Psalm 56: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Die Offene Bibel

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_Diese<ref>'''Textkritik''': ''Diese'' ist im MT noch unerwarteter als im Dt. Nach der Akzentuierung des MT gehört es noch zu Zeile a: „Es greifen an, es lauern diese“. LXX und VUL ziehen das Wort aber zu Zeile b, Syr ergänzt davor sogar auch noch ein „und“. In Zeile b wäre es aber genau so wenig zu erwarten. Hier scheint es gar nicht vorliegen gehabt zu haben. Mit welchem Satzteil Tg das Wort verbindet, ist am Wortlaut nicht erkennbar; nach akzentuierten Tg-MSS gehört es jedenfalls auch noch zu Zeile a. Es hat zum Glück auch keine Auswirkung auf die Übersetzung ins Dt.</ref> (beobachten meine Ferse=) kleben mir an den Fersen,
_Diese<ref>'''Textkritik''': ''Diese'' ist im MT noch unerwarteter als im Dt. Nach der Akzentuierung des MT gehört es noch zu Zeile a: „Es greifen an, es lauern diese“. LXX und VUL ziehen das Wort aber zu Zeile b, Syr ergänzt davor sogar auch noch ein „und“. In Zeile b wäre es aber genau so wenig zu erwarten. Hier scheint es gar nicht vorliegen gehabt zu haben. Mit welchem Satzteil Tg das Wort verbindet, ist am Wortlaut nicht erkennbar; nach akzentuierten Tg-MSS gehört es jedenfalls auch noch zu Zeile a. Es hat zum Glück auch keine Auswirkung auf die Übersetzung ins Dt.</ref> (beobachten meine Ferse=) kleben mir an den Fersen,
_Weil sie mir nach dem Leben trachten.
_Weil sie mir nach dem Leben trachten.
{{S|8}} Wegen dem (Trotz des) Bösen (nichts = Um keinen Preis)<ref>'''Textkritik''': MT („Wegen/trotz dem Bösen”) wird nur gestützt durch Sym und Tg. Dagegen LXX, Quinta, VUL, Hier, Syr und wohl auch Aq (''anofeles'', „Nutzloses”) dagegen setzen statt ''`awen'' („Böses, Frevel”) voraus: ''`ajin'' („nichts”). Dies halten z.B. auch Seybold und Terrien für ursprünglich. BHK und BHS halten dagegen ganz merkwürdig ''beides'' für ursprünglich, daher EÜ 80: „Sie haben ''gefrevelt'', es gibt für sie ''kein'' Entrinnen”. EÜ 16 dagegen wie die meisten Neueren: „Wegen des Unrechts sollen sie Rettung erfahren!?”; s. gleich.</ref> entkommen sie (rette sie)!<ref>''entkommen sie'' - Die Primärüs. wäre w. „Ob des Bösen [ist] ihnen Rettung = erfahren sie Rettung“. Viele (z.B. BHS, Kissane, Kraus, Dharanaj 1992, S. 161; auch GRAIL, PAT, TEXT) ändern daher den Text von ''paleṭ'' („retten, rette!“) zu ''pales'' („vergelte ihnen!“). Aber das lässt sich weder mit MT noch mit einer anderen alten Üs. stützen. ZÜR interpretiert mit ebenfalls vielen (z.B. Riede 2000, S. 97; Tita 2001, S. 153; de Vos 2005, S. 11; Süssenbach 2005, S. 131; Wälchi 2012, S. 161; die meisten dt. Üss.) als rhetorische Frage: „Sollen sie trotz des Frevels entkommen?”. Frei z.B. BB: „Was für ein Unrecht! Sollen sie etwa davonkommen? Nein!” Für mich (Güntzel Schmidt) stellt dieser Satz die Behauptung auf, dass Menschen, die Böses tun, drohen, auch durch dieses Böse (durch „fiese Machenschaften”) davonzukommen. Gegen diese Gefahr will der Psalmist nun Gott in der nächsten Zeile auf den Plan rufen.</ref>
{{S|8}} Wegen dem (Trotz des) Bösen (nichts = Um keinen Preis)<ref>'''Textkritik''': MT („Wegen/trotz dem Bösen”) wird nur gestützt durch Sym und Tg. Dagegen LXX, Quinta, VUL, Hier, Syr und wohl auch Aq (''anofeles'', „Nutzloses”) dagegen setzen statt ''`awen'' („Böses, Frevel”) voraus: ''`ajin'' („nichts”). Dies halten z.B. auch Seybold und Terrien für ursprünglich. BHK und BHS halten dagegen ganz merkwürdig ''beides'' für ursprünglich, daher EÜ 80: „Sie haben ''gefrevelt'', es gibt für sie ''kein'' Entrinnen”. EÜ 16 dagegen wie die meisten Neueren: „Wegen des Unrechts sollen sie Rettung erfahren!?”; s. gleich.</ref> entkommen sie (rette sie)!<ref>''entkommen sie'' - Die Primärüs. wäre w. „Ob des Bösen [ist] ihnen Rettung = erfahren sie Rettung“. Viele (z.B. BHS, Kissane, Kraus, Dhanaraj 1992, S. 161; auch GRAIL, PAT, TEXT) ändern daher den Text von ''paleṭ'' („retten, rette!“) zu ''pales'' („vergelte ihnen!“). Aber das lässt sich weder mit MT noch mit einer anderen alten Üs. stützen. ZÜR interpretiert mit ebenfalls vielen (z.B. Riede 2000, S. 97; Tita 2001, S. 153; de Vos 2005, S. 11; Süssenbach 2005, S. 131; Wälchi 2012, S. 161; die meisten dt. Üss.) als rhetorische Frage: „Sollen sie trotz des Frevels entkommen?”. Frei z.B. BB: „Was für ein Unrecht! Sollen sie etwa davonkommen? Nein!” Für mich (Güntzel Schmidt) stellt dieser Satz die Behauptung auf, dass Menschen, die Böses tun, drohen, auch durch dieses Böse (durch „fiese Machenschaften”) davonzukommen. Gegen diese Gefahr will der Psalmist nun Gott in der nächsten Zeile auf den Plan rufen.</ref>
_Mit Zorn (im Zorn) stürze [diese] Leute (Menschen), Gott!</poem>
_Mit Zorn (im Zorn) stürze [diese] Leute (Menschen), Gott!</poem>



Version vom 2. April 2022, 21:19 Uhr

Syntax ungeprüft

Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Lesefassung (Psalm 56)

(kommt später)

Studienfassung (Psalm 56)

1 Für den Kantor.a
Nach „Die Taube auf entlegenen Eichen (die stumme Taube in der Ferne, die Taube der fernen Götter)”.b
Von (für, über, nach Art von ) David.
Ein Miktam.c
Als ihn die Philister in Gat festnahmen.d

2 Sei mir gnädig, Gott, denn ein Mensch greift mich an (lechzt nach mir, tritt nach mir, verfolgt mich?);e
Den ganzen Tag will bedrängen (bedrohen, quälen) mich (ein Kämpfer=), der [mich] bekämpft (will er mich kämpfend bedrängen).
3 Es greifen meine Feinde [mich] an (lechzen [nach mir], treten [nach mir], verfolgen [mich]?)e den ganzen Tag,
Oh! (denn)f viele bekämpfen mich von oben [herab] (bekämpfen mich, oh Hoher!).g


4 ([Am] Tag, [an] dem=) Wenn ich mich fürchten müsste, ([Selbst] am Tag müsste ich mich fürchten, [doch])h
Kann ich mich sicher fühlen bei dir (auf dich vertrauen).i
5 Bei Gott will ich sein Wortj preisen,
Bei Gott fühle ich mich sicher (auf Gott vertraue ich),k ich muss mich nicht fürchten.
Was kann (soll) Fleisch (=ein bloßer Mensch) mir (an)tun?


6 Jeden Tag kränken (betrüben) sie meine Angelegenheit (Sache, Wort).l
Gegen mich sind alle ihre Pläne (Gedanken, Vorhaben) [gerichtet].
Zum Bösenm
7 greifen sie an (rotten sie sich zusammen),n lauern sie auf,
Dieseo (beobachten meine Ferse=) kleben mir an den Fersen,
Weil sie mir nach dem Leben trachten.
8 Wegen dem (Trotz des) Bösen (nichts = Um keinen Preis)p entkommen sie (rette sie)!q
Mit Zorn (im Zorn) stürze [diese] Leute (Menschen), Gott!


9 Mein Flüchtlingsdaseinr hältst du [schriftlich] fest. Gesammelt sind meine Tränen in deinem (Wasser)Schlauch.
[Stehn sie] nicht in deinem Buch [geschrieben]?s
10 Dann werden meine Feinde zurück weichen, wenn ich rufe.t
Das weiß ich, denn Gott ist bei (mit) mir (dass Gott bei mir ist, weil Gott bei mir ist).u
11 Bei Gott will ich das Wortv preisen.
Bei JHWH will ich das Wortw preisen.
12 Bei Gott fühle ich mich sicher (auf Gott vertraue ich), fürchte mich nicht.
Was kann (soll) ein Menschx mir (an)tun?
13 Dir, Gott, gelobe ich (lege ich ein Gelübde ab):
Ich will dir Dankopfer darbringen.y
14 Denn du hast (dass du) meine Seele dem Tode entrissen (vor dem Tod gerettet) - hast du nicht [auch] meine Füße vorm Anstoßen (Straucheln)z bewahrt? -
um zu wandeln vor Gott im Licht der Lebendigen.

Anmerkungen

aמְנַצֵּ֤חַ ist das Partizip Piel des Verbs נצח („leiten, die Aufsicht haben“). In den Psalmen (4-6.8f.11-14.18-22.31.36.39-42.44-47.49.51-62.64-70.75-77.80f.84f.88.109.139f) steht es immer im ersten Vers und ist wohl ein musikalischer terminus technicus, dessen Bedeutung sich nicht überliefert hat. Da die Psalmen vermutlich (auch) im Gottesdienst gesungen/gespielt wurden, schlage ich eine „moderne” gottesdienstliche Funktion, die des Kantors/ der Kantorin vor. (Zurück zu v.1)
bTaube auf entlegenen Eichen - Es handelt sich hier wohl um den Titel eines zur Abfassung des Psalms sehr bekannten Stückes, dessen Melodie/Spielweise zur Grundlage der Aufführung/Singweise dieses Psalms dienen soll. Im MT steht אֵ֣לֶם `elem („stumm“, von אלם „stumm sein“); daher Tg und Hier: „stumme Taube“. So auch viele dt. Üss. An der einzigen anderen Stelle, wo dieses Wort belegt ist (Ps 58,2), vokalisieren die meisten stattdessen אֵלִם elim („Götter“), daher auch hier z.B. Süssenbach 2005, S. 130: „Nach ‚Taube der fernen Götter‘“. So lesen auch schon LXX und VUL, die die „Taube“ außerdem als Metapher für das Volk Israel verstehen (so schon Tg: „Über die das Volk Israel, das man mit einer Taube vergleichen kann“). Die meisten neueren Kommentatoren vokalisieren stattdessen als אֵלִים elīm, das eine große Baumart bezeichnet, und zwar, wie die Parallelstellen zeigen, eine Baumart, die geradezu sprichwörtlich für Größe steht. Es ist nicht bekannt, auf welche Baumart des Nahen Ostens sich dieses Wort bezieht – an manchen Stellen wird die Zeder, tamar, genannt. Im Deutschen ist die Eiche der „große Baum” des Sprichwortes. (Zurück zu v.1)
cMiktam - Unbekanntes Wort, das vermutlich als Überschrift die Gattung von Ps 16 und Ps 56-60 angeben soll; daher meist mit dem Platzhalterbegriff „Lied“ übersetzt oder einfach transkribiert; für die LF ist wohl ersteres zu empfehlen.
Im Talmudhebräischen bedeutet das Wort „Dokument“, im Neuhebräischen „Epigramm“; LXX hält es für ein ebensolches, in Stein Gehauenes, und übersetzt mit steleographia („Inschrift“, so auch BB und viele Kommentare). In allen drei Fällen wird das Wort aber wohl eher mit miktab („Geschriebenes“) verbunden, das sich als Psalmüberschrift in Jes 38,9 findet (Pietersma 2010, S. 524f.), was man schön an Tg sieht: Dieser hält das Wort in Ps 16 wohl für eine Mischbildung aus miktab und tam („aufrecht“) und übersetzt „aufrechte Inschrift“. Ähnlich verfahren dort auch Aq, Sym, VUL, Raschi und hier Tg, zerlegen das Wort in die Bestandteile mk und tm und übersetzen „vom demütigen und aufrechten David“. Dass das Wort unbekannt war, sieht man noch besser an Quinta und Sexta in Ps 16, die bloß transkribieren: machtham. Luther leitet das Wort ab von ketem („Gold“), daher die Üs. „gülden Kleinod“ in den Lutherbibeln. Das „Sühngedicht“ von B-R und StierPs kommt von einer Ableitung von katam („bedecken“), das auch für das „Sühnen“ von Sünden stehen kann (so z.B. auch Sawyer 2011b, S. 294).
Vermutlich war das Wort selbst den Talmudisten nicht mehr bekannt, wo sich daher drei unterschiedliche etymologische Erklärungen für Ps 56,1 finden: David war jedem gegenüber mak („geduldig“) und tam („fromm“). Eine andere Auslegung: makato („seine Wunde“, von makah) war tam („heil“), denn er wurde bereits beschnitten geboren. Eine andere Auslegung [mit einer anderen Erklärung der beiden Bestandteile der ersten Erklärung]: Wie er sich mit seiner Kleinheit klein machte vor einem Größerem als ihm, um die Bibel zu studieren, so auch noch, als er bereits groß war. (Zurück zu v.1)
dMit dieser Angabe wird der Psalm einer bestimmten Situation zugeordnet, die in 1 Sam 21,11-16 erzählt wird: David, der vor dem Zorn Sauls flieht, gelangt nach Gat, wo er bereits als Feind der Philister bekannt ist. Aus Angst stellt David sich wahnsinnig. Die Verknüpfung des Psalms mit einer Episode aus Davids Leben erfolgte nachträglich; die Psalmenüberschriften wurden erst später zu den Psalmen hinzugeschrieben. Syr etwa hat daher eine ganz andere Überschrift: „Ein Bittgebet der Makkabäer, die zu Gott um Rettung flehten.“ (Zurück zu v.1)
etFN: ša`ap ist hier wie in Ez 36,3 wohl metaplastische NF von schup („angreifen, trampeln“, s. KBL3 1342); so LXX, VUL, Hier, Syr. ša`ap I dagegen heißt nach der Etymologie und nach seinem Zusammenhang jeweils klar (1) „hecheln, schnauben“ (daher z.B. Vaihinger: „nach mir schnaubt ein Mensch“) oder (2) „lechzen, gieren“ (daher z.B. Tita 2001, S. 152: „es lechzt nach mir ein Sterblicher“). Die üblichste Üs. von Ps 56,2.3 und Ps 57,4, „verfolgen, nachstellen“ (z.B. Goldingay; so auch Ges18 1309; ThWAT VII 930), soll sich dann hieraus entwickelt haben. Wie das vonstatten gegangen sein soll, vermag ich (S.W.) nicht zu sehen. Die Annahme ist auch ganz unnötig, da „angreifen“ ja mindestens ebenso gut parallel geht mit „bedrängen, bedrohen“ in 2b wie „nachstellen“. Andere: „trampeln auf mir, treten mich nieder“ (z.B. ALTER, Buttenwieser, Graetz). Die Argumente gegen diese Bed. „treten“ von šup in ThWAT können nicht richtig sein; s. den Midrasch zu Ps 51: „Wer weiß, dass er gesündigt hat, aber šo`ep mit seinem Fuß...“ – auch diese Bed. gibt es offensichtlich wirklich. Sie passt aber weniger gut. (Zurück zu v.2 / zu v.3)
foh! (denn) - meist „denn“. Besser z.B. Ravasi („quanto numerosi sono...!“), Riede 2000, S. 96 („ja viele sind der Krieger...“); Süssenbach 2005, S. 130 („ja, viele sind es, die mich bekämpfen.“): Wie Zeile b Zeile a begründen soll, ist nicht einzusehen. (Zurück zu v.3)
gvon oben [herab] (oh Hoher) - מָרֹֽום marom, entweder „stolz, hochmütig“, oder es bezeichnet einen höher gelegenen Ort, der im Kampf einen strategischen Vorteil bietet und von wo die Feinde dann in V. 8 auch hinabgestürzt werden sollen. Aq, Hier, Tg, Raschi und Raschbam haben marom außerdem i.S.v. „der Hohe“ als Ehrbezeichnung Gottes verstanden (Tg erklärt sie auch: „Höchster Gott, dessen Thron in der Höhe steht“). So heute z.B. noch ALTER, MÜN, TUR; Tanner, Auffret 1993, S. 42. Richtig zwar Kissane, Goldingay und Tita 2001, S. 153: vergleichbare Ehrbezeichnungen gibt es einige; diese aber ist nirgends belegt. Angesichts der vielen alten Vertreter dieser Deutung wird diese Deutung aber vermutlich doch immerhin möglich sein. (Zurück zu v.3)
hAlliteration: (jom) `ira` `ani `eleka `ebṭaḥ; „ich“, „fühle mich sicher“ und „bei dir“ beginnen mit den selben Konsonanten wie „ich müsste mich fürchten“: Diese Furcht wird mehr als ausgeglichen durch das Vertrauen, das der Beter in Gott setzen kann. (Zurück zu v.4)
iTextkritik Vv. 4f. und 10f. sind ein Refrain, die sehr ähnlich formuliert sind. Syr und Sym haben „[Am] Tag“ (adverbialer Akkusativ der Zeit ohne Präp.) an das „Am Tag“ (mit Präposition) in V. 10 angeglichen. Auch Houbigant, Michel 1960, S. 82 und BHS halten dies für ursprünglich; aber sicher ist dies Assimilation.
Schwieriger: In V. 4 ist vom „Tag, an dem ich mich fürchte(`ira`) die Rede, in V. 10 dagegen vom „Tag, an dem ich rufe“ (`eqra`). Hupfeld und Graetz halten daher auch hier „ich rufe“ für ursprünglich. Das wäre textkritisch klar nicht zulässig. Die Sache wird aber dadurch verkompliziert, dass Aq und Sym statt „ich fühle mich sicher bei dir“ haben: pepoitha / pepoithäso. Gr. peitho kann auch „etw. glauben, jmdm. vertrauen“ bedeuten; das Wort könnte also auch nur eine ungewöhnliche Üs. von `ebṭaḥ sein. Zunächst heißt peitho aber „jmdn beschwören“; pepoitha könnte also hier das Wort `eqra` statt `ebṭaḥ voraussetzen. Das wäre eine andere Art von Wortspiel: „Am Tag, an dem ich mich fürchte, rufe ich zu dir“ (V. 4) => „Am Tag, an dem ich rufe, weiß ich: Gott ist bei mir“ (V. 10); die beiden Verse drückten dann eine „Progression des Vertrauens“ aus. Eine Verschreibung von `ebṭaḥ zu `eqra` ließe sich auch nicht gut erklären; umgekehrt kann `eqra` aber leicht an das baṭaḥ in V. 5 assimiliert worden sein. Ginge man davon aus, dass Aq und Sym ein ursprüngliches `eqra` bezeugen, spräche also sogar ziemlich viel für die Ursprünglichkeit dieser Variante. Weil es möglicherweise aber auch nur Wiedergabe von `ebṭaḥ ist, hat mit Recht bisher niemand diese Variante für ursprünglich gehalten. (Zurück zu v.4)
jWas mit Gottes Wort gemeint ist, ist wie noch öfter (z.B. Ps 106,12; 119,25.42.65) unklar. Man hat auf verschiedene „Gottesworte“ geraten: (1) auf die hier unausgesprochene göttliche Verheißung, Gott wolle mit Gerechten wie z.B. dem Psalmisten sein (wie z.B. Ps 14,5f.; so z.B. Vaihinger, Goldingay, Tanner); (2) auf ein Heilsorakel oder eine Heilszusage, mit dem Gott durch den Mund eines Priesters dem Psalmisten selbst zusichert, bei ihm sein zu wollen (wie ws. Ps 130,5; so z.B. Mays, Kraus; THAT I 496); (3) auf einen Urteilsspruch Gottes gegen die Feinde des Beters (wie z.B. Ps 2,5; so Seybold) oder (4) merkwürdig Gerstenberger: „ein Wort für ihn“, nämlich ein Danklied, das der Psalmist nach seiner Rettung anstimmen können wird. (Zurück zu v.5)
kBei Gott fühle ich mich sicher - ungewöhnliche Konstruktion. Sonst steht „sich sicher fühlen bei“ im Heb. mit Akkusativ, nicht wie hier mit der Präp. be-, die sonst stets Ort, Zeit, Grund oder Mittel einleitet, wo, wann, warum oder womit gepriesen wird. Die einzigen vergleichbaren Stellen sind Ps 44,9 und 4QShirShaba 2,1 = 4QShirShabb 14,1.7. Die Konstruktion dient hier dazu, in 5b eine weitere Alliteration zu bilden: be`lohim baṭaḥti, „bei Gott fühle ich mich sicher“, das so dann auch in Kontrast steht zum baßar („Fleisch“) in 5c. Will man das nachahmen, vielleicht: „Bei Gott bin ich geborgen.“ (Zurück zu v.5)
lIch verstehe es so, dass das Anliegen des Beters lächerlich gemacht oder sogar verhindert wird. (Zurück zu v.6)
mZum Bösen gehört in MT und allen alten Vrs. noch zu V. 6; eine Apokoinu: „Gegen mich sind alle ihre Pläne [gerichtet] zum Bösen“ = (1) „Gegen mich sind alle ihre Pläne gerichtet“ + (2) „Alle ihre Pläne sind gerichtet zum Bösen“. Kraus zieht das letzte Wort des Verses, לָרָֽע lara´ („zum Bösen“) offenbar aus metrischen Gründen (?) zum Vers 7. Damit wird V. 7 regelmäßiger und das Wort bildet den Auftakt des neuen Verses. (Zurück zu v.6)
nTextkritik: MT, LXX, VUL, Syr wie in der Primärübersetzung: jaguru. Sym, Tg und Hier dagegen setzen jagodu voraus: „sie rotten sich zusammen“. Beide Worte sind graphisch sehr ähnlich; vgl.: יגרו vs. יגדו. Üss. und Kommentare folgen etwa gleich häufig einer der beiden Varianten: „sie greifen an“ z.B. Tita 2001, S. 153; Süssenbach 2005, S. 131; Tanner; „sie rotten sich zusammen“ z.B. Riede 2000, S. 97; de Vos 2005, S. 10; Wälchi 2012, S. 161. Letzteres ist etwas kontextgemäßer: Das folgende „sie lauern auf“ und „sie kleben mir an den Fersen“ legt eher nahe, dass ein Angriff hier noch nicht erfolgt ist. Damit ist umgekehrt die Variante von MT etwas wahrscheinlicher die ursprüngliche Variante; eine Entscheidung ist hier aber fast nicht möglich. (Zurück zu v.7)
oTextkritik: Diese ist im MT noch unerwarteter als im Dt. Nach der Akzentuierung des MT gehört es noch zu Zeile a: „Es greifen an, es lauern diese“. LXX und VUL ziehen das Wort aber zu Zeile b, Syr ergänzt davor sogar auch noch ein „und“. In Zeile b wäre es aber genau so wenig zu erwarten. Hier scheint es gar nicht vorliegen gehabt zu haben. Mit welchem Satzteil Tg das Wort verbindet, ist am Wortlaut nicht erkennbar; nach akzentuierten Tg-MSS gehört es jedenfalls auch noch zu Zeile a. Es hat zum Glück auch keine Auswirkung auf die Übersetzung ins Dt. (Zurück zu v.7)
pTextkritik: MT („Wegen/trotz dem Bösen”) wird nur gestützt durch Sym und Tg. Dagegen LXX, Quinta, VUL, Hier, Syr und wohl auch Aq (anofeles, „Nutzloses”) dagegen setzen statt `awen („Böses, Frevel”) voraus: `ajin („nichts”). Dies halten z.B. auch Seybold und Terrien für ursprünglich. BHK und BHS halten dagegen ganz merkwürdig beides für ursprünglich, daher 80: „Sie haben gefrevelt, es gibt für sie kein Entrinnen”. 16 dagegen wie die meisten Neueren: „Wegen des Unrechts sollen sie Rettung erfahren!?”; s. gleich. (Zurück zu v.8)
qentkommen sie - Die Primärüs. wäre w. „Ob des Bösen [ist] ihnen Rettung = erfahren sie Rettung“. Viele (z.B. BHS, Kissane, Kraus, Dhanaraj 1992, S. 161; auch GRAIL, PAT, TEXT) ändern daher den Text von paleṭ („retten, rette!“) zu pales („vergelte ihnen!“). Aber das lässt sich weder mit MT noch mit einer anderen alten Üs. stützen. ZÜR interpretiert mit ebenfalls vielen (z.B. Riede 2000, S. 97; Tita 2001, S. 153; de Vos 2005, S. 11; Süssenbach 2005, S. 131; Wälchi 2012, S. 161; die meisten dt. Üss.) als rhetorische Frage: „Sollen sie trotz des Frevels entkommen?”. Frei z.B. BB: „Was für ein Unrecht! Sollen sie etwa davonkommen? Nein!” Für mich (Güntzel Schmidt) stellt dieser Satz die Behauptung auf, dass Menschen, die Böses tun, drohen, auch durch dieses Böse (durch „fiese Machenschaften”) davonzukommen. Gegen diese Gefahr will der Psalmist nun Gott in der nächsten Zeile auf den Plan rufen. (Zurück zu v.8)
rDas Nomen נֹד bezeichnet das unstete Leben eines Flüchtlings (so Gesenius, wo es von נוד, schwanken > ziellos, heimatlos sein abgeleitet wird) oder die durch die Flucht bedingten wechselnden Lebensumstände (so HALOT, wo es von נדד, fliehen, flüchten, abgeleitet wird. (Zurück zu v.9)
sIm masoretischen Text findet sich nur die Negation mit Fragepartikel und das Nomen; es handelt sich um eine rhetorische Frage, Antwort: Ja. (Zurück zu v.9)
tWörtlich: Am Tag, an dem ich rufen werde. (Zurück zu v.10)
uAndere Übersetzungsmöglichkeiten: Das Demonstrativpronomen am Satzanfang betont den Grund der Gewissheit: „Daher weiss ich” (so Kraus). Die Präposition ל kann man auch mit „mein” wiedergeben: „dass du mein Gott bist” (so Luther). (Zurück zu v.10)
vHier fehlt das Suffix der 3.Sg.masc., das in Vers 5 steht. (Zurück zu v.11)
wSiehe vorherigen Anmerkung. (Zurück zu v.11)
xAnders als in Vers 5 steht hier nicht בָשָׂ֣ר, was „Fleisch” und daher auch „Mensch” bedeutet, sondern אָדָ֣ם. (Zurück zu v.12)
yDas Verb bedeutet in seiner Grundbedeutung „erfüllen”; mit Akk. bedeutet es „als Entgelt darbringen”, vgl. Köhler-Baumgartner S. 980. (Zurück zu v.13)
zDas Nomen kommt nur noch Psalm 116,8 vor. (Zurück zu v.14)