph (ungefähr: „Für Gilgal gilt: Exil!“) und TUR („Gilgal wird gleich geleert“); ganz fern Ewald („Gilgal wird Galle weinen“) und B-R („der Ringwall, rings gewalzt wird er, abgewalzt“). (Zurück zu v.5)
mBethel + Nichtigkeit - Wahrscheinlich ein Sinnspiel: „Nichtigkeit“, heb. awen, ist d.Ö. ein Schimpfwort für falsche Götzen (s. z.B. Jes 66,3). Dazu soll nun also gerade Bethel, das „Haus Gottes“, werden. Östlich von Bethel lag außerdem ein Ort namens „Beth Awen“ (W. „Haus der Nichtigkeit“; s. bes. Jos 7,2), was geradezu zu Wortspielen einlud – Hosea verwendet daher gleich „Beth Awen“, wenn er gegen Bethel polemisieren will (s. Hos 4,15; 5,8; 10,5), was LUT 1545 + 1912 + 1984 (nicht mehr 2017) offenbar auch hier als ursprünglichen Text ansah („Beth-El wird Beth-Aven werden“). Vielleicht kann man diese Verballhornung wirklich auch schon für die Zeit des Am voraussetzen, so dass hier auch auf diese immerhin angespielt würde. Wellhausen jedenfalls deshalb sehr schön: „Bethel wird des Teufels werden“, weniger sinngemäß Rudolph: „Bethel ist einen Bettel wert“, ähnlich TUR („Bet-El wird zum Bettel“), ähnlich auch Ewald + MEN + NeÜ + SLT („Bethel [Gotteshaus] wird zum Unheilshause werden“) und B-R („Betel, das Gotteshaus, wird zur Argstätte“). (Zurück zu v.5)
ntFN: entzünde (spalte, durchdringe, verbrenne, dareinfahre) - Umstrittenes Wort. tsalach heißt sonst entweder „gelingen, gedeihen, gut zu gebrauchen sein“ oder ausschließlich dann, wenn der „Geist Gottes“ das Subjekt des Verbs ist, „eindringen, durchdringen“ (z.B. Ri 14,6). Im Aramäischen heißt es außerdem „spalten“, was die jüd. Exegeten ibn Janach, ibn Ezra und Kimchi auch hier verstehen („damit Gott das Haus Josephs nicht spalte wie Feuer“). Sonst ist diese Bed. im Heb. aber nicht belegt. Eine weitere Bed. des Wortes könnte dagegen nur in 2 Sam 19,18 belegt sein, wo Personen Subjekt des Verbs sind und viele mit „eilen zu“ übersetzen. Hier ist dagegen Feuer das Subjekt des Verbs, in Sir 8,10 eine dann brennende Kohle sein Objekt. Entsprechend übersetzen hier LXX, VUL, Tg und Syr alle mit einem Wort für „anzünden, entbrennen“.
(a) Nur wenige Kommentare, aber die meisten Üss. orientieren sich an der Primärbed. des Verbs, z.B. : „Sonst dringt er in das Haus Josef ein wie ein Feuer“; Jeremias 1995: „Sonst durchdringt er das Haus Josef wie Feuer“. Aber wie gesagt, dies scheint eine Sonderbed. zu sein, die das Wort nur in Verbindung mit dem „Geist Gottes“ annimmt. (b) Eine ganze Reihe von Exegeten denkt stattdessen, dass das Wort tatsächlich etwas wie „brennen“ bedeuten müsse. (b1) Tawil 2012 und Paul 1991 verweisen daher auf einige hebräische, ugaritische und akkadische Wörter, die primär Verben der Bewegung sind, sekundär aber gleichzeitig die Bed. „brennen“ haben, und nehmen auf dieser Basis an, dass dies auch für dieses Wort gelte. Mit der primären Bed. „eindringen“ passt unser Wort aber nicht sehr gut in dieses Muster; beide müssen daher ganz am unsicheren V. 2 Sam 19,18 ansetzen und dem Wort dort die Bed. „eilen zu“ geben. (b2) Rudolph und Soggin setzen ein tsalach II an, das mit Akk. tselû „brennen“ verwandt sein soll, aber richtig Paul 1991, s. 165: Dieses akk. Wort heißt eigentlich „räuchern, rösten“ und hat außerdem bereits ein Kognat im heb. tsalah „rösten“. (b3) Eine dritte Gruppe von Exegeten korrigiert יצלח כאש zu ישלח באש „er sandte=verbrandte mit Feuer (das Haus Josefs)(vgl. Ri 20,48; 2 Kön 8,12) oder zu ישלח אש ב „er sandte Feuer in (das Haus Josefs)(vgl. Ez 39,6; Hos 8,14); so z.B. Maag 1951, Mays 1969. (c) Eine weitere Gruppe von Exegeten schließlich setzt wie Tawil und Paul an der Sonderbed. (?) „eilen zu“ in 2 Sam 19,18 an und lässt sich in der Üs. hiervon leiten, z.B. Ehrlich 1912: „Er wird dareinfahren wie Feuer“; Andersen/Freedman 1989 und Garrett 2008: „Lest he rush upon the House of Joseph like a flame“; Eidevall 2017: „Otherwise he will attack the house of Joseph like fire“.
Alles in allem ist keine dieser Positionen ganz unproblematisch; Sir 8,10 macht aber wirklich sehr wahrscheinlich, dass das Wort auch die Bed. „entzünden“ haben kann. (Zurück zu v.6)
ofür Bethel (wegen Bethel) - schwer erklärliche Spezifikation. Wolff 1969 übersetzt mit „wegen Bethel“ und Jeremias 1995 mit „betrifft Bethel“; beide denken, hiermit solle abschließend noch einmal darauf hingewiesen werden, dass der Grund des Verbrennens Gottes die schuldhaften Taten seien, die zu Bethel geschahen. Sicher noch vorzuziehen ist die früher verbreitete Erklärung, Bethel als wichtigstes kultisches Zentrum des Nordreichs würde hier pars pro toto für das ganze kult-treibende Israel genannt (z.B. Moldenhawer 1787, S. 260; Keil 1866, S. 199; Hitzig 1881, S. 127; Harper 1905, S. 112; Driver 1915, S. 181). Man könnte also geradezu übersetzen: „trotz Bethel“: Obwohl so fleißig in Bethel (und Gilgal und Beerscheba) geopfert wird, ist da niemand, der „für Bethel“ – als Gegenleistung für oder als Reaktion auf den Kult also, den die Israeliten betrieben (zu dieser Verwendung von le- vgl. Jenni 2000, S. 300: Angabe eines Anlasses; Bsp: Jes 30,19: „JHWH wird dir gnädig sein le die Stimme deines Schreiens.“) – JHWHs Feuer wieder löschte; und dies deshalb, weil der ganze Kult wertlos ist, wenn nicht auf richtige Weise „Gott gesucht“ wird.
Textkritik: LXX und VL ändern zum viel einfacheren „für das Haus Israel“, womit dann einfach angegeben würde, wer vom Löschen profitierte. Doch Aq, Sym, VUL, Tg und Syr stützen den MT, der daher sicher ursprünglich ist. Viele ältere Exegeten folgten dennoch LXX (z.B. Houbigant, BHK, Cripps, Gordis, BHS); andere strichen einfach die Spezifikation (z.B. Wellhausen, Nowack, Mays, Rudolph). Die Variante der LXX läge merkwürdigerweise auch von der poetischen Struktur von Vv. 4-6 her näher, da diese Verse deutlich eine Ringkomposition bilden:
So sprach JHWH zum Haus Israels (lebet jißrael):
Sucht mich, dann werdet ihr leben!
Aber sucht nicht auf Bethel
Und nach Gilgal geht nicht
Und nach Beerscheba zieht nicht hinüber,
Denn Gilgal wird ganz bestimmt ins Exil gehen
Und Bethel wird zur Nichtigkeit.
Sucht JHWH, dann werdet ihr leben!
Damit er nicht entzünde wie Feuer das Haus Josefs, das verbrennt, während niemand löscht [für das Haus Israels (lebet jißrael statt lebet-el)].
Dennoch, eine solche textkritische Operation wäre heute durchaus nicht mehr zulässig; wie dieses so naheliegende „Haus Israel“ derart einheitlich zu „Bethel“ verderbt worden sein sollte, ließe sich ja gar nicht erklären. Es ist ein etwas merkwürdiger Abschluss dieses Verses. (Zurück zu v.6)
pRecht in Wermut verwandeln - Gut Driver 1915, S. 182: Durch sie entartet also das Recht, das eigentlich ein Instrument für das gute Leben sein soll, zu etwas Bitterem. Wie das funktionieren kann, zeigen Vv. 10-12. (Zurück zu v.7)
qProsopopoeia: Wie oben ganz Israel als Mensch dargestellt wurde, der „zu Boden fallen“ konnte, so hier die „Gerechtigkeit“, die „zu Boden geworfen wird“. Nachträglich erweist sich so der Sturz Israels als Umkehrstrafe: Er wird so geschehen, wie er geschehen wird, weil die Israeliten so handeln, wie sie eben handeln.
Wie V. 7 mit den umgebenden Versen zusammenhängt, ist umstritten. Klar ist, dass mit dem „die Dunkelheit zum Morgen verwandeln“ in V. 8 an „Recht in Wermut verwandeln“ angeknüpft wird (um das klarer zu machen, haben wir hier ein „doch“ eingefügt). Klar ist auch, dass nach dem kultkritischen Abschnitt in Vv. 4-6 hier mit der Rede von „Recht“ und „Gerechtigkeit“ ein neues Thema eingeleitet wird, das in V. 10 fortgesetzt wird. Vermutlich sollen daher Vv. 7.8f. zunächst die beiden Parteien identifizieren, bevor dann Vv. 10f. klar machen, wie die zweite Partei auf die erste reagiert (so z.B. Keil 1866, S. 200: „Den Gedankenzusammenhang zwischen v. 8 u. 7 hat Hitzig richtig so angegeben: ‚Sie tun also, während Jehova der Allmächtige ist und plötzlich Verderben über sie bringen kann.‘“). Sehr viele Exegeten ergänzen stattdessen vor V. 7 ein „Wehe“ („Wehe denen, die verwandeln...“), was aber textkritisch überhaupt keine Basis hat, glauben, man könne sich ein solches „Wehe“ hier einfach dazudenken (so z.B. Andersen/Freedman; Mays) oder verschieben Verse so, dass V. 10 direkt an V. 7 anschließt. Keine dieser Optionen lässt sich wirklich ernst nehmen. (Zurück zu v.7)
rPlejaden und Orion, im Heb. w. „der Haufen“ und „der Narr“, sind zwei benachbarte Sternbilder. Sie sind nicht zusammen mit der Rede vom Wechsel von Tag und Nacht in Zeile b-c ein eigenes Thema neben dem zweiten Thema des Regen-Machens in Zeilen d-e, sondern besonders die Plejaden, ein sehr heller Sternhaufen (daher eben heb. kimah, „Haufen“) aus sieben Sternen, waren im Alten Israel mit dem Regen und den Gezeiten assoziiert. Nach ältester Vorstellung führten sie wohl Regen und Flut ähnlich herbei, wie in Ägypten der Stern Sirius die Nilschwemme herbeiführte, und wurden daher noch lange als Götter verehrt (s. bes. 2 Kön 23,5). In Ri 5,21 ist daher das starke Strömen des Kischon wahrscheinlich nicht etwa unabhängig vom „Kampf der Sterne“ mit Sisera in Ri 5,20, sondern gerade die Waffe der Sterne. Später wandelte sich die Vorstellung dann dahin, dass Gott sich der Sterne als Instrumenten bediente, um Einfluss auf Regen und Gezeiten zu nehmen; daher beginnt eben hier der Vers mit der Rede von den Plejaden und dem Orion und endet mit der Rede von Ebbe und Regen; ebenso steht in Ijob 38,25-35 ein kurzer Abschnitt über die Sterne zwischen zwei Abschnitten über Witterung und Gezeiten. V. 8 beleuchtet daher mehrere Aspekte nur eines Themas: JHWH spendet den Regen – zum einen nämlich mittelbar insofern, als er die unmittelbar den Regen herbeiführenden Gestirne geschaffen hat und ihnen mit der Nacht einen eigenen Herrschaftsbereich einräumt, zum anderen selbst unmittelbar, insofern er zunächst die Meerwasser verdunsten lässt und dann wieder über die Erde ausgießt (eine mythische und eine quasi naturwissenschaftliche Erklärung des Regens werden hier also nebeneinander genannt. Dazu, dass auch im Alten Israel hier an Meerwasser gedacht werden konnte und nicht an Wasser des Himmelsmeeres gedacht werden muss – was aber auch möglich wäre – vgl. die Deutung von Gen 2,6 durch Rabbi Eliezer (1. Jh. n. Chr.) in b.Taan 9b: „Es wird gelehrt, dass Rabbi Eliezer sagte: ‚Die ganze Welt trinkt von den Wassern des Ozeans, wie es ja heißt: ‚Nebel stieg von der Erde auf und bewässerte die ganze Erdoberfläche‘ (Gen 2,6).‘ Rabbi Jehoschua wandte ein: ‚Aber die Wasser des Ozeans sind salzig!‘ Er antwortete: ‚Sie werden in den Wolken noch gesüßt.‘“). V. 8 ist damit Vorbereitung der ersten Hälfte von V. 11, wie V. 9 die zweite Hälfte vorbereitet; s. dort.

Die Identität des „Narren“ als Orion ist leicht umstritten; Dalman in AuS I, S. 486-489 und z.B. auch Koch 1973, S. 518f. halten ihn stattdessen für den Sirius. Ihre Gründe sind gut, die Identität des „Narren“ ist aufgrund der übereinstimmenden Üss. in mehreren alten Vrs. aber fast sicher (vgl. dazu z.B. den entsprechenden Abschnitt in Sterne / Sternbilder / Sterndeutung (WiBiLex)).

Genauer: Weil der Zusammenhang der Pleiaden mit dem Regen auch in der atl. Exegese nicht allgemein bekannt ist, seien hier einige Hintergründe und Belegstellen aus den rab. Schriften zusammengetragen.
Wann sich Sternbilder wo zeigen, hängt vom Ort der Himmelsbeobachtung und von der Jahreszeit ab; im Alten Orient dienten die Sterne daher allgemein und häufig als Zeitmesser und galten als Einflüsse auf die jahreszeitentypischen Witterungsverhältnisse. Neben dem Zeitraum, während dem ein Sternbild gar nicht zu sehen war, weil es zeitgleich mit der Sonne am Himmel stand, schenkte man v.a. in alten ägyptischen und sumerischen Texten besonders drei Zeitpunkten besondere Aufmerksamkeit: (1) Dem Zeitpunkt des „Aufgangs“ eines Sternbildes – dem Zeitpunkt also, an dem sich das Sternbild das erste Mal im Jahr wieder kurz am Morgen am Himmel zeigt, bevor die Sonne aufgeht (der sog. „heliakische Aufgang“), (2) dem Zeitpunkt, zu dem das erste Mal das Sternbild bereits mit Sonnenuntergang sichtbar ist („akronychischer Aufgang“), und schließlich (3) einem zwischen (1) und (2) liegenden Zeitpunkt, zu dem dieses Sternbild beim Sonnenuntergang „im Zenit“ steht („akronychische Kulmination“).
Mit dem Heliacal Rising Simulator der Uni Nebraska lassen sich diese Daten für das heutige Israel komfortabel berechnen, wegen der Präzession der Erde muss man für die Verfassungszeit des Amosbuches aber wahrscheinlich etwa einen Monat abziehen (vgl. zum Phänomen schön verständlich Puls 1998). Danach wären die Plejaden zur Abfassungszeit des Amosbuches nur im April fast gar nicht zu sehen gewesen, weil sie zeitgleich mit der Sonne am Himmel standen. Um den 18. April zeigten sie sich das erste Mal kurz am Morgenhimmel, bevor die Sonne aufging (1), und dieser Zeitpunkt des Aufgangs der Plejaden rückte dann jeden Tag um vier Minuten nach vorne, bis sie Ende September schon mit Einbruch der Abenddämmerung sichtbar waren, dann die ganze Nacht hindurch am Himmel standen und erst nach 8 Uhr und damit nach Sonnenaufgang für das menschliche Auge unsichtbar untergingen (2). Anfang Januar standen sie außerdem zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangs im Zenit (3). Beim Orion liegen diese Zeitpunkte alle etwa 1,5 Monate später; sicher schon mal nicht korrekt ist daher, was in manchen Kommentaren und Aufsätzen zu lesen ist – dass die Plejaden den Winter und der Orion den Sommer signalisieren / herbeiführen.
Weil in Israel die für den Ackerbau wichtige Regenzeit gegen Ende September/Anfang Oktober und damit etwa zeitgleich mit dem akronychischen Aufgang der Plejaden einsetzte, wurden die Plejaden zum Signal für den Beginn der Regenzeit. In b.RH 11b-12a wird daher die Regenzeit vom Stand der Plejaden her bestimmt: „Rabbi Yehoschua sagte: ‚[Die Flut geschah] am siebzehnten Ijjar, einem Tag, an dem die Plejaden am Tag untergehen und die Quellen beginnen, weniger Wasser zu geben [, also in der Dürreperiode vor September].‘ Rabbi Eliezer [widersprach]: ‚Sie geschah am siebzehnten Marcheschvan, einem Tag, an dem die Plejaden am Tag aufgehen und die Quellen daher gerade aufgefüllt werden [also in der Regenperiode].‘“ Beide stimmen aber darin überein, dass Gott die Flut herbeigeführt habe, indem er Einfluss auf die Plejaden ausgeübt haben; ebenso b.Ber 59a: „Als der Heilige, gelobt sei er, die Flut über die Welt bringen wollte, nahm er zwei Sterne der Plejaden und brachte die Flut über die Welt.“ (vgl. zu diesen Stellen gut auch Robbins 1999. Wie sie auf ihre Daten auf S. 339 kommt, legt sie leider nicht offen). Vgl. schließlich JosAnt 13.8.2, wo Josephus von Regenfällen berichtet, die „[erst] mit dem Untergang der Plejaden einsetzten“, weshalb der belagerte Hyrcanus Durst leiden musste. Gemeint ist wahrscheinlich, dass dieses Jahr ein Dürrejahr war, und erst ein Frühlingsregen im April den Belagerten Erleichterung brachte – doch selbst dies wird an den Lauf der Plejaden gekoppelt.
Verwandt hiermit ist, dass die akronychische Kulmination der Plejaden Anfang Januar zum Signal des Endes der Pflanzzeit und des Beginns der Zeit des Wachsens der Pflanzen wurde (zu den Aussaatzeiten der wichtigsten Feldfrüchte vgl. die Tabelle in Ackerbau (WiBiLex)). Vgl. b.BM 106b: „Bis wann [geht die Pflanz-Zeit]? Rabbi Pappa sagte: Bis der Bauer vom Feld kommt und die Plejaden [dann] über seinem Kopf scheinen [also zum Zeitpunkt ihrer akronychischen Kulmination Anfang Januar].“
Ähnlich verwandt ist wohl auch Midrasch BerR x 6: „Rabbi Simon sagte: ‚Es gibt kein einziges Kraut oder Gewürz ohne ein eigenes Sternbild, das es anreizt und ihm zu wachsen befiehlt.‘ [...] Rabbi Chanina bar Pappa und Rabbi Simon [deuteten Ijob 38,31]: ‚Die Plejaden reizen die Früchte auf[, regen also ihr Wachstum an].‘“ – was letztlich wohl naturwissenschaftlich gesehen nur heißt, dass sie ab dem Zeitpunkt der Plejaden-Kulmination im Januar und bis zu ihrem Untergang im April am schnellsten wachsen. (Zurück zu v.8)
s„ist er“ ist eine Umschreibung für לוׄ, wörtlich „zu ihm“, „ihm zueigen“. (Zurück zu v.20)