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* Die zwei Doppelzeilen für den vierten Buchstaben existieren nicht. Auch für den fünften Buchstaben (hier: '''E''') gibt es nur durch eine textkritische Maßnahme zwei Doppelzeilen. | * Die zwei Doppelzeilen für den vierten Buchstaben existieren nicht. Auch für den fünften Buchstaben (hier: '''E''') gibt es nur durch eine textkritische Maßnahme zwei Doppelzeilen. | ||
* In 10,3 müsste eigentlich die '''M'''- und in 10,5 die '''N'''-Doppelzeile beginnen. Beide finden sich nicht; viele Exegeten verschieben aber das „[es] verachtet JHWH“ vom Ende von V. 3 an den Anfang von V. 4, damit in V. 4 wenigstens der '''N'''-Sticho beginnen kann. Auch das ist nur nach zusätzlichen Textkorrekturen möglich. Solche Maßnahmen sind abzulehnen; es ist kaum ein wirkungsvollerer Schutz vor fehlerhaften Textüberlieferungen vorstellbar als die Tatsache, dass ein Wort in einem Akrostichon als Alphabetikum (d.h. als das Wort, das eine Zeile mit einem notwendigen Buchstaben beginnt) fungiert. | * In 10,3 müsste eigentlich die '''M'''- und in 10,5 die '''N'''-Doppelzeile beginnen. Beide finden sich nicht; viele Exegeten verschieben aber das „[es] verachtet JHWH“ vom Ende von V. 3 an den Anfang von V. 4, damit in V. 4 wenigstens der '''N'''-Sticho beginnen kann. Auch das ist nur nach zusätzlichen Textkorrekturen möglich. Solche Maßnahmen sind abzulehnen; es ist kaum ein wirkungsvollerer Schutz vor fehlerhaften Textüberlieferungen vorstellbar als die Tatsache, dass ein Wort in einem Akrostichon als Alphabetikum (d.h. als das Wort, das eine Zeile mit einem notwendigen Buchstaben beginnt) fungiert. | ||
* Auch eine '''O'''- bzw. ''Samech''-Doppelzeile fehlt; viele Exegeten korrigieren daher in V. 5 ohne Not den Text, um hier den Samech-part beginnen lassen zu können.</ref> Warum, o JHWH, willst du fern stehen,<ref name="V 1">''fern stehen'' + ''dich verbergen'' - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich [[Psalm 10#s1 |Ps 10,1]]; [[Psalm 35#s22 |35,22]]; [[Psalm 38#s22 |38,22]]; [[Psalm 71#s12 |71,12]]; [[Jesaja 59#s9 |Jes 59,9.11]] u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch [[Psalm 55#s2 |Ps 55,2]].</ref> | * Auch eine '''O'''- bzw. ''Samech''-Doppelzeile fehlt; viele Exegeten korrigieren daher in V. 5 ohne Not den Text, um hier den Samech-part beginnen lassen zu können. | ||
* Auch eine '''P'''-Doppelzeile gibt es nicht; einige Exegeten verschieben daher das ''`ala'' am Anfang von V. 7 ans Ende von V. 6, damit dann in V. 7 mit ''peh'' die '''P'''-Doppelzeile beginnen kann.</ref> Warum, o JHWH, willst du fern stehen,<ref name="V 1">''fern stehen'' + ''dich verbergen'' - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich [[Psalm 10#s1 |Ps 10,1]]; [[Psalm 35#s22 |35,22]]; [[Psalm 38#s22 |38,22]]; [[Psalm 71#s12 |71,12]]; [[Jesaja 59#s9 |Jes 59,9.11]] u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch [[Psalm 55#s2 |Ps 55,2]].</ref> | |||
_Willst du dich verbergen<ref name="V 1" /> in Zeiten der Bedrängnis?<ref>Die Formulierung ''Zeiten der Bedrängnis'' und v.a. der ungewöhnliche Plural ''`itot'' („Zeiten“) findet sich so nur noch im [[Psalm 9#s10 |Ps 9,10]]. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat.</ref> - | _Willst du dich verbergen<ref name="V 1" /> in Zeiten der Bedrängnis?<ref>Die Formulierung ''Zeiten der Bedrängnis'' und v.a. der ungewöhnliche Plural ''`itot'' („Zeiten“) findet sich so nur noch im [[Psalm 9#s10 |Ps 9,10]]. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat.</ref> - | ||
{{S|2}} In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)<ref>''den Elenden (Armen)'' - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua ''hilfsbedürftige, weil bedrängte,'' JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.).</ref> (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)<ref>'''tFN''': ''In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt)'' - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten ''g´wt'' lassen sich entweder vokalisieren als ''ga´awath'' (wie das MT gemacht hat) oder als ''g<sup>e</sup>´ut''; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ''ga´awath'' lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut ''des'' Schlechten“) oder das ''-at'' ist eine Variante der Endung ''-ah'' (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ''ge´ut'' aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von ''jidlaq'' nicht als ''dalaq II'' („verfolgen“), sondern als ''dalaq I'' („verfolgen“), also „durch den Hochmut des Schlechten ''brennt'' der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; EÜ, R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL.</ref> | {{S|2}} In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)<ref>''den Elenden (Armen)'' - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua ''hilfsbedürftige, weil bedrängte,'' JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.).</ref> (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)<ref>'''tFN''': ''In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt)'' - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten ''g´wt'' lassen sich entweder vokalisieren als ''ga´awath'' (wie das MT gemacht hat) oder als ''g<sup>e</sup>´ut''; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ''ga´awath'' lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut ''des'' Schlechten“) oder das ''-at'' ist eine Variante der Endung ''-ah'' (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ''ge´ut'' aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von ''jidlaq'' nicht als ''dalaq II'' („verfolgen“), sondern als ''dalaq I'' („verfolgen“), also „durch den Hochmut des Schlechten ''brennt'' der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; EÜ, R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL.</ref> | ||
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_All' seine Gegner, die schnaubt er an.<ref>''schnauben'' in dieser Bed. nur noch in [[Psalm 12#s6 |Ps 12,6]] (vgl. V. 5): „Ich will erlösen, den man anschnaubt“; gemeint ist wohl das niedergemacht-Werden Gedrückter durch ihre Unterdrücker. Am besten EÜ, ZÜR: „All seine Gegner faucht/fährt er an“; sinnvoll auch HER05, NL, PAT: „er verspottet seine Feinde“, H-R, MEN, R-S: „er höhnt seine Gegner aus“.</ref> | _All' seine Gegner, die schnaubt er an.<ref>''schnauben'' in dieser Bed. nur noch in [[Psalm 12#s6 |Ps 12,6]] (vgl. V. 5): „Ich will erlösen, den man anschnaubt“; gemeint ist wohl das niedergemacht-Werden Gedrückter durch ihre Unterdrücker. Am besten EÜ, ZÜR: „All seine Gegner faucht/fährt er an“; sinnvoll auch HER05, NL, PAT: „er verspottet seine Feinde“, H-R, MEN, R-S: „er höhnt seine Gegner aus“.</ref> | ||
{{S|6}} Er sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Ich werde nicht wanken<ref>''wanken'' - Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut [[Sprichwörter 10#s30 |Spr 10,30]]; [[Sprichwörter 12#s3 |12,3]]; auch [[Psalm 16#s8 |Ps 16,8]]; [[Psalm 46#s6 |46,6f]]; [[Psalm 62#s3 |62,3.7]]; [[Psalm 112#s6 |112,6]]; [[Psalm 125#s1 |125,1]]. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; hier dagegen wird es gerade auf die Nichtexistenz Gottes zurückgeführt.</ref> von Geschlecht zu Geschlecht, | {{S|6}} Er sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Ich werde nicht wanken<ref>''wanken'' - Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut [[Sprichwörter 10#s30 |Spr 10,30]]; [[Sprichwörter 12#s3 |12,3]]; auch [[Psalm 16#s8 |Ps 16,8]]; [[Psalm 46#s6 |46,6f]]; [[Psalm 62#s3 |62,3.7]]; [[Psalm 112#s6 |112,6]]; [[Psalm 125#s1 |125,1]]. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; hier dagegen wird es gerade auf die Nichtexistenz Gottes zurückgeführt.</ref> von Geschlecht zu Geschlecht, | ||
_So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.“<ref>''So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.'' - die Üs. folgt im Großen und Ganzen Alexander 1850, versteht aber ''´ascher'' als Einleitung eines adverbialen Nebensatzes (vgl. Ges18, S. 111f.). Alternativ hat für diese Zeile hat fast jeder Exeget einen eigenen Textkorrekturvorschlag vorgelegt.</ref | _So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.“<ref>''So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.'' - die Üs. folgt im Großen und Ganzen Alexander 1850, versteht aber ''´ascher'' als Einleitung eines adverbialen Nebensatzes (vgl. Ges18, S. 111f.). Alternativ hat für diese Zeile hat fast jeder Exeget einen eigenen Textkorrekturvorschlag vorgelegt.</ref> | ||
{{S|7}} | {{S|7}} [Von] Fluch ist sein Mund voll und [von] List und Gewalttätigkeit, | ||
_Unter seiner Zunge<ref>''unter seiner Zunge'' - das „unter“ ist wohl nicht bedeutsam (anders Gordis 1957, S. 115: „Not ‚on his tongue,‘ but ‚under his tongue,‘ i.e., as a delicacy“): Unter seiner Zunge liegen „Mühsal und Unheil“ also gerade die (spürbaren) ''Effekte'' seiner List und Gewalttätigkeit (gut daher NGÜ: „Was sie von sich gebe, bringt anderen Unheil und Schaden“). „Sein Mund ist voll von X“ und „Unter seiner Zunge ist X“ sind also wohl Synonyme: Was er auch von sich gibt, ist schlecht, gemein und schädlich.</ref> [ist] Mühsal und Unheil. | |||
{{S|8}} | {{S|8}} Er sitzt im Hinterhalt in Dörfern,<ref>''Dörfer'' wird gern korrigiert, zum Sinn aber gut Gordis 1957, S. 116: „''chtsrjm'' is an unwalled settlement (defined as such in [[Leviticus 25#s31 |Lev 25,31]], a peaceful village where violence is not normally expected and hence not guarded against. ''nqj'' is its parallel, meaning ‚innocent‘ in its etymological sense, ‚doing no harm,‘ actually ‚unarmed.‘ [...] The passage emphasizes the enormity of the crime, against which no precautions have been taken.“</ref> | ||
_Um insgeheim Unschuldige (Wehrlose) zu ermorden (wird ... morden). | |||
['''Q''']<ref name="Akrostichon" /> Seine Augen spähen nach dem Verfolgten<ref>'''tFN''': ''Verfolgten'' - unsicheres Wort, in der Bibel nur in Ps 10 zu finden. Zusätzlich verkompliziert wird die Sache dadurch, dass es in zwei verschiedenen Formen vorliegt: im Sg. ''chelkah'' in Vv. 8.14 und im dann ungewöhnlichen Pl. ''chelka´im'' in V. 10. Und noch mal verkomplizierend kommt hinzu, dass sich dieser ungewöhnliche Plural mehrere Male in den Qumran-Texten findet (s. 1QH XI 25f.; XII 25.35; 4Q432 Frg 4 II,1) und dort offensichtlich eine Bezeichnung für Übeltäter ist, während hier in Vv. 8.14 offensichtlich mit dem Sg. der Elende gemeint ist.<br /> | |||
Wir folgen der Deutung von Komlós 1957: Weil das Wort in 1QH XI 26; hier und übrigens auch in 4Q432 Frg 4 II,1 im Zhg. mit Netzen genannt wird (zur Fischereimetapher für Übeltaten s. noch [[Jesaja 37#s29 |Jes 37,29]]; [[Jeremia 16#s16 |Jer 16,16]]; [[Amos 4#s2 |Am 4,2]]; [[Habakuk 1#s15 |Hab 1,15f.]]), leitet er ab vom heb. ''chkh'' („Haken“); die ''chelka´im'' sind dann die „Hakenden“, also die Verfolger; der ''chelkah'' dagegen der „Gehakte“, also der Verfolgte. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Bonkamp 1949, S. 76 FN 16, der das Wort vom akkadischen ''hallku'' („Flüchtling“) ableiten will.<br /> | |||
Die übliche Deutung als „Unglücklicher“ nach einer Ableitung vom arabischen ''chalaka'' („schwarz sein“, so z.B. Wallenstein 1954, S. 214; Ges18, S. 355) ist vor dem Hintergrund der Qumran-Stellen nicht gut möglich, weil zwar noch einzusehen wäre, wie aus „schwarz“ die Bedeutung „Unglücklicher“ oder „Böser“ entstehen soll, aber nur schwerlich, wie daraus ''beide'' Bedeutungen ''gleichzeitig'' entstanden sein sollen. Zu einem weiteren, aber unwahrscheinlichen Vorschlag vgl. Simpson 1969.</ref> | |||
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Version vom 9. Dezember 2015, 00:03 Uhr
Syntax ungeprüft


Lesefassung (Psalm 10)
(kommt später)Studienfassung (Psalm 10)
<poem> 1 [L]〈a〉 Warum, o JHWH, willst du fern stehen,〈b〉 _Willst du dich verbergen〈b〉 in Zeiten der Bedrängnis?〈c〉 - 2 In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)〈d〉 (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)〈e〉 _Sie werden gefangen durch die Ränke, die sie erdacht haben.〈f〉 3 Ach!, (Denn) der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust,〈g〉 _Und der Abschneider〈h〉 flucht,〈i〉 verachtet〈j〉 JHWH. 4 Der Schlechte, im Hochmut seiner Nase (in seiner Hochnäsigkeit), [denkt:]〈k〉 „Er sucht nicht!“〈l〉 _„Es [gibt] keinen Gott“〈m〉 [sind] all' seine Gedanken. 5 Profan (stark?)〈n〉 sind seine Wege allezeit, _Hoch [sind] deine Gesetze (Gerichte), fern von ihm;〈o〉 _All' seine Gegner, die schnaubt er an.〈p〉 6 Er sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Ich werde nicht wanken〈q〉 von Geschlecht zu Geschlecht, _So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.“〈r〉 7 [Von] Fluch ist sein Mund voll und [von] List und Gewalttätigkeit, _Unter seiner Zunge〈s〉 [ist] Mühsal und Unheil. 8 Er sitzt im Hinterhalt in Dörfern,〈t〉 _Um insgeheim Unschuldige (Wehrlose) zu ermorden (wird ... morden). [Q]〈a〉 Seine Augen spähen nach dem Verfolgten〈u〉 9
Anmerkungen
| a | Ps 10 ist nicht eigentlich ein selbständiger Psalm, sondern gehört noch zu Ps 9. LXX, VUL und Hieronymus und einige Handschriften beginnen daher richtigerweise auch kein neues Kapitel mit Ps 10. Ps 9-10 sind zusammen das erste der sog. „Akrosticha“ im Psalter: Mehrere aufeinanderfolgende Zeilen beginnen mit dem jeweils nächsten Buchstaben im Alphabet (s. dazu näher z.B. Akrostichon (WiBiLex)). In Ps 9-10 ist offensichtlich angezielt worden, immer die erste Zeile von zwei Doppelzeilen mit dem nächsten Buchstaben beginnen zu lassen, also etwa Alef in der ersten Zeile der ersten Doppelzeile, Bet in der ersten Zeile der dritten Doppelzeile, Gimel in der ersten Zeile der fünften Doppelzeile usw. Das besondere bei Ps 9-10 ist aber, dass dieses Muster strikt nur an acht von 22 Stellen durchgehalten ist (s. dazu auch die Anmerkungen); um dies erkennbar zu machen, haben wir an den betreffenden Stellen jeweils den entsprechenden deutschen Buchstaben eingefügt. Zu den Unregelmäßigkeiten: An einigen Stellen stimmt die Zeilenzahl nicht; dies ist direkt an der Übersetzung erkennbar. Weiterhin:
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| b | fern stehen + dich verbergen - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich Ps 10,1; 35,22; 38,22; 71,12; Jes 59,9.11 u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch Ps 55,2. (zu v.1) |
| c | Die Formulierung Zeiten der Bedrängnis und v.a. der ungewöhnliche Plural `itot („Zeiten“) findet sich so nur noch im Ps 9,10. Erstens ist auch dies ein deutliches Zeichen dafür, dass Psalm 9 und 10 zusammengehören, zweitens sieht man auch hier wieder: Der Beter bittet um das, wofür er für den Fall der Erhörung Gott zum Dank sein Lobgebet versprochen hat. (Zurück zu v.1) |
| d | den Elenden (Armen) - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua hilfsbedürftige, weil bedrängte, JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.). (Zurück zu v.2) |
| e | tFN: In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt) - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten g´wt lassen sich entweder vokalisieren als ga´awath (wie das MT gemacht hat) oder als ge´ut; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ga´awath lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut des Schlechten“) oder das -at ist eine Variante der Endung -ah (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ge´ut aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von jidlaq nicht als dalaq II („verfolgen“), sondern als dalaq I („verfolgen“), also „durch den Hochmut des Schlechten brennt der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; EÜ, R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL. (Zurück zu v.2) |
| f | V. 2b lässt sich entweder verstehen als „die Schlechten fangen den Elenden durch die von ihnen erdachten Ränke“ oder wieder wie in Ps 9,16f. als „die Schlechten verfangen sich in den Ränken, die sie [selbst] erdacht haben“. In diesem Kontext - der Schilderung der Übeltaten schlechter Menschen - ist sicher erstere Deutung vorzuziehen. Der Wechsel vom Sg. („der Schlechte“ + „der Elende“) zum Pl. („sie werden gefangen“, „die sie erdacht haben“) ist als N-Shift zu erklären: aus poetischen Gründen kann in bib. Lyrik von einer Zeile auf die nächste von einem Numerus zum nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. Hier ohnehin unproblematisch, da „der Schlechte“ und „der Elende“ sicher generalisierende Singularnomina mit Pluralbedeutung sind: Gemeint sind schon in der ersten Zeile mehrere Schlechte und Elende. (Zurück zu v.2) |
| g | tFN: der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust - schwieriger Satz. Das Verb halal fordert ein Objekt; auf den ersten Blick findet sich hier aber keines, denn was folgt, ist `al-ta´awath napscho. Die Präposition `al zeigt an, dass das Folgende nicht das Objekt des Rühmens ist, sondern das, wofür das Objekt gerühmt wird (so oft im Hitpael, für Piel s. Esra 3,11; Ps 119,164; so richtig schon Kissane 1953, S. 43). Wahrscheinlich muss man also den Satz analysieren wie folgt: `al-ta´awath ist das, wofür der Schlechte das Gerühmte rühmt, nämlich „für Lust“. ta´awath ist nicht das erste Glied in einer Genitivkonstruktion „die Lust seiner Seele“, sondern die Endung -at ist nur eine alternative Endung von ta´awah (dazu vgl. wieder Rendsburg 1991, S. 89f.), daher ist napscho nicht als Genitiv „seiner Seele“ zu analysieren, sondern als das gesuchte Objekt von halal: „Er rühmt für Lust seine Seele“. Alternativ sind viele verschiedene Textkorrekturvorschläge gemacht worden; am besten sicher Kissane 1953, S. 39: „Der Schlechte rühmt Bos[heit], / der Halsabschneider |
| h | Abschneider = Erpresser; das Verb batsa` („abschneiden“) findet sich oft in der Bed. „erpressen“ in der Bibel. Schön Herkenne 1936: „Halsabschneider“. (Zurück zu v.3) |
| i | flucht - barak hier wie oft nicht in der Bed. „segnet“, sd. „flucht“; vgl. z.B. Schorch 2000, S. 101f. So fast alle Üss. (Zurück zu v.3) |
| j | flucht, verachtet - zur Konstruktion vgl. Müller 2013b, S. 62f.: Zwei Verben werden ohne Konjunktion aneinander angeschlossen, um den Ausdruck noch stärker zu machen (vgl. S. 68). (Zurück zu v.3) |
| k | [denkt:] - Zu Einleitungen wörtl. Rede ohne ein verbum dicendi/sentiendi wie „sagt“ oder „denkt“ vgl. z.B. Gordis 1949, S. 174-176; zwei Bspp: Pred 8,2: „Ich [sage]:...“; Hos 14,8: „Ephraim [soll sagen:]...“ (Zurück zu v.4) |
| l | Er sucht nicht - Auch möglich: „Im Hochmut seiner Nase sucht der Frevler nicht“, nämlich Gott (zu „Gott suchen“ als Ausdruck für die Verehrung JHWHs vgl. FN t zu Ps 9,11). Das Zitat unseres Verses in 10,13 zeigt aber, dass „Er sucht nicht!“ hier die Gedanken des Schlechten sind (so richtig Gordis 1957, S. 113). „Gott sucht nicht“ = kurz für „Gott rächt schlechte Taten nicht“, s. Ps 9,13 und dazu FN w. Gut daher Bonkamp 1949: „Er wird nicht rächen“; EÜ, Gordis 1957, S. 121, HER05: „Gott straft nicht“; H-R, Weber 2001: „Er wird nicht ahnden“. (Zurück zu v.4) |
| m | Es gibt keinen Gott ist keine theoretische Leugnung der Existenz Gottes an sich, die im Alten Israel schwer vorstellbar wäre, sondern eine praktische: Der Schlechte lebt, als gäbe es keinen (rächenden!) Gott. „Für den hochnäsigen Frevler ist Gott eine quantité négligeable, dem kein Recht etwas zu ahnden zusteht.“ (Herkenne 1936, S. 70). (Zurück zu v.4) |
| n | Profan - „Die Wege sind profan“ = „seine Wege sind nicht Gottes Weg“, d.h. er lebt nicht so, wie dies Gottes Weisung entsprechen würde. Sinnvoll Kissane 1953: „His ways are impious at all times“. Entweder hat man mit Goldingay 2006, S. 164 davon auszugehen, dass zu chalal („profanieren“) eine Nebenform chul existierte, von der das Wort gebildet ist, oder mit Kissane 1953, S. 41 zu emendieren nach jechallu von chalal. tFN: stark? - Sehr viele orientieren sich an Tg („seine Wege gedeihen“) und mutmaßen, Tg habe das heb. Wort auf die aram. Wurzel chjl („stärken“) zurückgeführt, die nur hier und in Ijob 20,21 auch für das Heb. anzunehmen sei. Das ist recht zweifelhaft; u.a. deswegen, weil Tg hier gar nicht mit chjl übersetzt, weil das aram. chajel nicht „stark sein“, sondern nur „stärken“ bedeutet und weil das Wort in Ijob 20,21 dann auch noch in einer anderen Bed., nämlich „Bestand haben“, genommen werden muss, wo es sich auch dann nur schwer in den Kontext fügt (vgl. ähnlich Goldingay 2006, S. 164). Auch mit den anderen alten Üss. lässt sich diese Deutung nicht stützen: LXX, Syr, VUL verbinden wie wir mit chalal („entweihen“) („Profan sind seine Wege“), Hieronymus, Aq, Quinta und Saadja mit chjl („kreisen, sich winden“) (H: „Seine Wege kreisen alle Zeit“, Aq+Q: „Seine Wege schmerzen“, S: „Immer von Neuem beginnen seine Pläne“). Letzterer Deutung folgt übrigens auch Eerdmans 1947: „His ways are wavering“. (Zurück zu v.5) |
| o | Hoch [sind] deine Gesetze, fern von ihm - d.h. wieder: Um Gott und seine Weisung schert sich der Schlechte nicht im Geringsten. Schön EÜ: „Hoch droben und fern von sich wähnt er deine Gerichte.“ (Zurück zu v.5) |
| p | schnauben in dieser Bed. nur noch in Ps 12,6 (vgl. V. 5): „Ich will erlösen, den man anschnaubt“; gemeint ist wohl das niedergemacht-Werden Gedrückter durch ihre Unterdrücker. Am besten EÜ, ZÜR: „All seine Gegner faucht/fährt er an“; sinnvoll auch HER05, NL, PAT: „er verspottet seine Feinde“, H-R, MEN, R-S: „er höhnt seine Gegner aus“. (Zurück zu v.5) |
| q | wanken - Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut Spr 10,30; 12,3; auch Ps 16,8; 46,6f; 62,3.7; 112,6; 125,1. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; hier dagegen wird es gerade auf die Nichtexistenz Gottes zurückgeführt. (Zurück zu v.6) |
| r | So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück. - die Üs. folgt im Großen und Ganzen Alexander 1850, versteht aber ´ascher als Einleitung eines adverbialen Nebensatzes (vgl. Ges18, S. 111f.). Alternativ hat für diese Zeile hat fast jeder Exeget einen eigenen Textkorrekturvorschlag vorgelegt. (Zurück zu v.6) |
| s | unter seiner Zunge - das „unter“ ist wohl nicht bedeutsam (anders Gordis 1957, S. 115: „Not ‚on his tongue,‘ but ‚under his tongue,‘ i.e., as a delicacy“): Unter seiner Zunge liegen „Mühsal und Unheil“ also gerade die (spürbaren) Effekte seiner List und Gewalttätigkeit (gut daher NGÜ: „Was sie von sich gebe, bringt anderen Unheil und Schaden“). „Sein Mund ist voll von X“ und „Unter seiner Zunge ist X“ sind also wohl Synonyme: Was er auch von sich gibt, ist schlecht, gemein und schädlich. (Zurück zu v.7) |
| t | Dörfer wird gern korrigiert, zum Sinn aber gut Gordis 1957, S. 116: „chtsrjm is an unwalled settlement (defined as such in Lev 25,31, a peaceful village where violence is not normally expected and hence not guarded against. nqj is its parallel, meaning ‚innocent‘ in its etymological sense, ‚doing no harm,‘ actually ‚unarmed.‘ [...] The passage emphasizes the enormity of the crime, against which no precautions have been taken.“ (Zurück zu v.8) |
| u | tFN: Verfolgten - unsicheres Wort, in der Bibel nur in Ps 10 zu finden. Zusätzlich verkompliziert wird die Sache dadurch, dass es in zwei verschiedenen Formen vorliegt: im Sg. chelkah in Vv. 8.14 und im dann ungewöhnlichen Pl. chelka´im in V. 10. Und noch mal verkomplizierend kommt hinzu, dass sich dieser ungewöhnliche Plural mehrere Male in den Qumran-Texten findet (s. 1QH XI 25f.; XII 25.35; 4Q432 Frg 4 II,1) und dort offensichtlich eine Bezeichnung für Übeltäter ist, während hier in Vv. 8.14 offensichtlich mit dem Sg. der Elende gemeint ist. Wir folgen der Deutung von Komlós 1957: Weil das Wort in 1QH XI 26; hier und übrigens auch in 4Q432 Frg 4 II,1 im Zhg. mit Netzen genannt wird (zur Fischereimetapher für Übeltaten s. noch Jes 37,29; Jer 16,16; Am 4,2; Hab 1,15f.), leitet er ab vom heb. chkh („Haken“); die chelka´im sind dann die „Hakenden“, also die Verfolger; der chelkah dagegen der „Gehakte“, also der Verfolgte. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Bonkamp 1949, S. 76 FN 16, der das Wort vom akkadischen hallku („Flüchtling“) ableiten will. |