Psalm 10: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Die Offene Bibel

Wechseln zu: Navigation, Suche
Sebastian Walter (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Sebastian Walter (Diskussion | Beiträge)
fertig bis 7.
Zeile 16: Zeile 16:
{{S|4}} Der Schlechte, im Hochmut seiner Nase (in seiner Hochnäsigkeit), [denkt:]<ref>''[denkt:]'' - Zu Einleitungen wörtl. Rede ohne ein verbum dicendi/sentiendi wie „sagt“ oder „denkt“ vgl. z.B. Gordis 1949, S. 174-176; zwei Bspp: [[Kohelet 8#s2 |Pred 8,2]]: „Ich [sage]:...“; [[Hosea 14#s8 |Hos 14,8]]: „Ephraim [soll sagen:]...“</ref> „Er sucht nicht!“<ref>''Er sucht nicht'' - Auch möglich: „Im Hochmut seiner Nase sucht der Frevler nicht“, nämlich Gott (zu „Gott suchen“ als Ausdruck für die Verehrung JHWHs vgl. [http://offene-bibel.de/mediawiki/index.php?title=Psalm_9#note_t FN t] zu [[Psalm 9#s11 |Ps 9,11]]). Das Zitat unseres Verses in 10,13 zeigt aber, dass „Er sucht nicht!“ hier die Gedanken des Schlechten sind (so richtig Gordis 1957, S. 113). „Gott sucht nicht“ = kurz für „Gott rächt schlechte Taten nicht“, s. [[Psalm 9#s13 |Ps 9,13]] und dazu [http://offene-bibel.de/mediawiki/index.php?title=Psalm_9#note_w FN w]. Gut daher Bonkamp 1949: „Er wird nicht rächen“; EÜ, Gordis 1957, S. 121, HER05: „Gott straft nicht“; H-R, Weber 2001: „Er wird nicht ahnden“.</ref>
{{S|4}} Der Schlechte, im Hochmut seiner Nase (in seiner Hochnäsigkeit), [denkt:]<ref>''[denkt:]'' - Zu Einleitungen wörtl. Rede ohne ein verbum dicendi/sentiendi wie „sagt“ oder „denkt“ vgl. z.B. Gordis 1949, S. 174-176; zwei Bspp: [[Kohelet 8#s2 |Pred 8,2]]: „Ich [sage]:...“; [[Hosea 14#s8 |Hos 14,8]]: „Ephraim [soll sagen:]...“</ref> „Er sucht nicht!“<ref>''Er sucht nicht'' - Auch möglich: „Im Hochmut seiner Nase sucht der Frevler nicht“, nämlich Gott (zu „Gott suchen“ als Ausdruck für die Verehrung JHWHs vgl. [http://offene-bibel.de/mediawiki/index.php?title=Psalm_9#note_t FN t] zu [[Psalm 9#s11 |Ps 9,11]]). Das Zitat unseres Verses in 10,13 zeigt aber, dass „Er sucht nicht!“ hier die Gedanken des Schlechten sind (so richtig Gordis 1957, S. 113). „Gott sucht nicht“ = kurz für „Gott rächt schlechte Taten nicht“, s. [[Psalm 9#s13 |Ps 9,13]] und dazu [http://offene-bibel.de/mediawiki/index.php?title=Psalm_9#note_w FN w]. Gut daher Bonkamp 1949: „Er wird nicht rächen“; EÜ, Gordis 1957, S. 121, HER05: „Gott straft nicht“; H-R, Weber 2001: „Er wird nicht ahnden“.</ref>
_„Es [gibt] keinen Gott“<ref>''Es gibt keinen Gott'' ist keine theoretische Leugnung der Existenz Gottes an sich, die im Alten Israel schwer vorstellbar wäre, sondern eine praktische: Der Schlechte lebt, als gäbe es keinen (rächenden!) Gott. „Für den hochnäsigen Frevler ist Gott eine quantité négligeable, dem kein Recht etwas zu ahnden zusteht.“ (Herkenne 1936, S. 70).</ref> [sind] all' seine Gedanken.
_„Es [gibt] keinen Gott“<ref>''Es gibt keinen Gott'' ist keine theoretische Leugnung der Existenz Gottes an sich, die im Alten Israel schwer vorstellbar wäre, sondern eine praktische: Der Schlechte lebt, als gäbe es keinen (rächenden!) Gott. „Für den hochnäsigen Frevler ist Gott eine quantité négligeable, dem kein Recht etwas zu ahnden zusteht.“ (Herkenne 1936, S. 70).</ref> [sind] all' seine Gedanken.
</poem>
{{S|5}} Profan (stark?)<ref>''Profan'' - „Die Wege sind profan“ = „seine Wege sind nicht Gottes Weg“, d.h. er lebt nicht so, wie dies Gottes Weisung entsprechen würde. Sinnvoll Kissane 1953: „His ways are impious at all times“. Entweder hat man mit Goldingay 2006, S. 164 davon auszugehen, dass zu ''chalal'' („profanieren“) eine Nebenform ''chul'' existierte, von der das Wort gebildet ist, oder mit Kissane 1953, S. 41 zu emendieren nach ''jechallu'' von ''chalal''.<br />
{{S|5}} Profan (stark?)<ref>''Profan (stark?)'' - „Die Wege sind profan“ = „seine Wege sind nicht Gottes Weg“, d.h. er lebt nicht so, wie dies Gottes Weisung entsprechen würde. Sinnvoll Kissane 1953: „His ways are impious at all times“.<br />
'''tFN''': ''stark?'' - Sehr viele orientieren sich an Tg („seine Wege gedeihen“) und mutmaßen, Tg habe das heb. Wort auf die aram. Wurzel ''chjl'' („stärken“) zurückgeführt, die nur hier und in [[Ijob 20#s21 |Ijob 20,21]] auch für das Heb. anzunehmen sei. Das ist recht zweifelhaft; u.a. deswegen, weil Tg hier gar nicht mit ''chjl'' übersetzt, weil das aram. ''chajel'' nicht „stark sein“, sondern nur „stärken“ bedeutet und weil das Wort in Ijob 20,21 dann auch noch in einer anderen Bed., nämlich „Bestand haben“, genommen werden muss, wo es sich auch dann nur schwer in den Kontext fügt (vgl. ähnlich Goldingay 2006, S. 164). Auch mit den anderen alten Üss. lässt sich diese Deutung nicht stützen: LXX, Syr, VUL verbinden wie wir mit ''chalal'' („entweihen“) („Profan sind seine Wege“), Hieronymus, Aq, Quinta und Saadja mit ''chjl'' („kreisen, sich winden“) (H: „Seine Wege ''kreisen'' alle Zeit“, Aq+Q: „Seine Wege schmerzen“, S: „Immer von Neuem beginnen seine Pläne“). Letzterer Deutung folgt übrigens auch Eerdmans 1947: „His ways are wavering“.</ref> sind seine Wege allezeit,
Fast alle orientieren sich an Tg („seine Wege gedeihen“) und mutmaßen, Tg habe das heb. Wort auf die aram. Wurzel ''chjl'' („stärken“) zurückgeführt, die nur hier und in [[Ijob 20#s21 |Ijob 20,21]] auch für das Heb. anzunehmen sei. Das ist recht zweifelhaft; u.a. deswegen, weil Tg hier gar nicht mit ''chjl'', sd. mit ''tslch'' übersetzt, weil das aram. ''chajel'' nicht „stark sein“, sondern nur „stärken“ bedeutet und weil das Wort in Ijob 20,21 dann auch noch in einer anderen Bed., nämlich „Bestand haben“, genommen werden muss. Auch mit den anderen alten Üss. lässt sich das nicht stützen: LXX, Syr, VUL verbinden wie wir mit ''chalal'' („entweihen“) („Profan sind seine Wege“), Hieronymus, Aq, Quinta und Saadja mit ''chil'' („kreisen, sich winden“) (H: „Seine Wege ''keisen'' alle Zeit“, Aq+Q: „Seine Wege schmerzen“, S: „Immer von Neuem beginnen seine Pläne“).</ref> sind seine Wege allezeit,
_Hoch [sind] deine Gesetze (Gerichte), fern von ihm;<ref>Hoch [sind] deine Gesetze, fern von ihm'' - d.h. wieder: Um Gott und seine Weisung schert sich der Schlechte nicht im Geringsten. Schön EÜ: „Hoch droben und fern von sich wähnt er deine Gerichte.“</ref>
 
_All' seine Gegner, die schnaubt er an.<ref>''schnauben'' in dieser Bed. nur noch in [[Psalm 12#s6 |Ps 12,6]] (vgl. V. 5): „Ich will erlösen, den man anschnaubt“; gemeint ist wohl das niedergemacht-Werden Gedrückter durch ihre Unterdrücker. Am besten EÜ, ZÜR: „All seine Gegner faucht/fährt er an“; sinnvoll auch HER05, NL, PAT: „er verspottet seine Feinde“, H-R, MEN, R-S: „er höhnt seine Gegner aus“.</ref>
{{S|6}}  
{{S|6}} Er sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Ich werde nicht wanken<ref>''wanken'' - Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut [[Sprichwörter 10#s30 |Spr 10,30]]; [[Sprichwörter 12#s3 |12,3]]; auch [[Psalm 16#s8 |Ps 16,8]]; [[Psalm 46#s6 |46,6f]]; [[Psalm 62#s3 |62,3.7]]; [[Psalm 112#s6 |112,6]]; [[Psalm 125#s1 |125,1]]. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; hier dagegen wird es gerade auf die Nichtexistenz Gottes zurückgeführt.</ref> von Geschlecht zu Geschlecht,
 
_So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.“<ref>''So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.'' - die Üs. folgt im Großen und Ganzen Alexander 1850, versteht aber ''´ascher'' als Einleitung eines adverbialen Nebensatzes (vgl. Ges18, S. 111f.): Bezugswort der Relativpartikel ''ascher'' („der“) ist das „ich“ in „ich werde nicht wanken“. Alternativ hat für diese Zeile hat fast jeder Exeget einen eigenen Textkorrekturvorschlag vorgelegt.</ref></poem>
{{S|7}}  
{{S|7}}  



Version vom 8. Dezember 2015, 23:02 Uhr

Syntax ungeprüft

Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Lesefassung (Psalm 10)

(kommt später)

Studienfassung (Psalm 10)

1 [L]a Warum, o JHWH, willst du fern stehen,b
Willst du dich verbergenb in Zeiten der Bedrängnis?c -
2 In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)d (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)e
Sie werden gefangen durch die Ränke, die sie erdacht haben.f
3 Ach!, (Denn) der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust,g
Und der Abschneiderh flucht,i verachtetj JHWH.
4 Der Schlechte, im Hochmut seiner Nase (in seiner Hochnäsigkeit), [denkt:]k „Er sucht nicht!“l
„Es [gibt] keinen Gott“m [sind] all' seine Gedanken.
5 Profan (stark?)n sind seine Wege allezeit,
Hoch [sind] deine Gesetze (Gerichte), fern von ihm;o
All' seine Gegner, die schnaubt er an.p
6 Er sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Ich werde nicht wankenq von Geschlecht zu Geschlecht,
So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.“r

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Anmerkungen

aPs 10 ist nicht eigentlich ein selbständiger Psalm, sondern gehört noch zu Ps 9. LXX, VUL und Hieronymus und einige Handschriften beginnen daher richtigerweise auch kein neues Kapitel mit Ps 10. Ps 9-10 sind zusammen das erste der sog. „Akrosticha“ im Psalter: Mehrere aufeinanderfolgende Zeilen beginnen mit dem jeweils nächsten Buchstaben im Alphabet (s. dazu näher z.B. Akrostichon (WiBiLex)). In Ps 9-10 ist offensichtlich angezielt worden, immer die erste Zeile von zwei Doppelzeilen mit dem nächsten Buchstaben beginnen zu lassen, also etwa Alef in der ersten Zeile der ersten Doppelzeile, Bet in der ersten Zeile der dritten Doppelzeile, Gimel in der ersten Zeile der fünften Doppelzeile usw. Das besondere bei Ps 9-10 ist aber, dass dieses Muster strikt nur an acht von 22 Stellen durchgehalten ist (s. dazu auch die Anmerkungen); um dies erkennbar zu machen, haben wir an den betreffenden Stellen jeweils den entsprechenden deutschen Buchstaben eingefügt.

Zu den Unregelmäßigkeiten: An einigen Stellen stimmt die Zeilenzahl nicht; dies ist direkt an der Übersetzung erkennbar. Weiterhin:

  • Die zwei Doppelzeilen für den vierten Buchstaben existieren nicht. Auch für den fünften Buchstaben (hier: E) gibt es nur durch eine textkritische Maßnahme zwei Doppelzeilen.
  • In 10,3 müsste eigentlich die M- und in 10,5 die N-Doppelzeile beginnen. Beide finden sich nicht; viele Exegeten verschieben aber das „[es] verachtet JHWH“ vom Ende von V. 3 an den Anfang von V. 4, damit in V. 4 wenigstens der N-Sticho beginnen kann. Auch das ist nur nach zusätzlichen Textkorrekturen möglich. Solche Maßnahmen sind abzulehnen; es ist kaum ein wirkungsvollerer Schutz vor fehlerhaften Textüberlieferungen vorstellbar als die Tatsache, dass ein Wort in einem Akrostichon als Alphabetikum (d.h. als das Wort, das eine Zeile mit einem notwendigen Buchstaben beginnt) fungiert.
  • Auch eine O- bzw. Samech-Doppelzeile fehlt; viele Exegeten korrigieren daher in V. 5 ohne Not den Text, um hier den Samech-part beginnen lassen zu können. (Zurück zu v.1)
bfern stehen + dich verbergen - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich Ps 10,1; 35,22; 38,22; 71,12; Jes 59,9.11 u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch Ps 55,2. (zu v.1)
cDie Formulierung Zeiten der Bedrängnis und v.a. der ungewöhnliche Plural `itot („Zeiten“) findet sich so nur noch im Ps 9,10. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat. (Zurück zu v.1)
dden Elenden (Armen) - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua hilfsbedürftige, weil bedrängte, JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.). (Zurück zu v.2)
etFN: In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt) - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten g´wt lassen sich entweder vokalisieren als ga´awath (wie das MT gemacht hat) oder als ge´ut; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ga´awath lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut des Schlechten“) oder das -at ist eine Variante der Endung -ah (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ge´ut aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von jidlaq nicht als dalaq II („verfolgen“), sondern als dalaq I („verfolgen“), also „durch den Hochmut des Schlechten brennt der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; , R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL. (Zurück zu v.2)
fV. 2b lässt sich entweder verstehen als „die Schlechten fangen den Elenden durch die von ihnen erdachten Ränke“ oder wieder wie in Ps 9,16f. als „die Schlechten verfangen sich in den Ränken, die sie [selbst] erdacht haben“. In diesem Kontext - der Schilderung der Übeltaten schlechter Menschen - ist sicher erstere Deutung vorzuziehen.
Der Wechsel vom Sg. („der Schlechte“ + „der Elende“) zum Pl. (sie werden gefangen“, „die sie erdacht haben) ist als N-Shift zu erklären: aus poetischen Gründen kann in bib. Lyrik von einer Zeile auf die nächste von einem Numerus zum nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. Hier ohnehin unproblematisch, da „der Schlechte“ und „der Elende“ sicher generalisierende Singularnomina mit Pluralbedeutung sind: Gemeint sind schon in der ersten Zeile mehrere Schlechte und Elende.
(Zurück zu v.2)
gtFN: der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust - schwieriger Satz. Das Verb halal fordert ein Objekt; auf den ersten Blick findet sich hier aber keines, denn was folgt, ist `al-ta´awath napscho. Die Präposition `al zeigt an, dass das Folgende nicht das Objekt des Rühmens ist, sondern das, wofür das Objekt gerühmt wird (so oft im Hitpael, für Piel s. Esra 3,11; Ps 119,164; so richtig schon Kissane 1953, S. 43). Wahrscheinlich muss man also den Satz analysieren wie folgt: `al-ta´awath ist das, wofür der Schlechte das Gerühmte rühmt, nämlich „für Lust“. ta´awath ist nicht das erste Glied in einer Genitivkonstruktion „die Lust seiner Seele“, sondern die Endung -at ist nur eine alternative Endung von ta´awah (dazu vgl. wieder Rendsburg 1991, S. 89f.), daher ist napscho nicht als Genitiv „seiner Seele“ zu analysieren, sondern als das gesuchte Objekt von halal: „Er rühmt für Lust seine Seele“. Alternativ sind viele verschiedene Textkorrekturvorschläge gemacht worden; am besten sicher Kissane 1953, S. 39: „Der Schlechte rühmt Bos[heit], / der Halsabschneider und segnet sein Verlangen.“ (Zurück zu v.3)
hAbschneider = Erpresser; das Verb batsa` („abschneiden“) findet sich oft in der Bed. „erpressen“ in der Bibel. Schön Herkenne 1936: „Halsabschneider“. (Zurück zu v.3)
iflucht - barak hier wie oft nicht in der Bed. „segnet“, sd. „flucht“; vgl. z.B. Schorch 2000, S. 101f. So fast alle Üss. (Zurück zu v.3)
jflucht, verachtet - zur Konstruktion vgl. Müller 2013b, S. 62f.: Zwei Verben werden ohne Konjunktion aneinander angeschlossen, um den Ausdruck noch stärker zu machen (vgl. S. 68). (Zurück zu v.3)
k[denkt:] - Zu Einleitungen wörtl. Rede ohne ein verbum dicendi/sentiendi wie „sagt“ oder „denkt“ vgl. z.B. Gordis 1949, S. 174-176; zwei Bspp: Pred 8,2: „Ich [sage]:...“; Hos 14,8: „Ephraim [soll sagen:]...“ (Zurück zu v.4)
lEr sucht nicht - Auch möglich: „Im Hochmut seiner Nase sucht der Frevler nicht“, nämlich Gott (zu „Gott suchen“ als Ausdruck für die Verehrung JHWHs vgl. FN t zu Ps 9,11). Das Zitat unseres Verses in 10,13 zeigt aber, dass „Er sucht nicht!“ hier die Gedanken des Schlechten sind (so richtig Gordis 1957, S. 113). „Gott sucht nicht“ = kurz für „Gott rächt schlechte Taten nicht“, s. Ps 9,13 und dazu FN w. Gut daher Bonkamp 1949: „Er wird nicht rächen“; , Gordis 1957, S. 121, HER05: „Gott straft nicht“; H-R, Weber 2001: „Er wird nicht ahnden“. (Zurück zu v.4)
mEs gibt keinen Gott ist keine theoretische Leugnung der Existenz Gottes an sich, die im Alten Israel schwer vorstellbar wäre, sondern eine praktische: Der Schlechte lebt, als gäbe es keinen (rächenden!) Gott. „Für den hochnäsigen Frevler ist Gott eine quantité négligeable, dem kein Recht etwas zu ahnden zusteht.“ (Herkenne 1936, S. 70). (Zurück zu v.4)
nProfan - „Die Wege sind profan“ = „seine Wege sind nicht Gottes Weg“, d.h. er lebt nicht so, wie dies Gottes Weisung entsprechen würde. Sinnvoll Kissane 1953: „His ways are impious at all times“. Entweder hat man mit Goldingay 2006, S. 164 davon auszugehen, dass zu chalal („profanieren“) eine Nebenform chul existierte, von der das Wort gebildet ist, oder mit Kissane 1953, S. 41 zu emendieren nach jechallu von chalal.
tFN: stark? - Sehr viele orientieren sich an Tg („seine Wege gedeihen“) und mutmaßen, Tg habe das heb. Wort auf die aram. Wurzel chjl („stärken“) zurückgeführt, die nur hier und in Ijob 20,21 auch für das Heb. anzunehmen sei. Das ist recht zweifelhaft; u.a. deswegen, weil Tg hier gar nicht mit chjl übersetzt, weil das aram. chajel nicht „stark sein“, sondern nur „stärken“ bedeutet und weil das Wort in Ijob 20,21 dann auch noch in einer anderen Bed., nämlich „Bestand haben“, genommen werden muss, wo es sich auch dann nur schwer in den Kontext fügt (vgl. ähnlich Goldingay 2006, S. 164). Auch mit den anderen alten Üss. lässt sich diese Deutung nicht stützen: LXX, Syr, VUL verbinden wie wir mit chalal („entweihen“) („Profan sind seine Wege“), Hieronymus, Aq, Quinta und Saadja mit chjl („kreisen, sich winden“) (H: „Seine Wege kreisen alle Zeit“, Aq+Q: „Seine Wege schmerzen“, S: „Immer von Neuem beginnen seine Pläne“). Letzterer Deutung folgt übrigens auch Eerdmans 1947: „His ways are wavering“. (Zurück zu v.5)
oHoch [sind] deine Gesetze, fern von ihm - d.h. wieder: Um Gott und seine Weisung schert sich der Schlechte nicht im Geringsten. Schön : „Hoch droben und fern von sich wähnt er deine Gerichte.“ (Zurück zu v.5)
pschnauben in dieser Bed. nur noch in Ps 12,6 (vgl. V. 5): „Ich will erlösen, den man anschnaubt“; gemeint ist wohl das niedergemacht-Werden Gedrückter durch ihre Unterdrücker. Am besten , ZÜR: „All seine Gegner faucht/fährt er an“; sinnvoll auch HER05, NL, PAT: „er verspottet seine Feinde“, H-R, MEN, R-S: „er höhnt seine Gegner aus“. (Zurück zu v.5)
qwanken - Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut Spr 10,30; 12,3; auch Ps 16,8; 46,6f; 62,3.7; 112,6; 125,1. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; hier dagegen wird es gerade auf die Nichtexistenz Gottes zurückgeführt. (Zurück zu v.6)
rSo dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück. - die Üs. folgt im Großen und Ganzen Alexander 1850, versteht aber ´ascher als Einleitung eines adverbialen Nebensatzes (vgl. Ges18, S. 111f.): Bezugswort der Relativpartikel ascher („der“) ist das „ich“ in „ich werde nicht wanken“. Alternativ hat für diese Zeile hat fast jeder Exeget einen eigenen Textkorrekturvorschlag vorgelegt. (Zurück zu v.6)