Psalm 10: Unterschied zwischen den Versionen

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{{S|1}} ['''L''']<ref name="Akrostichon">Ps 10 ist nicht eigentlich ein selbständiger Psalm, sondern gehört noch zu Ps 9. LXX, VUL und Hieronymus und einige Handschriften beginnen daher richtigerweise auch kein neues Kapitel mit Ps 10. Ps 9-10 sind zusammen das erste der sog. „Akrosticha“ im Psalter: Mehrere aufeinanderfolgende Zeilen beginnen mit dem jeweils nächsten Buchstaben im Alphabet (s. dazu näher z.B. [https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/12961/ Akrostichon (WiBiLex)]). In Ps 9-10 ist offensichtlich angezielt worden, immer die erste Zeile von zwei Doppelzeilen mit dem nächsten Buchstaben beginnen zu lassen, also etwa ''Alef'' in der ersten Zeile der ersten Doppelzeile, ''Bet'' in der ersten Zeile der dritten Doppelzeile, ''Gimel'' in der ersten Zeile der fünften Doppelzeile usw. Das besondere bei Ps 9-10 ist aber, dass dieses Muster strikt nur an acht von 22 Stellen durchgehalten ist (s. dazu auch die Anmerkungen); um dies erkennbar zu machen, haben wir an den betreffenden Stellen jeweils den entsprechenden deutschen Buchstaben eingefügt.<br />
{{S|1}} ['''L''']<ref name="Akrostichon">Ps 10 ist nicht eigentlich ein selbständiger Psalm, sondern gehört noch zu Ps 9. LXX, VUL und Hieronymus und einige Handschriften beginnen daher richtigerweise auch kein neues Kapitel mit Ps 10. Ps 9-10 sind zusammen das erste der sog. „Akrosticha“ im Psalter: Mehrere aufeinanderfolgende Zeilen beginnen mit dem jeweils nächsten Buchstaben im Alphabet (s. dazu näher z.B. [https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/12961/ Akrostichon (WiBiLex)]). In Ps 9-10 ist offensichtlich angezielt worden, immer die erste Zeile von zwei Doppelzeilen mit dem nächsten Buchstaben beginnen zu lassen, also etwa ''Alef'' in der ersten Zeile der ersten Doppelzeile, ''Bet'' in der ersten Zeile der dritten Doppelzeile, ''Gimel'' in der ersten Zeile der fünften Doppelzeile usw. Das besondere bei Ps 9-10 ist aber, dass dieses Muster strikt nur an acht von 22 Stellen durchgehalten ist (s. dazu auch die Anmerkungen); um dies erkennbar zu machen, haben wir an den betreffenden Stellen jeweils den entsprechenden deutschen Buchstaben eingefügt.<br />
Zu den Unregelmäßigkeiten: An einigen Stellen stimmt die Zeilenzahl nicht; dies ist direkt an der Übersetzung erkennbar. Weiterhin:
Zu den Unregelmäßigkeiten: An einigen Stellen stimmt die Zeilenzahl nicht; dies ist direkt an der Übersetzung erkennbar. Weiterhin:
* Die zwei Doppelzeilen für den vierten Buchstaben existieren nicht. Auch für den fünften Buchstaben (hier: '''E''') gibt es nur durch eine textkritische Maßnahme zwei Doppelzeilen.</ref> Warum, o JHWH, willst du fern stehen,<ref name="V 1">''fern stehen'' + ''dich verbergen'' - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich [[Psalm 10#s1 |Ps 10,1]]; [[Psalm 35#s22 |35,22]]; [[Psalm 38#s22 |38,22]]; [[Psalm 71#s12 |71,12]]; [[Jesaja 59#s9 |Jes 59,9.11]] u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch [[Psalm 55#s2 |Ps 55,2]].</ref>
* Die zwei Doppelzeilen für den vierten Buchstaben existieren nicht. Auch für den fünften Buchstaben (hier: '''E''') gibt es nur durch eine textkritische Maßnahme zwei Doppelzeilen.
* In 10,3 müsste eigentlich die '''M'''- und in 10,5 die '''N'''-Doppelzeile beginnen. Beide finden sich nicht; viele Exegeten verschieben aber das „[es] verachtet JHWH“ vom Ende von V. 3 an den Anfang von V. 4, damit in V. 4 wenigstens der '''N'''-Sticho beginnen kann. Auch das ist nur nach zusätzlichen Textkorrekturen möglich. Solche Maßnahmen sind abzulehnen; es ist kaum ein wirkungsvollerer Schutz vor fehlerhaften Textüberlieferungen vorstellbar als die Tatsache, dass ein Wort in einem Akrostichon als Alphabetikum (d.h. als das Wort, das eine Zeile mit einem notwendigen Buchstaben beginnt) fungiert.
* Auch eine '''O'''- bzw. ''Samech''-Doppelzeile fehlt; viele Exegeten korrigieren daher in V. 5 ohne Not den Text, um hier den Samech-part beginnen lassen zu können.</ref> Warum, o JHWH, willst du fern stehen,<ref name="V 1">''fern stehen'' + ''dich verbergen'' - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich [[Psalm 10#s1 |Ps 10,1]]; [[Psalm 35#s22 |35,22]]; [[Psalm 38#s22 |38,22]]; [[Psalm 71#s12 |71,12]]; [[Jesaja 59#s9 |Jes 59,9.11]] u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch [[Psalm 55#s2 |Ps 55,2]].</ref>
_Willst du dich verbergen<ref name="V 1" /> in Zeiten der Bedrängnis?<ref>Die Formulierung ''Zeiten der Bedrängnis'' und v.a. der ungewöhnliche Plural ''`itot'' („Zeiten“) findet sich so nur noch im [[Psalm 9#s10 |Ps 9,10]]. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat.</ref>
_Willst du dich verbergen<ref name="V 1" /> in Zeiten der Bedrängnis?<ref>Die Formulierung ''Zeiten der Bedrängnis'' und v.a. der ungewöhnliche Plural ''`itot'' („Zeiten“) findet sich so nur noch im [[Psalm 9#s10 |Ps 9,10]]. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat.</ref>
{{S|2}} In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)<ref>''den Elenden (Armen)'' - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua ''hilfsbedürftige, weil bedrängte,'' JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.).</ref> (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)<ref>'''tFN''': ''In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt)'' - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten ''g´wt'' lassen sich entweder vokalisieren als ''ga´awath'' (wie das MT gemacht hat) oder als ''g<sup>e</sup>´ut''; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ''ga´awath'' lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut ''des'' Schlechten“) oder das ''-at'' ist eine Variante der Endung ''-ah'' (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ''ge´ut'' aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von ''jidlaq'' nicht als ''dalaq II'' („verfolgen“), sondern als ''dalaq I'' („verfolgen“), also „durch den Hochmut des Schlechten ''brennt'' der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; EÜ, R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL.</ref>
{{S|2}} In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)<ref>''den Elenden (Armen)'' - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua ''hilfsbedürftige, weil bedrängte,'' JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.).</ref> (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)<ref>'''tFN''': ''In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt)'' - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten ''g´wt'' lassen sich entweder vokalisieren als ''ga´awath'' (wie das MT gemacht hat) oder als ''g<sup>e</sup>´ut''; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ''ga´awath'' lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut ''des'' Schlechten“) oder das ''-at'' ist eine Variante der Endung ''-ah'' (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ''ge´ut'' aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von ''jidlaq'' nicht als ''dalaq II'' („verfolgen“), sondern als ''dalaq I'' („verfolgen“), also „durch den Hochmut des Schlechten ''brennt'' der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; EÜ, R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL.</ref>
_Sie werden gefangen durch die Ränke, die sie erdacht haben.<ref>''V. 2b'' - Der Wechsel vom Sg. („der Schlechte“ + „der Elende“) zum Pl. („''sie'' werden gefangen“, „die ''sie'' erdacht ''haben''“) ist als N-Shift zu erklären: aus poetischen Gründen kann in bib. Lyrik von einer Zeile auf die nächste von einem Numerus zum nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. Hier ohnehin unproblematisch, da „der Schlechte“ und „der Elende“ sicher generalisierende Singularnomina mit Pluralbedeutung sind: Gemeint sind schon in der ersten Zeile ''mehrere'' Schlechte und Elende.<br />
_Sie werden gefangen durch die Ränke, die sie erdacht haben.<ref>''V. 2b'' lässt sich entweder verstehen als „die Schlechten fangen den Elenden durch die von ihnen erdachten Ränke“ oder wieder wie in [[Psalm 9#s16 |Ps 9,16f.]] als „die Schlechten verfangen sich in den Ränken, die sie [selbst] erdacht haben“. In diesem Kontext - der Schilderung der Übeltaten schlechter Menschen - ist sicher erstere Deutung vorzuziehen.<br />
Zeile 2 lässt sich entweder verstehen als „die Schlechten fangen den Elenden durch die von ihnen erdachten Ränke“ oder wieder wie in [[Psalm 9#s16 |Ps 9,16f.]] als „die Schlechten verfangen sich in den Ränken, die sie [selbst] erdacht haben“. In diesem Kontext - der Schilderung der Übeltaten schlechter Menschen - ist sicher erstere Deutung vorzuziehen.</ref>
Der Wechsel vom Sg. („der Schlechte“ + „der Elende“) zum Pl. („''sie'' werden gefangen“, „die ''sie'' erdacht ''haben''“) ist als N-Shift zu erklären: aus poetischen Gründen kann in bib. Lyrik von einer Zeile auf die nächste von einem Numerus zum nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. Hier ohnehin unproblematisch, da „der Schlechte“ und „der Elende“ sicher generalisierende Singularnomina mit Pluralbedeutung sind: Gemeint sind schon in der ersten Zeile ''mehrere'' Schlechte und Elende.<br /></ref>
{{S|3}} Ach!, (Denn) der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust,<ref>''der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust'' - schwieriger Satz. Das Verb ''halal'' fordert ein Objekt; auf den ersten Blick findet sich hier aber keines, denn was folgt, ist ''`al-ta´awath napscho''. Die Präposition ''`al'' zeigt an, dass das Folgende nicht das Objekt des Rühmens ist, sondern das, ''wofür'' das Objekt gerühmt wird (so oft im Hitpael, für Piel s. [[Esra 3#s11 |Esra 3,11]]; [[Psalm 119#s164 |Ps 119,164]]; so richtig schon Kissane 1953, S. 43). Wahrscheinlich muss man also den Satz analysieren wie folgt: ''`al-ta´awath'' ist das, wofür der Schlechte das Gerühmte rühmt, nämlich „für Lust“. ''ta´awath'' ist nicht das erste Glied in einer Genitivkonstruktion „die Lust ''seiner Seele''“, sondern die Endung ''-at'' ist nur eine alternative Endung von ''ta´awah'' (dazu vgl. wieder Rendsburg 1991, S. 89f.), daher ist ''napscho'' nicht als Genitiv „seine''r'' Seele“ zu analysieren, sondern als das gesuchte Objekt von ''halal'': „Er rühmt für Lust seine Seele“. Alternativ sind viele verschiedene Textkorrekturvorschläge gemacht worden; am besten sicher Kissane 1953, S. 39: „Der Schlechte rühmt Bos[heit] / Und der Halsabschneider segnet sein Verlangen.“</ref>
{{S|3}} Ach!, (Denn) der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust,<ref>'''tFN''': ''der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust'' - schwieriger Satz. Das Verb ''halal'' fordert ein Objekt; auf den ersten Blick findet sich hier aber keines, denn was folgt, ist ''`al-ta´awath napscho''. Die Präposition ''`al'' zeigt an, dass das Folgende nicht das Objekt des Rühmens ist, sondern das, ''wofür'' das Objekt gerühmt wird (so oft im Hitpael, für Piel s. [[Esra 3#s11 |Esra 3,11]]; [[Psalm 119#s164 |Ps 119,164]]; so richtig schon Kissane 1953, S. 43). Wahrscheinlich muss man also den Satz analysieren wie folgt: ''`al-ta´awath'' ist das, wofür der Schlechte das Gerühmte rühmt, nämlich „für Lust“. ''ta´awath'' ist nicht das erste Glied in einer Genitivkonstruktion „die Lust ''seiner Seele''“, sondern die Endung ''-at'' ist nur eine alternative Endung von ''ta´awah'' (dazu vgl. wieder Rendsburg 1991, S. 89f.), daher ist ''napscho'' nicht als Genitiv „seine''r'' Seele“ zu analysieren, sondern als das gesuchte Objekt von ''halal'': „Er rühmt für Lust seine Seele“. Alternativ sind viele verschiedene Textkorrekturvorschläge gemacht worden; am besten sicher Kissane 1953, S. 39: „Der Schlechte rühmt Bos[heit], / der Halsabschneider <s>und</s> segnet sein Verlangen.“</ref>
_Und der Abschneider<ref>''Abschneider'' = Erpresser; das Verb ''batsa`'' („abschneiden“) findet sich oft in der Bed. „erpressen“ in der Bibel. Schön Herkenne 1936: „Halsabschneider“.</ref> flucht,<ref>''flucht'' - ''barak'' hier wie oft nicht in der Bed. „segnet“, sd. „flucht“; vgl. z.B. Schorch 2000, S. 101f. So fast alle Üss.</ref> verachtet<ref>''flucht, verachtet'' - zur Konstruktion vgl. Müller 2013b, S. 62f.: Zwei Verben werden ohne Konjunktion aneinander angeschlossen, um den Ausdruck noch stärker zu machen (vgl. S. 68).</ref> JHWH.</poem>
_Und der Abschneider<ref>''Abschneider'' = Erpresser; das Verb ''batsa`'' („abschneiden“) findet sich oft in der Bed. „erpressen“ in der Bibel. Schön Herkenne 1936: „Halsabschneider“.</ref> flucht,<ref>''flucht'' - ''barak'' hier wie oft nicht in der Bed. „segnet“, sd. „flucht“; vgl. z.B. Schorch 2000, S. 101f. So fast alle Üss.</ref> verachtet<ref>''flucht, verachtet'' - zur Konstruktion vgl. Müller 2013b, S. 62f.: Zwei Verben werden ohne Konjunktion aneinander angeschlossen, um den Ausdruck noch stärker zu machen (vgl. S. 68).</ref> JHWH.</poem>
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Version vom 8. Dezember 2015, 16:02 Uhr

Syntax ungeprüft

Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Lesefassung (Psalm 10)

(kommt später)

Studienfassung (Psalm 10)

1 [L]a Warum, o JHWH, willst du fern stehen,b
Willst du dich verbergenb in Zeiten der Bedrängnis?c
2 In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)d (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)e
Sie werden gefangen durch die Ränke, die sie erdacht haben.f
3 Ach!, (Denn) der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust,g
Und der Abschneiderh flucht,i verachtetj JHWH.

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Anmerkungen

aPs 10 ist nicht eigentlich ein selbständiger Psalm, sondern gehört noch zu Ps 9. LXX, VUL und Hieronymus und einige Handschriften beginnen daher richtigerweise auch kein neues Kapitel mit Ps 10. Ps 9-10 sind zusammen das erste der sog. „Akrosticha“ im Psalter: Mehrere aufeinanderfolgende Zeilen beginnen mit dem jeweils nächsten Buchstaben im Alphabet (s. dazu näher z.B. Akrostichon (WiBiLex)). In Ps 9-10 ist offensichtlich angezielt worden, immer die erste Zeile von zwei Doppelzeilen mit dem nächsten Buchstaben beginnen zu lassen, also etwa Alef in der ersten Zeile der ersten Doppelzeile, Bet in der ersten Zeile der dritten Doppelzeile, Gimel in der ersten Zeile der fünften Doppelzeile usw. Das besondere bei Ps 9-10 ist aber, dass dieses Muster strikt nur an acht von 22 Stellen durchgehalten ist (s. dazu auch die Anmerkungen); um dies erkennbar zu machen, haben wir an den betreffenden Stellen jeweils den entsprechenden deutschen Buchstaben eingefügt.

Zu den Unregelmäßigkeiten: An einigen Stellen stimmt die Zeilenzahl nicht; dies ist direkt an der Übersetzung erkennbar. Weiterhin:

  • Die zwei Doppelzeilen für den vierten Buchstaben existieren nicht. Auch für den fünften Buchstaben (hier: E) gibt es nur durch eine textkritische Maßnahme zwei Doppelzeilen.
  • In 10,3 müsste eigentlich die M- und in 10,5 die N-Doppelzeile beginnen. Beide finden sich nicht; viele Exegeten verschieben aber das „[es] verachtet JHWH“ vom Ende von V. 3 an den Anfang von V. 4, damit in V. 4 wenigstens der N-Sticho beginnen kann. Auch das ist nur nach zusätzlichen Textkorrekturen möglich. Solche Maßnahmen sind abzulehnen; es ist kaum ein wirkungsvollerer Schutz vor fehlerhaften Textüberlieferungen vorstellbar als die Tatsache, dass ein Wort in einem Akrostichon als Alphabetikum (d.h. als das Wort, das eine Zeile mit einem notwendigen Buchstaben beginnt) fungiert.
  • Auch eine O- bzw. Samech-Doppelzeile fehlt; viele Exegeten korrigieren daher in V. 5 ohne Not den Text, um hier den Samech-part beginnen lassen zu können. (Zurück zu v.1)
bfern stehen + dich verbergen - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich Ps 10,1; 35,22; 38,22; 71,12; Jes 59,9.11 u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch Ps 55,2. (zu v.1)
cDie Formulierung Zeiten der Bedrängnis und v.a. der ungewöhnliche Plural `itot („Zeiten“) findet sich so nur noch im Ps 9,10. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat. (Zurück zu v.1)
dden Elenden (Armen) - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua hilfsbedürftige, weil bedrängte, JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.). (Zurück zu v.2)
etFN: In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt) - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten g´wt lassen sich entweder vokalisieren als ga´awath (wie das MT gemacht hat) oder als ge´ut; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ga´awath lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut des Schlechten“) oder das -at ist eine Variante der Endung -ah (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ge´ut aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von jidlaq nicht als dalaq II („verfolgen“), sondern als dalaq I („verfolgen“), also „durch den Hochmut des Schlechten brennt der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; , R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL. (Zurück zu v.2)
fV. 2b lässt sich entweder verstehen als „die Schlechten fangen den Elenden durch die von ihnen erdachten Ränke“ oder wieder wie in Ps 9,16f. als „die Schlechten verfangen sich in den Ränken, die sie [selbst] erdacht haben“. In diesem Kontext - der Schilderung der Übeltaten schlechter Menschen - ist sicher erstere Deutung vorzuziehen.
Der Wechsel vom Sg. („der Schlechte“ + „der Elende“) zum Pl. (sie werden gefangen“, „die sie erdacht haben) ist als N-Shift zu erklären: aus poetischen Gründen kann in bib. Lyrik von einer Zeile auf die nächste von einem Numerus zum nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. Hier ohnehin unproblematisch, da „der Schlechte“ und „der Elende“ sicher generalisierende Singularnomina mit Pluralbedeutung sind: Gemeint sind schon in der ersten Zeile mehrere Schlechte und Elende.
(Zurück zu v.2)
gtFN: der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust - schwieriger Satz. Das Verb halal fordert ein Objekt; auf den ersten Blick findet sich hier aber keines, denn was folgt, ist `al-ta´awath napscho. Die Präposition `al zeigt an, dass das Folgende nicht das Objekt des Rühmens ist, sondern das, wofür das Objekt gerühmt wird (so oft im Hitpael, für Piel s. Esra 3,11; Ps 119,164; so richtig schon Kissane 1953, S. 43). Wahrscheinlich muss man also den Satz analysieren wie folgt: `al-ta´awath ist das, wofür der Schlechte das Gerühmte rühmt, nämlich „für Lust“. ta´awath ist nicht das erste Glied in einer Genitivkonstruktion „die Lust seiner Seele“, sondern die Endung -at ist nur eine alternative Endung von ta´awah (dazu vgl. wieder Rendsburg 1991, S. 89f.), daher ist napscho nicht als Genitiv „seiner Seele“ zu analysieren, sondern als das gesuchte Objekt von halal: „Er rühmt für Lust seine Seele“. Alternativ sind viele verschiedene Textkorrekturvorschläge gemacht worden; am besten sicher Kissane 1953, S. 39: „Der Schlechte rühmt Bos[heit], / der Halsabschneider und segnet sein Verlangen.“ (Zurück zu v.3)
hAbschneider = Erpresser; das Verb batsa` („abschneiden“) findet sich oft in der Bed. „erpressen“ in der Bibel. Schön Herkenne 1936: „Halsabschneider“. (Zurück zu v.3)
iflucht - barak hier wie oft nicht in der Bed. „segnet“, sd. „flucht“; vgl. z.B. Schorch 2000, S. 101f. So fast alle Üss. (Zurück zu v.3)
jflucht, verachtet - zur Konstruktion vgl. Müller 2013b, S. 62f.: Zwei Verben werden ohne Konjunktion aneinander angeschlossen, um den Ausdruck noch stärker zu machen (vgl. S. 68). (Zurück zu v.3)