Syntax ungeprüft


Lesefassung (Genesis 30)
(kommt später)Studienfassung (Genesis 30)
25 {Und es geschah,} Als Rahel den Josef gebar (geboren hatte), sagte Jakob zu Laban: „Lass mich gehen, damit ich an meinen Ort und in mein Land gehen kann! ℘
26 Gib [mir] (Gib heraus)〈a〉 meine Frau und meine Kinder, für die ich dir gedient habe, damit ich gehen kann! Denn du, du weißt [ja um] meinen Dienst, [mit] dem ich dir gedient habe!“
27 Da sagte zu ihm Laban: „Wenn ich nur Gefallen in deinen Augen gefunden habe... –〈b〉 ich habe gewahrsagt (habe getestet, hatte Pech?, hatte Erfolg?)〈c〉 und JHWH hat mich um deinetwillen (mit deiner Ankunft?)〈d〉 gesegnet!{“}
28 {Und er sagte: „}〈e〉 Zeige (Bohre) deinen Lohn (auf mir=) den ich zu bezahlen habe, und ich werde ihn geben!“
37 Dann nahm sich Jakob weißes Geäst: Storax (=Weiß-Baum; Pappel?) und Mandel und Platane (=Nackt-Baum).〈f〉 Er schnitt weiße Schnitte in sie, [derart] das Weiße freilegend, das an den Ästen [war].
Anmerkungen
Vv. 25: Entweder ist für Jakob die Geburt seines jüngsten Sohnes von seiner Lieblingsfrau das Signal, dass es nun endlich Zeit ist, aufzubrechen, oder der Vers sagt, dass durch glückliche / göttliche Fügung die langersehnte Geburt von Rahels Kind mit dem Ende des vierzehnjährigen Dienstens Jakobs bei Laban zusammenfällt. So und so: Endlich scheint die Zeit zur Rückkehr gekommen zu sein. Nach V. 26 stehen dem aber offenbar rechtliche Hindernisse im Wege. Annehmen kann man anscheinend eine Situation, wie sie in Ex 21,2-6 beschrieben wird: Hat ein Dienstherr seinem „Diener“ binnen der sieben Jahre, die dieser bei ihm diente, eine Frau gegeben und hat diese Frau Kinder bekommen, sind de jure Frau und Kinder Eigentum des Dienstherrn und dieser kann sie nach gusto einfach einbehalten. Laban jedenfalls wird dies in Gen 31,43 voraussetzen. Jakob betont daher, dass er seine Frauen nicht einfach „erhalten“ hat, sondern dass er sie mit seinem Dienst erworben hat („du, du weißt ja um meinen Dienst“), und fordert ihre Herausgabe. Gleichzeitig betont er dennoch mit der dreifachen Rede von seinem „Dienen“ das Dienst-Verhältnis, in dem er stand. Wahrscheinlich tut er dies, um seinerseits auf rechtliche Regelungen wie die in Dtn 15,13f. anzuspielen (vgl. Gen 31,42 mit Dtn 15,13), wonach ein Dienstherr, bei dem ein Diener gedient hat, diesen nicht mit leeren Händen entlassen darf, sondern ihm sozusagen als Startkapital mit Tieren und Saatgut auszustatten hat (so gut Sarna 2001; Waltke/Fredricks 2001).
Laban wiederum scheint das aber bewusst zu überhören. Überaus höflich hebt er in V. 27 zu einer Antwort an, um Jakob in V. 28 vorgeblich gar einen Blankoscheck auszustellen – aber einen Blankoscheck über Jakobs Lohn: Dass er ihn mit Geschenken nach Hause schickt, steht außer Frage; will Jakob nicht mit leeren Händen zurückkehren, muss er sich seine Habe schon selbst als Lohnknecht verdienen.
Jakobs Worte in V 29 sind danach wohl nicht nur höfliche Floskeln bei einer Verhandlung, sondern durchaus entnervter Vorwurf: „Du, du weißt ja darum, wie ich dir gedient habe und darum, was mit deinem Vieh bei mir geschah!“, d.h.: Ich habe dich reich gemacht! Und nun sollte ich dennoch noch weiter für dich arbeiten? Nein: Wenn du schon so spielen willst, dann will ich dabei immerhin gleichzeitig etwas ausschließlich für meinen Haushalt tun können (V. 30; gut Goldingay 2020). Jakob fordert also, wie Miller 1993b, S. 33f. richtig gesehen hat, nun immerhin in einem anderen Verhältnis zu Laban weiterarbeiten zu können: Nicht mehr als Diener, sondern als Partner, der für sich selbst Gewinn erwirtschaften kann.
Folgerichtig fragt Laban in V. 30 dann auch nicht mehr nach dem erwünschten „Lohn“, sondern einsilbig: „Was soll ich dir geben?“
| a | Textkritik: MT nur: „Gib“. Darin wird MT gestützt von einigen LXX-Handschriften und TgO, alle anderen Textzeugen (Jub 28,25; LXX-Mss, VL, VUL, Syr, TgJ, TgN) haben ein zusätzliches mir. Im Heb. ist ein solches „mir“ nicht nötig, s. Gen 47,19; 1 Sam 9,23; 2 Sam 3,14; 2 Kön 10,15. LXX und Syr ergänzen auch dort teilweise „mir“ (LXX: 1 Sam 9,23; 2 Sam 3,14; Syr: Gen 47,19; 2 Sam 3,14), Tg und VUL aber an keiner dieser Stellen und LXX und Syr auch an den anderen nicht. Besonders das Plus in Tg + VUL darf man also nicht ohne Weiteres als stilistische Korrektur abtun, sondern dies scheint eine echte Variante zu sein. Am Sinn und am Tonfall scheint dies nichts zu ändern. Besser übersetzt man daher „gib mir“, was jedenfalls im Deutschen natürlicher klingt. (Zurück zu v.26) |
| b | Wenn ich Gefallen in deinen Augen gefunden habe... ist für gewöhnlich Einleitung einer Bitte an einen Höhergestellten. Von einem Höhergestellten an einen Tiefergestellten wie hier ist die Formel also ganz ausnehmend höflich. Eine Bitte allerdings – die kommt Laban dann nicht über die Lippen; stattdessen bricht er den Satz ab und hebt neu an. (Zurück zu v.27) |
| c | ich habe gewahrsagt (habe getestet, hatte Pech?, hatte Erfolg?) - schwieriges Wort. Für die LF am sinnvollsten wäre etwas wie „Ich hatte es schon früher vorhergesagt, und tatsächlich: Gott hat mich um deinetwillen gesegnet.“ Genauer: Heb. niḥašti, (1) prima vista klar „ich habe gewahrsagt“, genauer: „Omen haben's mir verraten: ...“. So deuten die aktuellsten Kommentator:innen (Goldingay 2020; Peterson 2022; Tröndle 2023, S 165); dies stützen auch LXX, VL, TgJ und TgN. Warum hier aber Laban überhaupt von seinem früheren „Wahrsagen“ sprechen sollte, ist so schwer verständlich, dass wenige glücklich mit dieser Deutung sind. (2) TgO, Syr, VUL und der Midrasch haben stattdessen etwas wie „ich habe getestet/herausgefunden“, obwohl es im Aramäischen und Syrischen ein fast gleichlautendes synonymes Verb wie heb. naḥaš gibt. (2a) Ball 1896 mutmaßt daher, dass ihnen statt nḥštj die Konsonanten nß(j)tj vorgelegen haben könnte, was sie dann als ns(j)tj („ich habe getestet“) verstanden hätten, da Sin und Samech vielerorts gleich klang und nasiti daher wohl auch naßiti geschrieben werden konnte. Graphisch wäre das leicht möglich; vgl. נחשתי mit נשתי. (2b) Alternativ könnte dies aber auch nur eine theologische Interpretation sein; gut z.B. Grossfeld 1994, S. 109: Dass Gott Laban gesegnet hat, obwohl dieser auf schlecht angesehene Omen vertraut, kann für spätere Autoren schlecht zusammengepasst haben, weshalb TgO, Syr, VUL und Midrasch zur „harmloseren“ Variante „ich hab's ausgetestet“ gegriffen hätten. Das textkritische Zeugnis ist also nicht sehr stark. Das in dt. Üss. häufigste „Ich habe es erfahren / ich spüre / ich hab's erraten / ...“ erklärt sich hieraus, ist aber keine gute Übersetzung selbst von nasiti. (3) Michaelis 1792, S. 1632 hatte das heb. naḥaš noch abgeleitet vom arab. naḥuša („Pech haben“). Daher Michaelis 1775: „Ich hatte vorhin allerley Unglücksfälle, aber Jehova hat mich um deintwillen geseegnet“. Das ist sehr erwägenswert und zu Unrecht in Vergessenheit geraten. V. 27b sagte dann das selbe wie V. 30: „Ich hatte Pech gehabt, dann hat Gott mich um deinetwillen gesegnet“ – „Du hattest wenig vor meiner Zeit, dann hat sich's zu einer Menge ausgebreitet!“ Eine Übersetzung wie diese erklärte auch am besten die Verbfolge Qatal – Wayyiqtol in unserem Vers (richtig Torczyner 1917, Sp. 10); GKC 111h FN 4 ist offensichtlich nur eine ad hoc-Erklärung. Dieser Ansatz ist daher mein (S.W.) Favorit, kann ob seines Alters aber schlecht für die LF gewählt werden. (4) Recht verbreitet ist es im Gegensatz zu (3), nach Sperber 1913 das Verb abzuleiten vom akk. naḫāšu („gedeihen, Erfolg haben“; so z.B. Wenham 1994; Hamilton 1995; Sarna 2001). Daher PAT: „Ich bin reich geworden, und der Herr hat mich um deinetwillen gesegnet“ (ähnlich HfA). Wegen der Verbfolge ist dieser Ansatz dem von Michaelis klar unterlegen. (5) Schließlich das „Ich stand unter günstigen Vorzeichen und...“ in EÜ 80, ZÜR und bei Recker 2000 ist nur ein Kompromiss aus (1) und (4). (Zurück zu v.27) |
| d | tFN: um deinetwillen (mit deiner Ankunft?) (V. 27) + mit meiner Ankunft (um meinetwillen?) (V. 30) - In Vv. 27.30 stehen im Heb. zwei unterschiedliche Ausdrücke: „um deinetwillen“ und „(gleichzeitig) mit meinem Bein“. Letzterer, der sonst nur noch Hab 3,5 steht, ist wahrscheinlich eine Variante von „bei jmds Bein“ = „direkt hinter jmdm“ in Ex 11,8; Ri 8,5; 1 Sam 25,27 (so hier auch TgJ), also: Gottes Segen folgt Jakob „auf dem Fuße“. Alternativ erklärt es Ball 1896 allgemeiner als „nach mir“, da es sowohl hier als auch in Hab 3,5 mit lpnj („vor jmdm“ = „vor jmds Ankunft“) zusammensteht; noch beliebter ist die alternative Erklärung „mit deinem Bein“ = „auf Schritt und Tritt; wohin ich auch ging“ (z.B. Skinner 1910; Wenham 1994; Hamilton 1995). Textkritik: LXX (teilweise auch VL) hatte in V. 27 offenbar den selben Ausdruck vorliegen wie in V. 30: „mit deiner Ankunft“. Umgekehrt übersetzt Syr in V. 30 mit dem selben Ausdruck wie in V. 30. Beides sind wahrscheinlich Angleichungen von V. 27 an den ähnlichen V. 30 und umgekehrt. (Zurück zu v.27) |
| e | Und er sagte - Überflüssig, da Laban ja bereits in V. 27 spricht. Verbreitet sind diverse ad hoc-Erklärungen: Fokkelman 1975, S. 142f. liest heraus, dass Laban zwischen Vv. 27.28 „fieberhaft nachgedacht“ habe, was er nun sagen könnte; Zakovitch 1999, S. 128 denkt, solche überflüssigen Redeeinleitungen sollten „Nachgedanken“ markieren; Cotter 2003 erklärt rhetorisch: Der Erzähler habe Spannung aufbauen wollen. Aber solche überflüssigen Redeeinleitungen lassen sich gut einheitlich erklären: Offenbar ist es so, dass es im althebräischen Stil natürlich war, unterschiedliche Redeakte innerhalb derselben Rede doppelt einzuleiten (Bspp. unten). Im Deutschen muss man sie dann aussparen (wie das hier auch LXX und VUL getan haben), da dergleichen dort nicht natürlich klingt. Beispiele: In Gen 17,3-16 wird die Gottesrede drei Mal eingeleitet; jede Einleitung steht einem eigenen Redeakt voran: V. 3 der Verheißung Gottes, V. 9 seinen Forderungen, V. 15 einer weiteren Verheißung. Kurz zuvor folgte ähnlich in Gen 15,2-3.5 auf Abrams Frage in V. 2 sein Vorwurf in V. 3, woraufhin Gott in V. 5a ihn zu einem Blick in den Himmel auffordert und nach einer zweiten Redeeinleitung in V. 5b ein Versprechen gibt, wie auch Gottes Engel in Gen 16,9 einen Auftrag gibt, um dann in V. 10 mit einer weiteren Redeeinleitung ein Versprechen anzuschließen. In Gen 41,39-41 ernennt Pharao den Joseph in Vv. 39f. zu seinem Stellvertreter, um dann in V. 41 noch einmal feierlich zu erklären: „Du stehst jetzt über dem ganzen Land“. In Num 32,2-5 beginnen die Sprecher in Vv. 2-4 mit einer Beschreibung eines Landstrichs, um dann in V. 5 Mose das Land zum Geschenk zu machen. In Ri 8,23f. antwortet Gideon zunächst auf die Bitte seiner Gesprächsparter, um in V. 24 seinerseits eine Bitte auszusprechen. In Rut 2,20 werden Jubelruf und Erläuterung Naomis doppelt eingeleitet. In 1 Sam 16,10f. erklärt Samuel zunächst, keiner von Isais Söhnen sei zum König geeignet, um dann in V. 11 nach David zu fragen. In 1 Sam 17,34-37 berichtet David zunächst, wie er schon Löwen und Bären besiegt habe, um dann in V. 37 feierlich zu erklären, Gott werde ihn auch nun gewiss wieder beschützen. de Regt 1999, S. 59-69 und Runge 2007, S. 169 glauben ähnlich, solche doppelten Redeeinleitungen sollten den „Höhepunkt“ einer Rede eigens markieren, aber nicht viele der eigens eingeleiteten Rede-Teile lassen sich gut als Höhepunkte erkennen. (Zurück zu v.28) |
| f |
|
| g | (1) Offenbar der früheste klare Beleg der „Kallipädie“-Vorstellung, also des Glaubens daran, das Aussehen eines Nachkommen werde bestimmt von dem, was seine Mutter im Moment der Empfängnis und/oder kurz danach vor Augen / im Kopf hat: Im Wasser überlagerte sich das Spiegelbild der dunklen Ziegen und die gescheckten und gestreiften Äste zu gescheckten und gestreiften Ziegen, und weil sie dieses Bild vor Augen hatten, hätten die Ziegen farbige Nachkommen empfangen. Noegel 1997, S. 9 wendet ein, diese Vorstellung sei das erste Mal im 5. Jhd. n. Chr. belegt, aber das ist nicht wahr. Aristoteles schreibt schon im 4. Jhd. v. Chr., tierische Nachkommen ähnelten ihren Eltern mehr als menschliche Nachkommen, da Menschen „im Moment der Zeugung Unterschiedlicheres durch den Kopf geht als Tieren“ (Problemata 10.10), und Aetius zitiert Empedokles (5. Jhd. v. Chr.), der das selbe Phänomen damit erklärt, „[dass] Embryos durch die Einbildungskraft der Frau zur Zeit ihrer Empfängnis geformt werden. Denn häufig verlieben sich Frauen in Statuen von Männern und in Bilder und bringen dann Nachwuchs hervor, das diesen ähnelt“ (Doxographi Graeci 5.12.2; Üs. nach Doninger / Spinner 1998, S. 100). Ihren ausführlichsten antiken Ausdruck findet diese Vorstellung in der Gynäkologie des Soranus von Ephesus, der im 4. Jhd. n. Chr. schreibt: „Wunderbarerweise hat auch der Zustand der Seele Einfluss auf die Gestaltung des Empfangenen. So wurden solche, die im Augenblicke des Coitus Affen sahen, mit affenähnlichen Wesen schwanger. Ein missgestalteter Herrscher von Kypros zwang seine Gattin während des Coitus auf sehr schöne Statuen zu blicken und erzeugte so schön gestaltete Kinder. Die Pferdezüchter stellen beim Bespringen vor die Stuten edle Tiere [!].“ (§39, Üs. Lüneburg). Stol 2000, S. 156 glaubt, diese Vorstellung lasse sich sogar schon in babylonischen Texten nachweisen, und zitiert u.a. den folgenden Text, bei dem dies wirklich wahrscheinlich ist: „Die Frau eines Mannes wurde von einem anderen schwanger und wird fortwährend zu Ischtar beten und dabei die ganze Zeit auf ihren Mann blicken: ‚Ich werde das, was in meinem Leib ist, aussehen lassen wie meinen Ehemann!‘“ (BRM 4 12:36f.). Sehr viele weitere Belegstellen findet man bei Preuß 1892. (2) Einigen neueren Auslegern ist es offenbar unangenehm, dass sich solcher Aberglaube auch in der Bibel finden soll, und erklären die Szene daher stattdessen mit moderner Biologie: Die Schwärze schwarzer Schafe und die Färbung farbiger Ziegen seien rezessive Erbanlagen, die auch in äußerlich weißen Schafen und schwarzen Ziegen angelegt sein können. So sei „wirklich“ zu erklären, wie die gefärbten Tiere geboren wurden, und Jakobs „Ast-Aktion“ sei nur ein Täuschungsmanöver gewesen, mit dem Jakob vor Laban verbergen wollte, dass er tatsächlich raffinierte Zuchtmethoden anwandte (z.B. Etkin 1965; Feliks 1997; Alter 1996, S. 165). Was damit gewonnen sein soll, verstehe ich (S.W.) nicht: auch dann würde die Erzählung ja die Kallipädie-Vorstellung voraussetzen. (Zurück zu v.38) |
