Obadja: Unterschied zwischen den Versionen

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Beide Schwierigkeiten lassen sich am leichtesten lösen, wenn man der alten Deutung von Schegg 1862 folgt: Zeilen 3-4 stehen auf der selben Ebene wie Zeile 2, formen so einen Parallelismus und keine dieser Zeilen ist wörtliche Rede (s. S. 379). In drei aufeinanderfolgenden Zeilen wird derart die „Reichweite“ der Botschaft JHWHs nach und nach ausgeweitet: (1) Ohne Nennung der Reichweite: „So hat der Herr JHWH über Edom gesprochen“; (2) „''Wir''“ - d.h. wohl: Ich (=Obadja) und die Judäer - „haben eine Botschaft von JHWH gehört“; (3) „''An [alle] Nationen'' wurde ein Bote gesendet“.<br />
 
Beide Schwierigkeiten lassen sich am leichtesten lösen, wenn man der alten Deutung von Schegg 1862 folgt: Zeilen 3-4 stehen auf der selben Ebene wie Zeile 2, formen so einen Parallelismus und keine dieser Zeilen ist wörtliche Rede (s. S. 379). In drei aufeinanderfolgenden Zeilen wird derart die „Reichweite“ der Botschaft JHWHs nach und nach ausgeweitet: (1) Ohne Nennung der Reichweite: „So hat der Herr JHWH über Edom gesprochen“; (2) „''Wir''“ - d.h. wohl: Ich (=Obadja) und die Judäer - „haben eine Botschaft von JHWH gehört“; (3) „''An [alle] Nationen'' wurde ein Bote gesendet“.<br />
 
Vv. 2-7 thematisieren dann die Folgen dieses allgemeinen Aufrufs zum Krieg JHWHs.</ref>
 
Vv. 2-7 thematisieren dann die Folgen dieses allgemeinen Aufrufs zum Krieg JHWHs.</ref>
_ Eine Nachricht<ref>''Nachricht ... gehört'' - Figura etymologica: Das Wort für ''Nachricht'' (sonst meist „Gerücht“) kommt vom selben Wortstamm wie „haben wir gehört“; es wirkt also wie: „Ein Gehörtes haben wir gehört“ (vgl. B-R: „ein Vernehmen vernahmen wir von IHM her“).</ref> haben wir von JHWH gehört
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_ eine Nachricht<ref>''Nachricht ... gehört'' - Figura etymologica: Das Wort für ''Nachricht'' (sonst meist „Gerücht“) kommt vom selben Wortstamm wie „haben wir gehört“; es wirkt also wie: „Ein Gehörtes haben wir gehört“ (vgl. B-R: „ein Vernehmen vernahmen wir von IHM her“).</ref> haben wir von JHWH gehört
 
_ und ein Bote<ref>Der ''Bote'' könnte ein Engel sein, dessen Botschaft das göttliche Gericht einleitete; s. [[Maleachi 3#s1 |Mal 3,1]]; [[Daniel 4#s10 |Dan 4,10.14.20]] (so z.B. Rudolph 1971, S. 302; Sellin 1922, S. 231; Schumpp 1950, S. 153). Vielleicht wird aber Gott auch nur anthropomorph als Kriegstreiber dargestellt, der wie in [[Richter 7#s24 |Ri 7,24]]; [[1Samuel 11#s7 |1 Sam 11,7]]; [[Ezechiel 17#s15 |Ez 17,15]]; [[1Chroniken 19#s16 |1 Chr 19,16]] seine Boten mit dem Aufruf zur Schlacht entsendet.</ref> wurde zu den Nationen gesandt: {{par|Jesaja|18|2}}
 
_ und ein Bote<ref>Der ''Bote'' könnte ein Engel sein, dessen Botschaft das göttliche Gericht einleitete; s. [[Maleachi 3#s1 |Mal 3,1]]; [[Daniel 4#s10 |Dan 4,10.14.20]] (so z.B. Rudolph 1971, S. 302; Sellin 1922, S. 231; Schumpp 1950, S. 153). Vielleicht wird aber Gott auch nur anthropomorph als Kriegstreiber dargestellt, der wie in [[Richter 7#s24 |Ri 7,24]]; [[1Samuel 11#s7 |1 Sam 11,7]]; [[Ezechiel 17#s15 |Ez 17,15]]; [[1Chroniken 19#s16 |1 Chr 19,16]] seine Boten mit dem Aufruf zur Schlacht entsendet.</ref> wurde zu den Nationen gesandt: {{par|Jesaja|18|2}}
 
„Erhebt euch (Auf!), {und} lasst uns uns erheben<ref>''Erhebt euch, lasst uns uns erheben'' - Oder: (1) Das einleitende „erhebt euch“ wird im Hebräischen auch häufig verwendet als bloßer „Vorbereitungsimperativ“; in etwa vergleichbar einem deutschen „Los!“, „Auf gehts!“; also „Los, lasst uns uns erheben!“. (2) Außerdem gibt es im Hebräischen einen sogenannten „Pseudo-imperativ“: In einer Imperativkette dient der erste als Bedingung, der zweite als Folge, also „Wenn ihr euch erhebt, werden auch wir uns erheben“. So aber nur Dick 2005: „Arise so we can rise against her in battle!“<br />
 
„Erhebt euch (Auf!), {und} lasst uns uns erheben<ref>''Erhebt euch, lasst uns uns erheben'' - Oder: (1) Das einleitende „erhebt euch“ wird im Hebräischen auch häufig verwendet als bloßer „Vorbereitungsimperativ“; in etwa vergleichbar einem deutschen „Los!“, „Auf gehts!“; also „Los, lasst uns uns erheben!“. (2) Außerdem gibt es im Hebräischen einen sogenannten „Pseudo-imperativ“: In einer Imperativkette dient der erste als Bedingung, der zweite als Folge, also „Wenn ihr euch erhebt, werden auch wir uns erheben“. So aber nur Dick 2005: „Arise so we can rise against her in battle!“<br />

Version vom 18. März 2015, 05:48 Uhr

Syntax ungeprüft

SF zuverlässig.png
Status: Zuverlässige Studienfassung – Die Übersetzung ist vollständig, erfüllt die Übersetzungskriterien und wurde mit einigen Standards der Qualitätssicherung abgesichert. Verbesserungen sind noch zu erwarten.
Folgt-später.png
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Anmerkungen

Studienfassung (Obadja)

1 Die Prophezeiunga Obadjas (Knecht JHWHs, JHWH-Verehrer)

So hat der Herr JHWH über (zu) Edom gesprochen,b
eine Nachrichtc haben wir von JHWH gehört
und ein Boted wurde zu den Nationen gesandt:
„Erhebt euch (Auf!), {und} lasst uns uns erhebene gegen esf zur Schlacht!“


2g{Siehe,}h Klein (unbedeutend) habe ich dich gemachti unter den Nationen (durch die Nationen)j.
Du [bist] sehr verachtet.
3 Die Vermessenheit deines Herzens (dein vermessenes Herz, deine Vermessenheit) hat dich getäuschtk,
[Dich, der du] in Felsenklüftenl(in den Klüften von Sela)m wohntestn(der wohnte)o
[Der du] [d]einen Wohnsitz [in]p der Höhe [hattest] (der hatte)o,
[Der du] in [d]einem Herzen sprachstq(der sprach)o:
‚Wer kann mich zur Erde herabstürzen?‘ -
4[Selbst], wenn du hoch machtestr wie ein Adler (der Adler)s -
ja, [selbst], wenn zwischen die Sterne gesetzt wäre (wenn du gesetzt hättest)t dein Nest -
[selbst] von dort würde ich dich herabstürzen!“
Spruch JHWHs.u


5v Wenn Diebe über dich gekommen wären,
Wenn Räuber des Nachts [über dich gekommen wären]w -
[Ach!,] wie bist bist du zerstört (zum Schweigen gebracht)x!y(Inwiefern wärest du [dann] zerstört?) -
Hätten sie nicht [nur]z genug für sich selbst gestohlen?
Wenn Winzer über dich gekommen wären -
hätten sie nicht eine Nachlese übrig gelassen?aa
6[Ach!,] wie ist (sind)ab Esauac durchsucht worden!y(Inwiefern ist Esau durchsucht worden?)
[Ach!, wie]ad wurden [selbst]z seine Verstecke (versteckten Schätze)ae geplündertaf!y(Inwiefern sind seine Verstecke geplündert worden?)
7ag Bis zur Grenze haben dich getriebenah
alle Männer deines Bundes (alle deine Bundesgenossen).
Es haben dich betrogen - [ja,] überwältigt haben dich
Männer deines Friedens (Verbündete von dir).
Die, die dein Brot aßenai,
legten eine Falle unter dich (werden eine Falle unter dich legen)aj(stellten dir eine Falle).


Nicht mehr (nicht) [wird sein] Verstand (Einsicht) in ihmak:
8{Wahrlich,} An jenem Tag“ -
Spruch JHWHs -al
„werde ich die Weisen aus Ẹdom vernichten
und den Verstand (die Einsicht) vom Berg Esauam,
9 Und deine Krieger werden erschrecken (in Panik geraten, vernichtet werden)an, o Temanao,
so dass (damit) jedermann ausgerottet werden wird vom Berg Esauam{durch Mord}ap.
10aq[Wegen des Mordens,]ap wegen der Gewalttat (Unrechtstat, Freveltat) an deinem Bruder Jakobar
wird Scham dich bedeckenas
und du wirst ausgerottet werden auf ewig.
11 An dem Tag, an dem du gegenüber standest (abseits standest)at,
An dem Tag, an dem Fremde sein Heer (seine Habe)au wegführten;
Als Ausländer in seine Tore tratenav,
Als sie über Jerusalem Lose warfenaw,ax -
Auch du warst [da] wie einer von ihnen (Auch du warst wahrhaft einer von ihnen.ay).


12 Du sollst nicht sehenaz(Sieh nicht...!, hättest nicht sehen sollen)ba
am Tag (Unglückstag) deines Brudersbb, am Tag seines Unglücksbc;
Du sollst nicht schadenfroh sein (sei nicht schadenfroh!, hättest dich schadenfroh sein sollen)ba über die Söhne Judasbd
Am Tag ihres Untergangs;
Du sollst deinen Mund nicht groß machenbe(mach deinen Mund nicht groß!, hättst deinen Mund nicht groß machen dürfen)ba
Am Tag der Bedrängnis.
13 Du sollst nicht kommen (Komme nicht!, hättest nicht kommen dürfen)ba in das Torbf meines Volkes
Am Tag ihres (seines)bg Unheils.
Du sollst nicht sehenaz(Sehe nicht!, hättest nicht sehen sollen)ba - gerade du! - auf sein Unglück
Am Tag seines Unheils;
Du sollst nicht [die Hand] ausstreckenbh(strecke nicht [die Hand] aus!, du hättest nicht [die Hand] ausstrecken dürfen)ba nach seinem Heer (seiner Habe)au
Am Tag seines Unheils.
14 Du sollst nicht stehen (Stehe nicht!, hättest nicht stehen dürfen)ba am Ausschlupf (an der Weggabelung)bi,
Um seine Entronnenen auszurotten;
Du sollst nicht ausliefernbj(Liefere nicht aus!, hättest nicht ausliefern dürfen)ba seine Überlebenden
Am Tag der Bedrängnis.
15bk Ja! (Denn) der Tag JHWHs bei allen Nationen (gegen alle Nationen)bl ist nahe:
So, wie du getan hast, wird dir getan werden.bm
Dein Tun wird wider deinen Kopf zurückkommen.bn
16bo Nämlich (denn): So, wie ihr auf meinem heiligen Berg getrunken habt,
Werden alle Nationen beständig (auf ewig, ringsum?, Wein?)bp trinken;
Sie werden trinken und schlürfen (stammeln)bq -
und so werden, als ob sie nie gewesen wären.br.


17 Und (doch) auf dem Berg Zionbs werden [wieder] die Entronnenen (wird Entrinnen) sein,
Und [auf dem Berg Zion]bt wird [wieder] ein Heiligtum sein (und er wird/sie werden heilig sein);bu
Und das Haus Jakobbv wird seine (ihre)bw Enteigner enteignen (seine Besitztümer [wieder] besetzen)bx.by
18 Und das Haus Jakobbv wird [zum]bz Feuer werden
und das Haus Josefbv[zur]bz Flamme [werden]ca
und das Haus Esaubv zu Stroh [werden]ca;
Und sie werden es (sie)cb verbrennen und verzehren.
Und dem Haus Esaubv wird kein Überlebender sein (Das Haus Esau wird keinen Überlebenden haben),
Denn JHWH hat gesprochen.cc
19cd Und sie werden den Negev enteignen - [das heißt:] den Berg Esauam -
Und die Schefela - [das heißt:] die Philister.
Und sie werden das Gebiet Efraims und das Gebiet Samariens enteignen
Und Benjamin [wird enteignen] Gilead (die Söhne Ammons - [das heißt:] Gilead)ce.
20 Und die Exulanten dieser Vormauercf der Söhne Israelsbd
Werden enteignencg die Kanaaniter bis nach Sarepta.
Und die Exulanten Jerusalems, die in Sefaradch sind,
Werden enteignen die Städte des Negev.


21 Und Retter (Gerettete)ci werden auf den Berg Zionbs hinaufziehen,
Um den Berg Esauam zu richten (über den Berg Esau zu herrschen).cj
Und das Königtum wird JHWHs sein.ck


Anmerkungen

Das kleine Buch Obadja gehört zu einer Gruppe von Texten, die sich durch einen verblüffend ausgeprägten Edom-hass auszeichnen (Ps 137,7; Jes 34; 63,1-6; Jer 49,7-22; Klg 4,18-22; Ez 2,12-14; 35,1-15; 36,15 Joel 4,19-21; Am 9,12; Mal 1,2-4) und die sich nur verstehen lassen, wenn man die historischen Hintergründe dieser Texte zumindest in Grundzügen kennt. Was man aus diesen Texten ungefähr an diesen Hintergründen rekonstruieren kann, ist folgendes: Als in den Jahren 587-586 v. Chr. die Babylonier in Juda einfielen (s. 2 Kön 25), Jerusalem und den Tempel zerstörten und einen großen Teil der judäischen Oberschicht ins Exil entführte - die größte Katastrophe in der Geschichte Israels bis zum Jüdischen Krieg in den Jahren 66-74 n. Chr. -, war Israels Nachbarstaat Edom ein Bündnis mit Babylon eingegangen und auf irgend eine Weise an der Eroberung Judas beteiligt gewesen. Dabei darf man Edoms faktische Rolle bei der Eroberung Judas wohl nicht überbetonen: Auffallend ist, dass mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Fall Judas die Vorwürfe an Edom immer größer werden, bis hin zur Behauptung, nicht Babylon, sondern Edom habe den Jerusalemer Tempel zerstört (1Esdras 4,45; äthHen 89,66; vgl. bes. Tebes 2011); bedenklich ist außerdem, dass nach Jes 40,11 einige Flüchtlinge Judas offenbar sogar Unterschlupf in Edom gefunden hatten. In welchem Ausmaß also Edom historisch an der Eroberung Judas beteiligt war, ist unsicher; dass Edom eine Rolle gespielt hatte, darf als gesichert gelten (vgl. Albertz 2001, S. 151; Assis 2006, S. 2-4; Dicou 1994 S. 184.).
Doch lange währte auch das Bündnis zwischen Edom und Babylon nicht: Im Jahre 553 fielen die Babylonier in Edom ein, und als daraufhin auch noch die (Vorfahren der) Nabatäer begannen, in Edom Fuß zu fassen, wichen die Edomiter nach und nach nach Westen aus und siedelten in der Negev-Region an - einem Gebiet, das ursprünglich unter judäischer Herrschaft gestanden hatte. Der ausgeprägte Edomhass der Judäer ist wohl v.a. als Reaktion auf diese Okkupation ihrer ursprünglichen Gebiete zu sehen (vgl. Assis 2006, S. 4; Dicou 1994, S. 187).
Vv. 2-7cl thematisieren diese Niederlage Edoms; die Rolle Edoms bei der Eroberung Judas wird berichtet in Vv. 10-14 und auf den erfolgten Einzug der Edomiter in die Negev-region weist V. 19 hin.

In Auseinandersetzung mit diesen historischen Geschehnissen entstand also das Buch Obadja, das sich an ihnen abarbeitet, indem es von ihnen ausgehend eine Umkehrung der Verhältnisse prophezeit:
In Vv. 1b-7f wird zunächst die bereits erfolgte Niederlage der Edomiter unter die Babylonier uminterpretiert als Handeln JHWHs: JHWH war es, der nicht nur den „Nationen“ den Befehl zum Einfall in Edom gab, sondern sogar an der Spitze des Heeres mit in den Krieg zog und sie so selbst zur „kleinsten und verächtlichsten“ aller Nationen machte. Vv. 1b-4 erfüllen dabei die Funktion dieser Uminterpretation, in Vv. 5-7f fügt der Sprecher selbst noch eine sogenannte „Stadtklage“ an, in der er sarkastisch den Untergang Edoms bedauert.
Doch diese bereits erfolgte Niederlage war erst der Anfang: Ab V. 7g wechselt das Thema von der bereits erfolgten Niederlage Edoms zur endgültigen Vernichtung Edoms und aller anderen Israel umgebenden Völkern am „Tag JHWHs“. Vv. 7g-14 sprechen davon in Form eines „Gerichtswortes“ an Edom: Vv. 7g-9 tun einleitend das Urteil kund - jedermann vom Berg Esau wird „ausgerottet werden“ - und Vv. 10-14 liefern die Begründung nach, wobei Vv. 12-14 die Entfaltung der eigentlichen Begründung in Vv. 10-11 sind.
Vv. 15-21 wechselt wieder die Perspektive: Nicht nur Edom wird am Tag JHWHs gänzlich vernichtet werden, sondern „alle Nationen“ werden dann „sein, als ob sie nie gewesen wären“. Vv. 15-18 sind dabei die Überleitung, die nach und nach den Fokus weiten, nämlich in Vv. 15-16 von „Edom“ zu „allen Nationen“ und in Vv. 17-18 von „Edom“ zu „Juda“ und „Israel“, so dass in Vv. 19-20 schließlich ganz von „Juda/Israel“ im Verhältnis zu „den Nationen“ sprechen können, von denen Edom nur noch ein Sonderfall ist.
Mit V. 21 schließlich endet das Buch Obadja in einer abschließenden „Heilsverheißung“, nämlich der Verheißung der Wiederherstellung Zions und einer Heilszeit, in der Gott allen alles in allem sein wird.

aDie Prophezeiung Obadjas - W.: „Vision Obadjas“; wie in 2 Chr 32,32; Jes 1,1 und Nah 1,1 ist „Vision von X“ hier die Überschrift eines ganzen Prophetenbuchs. Deshalb und da im Buch ja von gar keiner „Vision“ berichtet wird, treffender „Prophetie“ (so oder ähnlich z.B. Dick 2005, S. 3; MEN, NL, van Ess; Wolff 1977, S. 14). (Zurück zu v.1)
bSchwieriger Vers. Schwierigkeit (1) ist, dass das Hebräische keine Anführungszeichen kennt. Diese und die nächsten beiden Zeilen können daher jeweils als Redeeinleitung gedeutet werden, auf die dann die Wiedergabe der wörtlichen Rede folgt - oder auch nicht. Mit dem Maximum an Redeebenen ergäbe dies also: [Prophetie Obadjas:] „So hat der Herr JHWH über Edom gesprochen: [Wiedergabe des Gesprochenen JHWHs:] ‚Eine Botschaft haben wir von JHWH gehört: [Wiedergabe des von JHWH Gehörten:] ‚Ein Bote wurde zu den Nationen gesandt (mit der Botschaft:) [Wiedergabe der Botschaft des Boten:] ‚Erhebt euch...‘‘‘“ Welche der Sätze als wörtliche Rede analysiert werden und welche nicht, ist völlig uneinheitlich in der Exegese.

Schwierigkeit (2) ist, dass hier untypischerweise nach der einleitenden Botenformel „So spricht JHWH über/zu Edom“ offenbar keine wörtliche Rede folgt, da sonst ja JHWH selbst berichten würde, eine Botschaft von JHWH übermittelt bekommen zu haben. In der Regel wird daher diese Botenformel entweder als eine zweite Überschrift verstanden (so die meisten) - was aber genau so untypisch wäre und ja nichts daran ändern würde, dass man nach einer solchen Überschrift eine wörtliche Rede JHWHs erwarten sollte, die eben nicht direkt folgt - oder textkritisch (-> Textkritik) ans Ende von V. 1 verschoben (so z.B. Nötscher 1958; Theis 1937; Wolff 1977; ).
Beide Schwierigkeiten lassen sich am leichtesten lösen, wenn man der alten Deutung von Schegg 1862 folgt: Zeilen 3-4 stehen auf der selben Ebene wie Zeile 2, formen so einen Parallelismus und keine dieser Zeilen ist wörtliche Rede (s. S. 379). In drei aufeinanderfolgenden Zeilen wird derart die „Reichweite“ der Botschaft JHWHs nach und nach ausgeweitet: (1) Ohne Nennung der Reichweite: „So hat der Herr JHWH über Edom gesprochen“; (2)Wir“ - d.h. wohl: Ich (=Obadja) und die Judäer - „haben eine Botschaft von JHWH gehört“; (3)An [alle] Nationen wurde ein Bote gesendet“.

Vv. 2-7 thematisieren dann die Folgen dieses allgemeinen Aufrufs zum Krieg JHWHs. (Zurück zu v.1)
cNachricht ... gehört - Figura etymologica: Das Wort für Nachricht (sonst meist „Gerücht“) kommt vom selben Wortstamm wie „haben wir gehört“; es wirkt also wie: „Ein Gehörtes haben wir gehört“ (vgl. B-R: „ein Vernehmen vernahmen wir von IHM her“). (Zurück zu v.1)
dDer Bote könnte ein Engel sein, dessen Botschaft das göttliche Gericht einleitete; s. Mal 3,1; Dan 4,10.14.20 (so z.B. Rudolph 1971, S. 302; Sellin 1922, S. 231; Schumpp 1950, S. 153). Vielleicht wird aber Gott auch nur anthropomorph als Kriegstreiber dargestellt, der wie in Ri 7,24; 1 Sam 11,7; Ez 17,15; 1 Chr 19,16 seine Boten mit dem Aufruf zur Schlacht entsendet. (Zurück zu v.1)
eErhebt euch, lasst uns uns erheben - Oder: (1) Das einleitende „erhebt euch“ wird im Hebräischen auch häufig verwendet als bloßer „Vorbereitungsimperativ“; in etwa vergleichbar einem deutschen „Los!“, „Auf gehts!“; also „Los, lasst uns uns erheben!“. (2) Außerdem gibt es im Hebräischen einen sogenannten „Pseudo-imperativ“: In einer Imperativkette dient der erste als Bedingung, der zweite als Folge, also „Wenn ihr euch erhebt, werden auch wir uns erheben“. So aber nur Dick 2005: „Arise so we can rise against her in battle!“
Dass JHWH gemeinsam mit Menschen in den Kampf zieht, ist in der Bibel nicht ungewöhnlich (etwa Jes 13,1-5; Mi 2,13; Ps 144). (Zurück zu v.1)
fes kann sich nur auf Edom beziehen. Edom ist zwar sonst im Obadjabuch männlich, das mit „es“ übersetzte Wort dagegen weiblich, doch außerhalb des Obadjabuches findet sich Edom noch häufiger als Femininum. Es ist in der Bibel nicht ungewöhnlich, dass für Nationen verschiedene Geschlechter benutzt werden. (Zurück zu v.1)
gIn V. 2 beginnt eine neue wörtliche Rede: V. 1e richtete sich an „uns und die Nationen“. Ab V. 2 gibt Obadja JHWHs Rede gegen „dich“ - nämlich Edom - wieder. In der Lesefassung muss man das wahrscheinlich durch eine neue Redeeinführung verdeutlichen. (Zurück zu v.2)
hSiehe ist eine so genannte „Diskurspartikel“, die man fast nie wörtlich übersetzen kann. Ihre Funktion ist es, die folgende Aussage besonders relevant für die aktuelle Rede zu kennzeichnen (vgl. z.B. Nic §67). Vermutlich bezieht sie sich hier also auf den vorausgehenden Aufruf zum Krieg (V. 1), dessen Folgen in den kommenden Versen (Vv. 2-7) beschrieben werden: JHWH hat Edom schon jetzt unwahrscheinlich klein und unbedeutend gemacht (Vv. 2-7), doch selbst das ist kein Vergleich zu dem, was am „Tag JHWHs“ (dazu s.u.) mit Edom geschehen wird (Vv. 8f.15). (Zurück zu v.2)
itFN: habe ich dich gemacht - viele deuten als „prophetisches Perfekt“ (d.h.: Die Verbform Qatal, die sonst für Vergangenheit und Gegenwart verwendet wird, stünde hier für Futur): „werde ich dich machen“. Das ist nicht sehr wahrscheinlich, weil ab V. 8 die Verbformen Yiqtol und Weqatal verwendet werden, wo man noch eher ein prophetisches Perfekt erwarten würde. Theoretisch ist aber auch dies möglich. (Zurück zu v.2)
junter den Nationen (durch die Nationen) - Wortspiel im Hebräischen: Die Präposition b („unter“) dient meist der Verortung, „unter den Nationen“ ist dann eine Art Superlativ: „Ich habe dich gering unter den Völkern gemacht“ entspricht mehr oder weniger „Ich habe dich zum geringsten aller Völker gemacht“; vgl. Jenson 2009, S. 13; so auch CJB: „I am making you the least of all nations“; ähnlich EVD; GN; GW; T4T. Andererseits kann die Präposition auch das „Mittel“ angeben, mithife dessen man etwas macht, also: „durch die Nationen habe ich dich gering gemacht“. Und von diesem - dass fremde Nationen Edom „gering gemacht“ haben - berichten dann ja Vv. 5-7. (Zurück zu v.2)
kDie Vermessenheit deines Herzens (dein vermessenes Herz, deine Vermessenheit) hat dich getäuscht - Nicht wörtlich zu übersetzen: Das „Herz“ ist in der hebräischen Anthropologie wesentlich häufiger Sitz des Verstandes als der Emotionen (vgl. z.B. Krüger 2009, S. 104); die dt. Entsprechung ist daher meist eher „Geist, Verstand“ als „Herz“. Und das mit „täuschen“ übersetzte Wort nascha´ „steht meist für die Täuschung durch scheinbar vernünftige, überzeugendes Rede oder Argumentation (z.B. Jes 36,14 [|| 2 Kön 18,29]; Jer 4,10; 2 Chr 32,15) und wird daher oft assoziiert mit fehlerhafter Weisheit (Gen 3,13; Jes 19,13 (vgl. Vv. 11-14)).“ (Ben Zvi 1996, S. 55). Treffender als die wörtliche Übersetzung „Die Vermessenheit deines Herzens hat dich getäuscht“ wäre daher etwas wie „Ob der Vermessenheit deines Geistes hat du dich verrechnet“ - was besonders an Edom gerichtet ein harter Vorwurf war, denn die Weisheit Edoms war sprichwörtlich; s. Ijob 2,11; Jer 49,7; Bar 3,23. (Zurück zu v.3)
lMit den „Felsenklüften“ sind sicher (oft: künstlich erweiterte und ausgehauene) Gebirgshöhlen gemeint, in denen man damals gerade im bergigen Gegenden häufig lebte. (Zurück zu v.3)
mFelsenklüften (Klüften von Sela) - das hebräische sela kann als Klassennomen ein „Gebirge“ bezeichnen, ist aber gleichzeitig ein edomitischer Ortsname: „Sela“. Früher wurde dieses Sela oft mit der Stadt Petra gleichgesetzt; heute geht man eher davon aus, dass es sich um die edomitische Festung es-Sela nahe Bosora gehandelt haben muss (vgl. z.B. Dick 2005, S. 8; für einige Bilder s. hier). Welches von beidem gemeint ist, ist nicht zu entscheiden. Als Ortsname würde es hier auch deshalb Sinn machen, weil Sela eine wichtige Rolle bei der Eroberung Edoms durch Nabonidus spielte, auf die wohl auch das Obadjabuch anspielt (s. Anmerkungen). (Zurück zu v.3)
nDie Edomiter lebten am und im Gebirge Seir (dazu s. z.B. Seïr (Wibilex)). Die Sicherheit eines Aufenthaltsorts im Gebirge ist ein häufiges Bild in der Bibel; hier täuscht es aber: Edom mag noch so „gebirgig“ wohnen; sicher vor JHWHs Vergeltung ist es deshalb noch lange nicht. (Zurück zu v.3)
otFN: W. Die Vermessenheit deines Herzens hat dich betrogen, [er war] wohnend in Felsenklüften, [in] der Höhe [war] sein Wohnsitz, [er war] sprechend:.... Drei asyndetische inkongruente Relativsätze: Im Hebräischen muss die Relativpartikel ascher („der“) nicht gesetzt werden, daher „[der] wohnend war“ statt „er war wohnend“ etc.; und solche asyndetische Relativsätze sind im Hebräischen häufiger inkongruent (vgl. Joosten 1993; ad loc. Ehrlich 1912b, S. 258), daher „der du wohnend warst“ statt „der wohnend war“ etc. (zu v.3)
ptFN: [in] - Brachylogie aus Sticho b oder accusativus loci. (Zurück zu v.3)
qin deinem Herzen sprachst - vom Sinn her wieder eher: „der du dir ausgerechnet hast:...“; vgl. FN k (Zurück zu v.3)
rwenn du hoch machtest - Oder: „Wenn du so hoch/erhaben wärest wie ein Adler“ oder „dich so hoch/erhaben machtest wie ein Adler“, d.h. „Wenn du so hoch flögest wie ein Adler“ (so z.B. Bewer 1911; Brown 1996; Dicou 1994; Eiselen 1907; Lescow 1999; Stuart 1987). Doch sehr viel wahrscheinlicher ist „dein Nest“ das Objekt des Verbs „hoch machen“ (vgl. Num 24,21) und zwischen beide Satzglieder ist - den Vergleich noch übersteigernd - das „ja, selbst, wenn zwischen die Sterne gesetzt wäre“ als Ausdruck der Hybris Edoms eingeschoben. (Zurück zu v.4)
sein Adler (der Adler) - W. „der Adler“; doch in Vergleichen sind im Hebräischen Substantive häufig auch dort determiniert, wo in einem entsprechenden deutschen Vergleich ein Substantiv indeterminiert wäre (d.h.: wo das Deutsche „ein Adler“ statt „der Adler“ setzen würde); übersetze daher: „ein Adler“.
Der Adler ist in der Bibel öfters eine Metapher für eine zerstörerische Macht (s. noch Ijob 9,26; Jer 4,13; 48,40; 49,22); der Vergleich meint also: „Und wenn du noch so mächtig und gesichert wärest: Ich würde dich dennoch überwältigen.“ (Zurück zu v.4)
tTextkritik: MT hat „wenn gesetzt wäre“; LXX und VUL legen aber stark nahe, dass im ursprünglichen Text stand: „wenn du gesetzt hättest“ (s. BHS; so z.B. auch Bewer 1911; Nötscher 1958; Stuart 1987 u.a.). Mur XII dagegen stützt MT und der Text bereitet auch keine Probleme, so dass man ihn beibehalten kann. (Zurück zu v.4)
uSpruch JHWHs markiert oft das Ende eines Prophetieabschnitts, um diese Prophetie noch einmal zusätzlich stützen, indem sie die Prophetie explizit zurückbindet an JHWH, ihren „Auftraggeber“. So auch hier; in der LF muss das wohl freier übertragen werden. EVD z.B. verschiebt gut an den Anfang von V. 4 und übersetzt: „The Lord God says this:...“; sinnvoll auch HfA: „Darauf gebe ich, der Herr, mein Wort!“; NLT: „I, the LORD, have spoken!"“ (Zurück zu v.4)
vDass mit V. 5 ein neuer Abschnitt in der Strophe Vv. 2-7 beginnt, wird ganz deutlich durch den Stilwechsel: (1) sind Vv. 5-7 im Gegensatz zu Vv. 2-4 und Vv. 8-11 durch nichts als Rede JHWHs ausgezeichnet, (2) wechseln Vv. 5-7 in eine neue Textsorte („Stadtklage“; s.u.); (3) weist in diese Richtung das „Spruch JHWHs“ am Ende von V. 4, das hier - wie oft - das Ende eines Abschnitts markiert (so z.B. auch Ben Zvi 1996, S. 46; Clark 1991, S. 328; Dick 2005, S. 9). (Zurück zu v.5)
wtFN: [Über dich gekommen wären] - Brachylogie aus Sticho 1. (Zurück zu v.5)
xzerstört (zum Schweigen gebracht) - Wortspiel im Hebräischen: damah meint hier primär „zerstören“, kann aber auch „zum Schweigen bringen“ bedeuten, und vor dem Hintergrund des „sich verrechnenden Großredens“ in V. 3 nimmt es hier so einen Doppelsinn an: Nicht nur Edom selbst, sondern auch seiner Großmäuligkeit hat Gott ein Ende gemacht: Edom wurde „zerstört/zum Schweigen gebracht“ (vgl. gut Ben Zvi 1996, S. 80). (Zurück zu v.5)
yDie drei mit ´ek ([Ach!,] wie...“) eingeleiteten Stichos sind typische Bestandteile der Textsorte „Stadtklage“ (zur Gattung vgl. z.B. Stadtklagen (Alter Orient) (Wibilex), zum ´ek-Ruf in Stadtklagen z.B. Totenklage (AT) (Wibilex)), mit der der Untergang einer Stadt betrauert wird. Gerichtet an den alten Erzfeind Edom hat das natürlich etwas zutiefst sarkastisches: „Eine Runde Mitleid für Edom!“
Die drei Sätze sind ein schönes Beispiel für die P-Shifts (-> Shift) in den Prophetenbüchern: „Wie bist du zerstört!? - Wie ist Esau durchsucht worden!? - Wie wurden seine Schätze geplündert!?“ - Da es solche Shifts im Dt. nicht gibt, sollten sie in der LF vielleicht besser aneinander angeglichen werden, obwohl es in diesem Fall sogar auch im Dt. funktionieren würde. (Zurück zu v.5 / zu v.6)
z[nur] + [selbst] - Fokuspartikel wie „nur“ und „selbst“ werden im Hebräischen sehr oft nicht gesetzt; im Deutschen muss man sie sich jeweils hinzudenken; vgl. ad loc. gut Ehrlich 1912b, S. 257. (Zurück zu v.5 / zu v.6)
aaHätten sie nicht eine Nachlese übrig gelassen? - Anspielung auf den altorientalischen Brauch, bei der Ernte Reste für die Bedürftigen übrig zu lassen, die diese nach der Ernte einsammeln konnten (s. z.B. Lev 19,9; Dtn 24,19.21). Die Ernte ist in der Bibel noch öfter ein Bild für die völlige Zerstörung, s. noch Jes 17,4-6; 24,12f; Jer 6,9 und die Parallelstelle zu unserem Vers, Jer 49,9: Selbst bei einer Ernte bleiben wegen des besagten Brauchs Reste übrig - doch Edom war diese Gnade nicht gewährt; das macht V. 6 klar: Selbst die Schätze Edoms wurden aufgestöbert (vgl. gut Isopescul 1914, S. 157f.; Jenson 2009, S. 15f).
Gut übersetzt daher Schumpp 1950, S. 151: „Stehlen sie nicht bloß ihren Bedarf? ... Lassen sie dir nicht wenigstens die Nachlese?“. (Zurück zu v.5)
abTextkritik: W. „Wie sind Esau zerstört worden“; „Esau“ wird hier als Kollektivum mit einem Pluralverb konstruiert (vgl. Mey §94.5a; ad loc. Wolff 1977, S. 17), was ins Dt. mit Sg. übertragen werden muss. Eine Emendation ist unnötig und auch der Sg. der LXX muss nicht bedeuten, dass in einer früheren Textversion Sg. gestanden war, sondern kann auch nur heißen, dass sie das richtig gesehen hat. (Zurück zu v.6)
acEsau - Nach einer alten Überlieferung ist der Stammvater der Judäer Jakob, der Stammvater der Edomiter dessen Bruder Esau (s. bes. Gen 25,19-30); „Esau“ steht hier also für Edom. (Zurück zu v.6)
adtFN: [Ach! wie] - Brachylogie aus Sticho 6a. (Zurück zu v.6)
aeVerstecke (versteckten Schätze) - Bedeutung unsicher (-> Hapax legomenon). Aber das hebräische mazpon kommt vom Verb zapan („verbergen, verstecken“) und auch LXX und VUL legen entweder die Bedeutung „Verstecke“ oder „versteckte [Dinge]“ - also Schätze - nahe.
Im Kriegsfall pflegte man im Alten Orient, wertvolle Dinge zu verstecken, damit sie bei einer Niederlage nicht dem Feind in die Hände fielen; von solchen Verstecken/„Schätzen“ ist hier die Rede. (Zurück zu v.6)
afgeplündert - meist: „durchstöbert“, „durchsucht“ o.Ä. Das seltene heb. Verb ba`ah ist aber wohl nicht einfach ein Synonym zum „durchsuchen“ im vorigen Sticho: In Ex 24,4 bezeichnet es das vollständige Abweiden eines Berges durch Vieh und meint also wohl hier die gewaltsame, vollständige Leerung Edoms. Gut daher GNB, GW: „looted“; NIV: „pillaged“ (beides: „geplündert“).
Im Hebräischen bildet der Sticho so einen entfernten Parallelismus mit der Rede von den Winzern in V. 5.: Edom ist „abgeerntet und abgegrast“. (Zurück zu v.6)
agSehr schwieriger Vers. Bis inklusive der vorletzten Zeile lautet er wörtlich etwa: „Es trieben dich bis zur Grenze alle Männer deines Bundes betrogen dich überwältigten dich Männer deines Friedens dein Brot legten eine Falle unter dich.“

Schwierigkeit (1) ist, dass die Phrasen „alle Männer deines Bundes“ und „Männer deines Friedens“ je sowohl zum vorangehenden als auch zum folgenden Verb gezogen werden könnten, also entweder „Es trieben dich bis zur Grenze alle Männer deines Bundes, / sie betrogen dich.“ oder „Sie trieben dich bis zur Grenze; / alle Männer deines Bundes betrogen dich.“ und entweder „Es überwältigten dich Männer deines Friedens, / sie legten eine Falle unter dich.“ oder „Sie überwältigten dich, / Männer deines Friedens legten eine Falle unter dich.“
Schwierigkeit (2) ist die Deutung des rätselhaften „dein Brot“. Geradezu witzig Lescow 1999: „Dein Brot! Sie legen Fußangeln unter dich!“; sinnvollere Vorschläge:

  1. „Dein Brot“ wird mit Halévy 1907, S. 458 nach LXXL, Sym, VUL, Tg umpunktiert zu „die, die mit dir Brot aßen“ (so die meisten); also „Es überwältigten dich Männer deines Friedens; / die, die mit dir Brot aßen, legten eine Falle unter dich.“ - doch müsste man das Wort, das dann von diesen als „die, die mit dir Brot aßen“ übersetzt wird, eigentlich übersetzen als „die, die dich aßen“ (vgl. Davies 1977, S. 485f; Jenson 2009, S. 16f).
  2. „Dein Brot“ wird mit Wellhausen 1893, S. 204 nach LXX und Mur XII gestrichen oder als Glosse ausgeschieden (so z.B. Nötscher 1958; Theis 1937; Wolff 1977) - doch wäre dann nicht erklärlich, wie und warum dieses Wort/diese Glosse dann in den MT hineingekommen sein sollte (vgl. Davies 1977, S. 485f).
  3. Vor „dein Brot“ wird textkritisch das Verb „die, die essen/aßen“ ergänzt (Davies 1977, S. 486; Jenson 2009, S. 16f.; ähnlich schon Ehrlich 1912b, S. 259; ähnlich auch Ben Zvi 1996, S. 86, FN 67): „Die, die dein Brot aßen“.

Von diesen drei Lösungen ist für die LF sicher die dritte zu wählen; dies löst dann auch zumindest ein stückweit Schwierigkeit (1), da dann wenigstens die Zuordnung der Phrase „die Männer deines Friedens“ klar ist. Wegen des Parallelismus und weil sonst im ersten Sticho das Subjekt offengelassen wäre, sollte man dann entsprechend auch das „alle Männer deines Bundes“ zum vorangehenden Verb ziehen. Dann ist wiederum unklar, wozu das Verb „sie überwältigten dich“ gehört, was sich aber über die Poetik des Verses lösen lässt: Im ganzen Vers stehen sehr viele Wörter, die auf das Suffix -ka enden; der Vers lässt sich daher so strukturieren, dass die Stichos sich reimen und das in jedem Sticho entweder das Subjekt oder das Verb eines Satzes steht (vgl. Dicou 1994, S. 21):
ad-hagäbul schilechuka („Bis zur Grenze haben dich getrieben“)

kol ´ansche bäriteka („alle Männer deines Bundes“).

hischi´uka jakalu läka („Es haben dich betrogen - überwältigt haben dich“)

´ansche schälomeka („Männer deines Friedens“).

[lochame] lachmäka („Die, die dein Brot aßen“)

jaschimu mazor tachteka („legten eine Falle unter dich“). (Zurück zu v.7)
ahBis zur Grenze haben sie dich getrieben - Bedeutung unsicher. Am wahrscheinlichsten ist gemeint, (1) dass Edoms Verbündete sie aus ihrem eigenen Land vertrieben haben (so z.B. Bewer 1911) oder es ist (2) gemeint, dass Edom Unterhändler mit der Bitte um Hilfe zu seinen Verbündeten geschickt hat, die aber abgewiesen und zurück über die Grenze geschickt wurden (so z.B. Niehaus 2009; Sellin 1922). (1) ist wahrscheinlicher, da es historisch in der Tat so geschehen ist: Entweder sind mit den ehemaligen Bundesgenossen die Babylonier gemeint, die wenige Jahre nach der Eroberung Judas (587 v. Chr.) auch über Edom herfielen (553/2 v. Chr.; so z.B. Bartlett 1989, S. 159; Dick 2005, S. 11f), oder die (Vorfahren der) Nabatäer, die sich dem Einflussbereich Babylons entzogen, indem sie nach der Eroberung Edoms durch die Babylonier in Edom einwanderten/einfielen und so wiederum die Edomiter nach und nach in die Gegend der Wüste Negev abdrängten (so z.B. Jeremias 2007, S. 58.66). Gegen (2) vgl. außerdem noch gut Ben Zvi 1996, S. 88, FN 74.
Sinnvoll daher die Üss. von HfA: „Sie jagen dich aus deinem Land“; T4T: „They will force you to leave your country/land.“; ähnlich BBE, EVD, GNT, GW, NIRV (Zurück zu v.7)
aiDie, die dein Brot aßen ist ebenso wie das „Männer deines Bundes“ und das „Männer deines Friedens“ ein Ausdruck für Verbündete; s. Ps 41,10. Der Ausdruck geht wohl darauf zurück, dass im Alten Israel Bündnisse bei einem gemeinsamen Mahl (wofür in der Bibel sehr häufig synekdochisch nur „Brot“ steht) geschlossen wurden. (Zurück zu v.7)
ajtFN: legten (werden legen) - W. „werden eine Falle unter dich legen“; (bedeutungsloser) T-Shift (so z.B. auch Ben Zvi 1996, S. 92), der im Deutschen nicht beibehalten werden sollte, da es solche Shifts im Deutschen nicht gibt. Vgl. z.B. den parallelen Aufbau von Ps 93,3 (dazu z.B. Nic §172); vgl. außerdem den P-Shift in V. 13. (Zurück zu v.7)
akIn ihm - d.i. in Edom; der Sticho gehört bereits zu V. 8, wie (1) durch die parallele Formulierung in Dtn 32,28, (2) den Wechsel von der 2. zur 3. Person (3) das verknüpfende Stichwort „Verstand“ und (4) die Verbform Weqatal in V. 8 klar wird (so z.B. schon Schegg 1862, S. 384; ähnlich Nowack 1922, S. 177; Wolff 1977, S. 33). Die Weisheit Edoms war sprichwörtlich; s. Ijob 2,11; Jer 49,7; Bar 3,23; dass „in Edom kein Verstand mehr sein wird“ meint also letztendlich: Edom wird völlig zernichtet. (Zurück zu v.7)
al{Wahrlich,} An jenem Tag - Spruch JHWHs - „An jenem Tag - Spruch JHWHs“ ist eine geprägte Wendung in der Bibel; vgl. noch Jes 22,25; Jer 4,9; 30,8; 39,17; Jer 49,26; 50,30; Ez 38,18; Hos 2,18.23; Am 2,16; 8,3.9; Mi 4,6; 5,9; Zef 1,10; Hag 2,23; Sach 3,10; 12,4; 13,2 (Baumgärtel 1961 listet noch weitere Stellen mit verwandten Formeln). „An jenem Tag“ bezeichnet dabei stets einen Tag des Heils oder Unheils, für den Gott eine Verheißung oder ein Unheil prophezeien lässt; „Spruch JHWHs“ soll dann diese Heils- oder Unheilsprophetie jeweils noch zusätzlich stützen, indem sie die Prophetie explizit zurückbindet an JHWH, ihren „Auftraggeber“.

Sicher ist daher nicht zu übersetzen als rhetorische Frage („Werde ich nicht an jenem Tag - Spruch JHWHs - ...?“ - so fast alle); das hebräische halo ist hier nicht das häufige halo zur Einleitung rhetorischer Fragen („ist es nicht so, dass...?“), sondern ein sogenanntes „asseveratives halo(„Wahrlich!“, „Sicherlich!“; dazu vgl. z.B. Blau §103.3; Moshavi 2011; Sivan/Schniedewind 1993), das dem folgenden Drohorakel noch zusätzlich Gewicht verleihen soll (so lesen wohl auch LXX und Syr). Es wird ganz deutlich: Hier beginnt ein neuer Abschnitt in Obadjas Prophetie; ab hier „geht es zur Sache“: Obadja tut nun JHWHs „eigentliches“ Drohorakel kund.

Im Deutschen gibt es kein dem asseverativen halo vergleichbares Ausdrucksmittel; es sollte daher in der Üs. besser ausgespart werden. (Zurück zu v.8)
amBerg Esau: Das Gebirge Seir; s. FNn n.ab. (Zurück zu v.8 / zu v.9 / zu v.19 / zu v.21)
anerschrecken (in Panik geraten, vernichtet werden) - Wortspiel (->Janus-Parallelismus) im Hebräischen: Das Wort chatat meint meist „erschrecken“, kann aber auch für das „zerbrechen, zusammenbrechen“ i.S.v. „vergehen“ - auch von Menschen - stehen (vgl. Wolff 1977, S. 34, der auch hier mit „zusammenbrechen“ übersetzt; ebenso Brown 1996: „they shall be shattered“). Vermutlich hat es sogar wesentlich häufiger diese Bedeutung, als es i.d.R. gedeutet wird (s. noch 2 Kön 19,26; Jes 20,5; 37,27; Jer 8,9; 17,18; Jer 49,37; 50,36; Hab 2,17; wohl auch Jes 31,9). Der Sticho kann also sowohl meinen, dass Edoms Krieger „erschrecken“, d.h., in Panik geraten (Dick 2005: „they will panic“; Hagedorn 2010: „sie werden verwirrt/in Panik geraten“; Raabe 1996: „will be panic-stricken“) - und ist so die Fortführung von V. 8 (-> Vernichtung des Verstandes in Edom) - oder, dass Edoms Krieger ausgerottet werden - und steht so im Parallelismus zu 9b (-> Ausrottung aller Bürger Edoms). (Zurück zu v.9)
aoTeman war neben Bosora die bedeutendste Stadt Edoms und steht daher häufig metonymisch für den ganzen südlichen Teil Edoms oder gar ganz Edom; so wohl auch hier. (Zurück zu v.9)
apTextkritik: Nach dem masoretischen Text gehört „durch Mord“ ans Ende von V. 9; so auch Tg. LXX, VUL und Syr dagegen lasen es als erstes Wort von V. 10 („Wegen des Mordens“). Die Aufteilung der Bibel in Verse erfolgte Jahrhunderte später als die schriftliche Fixierung des Urtextes, so dass dieser beide Möglichkeiten bot. Der Lesart von LXX, VUL und Syr folgen z.B. auch BHS und viele Exegeten; dem folgen auch wir: Dafür spricht, dass dann sowohl V. 8d als auch 9b mit „Berg Esau“ enden würde und dass das Wort V. 9 inhaltsmäßig nichts hinzufügen würde; auch das am häufigsten vorgetragene Argument für die Lesart von MT und Tg - dass die doppelte Angabe des Grundes in V. 10 („wegen des Mordens, wegen der Gewalttat“) redundant war - greift nicht, denn derartige Redundanzen sind sogar typisch für den Stil des Obadjabuches und daher eher noch ein weiteres Argument für diese Lesart (vgl. „der du in Felsenklüften wohnst“ + „dessen Sitz hoch ist“ (V. 3); „hoch wie ein Adler“ + „zwischen die Sterne“ (V. 4); „Diebe“ + „Räuber bei Nacht“ (V. 5); „es haben dich betrogen“ + „es haben dich überwältigt“ (V. 7) und direkt im nächsten Vers „Am Tag, als du abseits standest“ + „Am Tag, als Fremde sein Heer fortführten“ (V. 11)). (Zurück zu v.9 / zu v.10)
aqHier muss man wohl einen neuen Abschnitt ansetzen: Gerichtsworte haben in der Bibel häufig die Stuktur [(A) Gerichtsankündigung] - [(B) Begründung (= (B1) Anklage + (B2) Entfaltung)] (vgl. z.B. Westermann 1960, S. 127). Die Funktion von (A) erfüllen hier Vv. 8f (und folgerichtig steht wie oft die Formel „Spruch JHWHs“ am Anfang dieses Abschnitts), die von (B1) Vv. 10f und die von (B2) Vv. 12-14. So lässt sich wohl auch die redundante Formulierung der Begründung in 10a erklären („Wegen des Mordens, wegen der Gewalttat“; s. vorige FN): Der doppelte Grund soll markieren, dass nun der Begründungsabschnitt beginnt. (Zurück zu v.10)
arBruder Jakob - gemeint ist Juda, s. FN ac. (Zurück zu v.10)
asScham dich bedecken - laut ThWAT IV, S. 276 bildlich für „Scham wird dich völlig beherrschen/überwältigen“. Unter Umständen ist aber etwas anderes gemeint: In Israel und im ganzen Alten Orient war der Brauch verbreitet, seine Feinde nach deren Niederlage zu erniedrigen - z.B. durch Verunstaltung der Körper der Feinde (vgl. Lemos 2006). Auch dieses Erniedrigen wurde bezeichnet als „beschämen“. Als Folge einer Niederlage nennt das „von-Scham-bedeckt-sein“ auch Jer 51,51; Ez 7,18; Hab 2,17; Ps 44,16. Vielleicht ist also hiervon die Rede; so gelesen passte der Sticho besser in den Zusammenhang der Niederlage und Vernichtung Edoms. So aber bisher niemand. (Zurück zu v.10)
atgegenüber standest (abseits standest) - das hebräische amad minneged kann sowohl das feindliche sich-Aufstellen-gegenüber-von-X meinen (s. 2 Sam 18,13) als auch das unbeteiligte daneben-Stehen (s. Ps 38,12). Edom werden hier also entweder wieder seine feindlichen Handlungen vorgeworfen - oder nur die Tatsache, dass es für seinen „Bruder“ nicht Partei ergriffen hat. Sticho 11e („Da warst auch du wie einer von ihnen“ - d.h. wie einer von denen, die Judas Heere gefangen nahmen, die ihre Städte okkupierten und über Jerusalem Lose warfen) macht die erste Bedeutung sehr viel wahrscheinlicher. (Zurück zu v.11)
ausein Heer (seine Habe) - das hebräische chajil kann beides bedeuten; auch das in V. 11 folgende Verb („wegführten“) kann sowohl für Personen als auch für Güter stehen. Welches von beidem hier gemeint ist, ist nicht entscheidbar, denn nach den folgenden Zeilen hat sich Edom beider Dinge schuldig gemacht: Sie haben sowohl Judas Bürger in die Gefangenschaft entführt (V. 14) als auch sich seiner Habe bemächtigt (V. 13). Vielleicht ist also gerade deshalb dieses Wort gewählt, um beide Bedeutungen zuzulassen (so auch Raabe 1996); übersetze am Besten: „Heer und Habe“. (Zurück zu v.11 / zu v.13)
avin seine Tore traten - nicht: „durch seine Tore traten“. Das Wort für „Tor“ meint nicht einfach eine Schwelle, durch die eine Stadt betreten werden konnte, sondern einen größeren Bereich: Im Alten Orient war das Tor das administrative Zentrum einer Stadt; hier wurde Markt gehalten, Gericht gesprochen, Nachrichten wurden ausgetauscht und Heere gemustert (für eine schöne Darstellung s. z.B. hier, S. 69). Dass „Ausländer in seine Tore traten“ meint also, dass sie in „in seinen Torbereich“ - den Herrschaftsbereich einer Stadt - eindrangen. Bisweilen errichtete ein König bei der Eroberung einer Stadt sogar einen Thron im Tor, um damit seine nunmehr erlangte Herrschaft über diese Stadt zu symbolisieren (vgl. z.B. IDB I, S. 355; ad loc. Niehaus 2009, S. 529). Das ist hier gemeint. (Zurück zu v.11)
awLose warfen - Losmantik war im ganzen Alten Orient verbreitet. Das goral-Los, von dem hier die Rede ist, leitet sich vermutlich her vom arabischen garila („steinig sein“); gelost wurde damit so, dass mehrere Steine in ein Behältnis getan wurden, das dann reihum gereicht und geschüttelt wurde. Auf denjenigen, bei dem ein besonders gekennzeichneter Stein aus dem Behältnis kam, „fiel das Los“; d.h., er war von den Göttern / von Gott ausgewählt worden für das, worüber gerade gelost wurde.
Hier losen die Ausländer über Jerusalem, die heilige Stadt - ein gewaltiges Sakrileg. (Zurück zu v.11)
axOder:

An dem Tag, an dem du gegenüber standest,

An dem Tag, an dem Fremde sein Heer wegführten,

Betraten Ausländer seine Tore

Und warfen Lose über Jerusalem.
Von den Verbformen liegt das eigentlich sogar etwas näher, aber in der Exegese wird ganz einheitlich die Primärübersetzung vertreten. (Zurück zu v.11)
aySo sinnvoll Dick 2005, S. 4; Gordis 1943, S. 177: k nicht als Vergleichspartikel (wie einer von ihnen“), sondern als „asseveratives Kaph“ zum Ausdruck von Emphase: Wie ein Paukenschlag wird am Ende der Anklage der zentrale Vorwurf vorgebracht: Edom hielt nicht zu seinem „Bruder“ Juda, sondern zu „Fremden“ und „Ausländern“.

Diese Auflösung ist zwar eine Minderheitenmeinung, aber wohl wirklich sinnvoller - vor allem in Kombination mit der Alternativauflösung in der vorigen FN.

Das Deutsche hat kein direktes Äquivalent zu diesem asseverativen Kaph; in die LF besser etwas wie: „Und du - auch du warst einer von ihnen!“ (Zurück zu v.11)
azsehen ohne nähere Bestimmung kann alle möglichen Konnotationen haben - etwa traurig blicken (z.B. Gen 21,16); mitleidig blicken (z.B. Gen 29,32), verachtend blicken (z.B. Ps 22,18) und schadenfroh blicken (z.B. Ps 54,9; 59,11; 112,8; 118,7). Sicher ist hier Letzteres gemeint. Gut daher z.B. Schumpp 1950, S. 151: „Du hättest nicht schadenfroh auf deinen Bruder blicken sollen... dich nicht weiden sollen am Unglück am Tage der Bedrängnis.“ (Zurück zu v.12 / zu v.13)
basollst nicht sehen (Sieh nicht...!, hättest nicht sehen sollen) etc. - interessantes Übersetzungsproblem: In Vv. 12-14 steht 8x die Konstruktion al („nicht“) + Jussiv. Die Sätze beziehen sich zweifellos auf die vergangenen Handlungen Edoms und viele (z.B. Brown 1996, Duhm 1910, Eiselen 1907, Hagedorn 2010, Jeremias 2007, Lescow 1999, Orelli 1893, Schumpp 1950, Theis 1937, Wolff 1977) übersetzen daher auch mit Vergangenheit: „Du hättest nicht X tun sollen“. Theoretisch ließe sich die Konstruktion auch so verwenden; faktisch findet sich diese Verwendung aber kein einziges Mal in der Bibel (außer u.U. in Ijob 3,4-7; doch auch hier deutet m.W. niemand so) - al + Jussiv für Vergangenheit ist nicht idiomatisch. Idiomatisch ist die Konstruktion stattdessen für „zeitlose moralische Prinzipien“ (Dick 2005, S. 16; s. z.B. Spr 1,10; Spr 3,7 u.ö.) und für Verbote (s. z.B. Ex 20,3-17).

Warum also greift der Dichter zu dieser Konstruktion und wie ist demzufolge in der LF zu übersetzen?

  1. Obadja lässt sich durch seine intensiven Empfindungen in die Vergangenheit zurückversetzen und spricht daher aus der Perspektive der Vergangenheit - so, als würden Edoms Sünden gerade eben geschehen (so z.B. Bewer 1911, S. 27; v.a. bei den älteren Exegeten beliebte Erklärung). Dann wäre jeweils als aufgeregter Ausruf zu übersetzen: „Sieh nicht...!; Freue dich nicht...!“ etc. So z.B. TEXT.
  2. Der Dichter verwendet ganz bewusst ein Idiom für Verbote, da wir uns ja im Kontext eines Gerichtswortes befinden. Dann wäre jeweils zu übersetzen: „Du sollst nicht sehen...; Du sollst dich nicht freuen...“ etc.; vielleicht gar etwas wie: „§1: Du sollst nicht sehen...; §2: Du sollst dich nicht freuen...“ etc. So z.B. LUT, SLT.
  3. Beide Übersetzungsmöglichkeiten sind aber in der LF wohl nicht ohne eine Fußnote o.Ä. möglich; vielleicht sollte man daher doch einfach jeweils übersetzen: „Du hättest nicht sehen dürfen...; Du hättest dich nicht freuen dürfen...“ etc. So z.B. GN, H-R, HER05, MEN, NL, R-S, van Ess. (zu v.12 / zu v.13 / zu v.14)
bbOder: „Du sollst nicht sehen auf den Tag deines Bruders / am Tag seines Unglücks.“ So viele, doch erstens sehe ich nicht, wie man „schadenfroh auf einen Tag sehen“ sollte; zweitens ist das Hauptargument für diese Deutung das, dass sonst redundant zwei Zeitangaben aufeinander folgen würden - doch das greift nicht, s. FN ap und siehe den vorigen Vers, in dem gleich vier Zeitangaben aufeinandergehäuft sind. (Zurück zu v.12)
bcUnglücks - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Auch das verwandte Wort in Ijob 31,3 steht - wie unser Wort in unserem Vers - im Parallelismus mit ed („Unglück, Unheil“), so dass recht wahrscheinlich auch dieses Wort eine ähnliche Bedeutung hat. (Zurück zu v.12)
bdSöhne von X - Idiom für „Bewohner/Bürger von X“. (Zurück zu v.12 / zu v.20)
beMund groß machen - Idiom für feindliches Reden; s. noch Ijob 16,10; Ps 22,14; Jes 57,4; Klg 2,16; 3,46. (Zurück zu v.12)
bfZu Kommen in das Tor vgl. FN av. Das „Tor meines Volkes“ ist entweder speziell das Tor Jerusalems oder ein Kollektivum für die „Tore“ der judäischen Städte (s. Gen 22,17; vgl. Raabe 1996). (Zurück zu v.13)
bgihres - Das Possessivpronomen steht hier einmal im Plural und zweimal im Singular. Gemeint ist jedes Mal Juda (-> bedeutungsloser P-Shift; vgl. Niehaus 2009, S. 532); übersetze: „seines Unheils“.
Der P-Shift hat hier ein Wortspiel als „Nebenwirkung“: ´edam („ihres Unheils“) erinnert an Edom. (Zurück zu v.13)
bhtFN: [die Hand] ausstrecken - Das Objekt „Hand“ wird vor dem Verb „ausstrecken“ auch in 2 Sam 6,6 und Ps 18,17 ausgespart und muss dazugedacht werden (so schon Tg; vgl. auch auch Ben Zvi 1996; Isopescul 1914; Jeremias 2007; Raabe 1996; Stuart 1987). Das Verb ist nicht zu analysieren als Imperativ + Suffix -na´, das als -nah verschrieben wurde (so viele), denn wo al („nicht“) und dieses Suffix zusammen vorkommen, wird das Suffix nicht an das Verb, sondern an al angehängt. Das Verb ist ein Imperativ mit Nun energeticum (vgl. z.B. JM §61f - auch ad loc -; vgl. auch Ben Zvi 1996; Raabe 1996; Stuart 1987). (Zurück zu v.13)
biAusschlupf, Weggabelung - Bedeutung unsicher (-> Dis legomenon). Das Wort leitet sich her vom Verb paraq („wegreissen, abreissen, spalten“); in Nah 3,1 steht es für „das Entrissene“, d.h. „Beute“. Weil man in Ob `amad `al einheitlich nimmt als „stehen an/auf“, geht man davon aus, dass es dort für eine Ortsangabe stehen müsse; und ein Ort, den man als den „Gespaltenen“ bezeichnen kann, soll dann entweder ein „Spalt“ in der Mauer - ein „Ausschlupf“ (LXX: „Ausweg“, Sym: „Fluchtweg“, VUL: „Ausgang“) - oder eine „Weggabelung“ (so die meisten Üss) sein. Von diesen beiden ist allein schon wegen des Rückhalts der alten Übersetzungen sicher das erstere vorzuziehen.
Anm. d. Üs. (S.W.): Allerdings kann evt. `amad `al auch „streben nach“ bedeuten (wohl als „harren auf“); s. Lev 19,16: „Du sollst nicht amad `al das Blut deines Nächsten... Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen.(vgl. KBL3, S. 795). Mit dieser Deutung von `amad `al würde „Beute“ eigentlich auch hier Sinn machen; denn das Folgende muss nicht notwendig als finaler Nebensatz („um zu“) genommen werden, sondern kann auch konsekutiv oder gradierend gelesen werden („Du sollst nicht nach Beute streben / und so die Entronnenen ausrotten“ resp. „Du sollst nicht nach Beute streben / bis dahin, dass du [selbst] die Entronnenen ausrottest“). Doch ist das m.W. noch nie vertreten worden. (Zurück zu v.14)
bjausliefern - gemeint ist sicher der Sklavenhandel mit den gefangenen Flüchtlingen (so z.B. Nötscher 1958, S. 744); vgl. z.B. Am 1,6.9. (Zurück zu v.14)
bkDer Zhg. von V. 15 mit V. 14 und V. 16 ist umstritten; drei Positionen sind verbreitet:
  1. V. 15 wird zu V. 14 gezogen, „Denn nahe ist der Tag JHWHs“ soll dann JHWHs Befehle in Vv. 12-14 begründen. - Aber die Funktion der Befehle in Vv. 12-14 ist ja klar (s. FN aq); sie selbst sind ja schon Begründung von Vv. 8-9. Dass „denn nahe ist der Tag JHWHs“ u.Ä. stets vorangegangene Befehle begründen soll, ist ohnehin unwahr; s. Dtn 32,35; Jes 2,12; 34,8; Joel 2,11; 4,14, die gar nicht auf Befehle folgen.
  2. Seit Wellhausen 1893 wollen viele Exegeten (z.B. Allen, Bewer, Deissler, Duhm, Nötscher, Rudolph, Sellin, Wehrle, Wolff; zuletzt Assis 2014, S. 217f) die Reihenfolge von 15a und 15bc vertauschen, 15bc zu 8-14 ziehen und mit 15a einen neuen Abschnitt beginnen lassen, um auf diese Weise zwei „thematisch saubere“ Abschnitte zu erhalten: V. 8-14.15bc handelte dann nur von der Bestrafung Edoms, V. 15a.16-21 nur von der Bestrafung der Völker. - Eine solche Versumstellung kann aber nur die ultima ratio sein; auch handeln Vv. 16-21 gar nicht nur von der Bestrafung der Völker unabhängig von Edom, und auch der Wechsel von 2. Pers. Sg. zu 2. Pers. Pl. in 15bc.16, mit dem oft argumentiert wird, ist nicht störend (s. dort).
  3. Mit V. 15 beginnt ein neuer Abschnitt; Vv. 15bc.16 sind dann Auslegung von „Ja!, nahe ist der Tag JHWHs!“ (unsere Position. Einen neuen Abschnitt beginnen lassen auch Brown 1996, Jeremias 2007, Niehaus 2009, Stuart 1987, Theis 1937). (Zurück zu v.15)
blbei (gegen) - Theoretisch könnte al-kol-hagojim sowohl den Bereich angeben, an dem das Gericht JHWHs am „Tag JHWHs“ stattfinden wird (bei allen Nationen“, s. Jes 25,7; Sach 7,14) als auch das „Objekt“ des Tages JHWHs (wider alle Nationen“, so fast alle) - aber was soll denn ein „Objekt eines Tages“ sein?
Mit „Tag JHWHs“ werden in den Prophetenbüchern diverse Gerichtstage JHWHs bezeichnet: Entweder handelt JHWH an einem solchen „Tag JHWHs“ strafend mithilfe anderer Völker an seinem eigenen Volk (z.B. Jes 2,12-17; Jes 22,1-14; Klg 1,12; 2,1.21f; Zef 1,7-16 u.ö.) oder er handelt strafend an anderen Völkern (z.B.: Jes 13,6: An Babylon; Jer 46,10; Ez 30,3: An Ägypten; vgl. z.B. Tag Jahwes (AT) (Wibilex)). Das Obadjabuch greift auf beide Konzepte zurück: Vv. 11-14 sprechen von ihm als einem Unheilstag Judas; Vv. 8f.15 als einem Gerichtstag an den Völkern - speziell Edom (vgl. gut Beck 2013, S. 27). Diese Universalität dieses „Tags JHWHs“ soll durch die Hinzufügung von „bei allen Nationen“ zum Ausdruck kommen. Gut daher Beck 2013, S. 27: „Denn er ist nahe, der Tag des Herrn, für alle Völker“; GW, NIRV, NIV: „The day of the LORD is near for all nations“; MSG: „God's Judgment Day is near for all the godless nations“.
In der LF muss „Tag JHWHs“ wahrscheinlich expliziert werden; vielleicht als „Tag [des Gerichts] JHWHs“ o.Ä. - vgl. HfA: „Der Tag, an dem ich, der Herr, allen Völkern ihr Urteil spreche“; NLT: „The day is near when I, the LORD, will judge the godless nations!“ (Zurück zu v.15)
bmSo, wie du getan hast, wird dir getan werden - Sehr knappe Formulierung im Hebräischen: ka´ascher `aßita je`aßeh; stilistisch getreuer wäre daher etwas wie „Wie du getan, wird dir getan.“ (so z.B. PAT, ähnlich R-S). (Zurück zu v.15)
bnDein Tun wird wider deinen Kopf zurückkommen - Zum Ausdruck vgl. 1 Kön 2,32f; Ps 7,17; Joel 4,4.7; der Sinn ist exakt der selbe wie im Satz zuvor. Gut daher , NeÜ: „Dein Tun fällt auf dich selbst zurück.“ (Zurück zu v.15)
boSchwieriger Vers - schwierig wegen dem plötzlichen Reden vom „Trinken“ und wegen dem plötzlichen Wechsel zur 2. Pers. Plural. Wegen dieser beiden Schwierigkeiten sind heute drei Deutungen verbreitet:
  1. Es gibt in der Bibel öfter die Metapher vom „Zornkelch JHWHs“: „JHWH gibt X den Kelch seines Zornes zu trinken“ meint: „Der Zorn Gottes kommt über X“ (s. Ps 75,9; Jes 51,17.22; Jer 25,15-18; 49,12; 51,7; Klg 4,21; Ez 23,31-34; Hab 2,16; Sach 12,2). Der Wechsel zur 2. Pers. Plural soll dann signalisieren, dass ab V. 16 nicht mehr Edom angesprochen ist, sondern Juda, und die Bedeutung ist dann: „So, wie du, Juda, meinen Zorn zu spüren bekommen hast, werden alle Völker meinen Zorn zu spüren bekommen.“ - So heute die meisten, doch das ist schwierig - erstens, weil aus dem Text ja eben nicht hervorgeht, dass nun eine andere Person angesprochen wird; zweitens, weil „trinken“, absolut gebraucht, sonst nie vom Zornkelch steht, sondern nur mit einem Objekt - entweder eben dem „Kelch“ oder „Becher“ oder einem abstrakten Objekt wie „Zorn“ oder „Trauer“ -; drittens, weil die Logik von V. 16 ja dann eine ganz andere wäre als von V. 15 (Wolff 1977, S. 19: Sie rücken „in verzerrendem Sinne nebeneinander“).
  2. Der Wechsel zur 2. Pers. Plural ließe sich aber auch als bedeutungsloser N-Shift erklären, wie sie v.a. in den Prophetenbüchern recht verbreitet sind (so scheinen auch LXX und VUL gedeutet zu haben und übersetzen einfach weiter mit Sg.). Dann wäre der Angesprochene immer noch Edom (wie sich auch sonst jedes Verb in der 2. Pers. in Ob auf Edom bezieht) und nur das zweite „Trinken“ wäre eine Metapher für den Zorneskelch; das erste dagegen drückte die Siegesfeier der Edomiter über Jerusalem aus. Der Sinn wäre dann: „So, wie du, Edom, aus Siegesfreude gezecht hast, werden alle Völker meinen Zorn zu spüren bekommen.“ So paraphrasiert z.B. der Tg: „So, wie ihr euch gefreut habt über den Schlag, der meinen heiligen Berg getroffen hat, werden alle Völker beständig den Kelch ihrer Strafe trinken.“; so z.B. auch Caspari 1842, S. 114-6; Keil 1866, S. 260f.; Orelli 1893, S. 162 - Aber auch hier wäre die Logik von V. 16 eine andere als V. 15 - ohnehin wäre V. 16 dann insgesamt nicht sehr logisch -, die Zuschreibung zweier unterschiedlicher Bedeutungen an „trinken“ ist doch eher schwierig und wieder müsste ein absolut verwendetes „trinken“ auf den Zorneskelch bezogen werden. S. aber für eine ähnliche Abfolge Klg 4,21
  3. Übrig bleibt also nur die Deutung, dass der Angesprochene nach wie vor Edom ist und dass beide „Trinken“ wörtlich zu verstehen sind: „So, wie du, Edom, aus Freude über deinen Sieg über Juda gezecht hast, werden einst alle Völker aus Freude über ihren Sieg über dich zechen.“ (so schon Hieronymus; auch Isopescul 1914; König 1893, S. 360; wohl auch Stuart 1987). - Auch diese Deutung ist nicht ganz unproblematisch, weil V. 16 ja als Folge des Trinkens den Tod nennt; doch s. Jer 51,39.57: Auch dort „verwendet“ JHWH gerade das Trinkgelage der Babylonier, um sie umzubringen. Diese Deutung ist zwar eine Minderheitenmeinung, ist aber sicher vorzuziehen, da nur so V. 16 eine sinnvolle Entfaltung von V. 15 ist. (Zurück zu v.16)
bpTextkritik: W. „beständig, ewig“ - unerklärlich, da es sich mit 16d beißt; egal, wie V. 16 insgesamt gedeutet wird. Horst/Robinson 1954, Marti 1904, Nowack 1922, Sellin 1922, Theis 1937 u.a. wollen daher nach LXX zu chemer („Wein“) emendieren: „werden alle Nationen Wein trinken“. Nötscher 1958, ZÜR 1931 (nicht mehr ZÜR) und offenbar auch Brown 1996 und R-S wollen der Variante sabib („ringsum, reihum“) folgen, die sich in vielen Handschriften findet (erwogen auch von Nowack 1922) - was viel Sinn machen würde, denn gerade die Völker rings um Israel werden ja in Vv. 19f behandelt: Edom im Süden, die Philister im Westen, Gilead im Osten und Phönizien im Norden. Beiden Vorschlägen wird in der neueren Exegese nicht mehr gefolgt; die zweite Variante wird heute außerdem meist als nachträgliche Angleichung an Sach 12,2 verstanden. Auch wir werden das „auf ewig“ daher wohl beibehalten müssen. (Zurück zu v.16)
bqschlürfen (stammeln) - Bed. unsicher; heute meist gedeutet als la`a` I („schlürfen, schlucken“), seltener als la`a` II („stammeln“), noch seltener emendiert (-> Textkritik) von wäla`u zu wäna`u („sie torkeln“ - so Dicou 1994, Duhm 1910, Marti 1904, Nötscher 1958, Sellin 1922, Wellhausen 1893, S. 205). Wir folgen der Mehrheitsmeinung, die auch am besten in den Kontext passt. (Zurück zu v.16)
brwerden, als ob sie nie gewesen wären - Ausdruck für die gänzliche Vernichtung, s. ähnlich Ijob 10,19; Sir 44,9; verwandt auch Sach 10,6. Vielleicht sollen übrigens die beiden letzten Stichos lautlich das Lallen Betrunkener nachahmen: wäschatu wäla`u wähaju kälo haju. (Zurück zu v.16)
bsBerg Zion - Der Tempelberg in Jerusalem; in der Bibel auch standardmäßig pars pro toto für die ganze heilige Stadt Jerusalem verwendet (vgl. z.B. Zion / Zionstheologie (Wibilex)). (Zurück zu v.17 / zu v.21)
bttFN: [auf dem Berg Zion] - Brachylogie aus Sticho a (Zurück zu v.17)
buund [auf dem Berg Zion] wird [wieder] ein Heiligtum sein - zu dieser Deutung des Stichos vgl. am besten Raabe 1996. Wenige Monate nach der Einnahme Jerusalems zerstörten die Babylonier auch den Tempel; auf die Wiedererrichtung desselben blickt der Vers voraus. (Zurück zu v.17)
bvHaus X - Idiom für „die Nachkommen von X“; das „Haus Jakob“ sind die Judäer, das „Haus Josef“ die (längst (722 v. Chr.) von den Assyrern deportierten) Israeliten und das „Haus Esau“ die Edomiter. Dass die beiden Reiche Israel und Juda einst wiedervereinigt ihre Feinde besiegen würden, war eine verbreitete Hoffnung in der Zeit des Exils; s. z.B. Ez 37,15-23. (Zurück zu v.17 / zu v.18)
bwtFN: W. ihre; das sg. Subjekt „das Haus Jakob“ wird hier als Kollektivum mit pl. Pronomen konstruiert (wie „Esau“ in V. 6, s. FN ab). Oder: Das „ihre“ bezieht sich zurück auf „alle Nationen“ im vorigen Vers (so z.B. Isopescul 1914, S. 173), doch ist das vielleicht etwas weit entfernt (mittlerweile wurden ja mit „den Entronnenen“, „dem Heiligtum“ und „dem Haus Jakob“ drei neue Subjekte eingeführt)? (Zurück zu v.17)
bxseine Enteigner enteignen (seine Besitztümer besetzen) - Die Vokale des uns überlieferten Masoretischen Textes wurden erst im Mittelalter in diesen eingetragen. Der vokallose Konsonantentext lässt beide oben angegebene Alternativen zu; MT vereindeutigt durch die Vokalisierung zu „Besitztümer besetzen“, LXX, VUL, Syr durch Übersetzung zu „Enteigner enteignen“. Tg könnte bewusst ebenso mehrdeutig formuliert haben wie der vokallose Konsonantentext („wird das Eigentum derer besetzen, die sie enteignet haben“), könnte aber genau so gut nur die selbe Deutung wie LXX, VUL und Syr freier wiedergegeben haben. Von beiden Lesarten ist sicher die als Primärübersetzung angegebene vorzuziehen (so die meisten). (Zurück zu v.17)
byVermutlich kurz nach der Eroberung Judas - die historischen Zhgg. liegen etwas im Dunkeln - begannen die Edomiter, in die Negev-region einzuwandern, die vorher zu den Gebieten Judas gehört hatten (vgl. z.B. Anderson 2010, S. 208f; Lyon 1974, S. 89). Der Edom-Hass der Judäer in der Zeit des Exils und danach rührt wohl v.a. von dieser Okkupation her (vgl. Assis 2006, S. 4; Dicou 1994, S. 187), so dass verständlich ist, dass V. 17 neben der Hoffnung auf Wiederherstellung Jerusalems als erstes die Rückgewinnung dieser besetzten Gebiete nennt. (Zurück zu v.17)
bztFN: [zum] + [zur] - Brachylogie aus Sticho 18c. (zu v.18)
catFN: [werden] - Brachylogie aus Sticho 18a. (zu v.18)
cbtFN: es (sie) - W. „sie“; das „Haus Esau“ wird als Kollektivum im weiteren als Plural konstruiert. Übersetze: „es“. (Zurück zu v.18)
ccDenn JHWH hat gesprochen - Standardformel zum Abschluss einer Prophezeiuung zur Unterstreichung der Autorität des Prophezeiten (s. noch 1 Könn 14,11; Jes 1,20; 21,17; 22,25; 24,3; 25,8; 40,5; 58,14; Joel 4,8; Mi 4,4): JHWH war es, von dem die Prophetie stammte, daher ist sie sicher wahr.
In der LF muss das wohl freier wiedergegeben werden; gut z.B. wieder HfA: „So habe ich, der Herr, es beschlossen!“; MSG: „God said it, and it is so“; vielleicht auch etwas wie „So wirds geschehen, denn JHWH hats bestimmt.“ (Zurück zu v.18)
cdVv. 19f lassen sich auf zwei Weisen lesen (für die Orte vgl. diese Karte):
  1. 19 Die [Bewohner der] Negevregion (1) werden den Berg Esau (2) enteignen und die [Bewohner der] Schefela (3) die Philister (4), und sie werden enteignen das Gebiet Efraims (5) und das Gebiet Samariens (6) und [der Stamm] Benjamin (7) [wird enteignen] Gilead (8). 20 Und die Exulanten dieser israelitischen Vormauer werden die Kanaaniter (9) bis hinauf nach Sarepta enteignen, und die Jerusalemer Exulanten, die sich in Sefarad befinden, werden die Städte in der Negevregion (10) enteignen.“ - Doch das wäre sehr merkwürdig, denn dann würden die Angehörigen des Südreiches (die „Bewohner der Negevregion“, die „Bewohner der Schefela“ und der „Stamm Benjamin“) die Gebiete des ehemaligen Nordreiches (das „Gebiet Efraim“, das „Gebiet Samarien“ und „Gilead“) in Besitz nehmen (vgl. gut Dicou 1994, S. 23f) und die Bewohner der Negevregion würden einen „Gebietstausch“ mit den Jerusalemer Exulanten vollführen: Die Bewohner der Negevregion würden sich nach Osten wenden und Edom erobern, die ehemaligen Bewohner Jerusalems dagegen würden sich in der Negevregion ansiedeln. Sinnvoller sind daher als Subjekte aller Verben „das Haus Jakob und das Haus Josef“ zu nehmen, und „der Berg Esau“ als Apposition zu „Negevregion“, „die Philister“ als Apposition zu „die Schefela“ und „Gilead“ als Apposition zu „Benjamin“ (doch s. nächste FN) zu sehen (so auch Bewer 1911, S. 44; Dicou 1994, S. 23; Wehrle 1980, S. 97; Weimar 1985, S. 67; Wellhausen 1893, S. 205; ähnlich van Hoonacker 1908, S. 309; ähnlich auch Marti 1904, S. 239; Nowack 1922, S. 180; Nötscher 1958, S. 745; Sellin 1922, S. 234; Weiser 1967, S. 209.217; Wolff 1977, S. 40: „erläuternde Glossen“):
  2. „19 Und sie [d.h. die Judäer und die Israeliten] werden die Negevregion (1) - d.h., den Berg Esau (2) - enteignen und die Schefela (3) - d.h., die Philister (4) -, und sie werden enteignen das Gebiet Efraims (5) und das Gebiet Samariens (6) und [das Gebiet des Stammes] Benjamin (7) - d.h., Gilead (8). 20 Und die Exulanten dieser israelitischen Vormauer werden die Kanaaniter (9) bis hinauf nach Sarepta enteignen, und [auch] die Jerusalemer Exulanten, die sich in Sefarad befinden, werden die Städte in der Negevregion (10) enteignen.“ - Auch diese Lösung ist nicht ganz unproblematisch, weil dann unerklärlich wäre, warum „Gilead“ in Apposition zu Benjamin stände, ist aber dennoch immer noch weniger schwierig als die obige erste Auflösung. Zum Problem s. außerdem die nächste FN. (Zurück zu v.19)
ceBenjamin [wird enteignen] Gilead (die Söhne Ammons - [das heißt:] Gilead) - Nach der obigen Auflösung (2) scheint man den Text aufzufassen zu haben als „Benjamin - [das heißt:] Gilead“, was unverständlich wäre. Entweder muss man daher den Satz so deuten, dass einzig er nicht nach dem Muster der vorigen Sätze in V. 19 gebaut ist und mit „Benjamin“ ein neues Subjekt nach „sie“ (d.h. Juda + Israel) eingeführt wird, zu dem man sich das Verb „enteignen“ hinzudenken muss („und Benjamin [wird enteignen] Gilead“), oder man muss emendieren (-> Textkritik): Für „Benjamin“ lesen Bewer 1911, Duhm 1910 und Sellin 1922 sinnvoll „die Söhne Ammons(d.h. „die Ammoniter“), was in einem nicht vokalisierten Text in scriptio continua (d.h. ohne Worttrennung, wie die hebräischen und griechischen Texte ursprünglich geschrieben wurden) geschrieben wäre als בניעמן, „Benjamin“ dagegen als בנימ(י)ן. Von beiden Möglichkeiten ist sicher die erste vorzuziehen.
Gilead stand zu dieser Zeit unter der Herrschaft der Ammoniter (s. Jer 49,1), wie auch die Edomiter Teile der Negevregion, die Philister Teile der Schefela und die Phönizier Teile des ehemaligen Nordreiches erobert hatten. Im Blick wäre also nach beiden Möglichkeiten, dass das (fiktive) davidische Großreich wiederhergestellt würde (s. z.B. diese Karte): Die Israeliten und Judäer würden die Negevregion vom „Berg Esau“, die Schefela von den Philistern, die Teile des Nordreiches „bis hinauf nach Sarepta“ von den Phöniziern und „Gilead“ von den Ammonitern zurückerobern. (Zurück zu v.19)
cfVormauer - schwierige Stelle. Der MT muss sicher mit „Vormauer“ übersetzt werden und hat daher zu diversen Emendationsvorschlägen geführt, von denen aber keiner funktioniert (für eine Übersicht und Kritik vgl. Ben Zvi 1996, S. 214-222.). Am sinnvollsten wohl Barthélemy 1992, S. 704, der auch ohne Emendation auskommt: „Vormauer“ bezeichne bildlich die zuvor genannten Gebiete - nach B: Die Gebiete Efraims und Samariens - als den „Schutzwall“, der zwischen Israel und Juda einerseits und den Ammonitern andererseits steht. Dann aber wohl eher nur Gilead: „Gilead“ bezeichnet meist die israelitische Gebirgsregion östlich des Jordan; wollten die Ammoniter also in Israel einfallen, hatten sie zunächst Gilead, die Gebirgskette und den Jordan zu überwinden. Mit den „Exulanten dieser Vormauer der Söhne Israels“ sind dann die nach 2 Kön 15,29 durch den assyrischen König Tiglat-Pileser exilierten Bürger Gileads gemeint. (Zurück zu v.20)
cgTextkritik: Der MT lautet: „Die Exulanten dieser Vormauer der Söhne Israels, welche bei den Kanaanitern bis nach Sarepta [sind/reicht], ...“ oder „Die Exulanten dieser Vormauer der Söhne Israels, welche bei den Kanaanitern sind, [werden enteignen] bis nach Sarepta.“; noch merkwürdiger Niehaus 2009: „Die Exulanten dieser Vormauer der Söhne Israels, welche Kanaaniter sind, [werden enteignen] bis nach Sarepta“. Sehr wahrscheinlich hat ein Schreiber unter dem Einfluss von Sticho 20c fäschlich ´ascher („welche“) geschrieben für jirschu („sie werden enteignen“; so die meisten): „Die Exulanten dieser Vormauer der Söhne Israels werden enteignen die Kanaaniter bis nach Sarepta“. Vielleicht könnte man außerdem wirklich mit Barthélemy 1992 auch ohne Emendation deuten als „Die Exulanten dieser Vormauer der Söhne Israels [werden enteignen] [das,] was bei den Kanaanitern bis nach Sarepta [ist](so schon Orelli 1893, S. 163f; ähnlich Keil 1866, S. 263), was auf das selbe hinauslaufen würde, aber von einer unnötig komplizierten hebräischen Formulierung ausgehen müsste. (Zurück zu v.20)
chSefarad - Die Identifikation von Sefarad war früher umstritten; seit Lipiński 1973 ist man sich in der Exegese recht einig, dass Sardes gemeint ist. Tg und Syr deuteten übrigens als „Spanien“, und von dieser Deutung dieses Verses rührt die Bezeichnung der spanischen Juden als „sephardische Juden“ her. (Zurück zu v.20)
ciRetter (Geretteten) - Der vokallose Konsonantentext lässt wieder beide Möglichkeiten zu; MT, Vg, Sym, Tg deuten als „Retter“; LXX und Syr dagegen als „Gerettete“. Das Wort hat keinen Artikel, so dass wir eher nicht an die zurückgekehrten Exulanten zu denken haben, und das Beieinander der Worte retten und richten lässt an das Buch der Richter denken, so dass hier ersteres vorzuziehen ist: Wie im Buch der Richter werden auch dereinst zur Rettung Israels „Retter“ aufstehen. (Zurück zu v.21)
cjOder: „Und die Retter vom Berg Zion werden zum Richten/Herrschen auf den Berg Esau hinaufziehen.“
In der Exegese wird diskutiert, ob das Wort für „Richten“ hier im positiven Sinne als „beherrschen“ oder im negativen Sinne als „Bestrafen“ zu verstehen sei, da das Wort beide Bedeutungen haben kann. Im Kontext des Obadjabuches und vor dem Hintergrund von V. 18 wird man hier sicher nicht an ersteres denken dürfen (so z.B. auch Dicou 1994 S 29; Jenson 2009, S. 26). (Zurück zu v.21)
ckUnd das Königtum wird JHWHs sein - Die Rede vom Königtum Gottes findet sich häufig in der Bibel. Hier weitet er noch einmal, das Buch abschließend, die Perspektive: Nicht nur politisch, sondern auch religiös wird Israel/Juda triumphieren; JHWH wird zum universalen Gott (s. z.B. Ps 22,29-32; Sach 14,9-19; zum Gedanken vgl. noch Ps 102,14-23; Jes 45,14-17; Mi 4,1-4). Diese beiden Hoffnungen hängen oft eng zusammen: Gerade die Herrlichkeit des wiederhergestellten und herrlichen Israels wird die Heiden zur Hinwendung zu JHWH veranlassen, s. z.B. die sehr ähnliche Stelle Ez 37,21-28. (Zurück zu v.21)
cldie wegen der verwendeten Verbformen nur als Bericht über bereits geschehene (vgl. Baudissin 1901, S. 513; Nowack 1922, S. 172.174; van Hoonacker 1908, S. 293f.; Wellhausen 1893, S. 204) oder evt. aktuell geschehende (so Jeremias 2007; Marti 1904), nicht aber als noch ausstehende Ereignisse aufgefasst werden können (Zurück zum Text: cl)