Kohelet 12

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Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
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Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Studienfassung (Kohelet 12)

1 Und ({Und})a sei eingedenk deines Schöpfersb in den Tagen deiner Jugend,c
Bevor kommen werden die argen (bösen) Taged
Und nahen werden die Jahre, über die (an denen) du sagst:
„Für mich [liegt] nicht in ihnene Freudiges!“,f

2 Bevor sich verfinstern werden (die Sonne und das Licht=) das Licht der Sonneg
Und der Mond und die Sterne
Und die Wolken nach dem Regen zurückkehrenh
3 Am Tag, an dem schlottern (zittern) werden die Hüter (Wächter) des Hausesi
Und sich krümmen werden mächtige Männerj
Und aufhören (nicht arbeiten) werden die Mahlerinnen,k weil sie wenig geworden sind,l
Und sich verfinsternm werden die aus-den-Fenstern-Guckerinnen,n
4 Und man schließen wird die Doppelpforte auf der Straße (?, auf dem Platz, zur Straße / zum Platz hin)o
Beim (Sinken=) Verklingen des Klangs (der Mühle=) des Mühlsteins;p

Und (sich erhebt=) erklingen wird der Klang des Vogels (und man aufstehen wird zum/beim Klang des Vogels?; und [jemandes Stimme] sich erheben wird zu Vogelgepiepse?; und sich erheben wird zum Klang=Gesang der Vogel?; und sich [wieder] erheben wird zum Klang des Vogels?)q
Und herunterkommen werden alle Töchter des Lieds,r
5 Sie laut (außerdem) [schon] aus der Höhe blicken werden (Man sich außerdem vor Hohem fürchten wird und...)
Auf {und}s die Schrecken auf der Straße (dem Platz)t
Und blühen wird (verachtet werden wird)u(die Mandel=) der Mandelbaumv
Und sich beladen wird die Heuschreckew
Und brechen (sich vermehren, [ihre Blätter] verlieren?, platzen?, unwirksam werden?)x wird die Kaper,
Der Mensch jedoch (denn der Mensch) zu seinem ewigen Hausy geht
Und Klagende auf der Straße (dem Platz) wandeln;z

6 Bevor zerrissen worden sein (?, zerreißen; gebunden werden?, fortlaufen?) wirdaa das Silberband
Und zerbrochen sein (zerbrechen, fortlaufen?) wirdab die Goldschale,
Und zerstört worden sein (zerstört werden) wird der Eimer über der Quelle
Und zerbrochen worden sein (zerbrechen werden) wird das Rad (der Bottich? der Ball?) neben dem Brunnenac
7 Und zurückkehren wird (muss)ad der Lehm zur Erde, wie er gewesen ist,
Und der Atem zurückkehren wird (muss) zu Gott, der ihn gegeben hat.ae

8(Hauch des Hauchs=) Flüchtig, allzu flüchtig“, spricht der Kohelet,af „alles ist (Hauch=) flüchtig!“
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Anmerkungen

Koh 12,1-7 nimmt man gerne als separates Gedicht und bezeichnet es dann als das „Letzte Gedicht“ oder das „Letzte Lied“ des Kohelet – oft groß geschrieben wie „die Letzten Dinge“, denn: es geht um den Tod. Danach folgen nur noch mit Vv. 9-11 und Vv. 12-14 zwei Anhänge an das Kohelet-Buch aus fremder Hand.
Tatsächlich wird aber damit das rechte Verständnis dieses „Letzten Lieds“ verbaut: Koh 12,1-7 steht nicht für sich, sondern gehört mit Koh 11,7-10 zu einem etwas längeren und komplexeren Abschnitt. Die Sinnlinien dieses Abschnitts sind grob diese:
  • 11,7: Grundsatz: „Das Licht ist gut!“
  • 11,8:
    • 11,8a: Zeitangabe: „So lange dein Leben auch währt,“
    • 11,8b: Rat 1: „Freue dich deines Lebens“, aber
    • 11,8c: Rat 2: „Denke dabei auch daran, dass dunkle Tage sich einstellen können“. Denn:
    • 11,8e: Schlusssatz: „Alles, was kommt“ – inklusive den lichten Tagen – „ist flüchtig“. [Dieser Vers ist wichtig: Kohelet setzt hier deutlich voraus, dass auch bei einem langen Leben jeder Tag das Potential hat, ein lichter Tag zu sein. Dazu gleich mehr.]
  • 11,9-10:
    • 11,9aα: Rat 1: „Freue dich, Jüngling“
    • 11,9aβ: Zeitangabe: „in den Tagen deiner Jugendzeit“
    • 11,9c-10b: Entfaltung von Rat 1: Genieße dein Leben, sofern du dich dabei in den ethischen Schranken bewegst, die Gott dir gesetzt hat. Sonst wird er dich dafür bestrafen [und so führtest du selbst Dunkeltage herbei, s. Pred 8,12f.; auch Pred 7,18] (11,9e). Noch einmal: Genieße dein Leben. Denn:
    • 11,10c: Schlusssatz: „Jugend und Dunkelhaarigkeit sind flüchtig“
  • 12,1-7:
    • 12,1aα: Rat 2: „Denke an Gott“
    • 12,1aβ: Zeitangabe: „in den Tagen deiner Jugend“
    • 12,1b-7: Entfaltung von Rat 2 (dazu gleich mehr):
      • 12,1b-d: „...bevor...“
      • 12,2-5: „...bevor...“
      • 12,6-7: „... bevor...“
    • 12,8: Schlusssatz: „Flüchtig, allzu flüchtig! Alles ist flüchtig!“ (vgl. ähnlich Schoors; Ogden 1984, S. 193f.; Fredericks 1991, S. 100)

Mit diesem letzten Vers endet ursprünglich das Buch Kohelet; passend schlägt er daher einen weiten Bogen zurück zum fast exakt gleich formulierten Vers Pred 1,2, mit dem zusammen er das ganze Buch Koh 1,3-12,7 umrahmt. Denn dies ist ja Kohelets Grund-These: Alles ist flüchtig.

Diese groben Linien sind leicht erkennbar. Auch die Frage danach, warum Kohelet einen solchen Fokus gerade auf Jugend und Jugendzeit legt, ist eigentlich schon beantwortet; wird doch gerade aus diesen Versen abgeleitet, dass der qahal, vor dem der qohelet referierte, eine Art Schulklasse aus Jünglingen war (s. zu Pred 1). „Freu dich, Jüngling, in deiner Jugendzeit“ heißt also zunächst einmal nicht: „Falls du jung bist, freue dich in deiner Jugendzeit“ und gleichzeitig „falls du schon älter bist, hast du Pech gehabt: In der Jugendzeit hättest du dich freuen müssen, denn das Alter ist die Zeit des Leids“, sondern erklärt sich aus der Gesprächssituation – gesagt wird erst mal nur: „Du, zu dem ich spreche: Freue dich jetzt“.

Das macht die Frage nach der Bedeutung der Verse Pred 12,1-7 aber nicht etwa leichter, sondern viel schwerer – die überwiegende Mehrheit der alten und neuen Kohelet-Forscher:innen hat den Abschnitt nämlich genau so verstanden. Das ist nicht die Auslegung, die mir (S.W.) hier am wahrscheinlichsten scheint; weil sie aber in einem solchen Maße die Mehrheitsmeinung bei der Auslegung dieser Verse ist, sei sie dennoch kurz vorgestellt.

Paradigmatisch (und gut) z.B. Zimmer 1999, S. 203:

„Sicherlich wird zu Recht darauf hingewiesen, daß in 12,2ff. zunächst verschiedene Sachverhalte dargestellt werden und daß sich dem Leser damit die Aufgabe stellt, den Zusammenhang dieser z.T. scheinbar beziehungslos nebeneinander stehenden Sachverhalte zu erschließen. Bei diesem Erschließungsprozeß sind m.E. zunächst diejenigen Hinweise dmoninant, die der Leser im Verlauf der Lektüre erhält; und diese verweisen nicht auf die eschatologische oder apokalyptische Bedeutung, die sicherlich zumindest einige der in 12,2ff verwendeten Bilder (auch) haben, sondern auf das Gegenüber von Jugend und Nicht-Jugend. Während man in 11,8 noch unsicher bleibt, was mit den finsteren Tagen gemeint ist (böse Tage in einem beliebigen Lebensabschnitt wie in 7,14, das Alter, das Sterben oder die Zeit des Tot-Seins), lenkt die Anrede des jungen Mannes in 11,9 und dann V 10, indem er die Vergänglichkeit der Jugend zu bedenken gibt, die Gedanken des Lesers eindeutig zu den unterschiedlichen Lebensphasen; 12,1 schließlich stellt der Jugendzeit die Mißfallen erweckenden Jahre gegenüber, die zwar nicht mit dem Alter als drittem und letztem großen Lebensabschnitt identisch sein müssen, die aber doch jedem als (mögliche, wenn nicht gar wahrscheinliche) Begleiterscheinungen des fortschreitenden Alters bekannt sind. Und im Fortgang des Leseprozesses wird der Eindruck, daß es sich bei den in 12,2ff geschilderten Sachverhalten um Bilder des Alterns handelt, bestätigt, denn mit dem Alter, zumal dem von erheblichen Gebrechen gezeichneten, kündigt sich der nahende Tod an, der in 12,6 zunächst bildhaft und in 12,7 dann ausdrücklich erscheint.“

Man gelangt zu einer solchen Bedeutung der Verse 2-6, indem man die „beziehungslos nebeneinander stehenden Sachverhalte“ symbolisch auslegt. Es gibt viele verschiedene Varianten dieser symbolischen Auslegung; sehr grob kann man dabei aber eine antike Variante (zu finden in b.Schab 151a-152b, KohR, LevR 18, Tg, bei Hieronymus und den meisten jüdischen Auslegern. S. ausführlicher Knobel 1991, S. 53f.; Kraus 1999f., S. 224-231) und eine moderne Variante (zu finden z.B noch in den Kommentaren von Eaton, Crenshaw, Treier, Longman, Köhlmoos und fast allen älteren Kommentaren; auch noch z.B. bei Frevel 2009, Hieke 2012, Spieckermann 2020) unterscheiden. Nach beiden werden mindestens in Vv. 2-4 Leiden des Alters geschildert und Vers 5f-7 sprechen noch weitergehend vom sich „aus dem Alter automatisch ergebenden“ Tod. In der Reinform der symbolischen Auslegung wird auch V. 5 symbolisch als Beschreibung der Leiden des Alters verstanden; besonders Zeilen c-e dieses Verses sind aber auch bei symbolischen Auslegern äußerst umstritten. Eine ebenfalls recht häufige alternative Auslegung dieser Zeilen ist z.B.: Mit dem Menschen geht es im Alter bergab (Vv. 2-5b), doch unbekümmert davon lebt die Natur wieder auf (Vv. 5c-e), während der Mensch zu Grabe getragen wird (Vv. 5f-7). Hier aber die beiden Reinformen:

Vers
Stelle
Antike Allegorese
Moderne Allegorese
V. 2 die Sonne verfinstert sich Falten an der Stirn V. 2 insgesamt: Freudlosigkeit des Daseins alter Menschen
V. 2 das Licht verfinstert sich Falten um die Nase (?)
V. 2 der Mond verfinstert sich uneinheitlich: Augen / Stirn / Seele / Nase
V. 2 die Sterne verfinstern sich Falten an den Wangen
V. 2 Wolken kehren nach dem Regen zurück vom vielen Weinen ist der alte Mensch erblindet.
V. 3 Wächter des Hauses zittern Rippen werden schwach Arme werden schwach
V. 3 mächtige Männer krümmen sich Arme / Beine krümmen sich Beine krümmen sich
V. 3 Mahlerinnen hören auf Die wenigen verbliebenen Zähne kauen nicht mehr gut. /
Magen verdaut nicht mehr richtig.
Die wenigen verbliebenen Zähne kauen nicht mehr gut.
V. 3 Fensterfrauen verfinstern sich Augen werden schwach. Ebenso.
V. 4 Doppelpforte wird geschlossen Die Körperöffnungen schließen sich (nicht) (sc. Stuhlgang-Probleme). /
(Schön:) Die Türen zur Straße sind die Füße, diese gehen nicht mehr gut.
Die Lippen artikulieren nicht mehr gut. /
Die Ohren hören nicht mehr gut. /
Man ist sozial isoliert.
V. 4 Klang der Mühle verstummt Der Magen verdaut nicht mehr Wieder: Die Zähne kauen nicht mehr gut.
V. 4 Erheben zu Vogelgezwitscher Man hat einen so leichten Schlaf, dass man schon wegen Vogelgezwitscher aufwacht. Ebenso. Oder: Die Stimme wird hoch wie Vogelgepiepse.
V. 4 Sinken der Töchter der Musik Man kann nur noch leise singen. /
Man wird entscheidungsschwach, weil die Nieren dem Herzen ihren Willen nur leise kund tun.
Man hört nicht mehr gut.
V. 5 Furcht vor Hohem Man fürchtet sich davor, Hügel steigen zu müssen. /
Schön ibn Ezra: Man fürchtet sich vor seinen eigenen Gedanken, die schon im Himmel weilen.
Ebenso.
V. 5 Schrecken auf der Straße Man geht nirgends mehr hin aus Angst davor, nicht den ganzen Weg bewältigen zu können. Selbst ebenerdige Wege sind schwer zu bewältigen.
V. 5 Mandelbaum blüht Die Wirbelsäule wird sichtbar. Das Haar wird weiß.
V. 5 Heuschrecke belädt sich Man wird impotent. /
Knöchel schwellen an.
Man wird impotent. /
Man schleppt sich nur noch dahin.
V. 5 Kaper platzt Man hat keine Lust mehr auf Geschlechtsverkehr. Ebenso, weil die Kaper ein Aphrodisiakum sei (was nicht der Fall zu sein scheint).
V. 5 Mensch geht ins ewige Haus Jedem Menschen ist im Tod ein eigener Ort als „eigenes Haus“ zugewiesen selten symbolisch ausgelegt.
V. 5 Klagende auf der Straße Maden auf dem Körper, wenn man tot ist.
V. 6 Silberband reißt Wirbelsäule wird kettenähnlich, wenn man tot ist. 6a+b und 6c+d als Symbole für den Tod.
V. 6 Goldschale zerbricht Schädel zerbricht, wenn man tot ist.
V. 6 Eimer an der Quelle zerbricht Magen verwest
V. 6 Rad zerbricht verschiedene weitere Organe verwesen.

In der sehr viel älteren Lehre des Ptahhotep (8-21) gibt es eine Passage, mit der sich der so ausgelegte Text dann sehr gut vergleichen ließe:

Gebrechlichkeit ist entstanden, das Greisenalter ist eingetreten,
Schwäche ist gekommen, die kindliche Hilflosigkeit kehrt wieder.
Die Kraft schwindet, denn müde ist mein Herz,
Der Mund ist verstummt, er spricht nicht mehr.
Die Augen sind trübe, die Ohren sind taub,
das Schlafen fällt ihm schwer jeden Tag.
Das Herz ist vergesslich, es erinnert sich nicht an gestern,
der Knochen ist krank wegen der Länge (der Jahre).
Die Nase ist verstopft, sie kann nicht atmen,
denn beschwerlich sind Aufstehen und Niedersetzen.
Das Gute wird zum Schlechten, jeder Geschmackssinn ist geschwunden.
Was das Alter den Menschen antut:
Schlimmes in jeder Weise!
(Üs.: Burkhard in TUAT III/2, S. 197),

und für V. 3 lässt sich das diese Interpretation auch recht gut verteidigen: Auch Galen bezeichnet die Arme die „Wächter des Hauses“, das der Körper ist, und die Zähne als „Mühlen“ (vgl. Braun 1973, S. 105); ähnlich heißen sie im Arabischen „die Müllerinnen“ (s. ibn Tibbon). Eine Deutung der „mächtigen Männer“ als Beine wäre nach der Rede von den Armen sehr naheliegend, ebenso die Bed. „Augen“ von „die Guckerinnen“.

Aber: Die Bedeutung der anderen Bilder wäre weniger offensichtlich, das Nebeneinander von bildlicher und nicht-bildlicher Rede wäre für biblischen Stil zumindest sehr ungewöhnlich; vor allem aber lässt sich diese Auslegung kaum mit Pred 11,8 am Anfang dieses Abschnitts vereinbaren (s. zu V. 1). Es passt auch schwerlich zusammen z.B. mit Pred 7,15; 8,12, wo es als ungerecht und unerklärlich erklärt wird, dass sündige Menschen ein derart langes Leben haben dürfen, das für Kohelet also offensichtlich etwas Gutes ist. Zuletzt wäre eine solche Auslegung ausgesprochen altersdiskriminierend; sind andere Auslegungen ähnlich plausibel, sollte eine diskriminierungssensible Auslegung die Verse besser anders verstehen.

Eine hilfreiche Übersicht über die meisten der häufiger vorgeschlagenen alternativen Auslegungen findet sich bei Debel 2010; die Deutung, die hier folgt, ist eine Variante der dort unter Abschnitt (7) zusammengefassten Interpretationen.ag Wie man an der Struktur des Abschnittes (s.o.) sieht, ist 12,1-7 Entfaltung von 11,8c: „Der Mensch soll eingedenk sein der Tage der Dunkelheit“. Dies wird in V. 1ab direkt wieder aufgegriffen: „Sei eingedenk deines Schöpfers, bevor die argen Tage kommen.“ Wie noch recht häufig im Kohelet-Buch erscheint also auch hier – und noch deutlicher in Pred 11,9 – Gott als jene unbegreiflichen Macht, über die man gerade so weiß, dass sie Freud und Leid verursacht – und Letzteres besonders dann, wenn man gegen seinen Willen verstoßen hat (s. Pred 3,17; 5,5; 7,16-18; 8,5f..12f.). „Gedenke deines Schöpfers, bevor die argen Tage kommen“, heißt dann also: „Sei gottesfürchtig, damit nicht arge Tage kommen“; V. 1 ist damit die ausführlichere Fassung des Caveats in 11,9e: „[Genieße dein Leben,] aber wisse dabei, dass Gott dich wegen all diesem vor Gericht bringen wird.“ 1cd ist eine Entfaltung dieser argen Tage: Gemeint ist eine Zeit, die dem Menschen gar nichts Freudiges bietet. Eine solche Zeit ist also (hoffentlich) die Strafe für Missetaten (obwohl sie manchmal unbegreiflicher Weise auch über Gerechte hereinbrechen kann).

In V. 2 schließt sich (nach 1b) ein weiterer „bevor“-Nebensatz an. Was hier beschrieben wird, wird dann in Vv. 3-5 noch genauer bestimmt mit einem V. 2 untergeordneten temporalen Nebensatz: Das in V. 2 geschieht „am Tag, an dem...“. Schon hieran sieht man: Was auf das „bevor“ in 2a folgt, ist offenbar nicht identisch mit dem „bevor“-Satz in 1b: Dort geht es um eine Zeitspanne, hier um einen Zeitpunkt. Doch auch dieser Zeitpunkt ist ein „dunkler Tag“; sogar der ultimative dunkle Tag: Mit Vokabular, das der Bibel-Lesende besonders aus apokalyptischen Texten kennt, wird der Zeitpunkt näher beschrieben zunächst als einer, an dem Sonne, Mond und Sterne sich verfinstern, weil nicht enden wollendes Gewölk den Himmel verdeckt. Diesem trostlosen Himmel entspricht in V. 3-4b die trostlose Erde: Selbst starke Wächter zittern und selbst mächtige Männer krümmen sich aus namenlosem Schrecken, die Mahlmägde sind quantitativ kaum noch vorhanden und daher nicht mehr zu hören, die wohlhabenden Frauen qualitativ und daher nicht mehr zu sehen. Dem düsteren Himmel entspricht die dunkle Menschenwelt, in der die Menschen selbst sich „verfinstern“ (3d). Auch außerhalb der Wohnhäuser ist der öffentliche Betrieb in der Stadt zum Erliegen gekommen: Die Marktstraße wurde geschlossen, und, wieder: Nicht einmal das für die Stadt des alten Israel so charakteristische Geräusch des Mahlens lässt sich noch vernehmen. Der Mensch schwindet.

Darauf wendet sich der Blick wieder nach oben: In 4c-5e sind statt dem Geräusch des Mahlens nun Vögel zu vernehmen; diese „Töchter des Gesangs“ senken sich langsam über die Stadt und blicken auf den „Schrecken auf der Straße“ hinab. Und unten, da blüht der Mandelbaum auf; statt den Schnittern im Getreidefeld belädt sich die Heuschrecke mit Früchten, und „die Kaper bricht“. Heißt Letzteres (wie oben vorgeschlagen), dass sie aus Ruinen emporwächst und diese „zerbricht“, ist auch dies (wie die Rede von den hinabsteigenden Vögeln in die menschenleere Stadt) ein Bild dafür, wie die Natur diese Geisterstadt zurückerobert (s. ähnlich Jes 13,21; 34,13; Jer 50,39). Heißt es dagegen, wie es heute oft stattdessen verstanden wird, dass ihre Früchte aufplatzen oder sie ihre Blätter verliert (s.o.) schildern 5c-e stattdessen den Lebenszyklus der Natur: Der Mandelbaum blüht als erster auf, wenn der Winter sich seinem Ende zuneigt. Die Heuschrecke schreitet im späten Frühjahr oder im Frühsommer an die Ernte, die Kapernfrucht platzt im Hochsommer oder verliert im Herbst ihre Blätter (vgl. ähnlich Köhlmoos; Tantlevskij 2019). Der Mensch dagegen ist (bereits) tot: Zu sehen sind auf den Marktstraßen nur noch Trauerprozessionen, bei denen Klagende den Verstorbenen das letzte Geleit geben (5fg).
Dieser dunkle Tag ist also wirklich der ultimative dunkle Tag: Beschrieben wird das Ende der Menschheit.

Zurück bleiben von ihnen nach dem dritten „bevor“-Nebensatz in V. 6 nur noch Überreste: Zerrissene Bänder, zerschellte Schalen, zerborstene Eimer, zerbrochene Räder. Mehr nicht. Denn der Mensch selbst hinterlässt keine Spuren (V. 7): Sein Leib verrottet und wird wieder zu Erde, seinen Atem haucht er aus, worauf dieser spurlos wieder zu Gott zurückkehrt, der ihn dem Menschen erst gegeben hat. Was dann und dort mit diesem Atem geschieht, das weiß Kohelet in Pred 3,19-21 nicht.
Wenn hier anders als dort angenommen wird, dass der Atem des Menschen zu Gott zurückkehrt, darf man dies sehr wahrscheinlich dennoch nicht verstehen als eine Art „Himmelfahrt der unsterblichen Seele“: Der „Lebensatem“ ist ein sehr anderes Konzept als die „Seele“. Selbst in Midrasch ExR 31,15 wird der Vers daher nicht auf eine unsterbliche Seele gedeutet. Als Gott gefragt wird, warum er keinen Lohn für all seine Gaben fordert, antwortet er dort nämlich:

„Seht, wie viel ich verleihe. Und ich nehme doch keinen Zins. Seht, wie viel die Erde verleiht. Und auch sie nimmt doch keinen Zins. Ich nehme nur das Startkapital, das ich geliehen habe, und auch sie nimmt nur das ihre, wie ja geschrieben steht: ‚Zurückkehren wird der Lehm zur Erde, wie er gewesen, / und der Atem wird zurückkehren zu Gott, der ihn gegeben hat.‘“

Was hier also dann doch „zu Gott zurückkehrt“, ist keine „Seele“, sondern nur das Leben, das Gott den Menschen in Gen 2,7 verliehen hat. „Der Atem kehrt zu Gott zurück“ heißt dann nur: „Der Mensch haucht seinen Atem aus“.
So jedenfalls m.W. alle neueren Kommentatoren. Völlig sicher ist das aber nicht: Kohelet (und ebenso Jesus Sirach, 40,11: „Alles, was von der Erde kam, kehrt zur Erde zurück, und was aus der Höhe kam, in die Höhe.“) zitiert hier deutlich ein griechisches Sprichwort, das bei mehreren Autoren belegt ist:

Epicharmus: „Sie waren zusammengefügt und lösten sich wieder auf und kehrten zurück an den Ort, woher sie kamen: Die Erde zur Erde, der Geist nach oben.“
Euripides: „Der Körper werde in der Erde begraben. Woher jedes Teil kam, dahin kehrt es zurück: Der Geist zum Äther, der Körper zur Erde. Nicht als unser Eigen besitzen wir sie, nur als Gäste und als Lehen.“
Lukrez: „So steigt alles auf, so kehrt alles zurück: Erde nimmt, was Erde gab, und zurück zum Himmel steigt wieder auf der ätherische Himmelstau, der herunterfiel.“ (apud Ginsburg 1861, S. 468)

Mindestens wird hier also die hebräische Vorstellung vom „Lebensatem“ verquickt mit der griechischen vom „ätherischen Geist“, und auch Pred 3,19-21 zeigt ja, dass Kohelet zumindest die Vorstellung bekannt war, dass es einen qualitativen Unterschied gebe zwischen menschlichem und tierischem „Atem“, der dann mehr sein muss als nur das Schnaufen der Lebewesen. Wie sehr hier griechische Vorstellungen mit den hebräischen verschmolzen sind, ist aber nicht zu erkennen.
Vermutlich aber nicht sehr stark, denn was der Sinn dieses Verses in diesem Kontext ist, sagt dann V. 8: „Flüchtig, allzu flüchtig! Alles ist flüchtig“: Der Mensch vergeht.

Pred 12,1-7 ist damit insgesamt die ultimative Warnung zur Gottesfürchtigkeit. Straft Gott, folgen Unglückstage (12,1), oder folgt sogar der ultimative dunkle Tage (12,2-5) – der Todestag, mit dem der Mensch aufhört, „unter der Sonne“ (s. zu Pred 1,3) zu wandeln, und das, was sich daran anschließt (12,6-7): Das beinahe spurlose Verschwinden des Menschen. Die Zusammenfassung des Kohelet-Buches, die der spätere Ergänzer gleich in Vv. 13f. geben wird, ist zumindest für Pred 12,1-7 also korrekt.



aUnd ({Und}) - Und könnte hier wie in Pred 11,7 bloß einen neuen Unterabschnitt einleiten (so z.B. Longman), aber gerade hier ist es ganz unproblematisch: Pred 12,1-8 ist sehr klar die Fortsetzung von Pred 11,7-10. S. die Anmerkungen. (Zurück zu v.1)
bMitgehört werden kann wohl wirklich auch: Sei eingedenk deines Schöpfers [und damit auch der Tatsache, dass du Geschöpf und damit sterblich bist] (so z.B. Cohen, Fox, Murphy). Zunächst und zuvorderst ist V. 1 aber eine sehr viel ausführlichere Variante von Pred 11,9e: „(Jüngling, mach, was dir gefällt,) aber denke dabei daran, dass Gott dich für alles bestrafen wird [was du Falsches tust].“ Und dann hier: „[Mach, was dir gefällt, Jüngling,] aber denke dabei an Gott [der dich für Missetaten bestrafen wird]“.
„Schöpfer“ (wie ähnlich in Ijob 32,22; 36,3; Jes 43,1) sieht aus wie Plural, ist aber entweder nur Pluralis majestatis für Sg. (z.B. Murphy), späte Orthographie (z.B. Fox), Wortbildung eines III-Alef-Wortes nach dem Muster eines Verbum tertiae infirmae (z.B. Gordis, Seow) oder ähnlich wie in Pred 11,9; 12,7 abnormale Wortverwendung/-bildung zur Herstellung eines Reims (vgl. bore`eka „dein Schöpfer“ – beḥuroteka „deine Jugend“; hier ähnlich Köhlmoos; weitere Bspp. bei Am 5,25). Auch alle Versionen übersetzen mit Sg. Wohl wegen der ungewöhnlichen Form haben die Alten dennoch intensiver über dieses Wort nachgedacht. Zum Beispiel: „Akabja ben Mahalalel sagte: ‚Sei dreier Dinge eingedenk, und du wirst nicht der Macht der Sünde unterliegen: Woher du kamst, wohin du gehst, und vor wem du dich in Zukunft verantworten werden musst. [...](m.Ab iii 1). Das hat er aus diesem Vers abgeleitet: ‚Sei eingedenk deines bore`eka [Schöpfers], vor dem du dich verantworten werden musst, sei eingedenk deines boreka [Grabes], einem Ort von Erde, Maden und Würmern, und sei eingedenk deiner be`ereka [Quelle], die aus ihrem Ort entspringt, das heißt, dem stinkenden Tröpflein weißen Samens.‘“ (Raschi nach j.Sot xi 2). Auch Raschi las den Vers also schon in dieser doppelten Bedeutung: (1) „Denke bei deinem Handeln stets an Gott, denn er wird dir dein Tun vergelten“ und (2) „Denke daran, dass du nur ein Geschöpf bist, (entstanden aus ‚stinkendem Samen‘ und bestimmt für den Ort von Erde, Maden und Würmern).“ (Zurück zu v.1)
cin den Tagen deiner Jugend deshalb, weil hier noch der mit Pred 11,9 begonnene Unterabschnitt fortgesetzt wird, in dem die Jugendzeit mit den „vielen Tagen“ des Langlebigen in Pred 11,8 kontrastiert wird. Fast alle alten und die große Mehrheit der neueren Kommentatoren nehmen allerdings dieses Wort mit dem Rest des Verses zum Schlüssel für den ganzen Abschnitt und denken, dass in Pred 12,1-7 davon die Rede sei, wie schlimm ein hohes Alter ist. Das kann kaum richtig sein; Pred 11,8 macht klar, dass man (natürlich) auch mit einem langen Leben dieses ganze Leben hindurch Freude haben kann. Richtig die Zohar (I 204a): „Was sind die ‚argen Tage‘? Wenn du glaubst, das seien die Tage des Alters, liegst du daneben. Ein Mensch kann auch in hohem Alter freudige Jahre genießen, umgeben von Kindern und Enkelkindern. Was sind die argen Tage also dann? Es sind die Tage, an denen man sündigt.(nach Broch 1982, S. 253). Die „Tage und Jahre, die kommen“ sind dann nicht die Tage und Jahre des Alters, sondern je und je die dunklen Tage, die sich in jedem Lebensabschnitt stets dem Menschen zuschicken können.
Erwähnenswert noch: Maimonides hat auf diesem Vers einen zentralen Aspekt seiner Ethik aufruhen lassen, nämlich seine Theorie der wahren Umkehr: Speziell vom Jugendlichen sei hier deshalb die Rede, weil man zwei Modi der Umkehr unterscheiden muss. Erstens die Umkehr zu einer Zeit, da man eine Missetat begangen hat und noch imstande wäre, sie ein weiteres Mal zu begehen, es aber wegen einer „Umkehr“ (teschubah) nicht tut, und zweitens die Umkehr zu einer Zeit, da man eine früher begangene Untat zwar bereut, sie aber hauptsächlich deshalb nicht mehr begeht, weil man wegen fortgeschrittenen Alters oder verstrichener Gelegenheit ohnehin nicht mehr die Chance dazu hat. Nur, wer auf die erste Weise „umkehrt“, ist ein echter ba`al teschubah („Meister der Umkehr“); vgl. Hilkot Teschubah 2,1. (Zurück zu v.1)
ddie argen Tage im Gegensatz zur „Zeit des Lichts“ in Pred 11,7f.. Dort war das Licht „gut, angenehm“. Nun dagegen werden die „argen, bösen“ Tage geschildert, die „dunkle“ Tage sind (V. 2). In der LF besser nicht: „böse Tage“; ra´ah („böse, arg“) ist ein Leitwort in Kohelet und „böse Tage“ sind natürlich nicht „moralisch üble“ Tage, sondern „schlimme Tage“. (Zurück zu v.1)
etFN: ihnen bezieht sich zurück sowohl auf die „Jahre“ (im Heb. fem.) als auch die „Tage“ (im Heb. mask.), daher maskulin. Annahme von Genus-Inkongruenz (so z.B. Lauha, Murphy mit Verweis auf GKC §135o) ist hier unnötig. (Zurück zu v.1)
fFür mich liegt nicht in ihnen Freudiges - Fast stets übersetzt als „Sie gefallen mir nicht“ oder „Ich habe keinen Gefallen an ihnen“. Im Heb. wird dies aber ganz objektiv geschildert: Es liegt wirklich nichts Freudiges für den Sprechenden in ihnen. Besser in der LF daher vielleicht: „Ich finde an ihnen gar keinen Gefallen.“ (Zurück zu v.1)
g(die Sonne und das Licht=) das Licht der Sonne - Hendiadyoin, so sicher richtig Kugel 1999, S. 305.338; Savran 2018, S. 157. „Die Sonne und das Licht“ = daher „das Licht der Sonne“ oder „die leuchtende Sonne“.
Fast alle, die auf das „Licht“ neben „Sonne, Mond und Sternen“ eingehen, behaupten mit Verweis auf Gen 1,3-5, im Weltbild des Alten Israel habe Licht unabhängig von den Himmelskörpern existiert. Das liegt aber schon in Gen 1 ganz fern: nach Gen 1,5 schafft Gott in Gen 1,3-5 nicht „Licht“, sondern „den Tag“, und in Gen 1,14f. heißt es explizit, dass die Himmelskörper „Lichter sein“ und „über der Erde scheinen“ sollen. Vgl. ähnlich Jes 13,10; Ez 32,7 und v.a. Am 8,9, wo Gott jeweils die Himmelskörper verfinstert, um Dunkelheit über die Erde zu bringen. (Zurück zu v.2)
hV. 2 muss nicht unbedingt übernatürliche Geschehnisse schildern. Lesende / Hörende sollen sicher an die apokalyptische Schilderungen wie in Jes 5,30; 8,20; 13,10; Ez 30,18; 32,7; Joel 2,2.10; 3,3-4; 4,15; Am 5,18.20; Zef 1,15 denken (richtig z.B. Fox, Seow, Schoors; Beal 1998, S. 295; Kang 2016, S. 332), aber auch diese apokalyptischen Geschehnisse könnten zumeist durchaus realistische Vorkommnisse schildern: „[Wie es in der Klimazone Israels tatsächlich gewöhnlich ist, lässt d]ie winterliche Jahreszeit [...] die regelmäßige Helle des Sonnenlichtes bei Tage, und in der Nacht auch das Licht der Nachtgestirne vermissen, indem nach einem Regenguß anders als in den hellen Jahreszeiten der Himmel sich nicht wieder entwölkt, sondern gleich die Wolken für den nächsten Regenguß aufziehen.“ (Zimmerli 1962, S. 246 nach Hertzberg 1957, S. 115; ähnlich z.B. Galling, Lauha). So und so; wichtig ist vor allem: Geschildert werden hier dunkle Tage; diese werden im Folgenden noch weiter spezifiziert, und auch im Folgenden weiterhin als Tage beschrieben, an denen es nicht etwa einem einzelnen Menschen schlecht geht, sondern in denen wirklich und objektiv der ganze Kosmos freudlos ist. Stark Raschbam: „Dieser Vers ist vergleichbar mit Jes 50,3, und ist eine Metapher dafür, wie die Welt für Menschen in ihrem großen Leid dunkel ist. (Zurück zu v.2)
iDie Hüter des Hauses sind entweder echte Securities, also eine Gruppe von Angestellten, die reichere Anwesen vor Einbrechern etc. sichern sollten (so z.B. Ginsburg, Kang 2016, S. 332; Pérez 2020, S. 185) oder eine Art Hausmeister, die sich ähnlich um das Anwesen zu besorgen hatten, wie z.B. in Hld 8,11f. die „Hüter von Salomos Weingarten“ landwirtschaftliche Subunternehmer sind, die für Salomo dessen Weingarten bestellen (so z.B. Cohen, Fox; Savran 2018, S. 163). Angezielt ist aber klar der Kontrast zwischen dem „Schlottern“ und dem erwartbaren Stark-Sein der „Hüter“, der auch durch den Parallelismus der „Hüter“ mit den „mächtigen Männern“ unterstrichen wird. Viel besser käme dies in der LF durch eine Üs. mit „Wächter“ zum Ausdruck. (Zurück zu v.3)
jmächtige Männer - w. „Männer von ḥajil“, ein Wort mit weiter Bedeutungsspanne, das aber v.a. für „Kraft, Stärke“ (z.B. 1 Sam 2,4; Ps 18,40; Pred 10,10) oder für „Besitz, Wohlstand“ steht (z.B. Ijob 5,5; Jer 17,3; Jes 60,5 s. V. 6). Wegen der zweiten Bedeutung sind hier vielleicht die Dienstgeber der „Hüter“ gemeint, die die behüteten Häuser bewohnen; der Fokus liegt aber auch dann auch auf dem Stark-Sein auch dieser Männer (so auch Savran 2018, S. 163; Pérez 2020, S. 185). (Zurück zu v.3)
kMahlerinnen - nicht: „Müllerinnen“; dies weckt die falschen Assoziationen. Zum Mahlen vgl. z.B. Mühle (WiBiLex): Gemahlen wurde Mehl im Alten Israel nicht automatisch in Windmühlen oder Wassermühlen, sondern mit Handmühlen im Privathaushalt, mit denen man Getreide zwischen zwei Steinen händisch zu Mehl zerrieb. Die Handmühle gehörte so sehr zum Grundbedarf eines Haushalts, dass für sie noch strenger als für den Mantel bestimmt wurde, dass sie gar nicht verpfändet werden durfte (Dtn 24,6). Das Mehl-Mahlen war so mühsam und zeitraubend, dass eine Person für das Mahlen des „Tagesbedarf[s] von 4-6 Personen einen ganzen Tag mit Mahlen beschäftigt war“ (ebd.). Es musste daher in der Gesellschaft des Alten Israel, in der Männer tagsüber außer Haus ihren Brotberuf ausüben mussten, notwendig zur Frauenarbeit werden (eine Ausnahme ist Ri 16,21, dazu s. aber dort). Haushalte, die sich das leisten konnten, beschäftigten daher dafür Mahl-Mägde oder kauften sich Mahl-Sklavinnen (s. Ex 11,5; Jes 47,2). Das Geräusch des Mahlens war so charakteristisch für die Gesellschaft des Alten Israel, dass das Verstummen der Mühlen auch in Jer 25,10 und Offb 18,22f. als Metapher für die Endzeit genommen werden kann: Selbst diese Tätigkeit wird nicht mehr ausgeführt werden. Sehr ähnlich ja hier auch im nächsten Vers.
Etwas besser ist daher jedenfalls die Üs. von H-R: „Mahlmägde“. Ideal ist aber auch diese Üs. noch nicht. (Zurück zu v.3)
lKlangspiel: „sie werden aufhören, weil sie wenig geworden sind“ ist im Heb. baelu haṭṭoḥanot ki mi´eu. Noegel 2007, S. 14 denkt, diese Häufung von t-Lauten solle Onomatopoesie für das Mahlen von Mühlen sein. Das ist gut möglich.
„Sie“ sind kaum die Mahlerinnen, die ja gerade nicht aufhören dürften, wenn ihrer nur noch wenige wären. „Sie“ dürften stattdessen alle Menschen sein: Es braucht nicht mehr gemahlen zu werden, weil hier und im Folgenden eine Geisterstadt beschrieben wird. So z.B. richtig z.B. Davis 1991, S. 309; Fox 1989, S. 292 (vs. S. 302).
Möglich wäre auch, das Verb gegen die Akzente noch in die nächste Zeile zu schieben: „Die Mahlmägde hören auf, weil die aus-dem-Fenster-Guckerinnen so wenig geworden sind und sich verfinstert haben“. Dann müssten die Frauen aus der ersten Gruppe kaum noch mahlen, weil die Frauen der anderen Gruppe, denen sie dienstbar sind, so wenige geworden sind. So aber m.W. niemand. (Zurück zu v.3)
msich verfinstern - D.h. zunächst: Man sieht sie schlechter, weil es so dunkel ist (Delitzsch). Gleichzeitig aber starkes Bild: Die Verfinsterung der Welt in V. 2 ist natürlich nicht nur eine Naturschilderung, sondern Bild für das düstere Dasein. Hier verschwimmen beide Ebenen endgültig: Nicht nur die Welt verfinstert sich, sondern sogar die Menschen selbst. Gut BigS + van Ess: „Es wird denen finster, die durch die Fenster sehen“; am besten PAT: „Dunkel wird es den Frauen, die aus den Fenstern blicken“. Ähnlich in der Zeile zuvor: baṭlu heißt nicht nur „mit etwas aufhören“, sondern auch schlechthin „aufhören[, zu sein]“.
Von Menschen wird dieses Wort sonst nicht mehr gesagt, in Klg 5,17; Ps 69,24 und im aramäischen Spruch des Aḥiqar 73 („Gute Augen mögen nicht verdunkelt werden / und gute Ohren [mögen nicht verstopft werden]“, Weigl 2010, S. 374) aber von Augen: In Ps und Aḥ wirklich vom Erblinden, in Klg aber wahrscheinlich vom Erblinden-vor-Tränen. Seow nimmt daher an, so müsse auch unsere Stelle verstanden werden: „Die Frauen verfinstern sich“ < „Die Augen der Frauen verfinstern sich“ < „Die Frauen weinen so viel, dass sie kaum noch sehen können“. Fox ähnlich kompliziert: Heb. qadar heißt ebenfalls „verdunkeln“, wird aber häufiger i.S.v. „trauern“ von Menschen gesagt (z.B. Ps 35,14; Jer 8,21; 14,2). Das soll entsprechend dann nur hier auch für dieses Wort gelten. Ganz fernliegend schließlich Gordis: „Die Frauen verfinstern sich“ = man sieht sie schlechter, weil sie seltener ans Fenster gehen (so auch H-R: „die durch die Fenster lugen, verbergen sich“) Solche Umwege sind gar nicht nötig und machen den Text schwächer, als er ist. (Zurück zu v.3)
naus-den-Fenstern-Guckerinnen - Kohelet ist ein junger Text aus der hellenistischen Zeit. Charakteristisch besonders für diese war es, dass Frauen in der israelitischen Gesellschaft idealiter im Haus bleiben mussten, sich nicht auf öffentlichen Plätzen zeigen sollten und nicht mal im Haus selbst von fremden Männeraugen gesehen werden durften (s. z.B. Sir 42,9-14; 2 Makk 3,19; 3 Makk 1,18; 4 Makk 18,7; Ps.-Phokylides 215f.). Ein krasses Beispiel aus noch etwas jüngerer Zeit: „[Als die Häuser der Juden durchsucht wurden, trauerten diese, weil] die weggeschlossenen (!) Frauen, die nicht in die Öffentlichkeit gingen, und die Mädchen, die zu Hause blieben, weil sie sich aus züchtiger Scham vor Männeraugen selbst vor ihren Verwandten verbargen, nun nicht nur Fremden, sondern sogar Soldaten zum Anblick dargeboten wurden.(Philo, Flac 89). Ebenso krass aber schon Sir 42,11f.: „Wache streng über deine Tochter ...: Wo sie sich aufhält, soll kein Fenster sein, kein Ausblick auf die Wege ringsum; keinem Mann darf sie ihre Schönheit zeigen.“ Selbst der Liebende in Hld 2,9 muss daher „durchs Fenster und durchs Gitter“ um seine Angebetene werben. Frauen – besonders höhergestellte Frauen – werden in der Bibel daher noch häufiger am Fenster dargestellt; s. noch Ri 5,28f.; 2 Sam 6,16; 2 Kön 9,30-37; Spr 7,6 LXX; Tob 3,11 (übrigens gibt es von diesen „Frauen im Fenster“-Motiven zufällig auch bildliche Darstellungen aus dem 9.-7. Jhd.; einige bekanntere Bspp. finden sich z.B. bei Rehm 2003, S. 506f.. Die biblische Frau im Fenster und diese Darstellungen hängen aber nicht miteinander zusammen.). Frauen sind zur Abfassungszeit des Kohelet-Buches also häufig „Fenster-Wesen“; besonders höhergestellte Frauen bekam man anders als durchs Fenster kaum zu Gesicht. Von solchen ist dann eben auch hier die Rede. Orientiert man sich daran, dass auch die meisten der anderen biblischen „Fenster-Frauen“ höhergestellte Frauen sind, kann man annehmen, dass dies auch für die Frauen in diesem Vers gelten muss und dass demnach die Fenster-Frauen sich zu den Mahlerinnen also ebenso verhalten wie die mächtigen Männer zu den Hauswächtern. So z.B. auch Ginsburg, Cohen und Fox.
Seow hat leider auf den Aufsatz von Abramsky 1980 hingewiesen, wo diese die Erzählungen von Siseras Mutter (Ri 5), Michal (2 Sam 6) und Isebel (2 Kön 9) miteinander vergleicht, und ihr Ergebnis zusammengefasst mit „The motif of women who look through the window belongs to a literary convention, often used to express the dashed hopes of the women“ (S. 356). So nun z.B. auch Bartholomew; Enns; Bennett 2018, S. 226f.; Savran 2018, S. 164; Pérez 2020, S. 180. Das ist kaum eine adäquate Widergabe von Abramskys Aufsatz, erst recht keine adäquate Deutung der entsprechenden Stellen und darf daher sicher auch nicht von dort aus hier hineingelesen werden. (Zurück zu v.3)
odie Doppelpforte auf der Straße (?, auf dem Platz, zur Straße / zum Platz hin) - „Straße“ ist im Heb. nicht derek, oreaḥ o.Ä., sondern šuq: die „geschäftige Straße, auch: der Straßenbasar“ – die „Markt-Straße“. Vgl. arab. suq („der Markt“). Richtig schon LXX: agora, „der Platz“. Gut dann Alter: „auf dem Markt“, Kugel 1999, S. 305 + Savran 2018, S. 157: „auf dem Markplatz“, am besten Seow: „auf dem Straßen-Basar“. Schon ibn Tibbon hält die „Doppelpforte zur Straße“ daher für die Tür eines Ladens auf einem Markt, in dem Brot verkauft wird. Der Dual von „Tür“ (daher hier „Doppel-Pforte“) legt allerdings nahe, dass an ein großes, zentrales Tor mit zwei Flügeln gedacht ist. Was diese „Doppelpforte zu/auf“ dieser Marktstraße dann aber sein soll, ist ungewiss; vgl. LamR 1,1: „Jeder šuq hatte 24 [sc. viele] Passagen“ – man kann sich altorientalische Märkte also nicht als abgeschlossenen Platz vorstellen, zu dem man durch ein Haupttor Zugang hatte (was ohnehin klar ist). Der Sinn des Bilds ist dennoch deutlich: Der Markt der Geisterstadt ist tot, auch öffentliches Leben gibt es dort keines mehr. (Zurück zu v.4)
pDie sehr aus der Reihe fallende Formulierung mit b- + Infinitiv markiert hier wahrscheinlich das Ende eines Unterabschnitts. Ab der nächsten Zeile ist erst mal nicht mehr vom Menschen die Rede. Ein ähnlicher Stilbruch begegnet sonst nur noch in 5f mit Partizip statt Yiqtol oder Weqatal, und auch dort folgt darauf in V. 6 sehr klar ein neuer „bevor“-Unterabschnitt. (Zurück zu v.4)
qtFN: erklingen wird der Klang des Vogels (und man aufstehen wird zum/beim Klang des Vogels?; und [jemandes Stimme] sich erheben wird zu Vogelgepiepse?; und sich erheben wird zum Klang=Gesang der Vogel?; und sich [wieder] erheben wird zum Klang des Vogels?) - Wg. dem Lamed vor „Klang“ auf den ersten Blick etwas wie die Alternativen. Am besten nimmt man es mit Seow und Savran 2018, S. 170 nach JM §125l als Lamed des Subjekts. Alternativ: Variante 1 die meisten Neueren (z.B. Lauha, Murphy, Longman, Schoors, Köhlmoos): Man hat einen so leichten Schlaf, dass man schon wegen Vogelgezwitscher aufwacht („zum“=„wegen“) oder schon beim Hahnenschrei aufsteht („beim“). So fast alle dt. Üss. Variante 2 auch nicht wenige (z.B. Plumptre, Zimmerli, Hertzberg): Alte Menschen bekommen qua Alter eine hohe Stimme, die an Vogelgepiepse erinnert (ist das wahr?). Daher BigS: „so dass das Knirschen der Mühle [das für die Stimme eines alten Menschen stehen soll, s. die Anmerkungen] schwindet, hoch wie das Zwitschern der Vögel klingt.“ Variante 3 nach Ginsburg; der Satz bedeutete dann nur: Vögel fliegen auf, um zu singen. Aber „zum Klang“ wäre doch eine unschöne Umschreibung von „um zu singen“. Ähnlich, aber sprachlich unmöglich, Taylor. Variante 4 z.B. PAT: „der Laut der Mühle verklingt – er wird wieder erklingen mit der Stimme der Vögel“. Ähnlich, und wirklich erwägenswert BB: „das Geräusch der Mühle wird leiser, bis es in Vogelgezwitscher übergeht.“ Verbreitet ist schließlich fünftens noch die Textkorrektur von wejaqum leqol zu wejiqmal qol, was heißen soll: „es verwelkt die Stimme“ (z.B. Wildeboer, Zapletal, Levy, Galling, BHS). Daher ZÜR 31: „wenn das Zwitschern des Vögleins erstirbt“. Aber richtig Seow: Nach den bekannten Kognaten (z.B. akk. kalmatu „Ungeziefer“, arab. qaml „Laus“, syr. qmal „schimmlig werden“, qalma „Laus“, s. Ges18) müsste das heißen: „die Stimme verlaust“. (Zurück zu v.4)
rTöchter des Lieds - Theoretisch könnten das Sängerinnen sein (z.B. Fox: Klagesängerinnen, die sich beugen, wie dies der Klage gemäß ist); nach dem Parallelismus sind es aber sicher ebenfalls die Vögel, die sich nun nicht mehr nur hören lassen, sondern niederlassen: Die Geisterstadt wird durch die Tierwelt zurückerobert. (Zurück zu v.4)
sTextkritik: jr`w w.... jr`w könnte entweder defektiv geschriebenes jjr`w (wie plene z.B. Dtn 2,4; 2 Kön 17,28; Ps 33,8) von jr` („sich fürchten“) sein oder von r`h („sehen, blicken“) kommen. MT, VUL und ähnlich Syr deuten als die erste Variante, viele MSS, LXX und Sym als die zweite. Gegen die zweite Variante spricht zunächst das w- („und“), das aber entweder Dittographie (s. Syr) oder emphatisches Waw sein könnte („die Schrecken). Die meisten Kommentatoren und alle dt. Üss. folgen MT; wie LXX aber wohl besser Seow, Kamano 2002, S. 232; Savran 2018, S. 171. Poetisch läge das näher: Wenn in den vorangehenden Zeilen von den Vögeln die Rede ist und es auch in den folgenden Zeilen um die Natur gehen wird, läge es näher, wenn das auch für diese beiden Zeilen gälte. Die Deutung als „sich fürchten“ ließe sich leicht aus dem parallelen „Schrecken“ erklären. Ist das so, sollte man außerdem gam („außerdem“) besser als gam II („laut“) nehmen; zu diesem Wort vgl. z.B. Dahood 1960, S. 402; Beirne 1963, S. 201-3; McDaniel 1968, S. 31; Hillers 1972, S. 10. Gut dann Savran 2018, S. 171f.: „The strophe as a whole gives increasing importance to the birds – first their voice is heard, then they fly low over the scene, and finally they observe and record [the terror on the street].“
Schoors; Anat 1970, S. 379; Pérez 2020, S. 180 deuten „Hohes“ als Umschreibung für Gott, den „Hohen“. Aber richtig Fox (1989, S. 305): Ohne Artikel ist das extrem unwahrscheinlich; die Rede ist nicht von „dem Hohen“, sondern allgemein von „Hohem“. In seinen beiden jüngeren Kommenataren (1999, S. 327; 2004, S. 80) hat sich Fox dann doch einer Variante dieses Vorschlags angeschlossen: Er will miggaboah umvokalisieren zu miggobah ([sie fürchten] die Höhe“. Genauer tatsächlich sogar: „[Sie fürchten] aus der Höhe“, was dann angeben soll, aus welcher Richtung das kommt, was da gefürchtet wird. Aber m- „aus“ markiert nach jr` „fürchten“ oft auch nur entsemantisiert das Objekt der Furcht, vgl. DCH IV 278, s. z.B. Ijob 5,21f. bis; Ps 91,5; Jer 42,16 u.ö. Diese Auflösung wäre bei dieser Deutung klar vorzuziehen). Das ist zwar grammatisch besser, dafür ist aber „sie fürchten die Höhe“ doch wohl kaum ein verständlicher Ausdruck für „sie fürchten Gott-in-der-Höhe“. Außerdem hat dieser Vorschlag natürlich noch grundsätzlich gegen sich, dass dafür erst noch umvokalisiert werden muss. (Zurück zu v.5)
tWortspiel: Im Wort „Schrecken“ (ḥtḥtjm) steckt das Wort tḥt („unten“), was schön mit dem „aus der Höhe“ zusammenstimmt.
Nimmt man dagegen die vorangehende Zeile als „Man fürchtet sich vor Hohem“ (s. vorige FN), bildeten die Zeilen derart einen Merismus: Man fürchtet sich (1) vor Hohem und (2) vor Schrecken-auf-der-Straße = Tiefem > Allüberall lauert Schrecken. (Zurück zu v.5)
utFN: Heb. wejane`ṣ. Nach den Vokalen soll dies offenbar eine Kontraktion eines apokopierten wejane`eṣ sein („er wird verachtet werden“ so Ginsburg; auch Seow; Kang 2016, S. 333) oder das Wort kommt mit intrusivem Alef von nṣṣ („er wird blühen“; so LXX, VUL und Syr). Noch einmal anders vokalisiert hat offenbar Sym (s. BHQ *110): wina`aṣ („und er wird unaufmerksam sein“). Fast alle neueren folgen der zweiten Deutung. Zu Seows Einwand, derartige intrusive Alefs für den Vokal e gebe es nicht, s. die Bspp. in Kutscher 1974, S. 162 und s. Ijob 41,7 g`wh für gewoh (s. LXX, Aq, VUL; vgl. Delitzsch 1920 §31b; Sutcliffe 1949, S. 68), wohl auch Jes 30,21 t`mjnw für teminu (Delitzsch 1920 §31b). (Zurück zu v.5)
vder Mandelbaum - Eine der ersten Pflanzen, die nach dem Winter wieder aufblüht – nämlich gar schon, bevor ihm Blätter gewachsen sind. Ben Chorin hat ihm daher ein literarisches Denkmal gesetzt, in dem er als Symbol für das Wiedererwachen der Natur erscheint: „Freunde, dass der Mandelzweig / sich in Blüten wiegt, / bleibe uns ein Fingerzeig, / wie das Leben siegt.“ Ironischerweise gilt dies hier aber nur für die Natur, dass das „Leben siegt“. Nicht für den Menschen, s. V. 7. (Zurück zu v.5)
wD.h. wohl: „sie frisst sich voll“; vgl. LXX, VUL: „Sie wird fett“. Ähnlich Loretz 1964b, S. 190: „sie wird schwanger“; so wohl auch Syr, daher: „sie vermehrt sich“. Das „schleppt sich ab/dahin“ in fast allen dt. Üss. ist eine andere Deutung des Hithpael („schleppen“ > „sich schleppen“), aber sicher ein false friend: „sich dahinschleppen“ ist ja ein dt. Idiom, das man so sicher nicht auch im Heb. voraussetzen darf.
Fox (2004), Seow, Savran 2018, S. 172; Pérez 2020, Alter u.a. denken, zwischen den beiden Pflanzen müsse auch die „Heuschrecke“ eine Pflanze sein und deuten daher auf den Johannisbrotbaum, weil dieser im Englischen locust („Heuschrecke“) heißt. Vom Englischen aufs Hebräische zu schließen, ist aber nun wirklich ein non sequitur. Besser noch Ginsberg,Fox 1989, S. 280, NJPS, die den Text von ḥgb zu ḥzb („Meerzwiebel“) korrigieren, oder Löw 1881, S. 263, der rein aus dem Kontext ableitet, „Heuschrecke“ sei der Name der Kapernblüte. Beides geht nicht an. So aber ohnehin keine dt. Üs.
Wahrscheinlich ist dies Lakonie: Die Heuschrecke ist eine der großen Plagen Israels; hier dagegen werden ihr nur zwei Worte gewidmet: wejistabbel heḥagab. So ist der Lauf der Welt: Sieht man vom Menschen ab, frisst die Heuschrecke nun mal das Getreide, und keinen schert's. (Zurück zu v.5)
xMeist: die Kaper wird unwirksam werden. Das macht nur Sinn, wenn man den Abschnitt als Allegorie auf das Alter nimmt (s. die Anmerkungen). Die Kaper regt den Appetit an; dass sie „unwirksam wird“ soll dann heißen: „Selbst Kapern machen einem keinen Appetit mehr!“ Wie man von „brechen“ auf „unwirksam sein“ kommen will, ist mir aber gar nicht klar (Provans „sie bricht [den Bund]“ > „sie tut nicht, was sie zu tun verspricht“ ist reine Fantasterei). Besser entweder: „die Kaper platzt“, die Kapernfrucht verstreut also ihre Samen, ohne geerntet worden zu sein (s. hier die Darstellung einer aufgeplatzten Kapernfrucht), oder wie Seow und Kang 2016, S. 333: Das Wort sei abzuleiten von einer Wurzel *prr II, deren Bed. aus dem arab. farra („abfallen, abwerfen“) als „Blätter verlieren“ erschlossen werden könne. Beide Bedd. lassen sich aber sonst nicht belegen. Versuchsweise sei daher hier vorgeschlagen: „die Kaper bricht“ (die übliche Bed. des Wortes). Besonders charakteristisch nämlich ist für die Kaper, dass sie auf Felsen wächst, daher in Palästina wie in Deutschland der Efeu Ruinen überwuchert (vgl. z.B. Moldenke / Moldenke 1952, S. 87; Zohary 1986, S. 98. Die Sträucher z.B., die man von Bildern der Klagemauer kennt – z.B. hier –, sind Kapernpflanzen.) und diese daher wie der Efeu nach und nach zerstört. Zu einem ähnlichen Bild führte der Vorschlag von Loretz 1964b, S. 190, das Wort sei nicht abzuleiten von prr („brechen“), sondern von prh („fruchtbar sein“ > „Die Kaper vermehrt sich“, taucht also nach und nach allerorten auf verlassenen Gebäuden auf). Auch dies wäre wieder Lakonie. Ohnehin gilt das für das ganze Trikolon: 6c hat sechs Silben, 6d sieben, 6e acht: Kürzer kann eine Zeile in der heb. Lyrik kaum sein. Vielleicht daher in der LF erwägenswert: „Mandel blüht, Heuschreck frisst, Kaper bricht.“
Textkritik: MT wird nur von Syr gestützt. LXX, VUL und Sym vokalisieren wtpr alle nicht als wetaper („sie bricht“), sondern als wetupar („sie wird gebrochen“) und übersetzen dann entweder so (Sym) oder als „sie wird zerstreut“ (LXX, VUL). Aq vokalisiert wohl als weteper oder als wetipre (def. für wetipreh, „sie bringt Frucht“). BHK und BHS halten die Vokalisierung von Aq für ursprünglich, BHQ die von LXX und VUL; beide, weil der Hifil des MT transitiv wäre, hier aber kein Objekt genannt wird, das die Kaper zerbrechen könnte (daher der obige Vorschlag). Wie BHQ schon Zimmerli und Krüger, was an ihrer Üs. aber nichts ändert. Wie BHS offenbar niemand (?). Dagegen Perles 1895, S. 30; Fox, Pérez 2020, S. 188 und NJPS wollen ähnlich korrigieren zu wetipraḥ („sie wird blühen“). Warum das besser sein soll als der graphisch wahrscheinlichere Vorschlag von BHS, verstehe ich nicht. (Zurück zu v.5)
yDas ewige Haus ist noch heute im Judentum ein Ausdruck für das Grab; auch in der Antike breit belegt.
Anders als die vielen Verben zuvor, die alle die Zukunft ausdrückten, ist dieses Verb ein Partizip, womit wahrscheinlich eine allgemeine Wahrheit ausgesagt werden soll. Vgl. zur Aussage ähnlich Ijob 14,7-10. Das Weqatal in der folgenden Zeile ist dann wahrscheinlich nicht wieder Futur, sondern nennt die jeweilige Folge dieses Gangs in das ewige Haus. (Zurück zu v.5)
zEntweder beim letzten Geleit (so die meisten) oder (so stark Ginsburg): die professionellen Klagesänger und -redner, die für ihre Dienste auch bezahlt wurden – diese gab es tatsächlich – kreisen über die öffentliche Plätze wie Geier, begierig darauf, dass der nächste stirbt. Die Tempusfolge macht die zweite Deutung aber unwahrscheinlich. Der „Schrecken auf der Straße“, den die Vögel beobachten können, sind daher eher wirklich die fortwährenden Trauerzüge, die gar kein Ende nehmen wollen. (Zurück zu v.5)
aaTextkritik: Das Verb ist im Heb. doppelt überliefert: Im Ketiv als jirḥaq („es läuft fort“), im Qere als jerateq („es wird gebunden“). Vgl. die graphisch sehr ähnlichen Wörter ירחק und ירתק. Sym („es wird geschnitten“) und VUL („es zerreißt“) setzen wohl jinnateq voraus (ינתק). Das halten fast alle für den ursprünglichen Text; so auch BHK, BHS und BHQ in seltener Einmütigkeit. Nur wenige orientieren sich an Qere, und dies meist, indem sie jerateq als „privativen Nifal“ nehmen, also nicht als „es wird gebunden“, sondern als „es wird gelöst“ (z.B. Levy, Gordis, Longman, CTAT V 876f.). Die Grammatiken kennen aber kein privatives Nifal. Seow und Kang 2016, S. 333 folgen ebenfalls Qere, erklären rtq aber über aram. rtq („schlagen, klopfen“). Mit diesem Wort ist wahrscheinlich LXX zu erklären („es stürzt um“); LXX stützt also wohl nicht Ketiv (so BHQ *111), sondern Qere; für die Erklärung des MTs ist es aber wertlos, weil es nur Sinn macht im Verein mit Seows fernliegender Deutung von ḥebel als „Arm eines mehrarmigen Leuchters“, bei der auch Kang richtig nicht mitgeht.
Legt man die drei Wörter nebeneinander, sollte man meinen, dass Qere ursprünglich war, da daraus am einfachsten die beiden Varianten entstanden sein könnten: Ketiv unter Einfluss des taruṣ („es läuft“) in der folgenden Zeile, LXX, Sym und VUL aufgrund des Nahkontextes (=> „Band“ > „zerreißen“): ירחק <= ירתק => ינתק. Man könnte dann annehmen, dass hiermit auf einen Bestattungsbrauch angespielt wird: In Mesopotamien (vgl. Wyganski 2014) und später auch in der westlichen Levante (vgl. Golani 2013, S. 219f.) war es üblich, Frauen mit goldenen oder silbernen Haarbändern zu bestatten. Das Verb in der nächsten Zeile übersetzt Dahood 1968b, S. 516 als „the golden bowl is poured out“. Falls das richtig sein kann (ruṣ habe ich sonst nirgends von Flüssigkeiten gefunden), wäre von Libationen die Rede, die ebenfalls in der ganzen Levante als Bestattungsbrauch bezeugt sind. Zu 6cd vgl. Seow: Auch das Zerbrechen von Tongefäßen war ein Bestattungsbrauch im Alten Israel. Unter der Maßgabe, dass 6b so übersetzt werden könnte wie bei Dahood, wäre hier Qere vorzuziehen; weil das aber zu unsicher ist, muss hier der Standard-Deutung gefolgt werden. (Zurück zu v.6)
abtFN: Heb. wetaruṣ. Auf den ersten Blick „fortlaufen“ von ruṣ. So deuten hier auch Aq, Theod, und VUL, sonst m.W. nur noch Hengstenberg und Ginsberg, die „laufen“ als „abstürzen“ o.Ä. verstehen, was aber singulär wäre, und Dahood (s. vorige FN). LXX, Sym, Syr und Tg übersetzen dagegen, als sei das Wort weteroṣ vokalisiert („sie wird zerbrochen“, von rṣṣ). So auch Raschi, Raschbam und ibn Ezra. So auch alle neueren (auch BHK, BHS, BHQ); bes. gut Gordis (mit richtigem Hinweis auf Spr 29,6; Jes 42,4): Die Form hier sei nur Zeichen der schrittweisen Verwischung der Konjugationsunterschiede zwischen hohlen Wurzeln und Reduplikativwurzeln. So auch Murphy. Theoretisch möglich außerdem wie Seow: Ursprünglich müsse gar nicht weteroṣ gewesen sein, weil man wetaruṣ auch als impersonal verstehen könne: „man wird zerbrechen“. Das ist rein sprachlich gesehen schon wahr, läuft aber ja völlig der Logik des Textes zuwider. (Zurück zu v.6)
acSatzteil-Hyperbaton: Zu erwarten wäre, dass das Rad „über“ dem Brunnen und der Eimer „neben“ der Quelle steht / hängt. Die Hinterlassenschaften der Menschen sind völlig wirr in der Gegend verstreut.
Wortspiel: Der Brunnen, heb. bor, steht bildlich für das Grab (s. zu V. 1); das Wort harmoniert daher sehr gut mit der direkt folgenden Doppelzeile.
Die Zeilen in V. 6 sind unterschiedlich verstanden worden. Klar ist nach der Formulierung (Zeile a+b: „Silber-Band“ + „Gold-Schale“, Zeile c+d: „Eimer an der Quelle“ + „Rad neben dem Brunnen), dass Zeilen a+b und c+d zwei Gruppen bilden. So wollen auch die masoretischen Akzente den Vers gelesen wissen. Viel klarer wird er dadurch aber noch nicht. Am besten versteht ihn wohl Beal 1998, S. 301, der die Gegenstände schlicht Gegenstände sein lässt: „[...] I propose that sustained focus be given to its more literal sense, namely, a description of demolished and abandoned items used in everyday life. [...] The image here is somewhat like that of a ghost town – the aftermath of a city of chaos.“ – Der Vers müsste dann nicht mehr besagen, als was klar darin steht: Überall liegen zurückgelassene Luxus- und Gebrauchsgegenstände herum, ein Bild für die Trostlosigkeit der Geisterstadt – mehr nicht.
Die meisten Kommentatoren werden stattdessen bei diesem Vers zu Hobby-Ingenieuren. Die Mehrzahl unter ihnen orientiert sich dabei immerhin an der Gruppierung der Zeilen in zwei Gruppen: Silberband + Goldschale sollen insgesamt nur eine Vorrichtung sein und Schöpfrad + Eimer ebenso. Genauer nämlich: Weil auch in Sach 4,2f. von einer Goldschale die Rede ist, denken viele aus irgendeinem Grund, dass auch hier eine aufgehängte Lampe gemeint sein müsse. Dabei ist die Goldschale in Sach 4 nicht einmal die Lampe, sondern das Ölgefäß darüber. Gelegentlich wird das dennoch sogar noch weiter ausgedeutet; der Absturz und das Zerschellen dieser Lampe kann dann z.B. für das Verlöschen des Lebenslichts stehen. Entsprechend denken dann viele außerdem in Zeilen c+d an eine Schöpfvorrichtung: Ein Eimer sei an einem Schöpfrad aufgehängt. Dabei befinden sich Rad und Eimer doch an unterschiedlichen Orten: „Brunnen“ und „Quelle“ können kaum identisch sein. Auch dies wird gern weiter ausgedeutet (was hier immerhin auch in den einzelnen Bildern liegt): Dass Brunnenrad und Eimer zerstört sind, bedeute, dass man nicht mehr an das Wasser des Lebens komme. Noch komplizierter Levy, Gordis und Fox: Nach Fox sind ganz merkwürdig drei Gegenstände – eine Goldschale, ein Eimer und ein Bottich – an einem Silberband über einen Brunnen aufgehängt, und als dieser zerreißt, stürzt alles ab und zerschellt. Und nach Levy und Gordis hängt ein Silberseil über einem Schöpfrad; an einem Ende hängt eine Goldschale, am anderen als Gegengewicht ein Ball (?). Und wieder: Als das Band zerreißt, stürzt alles ab und zerschellt. Mir scheint: Dergleichen steht hier einfach nicht im Text. (Zurück zu v.6)
adtFN / Textkritik: wird (muss) - Heb. wejašob, anscheinend also „zurückkehren muss(obligativer Jussiv) statt wejašub („zurückkehren wird“, Yiqtol). Das wäre gar nicht problematisch; auch der Yiqtol in der nächsten Zeile kann obligative Bed. haben und es passte ein solcher Obligativ für sich genommen auch gut zu Kohelets Lebensphilosophie. Weil nach den sehr vielen Yiqtols und Weqatals in den vorangehenden Zeilen aber so sehr auch hier Yiqtol zu erwarten wäre, und v.a., weil in der nächsten Zeile mit tašub wirklich ein solcher Yiqtol des selben Worts folgt, wollen z.B. BHS, Galling und Krüger 1996, S. 118 den Text von wejašob zu wejašub korrigieren. Nötig ist das nicht: wejašob könnte auch nur ähnlich wie in Pred 11,9; 12,1 (weitere Bspp. bei Am 5,25) eine ungewöhnliche Yiqtol-Bildung sein, mit der das Wort lautlich an das wenaroṣ in der vorangehenden Zeile zusammengeschlossen werden soll (so gut Ginsburg; auch Schoors, Schwienhorst-Schönberger, Köhlmoos). (Zurück zu v.7)
aeZum V. s. die Anmerkungen. (Zurück zu v.7)
afZum „Namen“ Kohelet s. zu Pred 1,1. (Zurück zu v.8)
agDieser Auslegungstyp (7) wird neben den in Debel referierten Auslegungen von Beal, Krüger und Seow mittlerweile z.B. auch vertreten von Kamano 2002, S. 228-234; Takeuchi 2015, S. 169-180; Kang 2016 und ähnlich von Bartholomew. (Zurück zum Text: ag)