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Zu den Unregelmäßigkeiten: An einigen Stellen stimmt die Zeilenzahl nicht; dies ist direkt an der Übersetzung erkennbar. Weiterhin: | Zu den Unregelmäßigkeiten: An einigen Stellen stimmt die Zeilenzahl nicht; dies ist direkt an der Übersetzung erkennbar. Weiterhin: | ||
* Die zwei Doppelzeilen für den vierten Buchstaben existieren nicht. Auch für den fünften Buchstaben (hier: '''E''') gibt es nur durch eine textkritische Maßnahme zwei Doppelzeilen. | * Die zwei Doppelzeilen für den vierten Buchstaben existieren nicht. Auch für den fünften Buchstaben (hier: '''E''') gibt es nur durch eine textkritische Maßnahme zwei Doppelzeilen. | ||
* In 10,3 müsste eigentlich die '''M'''- und in 10,5 die '''N'''-Doppelzeile beginnen. Beide finden sich nicht; viele Exegeten verschieben aber das „[es] verachtet JHWH“ vom Ende von V. 3 an den Anfang von V. 4, damit in V. 4 wenigstens der '''N'''-Sticho beginnen kann. Auch das ist nur nach zusätzlichen Textkorrekturen möglich. Solche Maßnahmen sind abzulehnen; es ist kaum ein wirkungsvollerer Schutz vor fehlerhaften Textüberlieferungen vorstellbar als die Tatsache, dass ein Wort in einem Akrostichon als Alphabetikum (d.h. als das Wort, das eine Zeile mit einem notwendigen Buchstaben beginnt) fungiert. | * In 10,3 müsste eigentlich die '''M'''- und in 10,5 die '''N'''-Doppelzeile beginnen. Beide finden sich nicht; viele Exegeten verschieben aber das „[es] verachtet JHWH“ vom Ende von V. 3 an den Anfang von V. 4, damit in V. 4 wenigstens der '''N'''-Sticho beginnen kann. Auch das ist nur nach zusätzlichen Textkorrekturen möglich. Solche Maßnahmen sind abzulehnen; es ist kaum ein wirkungsvollerer Schutz vor fehlerhaften Textüberlieferungen vorstellbar als die Tatsache, dass ein Wort in einem Akrostichon als Alphabetikum (d.h. als das Wort, das eine Zeile mit einem notwendigen Buchstaben beginnt) fungiert.<br />Einige lassen allerdings in V. 5b die '''M'''-Doppelzeile beginnen, doch da sie am falschen Ort kommt und auch am natürlichsten nicht als Beginn einer Doppelzeile zu nehmen ist, ist es wohl eher Zufall, dass das erste Wort mit einem ''Mem'' beginnt. | ||
* Auch eine '''O'''- bzw. ''Samech''-Doppelzeile fehlt; viele Exegeten korrigieren daher in V. 5 ohne Not den | * Auch eine '''O'''- bzw. ''Samech''-Doppelzeile fehlt; viele Exegeten korrigieren daher in V. 5 ohne Not den das Wort, das von manchen anderen als Beginn der '''M'''-Doppelzeile angesehen wird, um hier den ''Samech''-part beginnen lassen zu können. | ||
* Auch eine '''P'''-Doppelzeile gibt es nicht; einige Exegeten verschieben daher das ''`ala'' am Anfang von V. 7 ans Ende von V. 6, damit dann in V. 7 mit ''peh'' die '''P'''-Doppelzeile beginnen kann.</ref> Warum, o JHWH, willst du fern stehen,<ref name="V 1">''fern stehen'' + ''dich verbergen'' - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich [[Psalm 10#s1 |Ps 10,1]]; [[Psalm 35#s22 |35,22]]; [[Psalm 38#s22 |38,22]]; [[Psalm 71#s12 |71,12]]; [[Jesaja 59#s9 |Jes 59,9.11]] u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch [[Psalm 55#s2 |Ps 55,2]].</ref> | * Auch eine '''P'''-Doppelzeile gibt es nicht; einige Exegeten verschieben daher das ''`ala'' am Anfang von V. 7 ans Ende von V. 6, damit dann in V. 7 mit ''peh'' die '''P'''-Doppelzeile beginnen kann. | ||
* In V. 10 könnte nach der '''Q'''- bzw. ''`Ajin''-Doppelzeile mit ihrem Beginn in 8c die '''R'''- bzw. ''Sadé''-Doppelzeile beginnen („könnte“, da es zwei Versionen des heb. Alphabets gibt; eines mit der Abfolge ''`Ajin'' - ''Pe'' - ''Sadé'' und eines mit der Abfolge ''Pe'' - ''`Ajin'' - ''Sadé''). Weil auch hier ein ''Pe'' oder ''Sadé'' sich nicht findet, wird von einigen einfach ein mit ''Sadé'' beginnendes Wort eingefügt, z.B. von BHS (!).</ref> Warum, o JHWH, willst du fern stehen,<ref name="V 1">''fern stehen'' + ''dich verbergen'' - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich [[Psalm 10#s1 |Ps 10,1]]; [[Psalm 35#s22 |35,22]]; [[Psalm 38#s22 |38,22]]; [[Psalm 71#s12 |71,12]]; [[Jesaja 59#s9 |Jes 59,9.11]] u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch [[Psalm 55#s2 |Ps 55,2]].</ref> | |||
_Willst du dich verbergen<ref name="V 1" /> in Zeiten der Bedrängnis?<ref>Die Formulierung ''Zeiten der Bedrängnis'' und v.a. der ungewöhnliche Plural ''`itot'' („Zeiten“) findet sich so nur noch im [[Psalm 9#s10 |Ps 9,10]]. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat.</ref> - | _Willst du dich verbergen<ref name="V 1" /> in Zeiten der Bedrängnis?<ref>Die Formulierung ''Zeiten der Bedrängnis'' und v.a. der ungewöhnliche Plural ''`itot'' („Zeiten“) findet sich so nur noch im [[Psalm 9#s10 |Ps 9,10]]. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat.</ref> - | ||
{{S|2}} In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)<ref>''den Elenden (Armen)'' - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua ''hilfsbedürftige, weil bedrängte,'' JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.).</ref> (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)<ref>'''tFN''': ''In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt)'' - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten ''g´wt'' lassen sich entweder vokalisieren als ''ga´awath'' (wie das MT gemacht hat) oder als ''g<sup>e</sup>´ut''; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ''ga´awath'' lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut ''des'' Schlechten“) oder das ''-at'' ist eine Variante der Endung ''-ah'' (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ''ge´ut'' aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von ''jidlaq'' nicht als ''dalaq II'' („verfolgen“), sondern als ''dalaq I'' („brennen“), also „durch den Hochmut des Schlechten ''brennt'' der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; EÜ, R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL.</ref> | {{S|2}} In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)<ref>''den Elenden (Armen)'' - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua ''hilfsbedürftige, weil bedrängte,'' JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.).</ref> (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)<ref>'''tFN''': ''In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt)'' - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten ''g´wt'' lassen sich entweder vokalisieren als ''ga´awath'' (wie das MT gemacht hat) oder als ''g<sup>e</sup>´ut''; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ''ga´awath'' lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut ''des'' Schlechten“) oder das ''-at'' ist eine Variante der Endung ''-ah'' (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ''ge´ut'' aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von ''jidlaq'' nicht als ''dalaq II'' („verfolgen“), sondern als ''dalaq I'' („brennen“), also „durch den Hochmut des Schlechten ''brennt'' der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; EÜ, R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL.</ref> | ||
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{{S|5}} Profan (stark?)<ref>''Profan'' - „Die Wege sind profan“ = „seine Wege sind nicht Gottes Weg“, d.h. er lebt nicht so, wie dies Gottes Weisung entsprechen würde. Sinnvoll Kissane 1953: „His ways are impious at all times“. Entweder hat man mit Goldingay 2006, S. 164 davon auszugehen, dass zu ''chalal'' („profanieren“) eine Nebenform ''chul'' existierte, von der das Wort gebildet ist, oder mit Kissane 1953, S. 41 zu emendieren nach ''jechallu'' von ''chalal''.<br /> | {{S|5}} Profan (stark?)<ref>''Profan'' - „Die Wege sind profan“ = „seine Wege sind nicht Gottes Weg“, d.h. er lebt nicht so, wie dies Gottes Weisung entsprechen würde. Sinnvoll Kissane 1953: „His ways are impious at all times“. Entweder hat man mit Goldingay 2006, S. 164 davon auszugehen, dass zu ''chalal'' („profanieren“) eine Nebenform ''chul'' existierte, von der das Wort gebildet ist, oder mit Kissane 1953, S. 41 zu emendieren nach ''jechallu'' von ''chalal''.<br /> | ||
'''tFN''': ''stark?'' - Sehr viele orientieren sich an Tg („seine Wege gedeihen“) und mutmaßen, Tg habe das heb. Wort auf die aram. Wurzel ''chjl'' („stärken“) zurückgeführt, die nur hier und in [[Ijob 20#s21 |Ijob 20,21]] auch für das Heb. anzunehmen sei. Das ist recht zweifelhaft. Erstens übersetzt auch Tg nicht mit ''chjl'', was ein Indiz dafür ist, dass auch im Aramäischen „starke Wege“ nicht idiomatisch sind, zweitens bedeutet das aram. ''chajel'' nicht „stark sein“, sondern nur „stärken“, drittens muss das Wort in Ijob 20,21 dann auch noch in einer anderen Bed., nämlich „Bestand haben“, genommen werden, wo es sich auch dann nur schwer in den Kontext fügt (vgl. ähnlich Goldingay 2006, S. 164). Auch mit den anderen alten Üss. lässt sich diese Deutung nicht stützen: LXX, Syr, VUL verbinden wie wir mit ''chalal'' („entweihen“) („Profan sind seine Wege“), Hieronymus, Aq, Quinta und Saadja mit ''chjl'' („kreisen, sich winden“) (H: „Seine Wege ''kreisen'' alle Zeit“, Aq+Q: „Seine Wege schmerzen“, S: „Immer von Neuem beginnen seine Pläne“). Letzterer Deutung folgt übrigens auch Eerdmans 1947: „His ways are wavering“.</ref> sind seine Wege allezeit, | '''tFN''': ''stark?'' - Sehr viele orientieren sich an Tg („seine Wege gedeihen“) und mutmaßen, Tg habe das heb. Wort auf die aram. Wurzel ''chjl'' („stärken“) zurückgeführt, die nur hier und in [[Ijob 20#s21 |Ijob 20,21]] auch für das Heb. anzunehmen sei. Das ist recht zweifelhaft. Erstens übersetzt auch Tg nicht mit ''chjl'', was ein Indiz dafür ist, dass auch im Aramäischen „starke Wege“ nicht idiomatisch sind, zweitens bedeutet das aram. ''chajel'' nicht „stark sein“, sondern nur „stärken“, drittens muss das Wort in Ijob 20,21 dann auch noch in einer anderen Bed., nämlich „Bestand haben“, genommen werden, wo es sich auch dann nur schwer in den Kontext fügt (vgl. ähnlich Goldingay 2006, S. 164). Auch mit den anderen alten Üss. lässt sich diese Deutung nicht stützen: LXX, Syr, VUL verbinden wie wir mit ''chalal'' („entweihen“) („Profan sind seine Wege“), Hieronymus, Aq, Quinta und Saadja mit ''chjl'' („kreisen, sich winden“) (H: „Seine Wege ''kreisen'' alle Zeit“, Aq+Q: „Seine Wege schmerzen“, S: „Immer von Neuem beginnen seine Pläne“). Letzterer Deutung folgt übrigens auch Eerdmans 1947: „His ways are wavering“.</ref> sind seine Wege allezeit, | ||
_ Hoch [sind] deine Gesetze (Gerichte), fern von ihm;<ref>''Hoch [sind] deine Gesetze, fern von ihm'' - d.h. wieder: Um Gott und seine Weisung schert sich der Schlechte nicht im Geringsten. Schön EÜ: „Hoch droben und fern von sich wähnt er deine Gerichte.“</ref> | |||
_All' seine Gegner, die schnaubt er an.<ref>''schnauben'' in dieser Bed. nur noch in [[Psalm 12#s6 |Ps 12,6]] (vgl. V. 5): „Ich will erlösen, den man anschnaubt“; gemeint ist wohl das niedergemacht-Werden Gedrückter durch ihre Unterdrücker. Am besten EÜ, ZÜR: „All seine Gegner faucht/fährt er an“; sinnvoll auch HER05, NL, PAT: „er verspottet seine Feinde“, H-R, MEN, R-S: „er höhnt seine Gegner aus“.</ref> | _All' seine Gegner, die schnaubt er an.<ref>''schnauben'' in dieser Bed. nur noch in [[Psalm 12#s6 |Ps 12,6]] (vgl. V. 5): „Ich will erlösen, den man anschnaubt“; gemeint ist wohl das niedergemacht-Werden Gedrückter durch ihre Unterdrücker. Am besten EÜ, ZÜR: „All seine Gegner faucht/fährt er an“; sinnvoll auch HER05, NL, PAT: „er verspottet seine Feinde“, H-R, MEN, R-S: „er höhnt seine Gegner aus“.</ref> | ||
{{S|6}} Er sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Ich werde nicht wanken<ref>''wanken'' - Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut [[Sprichwörter 10#s30 |Spr 10,30]]; [[Sprichwörter 12#s3 |12,3]]; auch [[Psalm 16#s8 |Ps 16,8]]; [[Psalm 46#s6 |46,6f]]; [[Psalm 62#s3 |62,3.7]]; [[Psalm 112#s6 |112,6]]; [[Psalm 125#s1 |125,1]]. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; hier dagegen wird es gerade auf die Nichtexistenz Gottes zurückgeführt.</ref> von Geschlecht zu Geschlecht, | {{S|6}} Er sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Ich werde nicht wanken<ref>''wanken'' - Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut [[Sprichwörter 10#s30 |Spr 10,30]]; [[Sprichwörter 12#s3 |12,3]]; auch [[Psalm 16#s8 |Ps 16,8]]; [[Psalm 46#s6 |46,6f]]; [[Psalm 62#s3 |62,3.7]]; [[Psalm 112#s6 |112,6]]; [[Psalm 125#s1 |125,1]]. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; hier dagegen wird es gerade auf die Nichtexistenz Gottes zurückgeführt.</ref> von Geschlecht zu Geschlecht, | ||
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Nach der anderen Deutung der ''chelka´im'' ist entweder zu übersetzen: „Der bricht zusammen, sinkt nieder / und es fallen die Unglücklichen/Verfolgten in seine (=des Schlechten) Klauen/durch seine Macht“, oder (schöner): „Er duckt sich und bückt sich [wie ein Löwe vor dem Sprung] / und Unglücklichen fällt in seine Klauen“ (so z.B. Olshausen 1853; Terrien 2003).<br /> | Nach der anderen Deutung der ''chelka´im'' ist entweder zu übersetzen: „Der bricht zusammen, sinkt nieder / und es fallen die Unglücklichen/Verfolgten in seine (=des Schlechten) Klauen/durch seine Macht“, oder (schöner): „Er duckt sich und bückt sich [wie ein Löwe vor dem Sprung] / und Unglücklichen fällt in seine Klauen“ (so z.B. Olshausen 1853; Terrien 2003).<br /> | ||
Letzters auch schon bei Saadja: „Die[se] Worte [...] stellen das Verhalten des Löwen dar. Wenn sich derselbe nämlich zum Sprunge vorbereitet, so duckt er sich erst, um sich zu sammeln [...]. Ebenso der Frevler. Siehst du ihn sich vor dir erniedrigen und dich mit Sanftmuth anreden, so hüte dich vor ihm, denn dies ist Verstellung [...].“ (Üs. nach Margulies 1884).</ref> | Letzters auch schon bei Saadja: „Die[se] Worte [...] stellen das Verhalten des Löwen dar. Wenn sich derselbe nämlich zum Sprunge vorbereitet, so duckt er sich erst, um sich zu sammeln [...]. Ebenso der Frevler. Siehst du ihn sich vor dir erniedrigen und dich mit Sanftmuth anreden, so hüte dich vor ihm, denn dies ist Verstellung [...].“ (Üs. nach Margulies 1884).</ref> | ||
{{S|11}} | {{S|11}} Er spricht in seinem Herzen (zu sich): „Gott vergisst,<ref>''Gott vergisst'' - Die Rede vom „Vergessen“ Gottes meint meist sein aktives sich-Abwenden von jmdn (s. z.B. [[1Samuel 1#s11 |1 Sam 1,11]]; [[Psalm 13#s2 |Ps 13,2]]; [[Psalm 42#s10 |42,10]]; [[Psalm 44#s25 |44,25]]; [[Jesaja 49#s14 |Jes 49,14]]; [[Klagelieder 5#s20 |Klg 5,20]]). Wieder also schert sich der Schlechte überhaupt nicht um die Existenz Gottes und seiner Weisung; er lebt, als würde Gott seine Freveltaten einfach ignorieren. Auch zeigt sich hier wieder, dass man das „Es gibt keinen Gott“ in 4b nicht als theoretische Leugnung der Existenz Gottes verstehen darf.</ref> | ||
_Verbirgt sein Gesicht,<ref>Dass Gott ''sein Gesicht verbirgt'', ist eine häufige Metapher für den Gnadenentzug JHWHs (s. [http://offene-bibel.de/wiki/Psalm_30#note_u FN u] zu [[Psalm 30#s8 |Ps 30,8]]); in unserem Kontext ist es aber besser nicht als Metapher zu nehmen, sondern als alternative Formulierung für den nächsten Satz: „Gott sieht nicht“. S. zu dieser Bedeutung z.B. [[Exodus 3#s6 |Ex 3,6]] oder ganz ähnlich wie hier [[Psalm 51#s11 |51,11]].</ref> Sieht nicht auf immer!“<ref>''Sieht nicht auf immer'' - d.h., schert sich nicht um das Geschehen auf der Welt, so dass man ihn in seinem Handeln getrost ignorieren kann.<br />Man beachte die Häufung an Verben in ''Vv. 9b-11'': Die Klage über das Verhalten der Schlechten kommt ihr zu ihrer Klimax, die einzelnen Anklagen überstürzen sich regelrecht im Gebet des Psalmisten.</ref> | |||
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Version vom 9. Dezember 2015, 10:52 Uhr
Syntax ungeprüft


Lesefassung (Psalm 10)
(kommt später)Studienfassung (Psalm 10)
1 [L]〈a〉 Warum, o JHWH, willst du fern stehen,〈b〉
Willst du dich verbergen〈b〉 in Zeiten der Bedrängnis?〈c〉 -
2 In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)〈d〉 (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)〈e〉
Sie werden gefangen durch die Ränke, die sie erdacht haben.〈f〉
3 Ach!, (Denn) der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust,〈g〉
Und der Abschneider〈h〉 flucht,〈i〉 verachtet〈j〉 JHWH.
4 Der Schlechte, im Hochmut seiner Nase (in seiner Hochnäsigkeit), [denkt:]〈k〉 „Er sucht nicht!“〈l〉
„Es [gibt] keinen Gott“〈m〉 [sind] all' seine Gedanken.
5 Profan (stark?)〈n〉 sind seine Wege allezeit,
Hoch [sind] deine Gesetze (Gerichte), fern von ihm;〈o〉
All' seine Gegner, die schnaubt er an.〈p〉
6 Er sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Ich werde nicht wanken〈q〉 von Geschlecht zu Geschlecht,
So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.“〈r〉
7 [Von] Fluch ist sein Mund voll und [von] List und Gewalttätigkeit,
Unter seiner Zunge〈s〉 [ist] Mühsal und Unheil.
8 Er sitzt im Hinterhalt in Dörfern,〈t〉
Um insgeheim Unschuldige (Wehrlose) zu ermorden (wird ... morden).
[Q]〈a〉 Seine Augen spähen nach dem Verfolgten〈u〉
9 Er lauert in [seinem] Versteck wie ein Löwe in einer Höhle -
Er lauert, um den Elenden zu fassen,
Fasst den Elenden, indem er ihn in sein (mit seinem) Netz zieht.〈v〉
10 Der bricht zusammen, sinkt nieder〈j〉
Und fällt in die Klauen (durch die Macht) [der] Verfolger.〈u〉〈w〉
11 Er spricht in seinem Herzen (zu sich): „Gott vergisst,〈x〉
Verbirgt sein Gesicht,〈y〉 Sieht nicht auf immer!“〈z〉
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Anmerkungen
| a | Ps 10 ist nicht eigentlich ein selbständiger Psalm, sondern gehört noch zu Ps 9. LXX, VUL und Hieronymus und einige Handschriften beginnen daher richtigerweise auch kein neues Kapitel mit Ps 10. Ps 9-10 sind zusammen das erste der sog. „Akrosticha“ im Psalter: Mehrere aufeinanderfolgende Zeilen beginnen mit dem jeweils nächsten Buchstaben im Alphabet (s. dazu näher z.B. Akrostichon (WiBiLex)). In Ps 9-10 ist offensichtlich angezielt worden, immer die erste Zeile von zwei Doppelzeilen mit dem nächsten Buchstaben beginnen zu lassen, also etwa Alef in der ersten Zeile der ersten Doppelzeile, Bet in der ersten Zeile der dritten Doppelzeile, Gimel in der ersten Zeile der fünften Doppelzeile usw. Das besondere bei Ps 9-10 ist aber, dass dieses Muster strikt nur an acht von 22 Stellen durchgehalten ist (s. dazu auch die Anmerkungen); um dies erkennbar zu machen, haben wir an den betreffenden Stellen jeweils den entsprechenden deutschen Buchstaben eingefügt. Zu den Unregelmäßigkeiten: An einigen Stellen stimmt die Zeilenzahl nicht; dies ist direkt an der Übersetzung erkennbar. Weiterhin:
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| b | fern stehen + dich verbergen - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich Ps 10,1; 35,22; 38,22; 71,12; Jes 59,9.11 u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch Ps 55,2. (zu v.1) |
| c | Die Formulierung Zeiten der Bedrängnis und v.a. der ungewöhnliche Plural `itot („Zeiten“) findet sich so nur noch im Ps 9,10. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat. (Zurück zu v.1) |
| d | den Elenden (Armen) - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua hilfsbedürftige, weil bedrängte, JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.). (Zurück zu v.2) |
| e | tFN: In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt) - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten g´wt lassen sich entweder vokalisieren als ga´awath (wie das MT gemacht hat) oder als ge´ut; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ga´awath lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut des Schlechten“) oder das -at ist eine Variante der Endung -ah (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ge´ut aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von jidlaq nicht als dalaq II („verfolgen“), sondern als dalaq I („brennen“), also „durch den Hochmut des Schlechten brennt der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; EÜ, R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL. (Zurück zu v.2) |
| f | V. 2b lässt sich entweder verstehen als „die Schlechten fangen den Elenden durch die von ihnen erdachten Ränke“ oder wieder wie in Ps 9,16f. als „die Schlechten verfangen sich in den Ränken, die sie [selbst] erdacht haben“. In diesem Kontext - der Schilderung der Übeltaten schlechter Menschen - ist sicher erstere Deutung vorzuziehen. Der Wechsel vom Sg. („der Schlechte“ + „der Elende“) zum Pl. („sie werden gefangen“, „die sie erdacht haben“) ist als N-Shift zu erklären: aus poetischen Gründen kann in bib. Lyrik von einer Zeile auf die nächste von einem Numerus zum nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. Hier ohnehin unproblematisch, da „der Schlechte“ und „der Elende“ sicher generalisierende Singularnomina mit Pluralbedeutung sind: Gemeint sind schon in der ersten Zeile mehrere Schlechte und Elende. (Zurück zu v.2) |
| g | tFN: der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust - schwieriger Satz. Das Verb halal fordert ein Objekt; auf den ersten Blick findet sich hier aber keines, denn was folgt, ist `al-ta´awath napscho. Die Präposition `al zeigt an, dass das Folgende nicht das Objekt des Rühmens ist, sondern das, wofür das Objekt gerühmt wird (so oft im Hitpael, für Piel s. Esra 3,11; Ps 119,164; so richtig schon Kissane 1953, S. 43). Wahrscheinlich muss man also den Satz analysieren wie folgt: `al-ta´awath ist das, wofür der Schlechte das Gerühmte rühmt, nämlich „für Lust“. ta´awath ist nicht das erste Glied in einer Genitivkonstruktion „die Lust seiner Seele“, sondern die Endung -at ist nur eine alternative Endung von ta´awah (dazu vgl. wieder Rendsburg 1991, S. 89f.), daher ist napscho nicht als Genitiv „seiner Seele“ zu analysieren, sondern als das gesuchte Objekt von halal: „Er rühmt für Lust seine Seele“. Alternativ sind viele verschiedene Textkorrekturvorschläge gemacht worden; am besten sicher Kissane 1953, S. 39: „Der Schlechte rühmt Bos[heit], / der Halsabschneider |
| h | Abschneider = Erpresser; das Verb batsa` („abschneiden“) findet sich oft in der Bed. „erpressen“ in der Bibel. Schön Herkenne 1936: „Halsabschneider“. (Zurück zu v.3) |
| i | flucht - barak hier wie oft nicht in der Bed. „segnet“, sd. „flucht“; vgl. z.B. Schorch 2000, S. 101f. So fast alle Üss. (Zurück zu v.3) |
| j | flucht, verachtet (V. 3) + bricht zusammen, sinkt nieder (V. 10) - zur Konstruktion vgl. Müller 2013b, S. 62f.: Zwei Verben werden ohne Konjunktion aneinander angeschlossen, um den Ausdruck noch stärker zu machen (vgl. S. 68). (Zurück zu v.3 / zu v.10) |
| k | [denkt:] - Zu Einleitungen wörtl. Rede ohne ein verbum dicendi/sentiendi wie „sagt“ oder „denkt“ vgl. z.B. Gordis 1949, S. 174-176; zwei Bspp: Pred 8,2: „Ich [sage]:...“; Hos 14,8: „Ephraim [soll sagen:]...“ (Zurück zu v.4) |
| l | Er sucht nicht - Auch möglich: „Im Hochmut seiner Nase sucht der Frevler nicht“, nämlich Gott (zu „Gott suchen“ als Ausdruck für die Verehrung JHWHs vgl. FN t zu Ps 9,11). Das Zitat unseres Verses in 10,13 zeigt aber, dass „Er sucht nicht!“ hier die Gedanken des Schlechten sind (so richtig Gordis 1957, S. 113). „Gott sucht nicht“ = kurz für „Gott rächt schlechte Taten nicht“, s. Ps 9,13 und dazu FN w. Gut daher Bonkamp 1949: „Er wird nicht rächen“; EÜ, Gordis 1957, S. 121, HER05: „Gott straft nicht“; H-R, Weber 2001: „Er wird nicht ahnden“. (Zurück zu v.4) |
| m | Es gibt keinen Gott ist keine theoretische Leugnung der Existenz Gottes an sich, die im Alten Israel schwer vorstellbar wäre, sondern eine praktische: Der Schlechte lebt, als gäbe es keinen (rächenden!) Gott. „Für den hochnäsigen Frevler ist Gott eine quantité négligeable, dem kein Recht etwas zu ahnden zusteht.“ (Herkenne 1936, S. 70). (Zurück zu v.4) |
| n | Profan - „Die Wege sind profan“ = „seine Wege sind nicht Gottes Weg“, d.h. er lebt nicht so, wie dies Gottes Weisung entsprechen würde. Sinnvoll Kissane 1953: „His ways are impious at all times“. Entweder hat man mit Goldingay 2006, S. 164 davon auszugehen, dass zu chalal („profanieren“) eine Nebenform chul existierte, von der das Wort gebildet ist, oder mit Kissane 1953, S. 41 zu emendieren nach jechallu von chalal. tFN: stark? - Sehr viele orientieren sich an Tg („seine Wege gedeihen“) und mutmaßen, Tg habe das heb. Wort auf die aram. Wurzel chjl („stärken“) zurückgeführt, die nur hier und in Ijob 20,21 auch für das Heb. anzunehmen sei. Das ist recht zweifelhaft. Erstens übersetzt auch Tg nicht mit chjl, was ein Indiz dafür ist, dass auch im Aramäischen „starke Wege“ nicht idiomatisch sind, zweitens bedeutet das aram. chajel nicht „stark sein“, sondern nur „stärken“, drittens muss das Wort in Ijob 20,21 dann auch noch in einer anderen Bed., nämlich „Bestand haben“, genommen werden, wo es sich auch dann nur schwer in den Kontext fügt (vgl. ähnlich Goldingay 2006, S. 164). Auch mit den anderen alten Üss. lässt sich diese Deutung nicht stützen: LXX, Syr, VUL verbinden wie wir mit chalal („entweihen“) („Profan sind seine Wege“), Hieronymus, Aq, Quinta und Saadja mit chjl („kreisen, sich winden“) (H: „Seine Wege kreisen alle Zeit“, Aq+Q: „Seine Wege schmerzen“, S: „Immer von Neuem beginnen seine Pläne“). Letzterer Deutung folgt übrigens auch Eerdmans 1947: „His ways are wavering“. (Zurück zu v.5) |
| o | Hoch [sind] deine Gesetze, fern von ihm - d.h. wieder: Um Gott und seine Weisung schert sich der Schlechte nicht im Geringsten. Schön EÜ: „Hoch droben und fern von sich wähnt er deine Gerichte.“ (Zurück zu v.5) |
| p | schnauben in dieser Bed. nur noch in Ps 12,6 (vgl. V. 5): „Ich will erlösen, den man anschnaubt“; gemeint ist wohl das niedergemacht-Werden Gedrückter durch ihre Unterdrücker. Am besten EÜ, ZÜR: „All seine Gegner faucht/fährt er an“; sinnvoll auch HER05, NL, PAT: „er verspottet seine Feinde“, H-R, MEN, R-S: „er höhnt seine Gegner aus“. (Zurück zu v.5) |
| q | wanken - Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut Spr 10,30; 12,3; auch Ps 16,8; 46,6f; 62,3.7; 112,6; 125,1. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; hier dagegen wird es gerade auf die Nichtexistenz Gottes zurückgeführt. (Zurück zu v.6) |
| r | So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück. - die Üs. folgt im Großen und Ganzen Alexander 1850, versteht aber ´ascher als Einleitung eines adverbialen Nebensatzes (vgl. Ges18, S. 111f.). Alternativ hat für diese Zeile hat fast jeder Exeget einen eigenen Textkorrekturvorschlag vorgelegt. (Zurück zu v.6) |
| s | unter seiner Zunge - das „unter“ ist wohl nicht bedeutsam (anders Gordis 1957, S. 115: „Not ‚on his tongue,‘ but ‚under his tongue,‘ i.e., as a delicacy“): Unter seiner Zunge liegen „Mühsal und Unheil“ also gerade die (spürbaren) Effekte seiner List und Gewalttätigkeit (gut daher NGÜ: „Was sie von sich gebe, bringt anderen Unheil und Schaden“). „Sein Mund ist voll von X“ und „Unter seiner Zunge ist X“ sind also wohl Synonyme: Was er auch von sich gibt, ist schlecht, gemein und schädlich. (Zurück zu v.7) |
| t | Dörfer wird gern korrigiert, zum Sinn aber gut Gordis 1957, S. 116: „chtsrjm is an unwalled settlement (defined as such in Lev 25,31), a peaceful village where violence is not normally expected and hence not guarded against. nqj is its parallel, meaning ‚innocent‘ in its etymological sense, ‚doing no harm,‘ actually ‚unarmed.‘ [...] The passage emphasizes the enormity of the crime, against which no precautions have been taken.“ (Zurück zu v.8) |
| u | tFN: Verfolgten (V. 8) + Verfolger (V. 10) - unsicheres Wort, in der Bibel nur in Ps 10 zu finden. Zusätzlich verkompliziert wird die Sache dadurch, dass es in zwei verschiedenen Formen vorliegt: im Sg. chelkah in Vv. 8.14 und im dann ungewöhnlichen Pl. chelka´im in V. 10. Und noch mal verkomplizierend kommt hinzu, dass sich dieser ungewöhnliche Plural mehrere Male in den Qumran-Texten findet (s. 1QH XI 25f.; XII 25.35; 4Q432 Frg 4 II,1) und dort offensichtlich eine Bezeichnung für Übeltäter ist, während hier in Vv. 8.14 offensichtlich mit dem Sg. der Elende gemeint ist. Wir folgen der Deutung von Komlós 1957: Weil das Wort in 1QH XI 26; hier und übrigens auch in 4Q432 Frg 4 II,1 im Zhg. mit Netzen genannt wird, leitet er ab vom heb. chkh („Haken“); die chelka´im sind dann die „Hakenden“, also die Verfolger; der chelkah dagegen der „Gehakte“, also der Verfolgte. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Bonkamp 1949, S. 76 FN 16, der das Wort vom akkadischen hallku („Flüchtling“) ableiten will. |
| v | in sein (mit seinem) Netz zieht - ein plötzlicher Übergang von der Löwenmetapher zur Fischermetapher, nachdem von V. 8 auf V. 9 schon ebenso plötzlich von der Räubermetapher zur Löwenmetapher gewechselt wurde. Solche schnellen Metaphern-wechsel sind im Heb. normal und der Text also nicht problematisch, während sie im Dt. etwas kurios wirken - vgl. nur in Ps 9,4-13 die Darstellung Gottes als Streiter (V. 4), als königlicher Richter (Vv. 5f.), wieder als Streiter (V. 7), wieder als Richter (V. 9), als Zuflucht (Vv. 10f.) und als Bluträcher (V. 13). Auch hier wird im nächsten Vers wieder zur Löwenmetapher und in V. 11 wieder zur Fischermetapher zurückgewechselt. Zur Fischermetapher für Vernichtung s. noch Jer 16,16; Am 4,2; Hab 1,15f.; die Fischermetapher passt in der heb. „Metaphernwelt“ besser zur Löwenmetapher als im Dt. (Zurück zu v.9) |
| w | V. 10 - Die meisten gehen davon aus, dass die chelka´im in V. 10 die selben sind wie der „Verfolgte“ in Vv. 8.14 (vgl. dazu FN u; aus diesem Grund muss dann anders übersetzt werden. Für unsere Deutung muss mit Komlós 1957, S. 246, der ursprünglich vokallose Konsonantentext ein wenig anders vokalisiert werden. Nach der anderen Deutung der chelka´im ist entweder zu übersetzen: „Der bricht zusammen, sinkt nieder / und es fallen die Unglücklichen/Verfolgten in seine (=des Schlechten) Klauen/durch seine Macht“, oder (schöner): „Er duckt sich und bückt sich [wie ein Löwe vor dem Sprung] / und Unglücklichen fällt in seine Klauen“ (so z.B. Olshausen 1853; Terrien 2003). |
| x | Gott vergisst - Die Rede vom „Vergessen“ Gottes meint meist sein aktives sich-Abwenden von jmdn (s. z.B. 1 Sam 1,11; Ps 13,2; 42,10; 44,25; Jes 49,14; Klg 5,20). Wieder also schert sich der Schlechte überhaupt nicht um die Existenz Gottes und seiner Weisung; er lebt, als würde Gott seine Freveltaten einfach ignorieren. Auch zeigt sich hier wieder, dass man das „Es gibt keinen Gott“ in 4b nicht als theoretische Leugnung der Existenz Gottes verstehen darf. (Zurück zu v.11) |
| y | Dass Gott sein Gesicht verbirgt, ist eine häufige Metapher für den Gnadenentzug JHWHs (s. FN u zu Ps 30,8); in unserem Kontext ist es aber besser nicht als Metapher zu nehmen, sondern als alternative Formulierung für den nächsten Satz: „Gott sieht nicht“. S. zu dieser Bedeutung z.B. Ex 3,6 oder ganz ähnlich wie hier 51,11. (Zurück zu v.11) |
| z | Sieht nicht auf immer - d.h., schert sich nicht um das Geschehen auf der Welt, so dass man ihn in seinem Handeln getrost ignorieren kann. Man beachte die Häufung an Verben in Vv. 9b-11: Die Klage über das Verhalten der Schlechten kommt ihr zu ihrer Klimax, die einzelnen Anklagen überstürzen sich regelrecht im Gebet des Psalmisten. (Zurück zu v.11) |