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* ... Mein Mund läuft nicht über bei dem Tun der Menschen (Kraus 1961; PAT) | * ... Mein Mund läuft nicht über bei dem Tun der Menschen (Kraus 1961; PAT) | ||
Die Übersetzung „Nie hat sich vergangen mein Mund“ (z.B. EÜ, H-R, ZÜR) schließlich geht fälschlicherweise davon aus, dass „überschreiten“ auch das Übertreten von Gesetzen meinen könne.</ref> | Die Übersetzung „Nie hat sich vergangen mein Mund“ (z.B. EÜ, H-R, ZÜR) schließlich geht fälschlicherweise davon aus, dass „überschreiten“ auch das Übertreten von Gesetzen meinen könne.</ref> | ||
{{S|4}} Was die Taten (das Tun) des Menschen gegen das Wort deiner Lippen angeht:<ref> | {{S|4}} Was die Taten (das Tun) des Menschen gegen das Wort deiner Lippen angeht:<ref>''Z. 1'' aufgelöst in Anlehnung an Köster 1837 („So oft die Menschen thun wider deiner Lippen Wort“, S. 40; auch Calvin berichtet, gelegentlich auf diese Auflösung gestoßen zu sein). Obwohl sie sich so selten findet, ist sie recht wahrscheinlich richtig: Nach den Wortsünden (V. 1) und den Gedankensünden (Vv. 2-3) werden nun in Vv. 4-5 noch die Tatsünden zurückgewiesen. Der Beter ist völlig unschuldig.<br />Die meisten Üss. und Exegeten ziehen den Beginn der Zeile entweder zu V. 3 („Mein Mund quillt nicht über beim Tun des Menschen“) oder teilen noch häufiger diese Zeile auf in zwei Gliedsätze („Was das Tun des Menschen angeht: Beim Wort deiner Lippen...“, was dann aber schwerlich „gemäß dem Wort deiner Lippen“ hieße, wofür ''kidbar'' statt ''bidbar'' verwendet würde (so korrigieren den Text daher Bonkamp 1949 und Leveen 1961, S. 48).).<br />Theoretisch möglich wäre allerdings die Auflösung „Was die Taten ders Menschen angeht: ''Durch'' das Wort deiner Lippen habe ich die Wege des Gebots geachtet“ (so BigS). Calvin kommentiert: „Suchen wir nach einer guten Richtlinie für unser Verhalten, wenn unsere Feinde uns dazu provozieren, ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten, lasst uns am Beispiel des David lernen, über das Wort Gottes nachzudenken und unsere Augen darauf gerichtet zu halten! So nämlich wird unser Geist davon abgehalten, geblendet zu werden, und wir werden stets den Weg der Frevler meiden können, da Gott durch seine Gebote nicht nur unsere Affekte bändigt, sondern durch seine Versprechungen auch unsere Geduld befeuert.“ (Calvin 1845, S. 240).<ref> | ||
_''Ich'' habe geachtet die Wege des Gebots (Gewalttätigen),<ref>'''tFN''': ''Gebots (Gewalttätigen)'' - W. auf den ersten Blick „Ich habe geachtet die Wege des Gewalttätigen“, was dann oft erläutert wird als „achten, [um nicht darauf zu geraten]“. Doch dafür würde im Heb. nicht ''schamar'' („achten“), sondern ''schamar min'' („sich in Acht nehmen vor“) verwendet. Besser sollte man daher in Orientierung an arab. ''faraḍa'' („gebieten“) davon ausgehen, dass neben ''parits'' („Gewalttätiger“, von ''parats'' „überschreiten“) ein gleichlautendes Wort ''parits'' II („Gebot“, von ''parats'' II „gebieten“, das sich wohl auch in [[1Chroniken 13#s2 |1 Chr 13,2]] und [[2Chroniken 31#s5 |2 Chr 31,5]] findet, vgl. Kissane 1928, S. 90) existiert. Dieses Wort ist nicht allgemein anerkannt (und findet sich daher in DCH VI, S. 769; ZLH S. 668, nicht aber in Ges18 und KBL3), wird aber an unserer Stelle von vielen Exegeten und einigen dt. Üss. (EÜ (nicht mehr EÜ16), GUAR, H-R, HER05, PAT, StierPs) vertreten.</ref> | _''Ich'' habe geachtet die Wege des Gebots (Gewalttätigen),<ref>'''tFN''': ''Gebots (Gewalttätigen)'' - W. auf den ersten Blick „Ich habe geachtet die Wege des Gewalttätigen“, was dann oft erläutert wird als „achten, [um nicht darauf zu geraten]“. Doch dafür würde im Heb. nicht ''schamar'' („achten“), sondern ''schamar min'' („sich in Acht nehmen vor“) verwendet. Besser sollte man daher in Orientierung an arab. ''faraḍa'' („gebieten“) davon ausgehen, dass neben ''parits'' („Gewalttätiger“, von ''parats'' „überschreiten“) ein gleichlautendes Wort ''parits'' II („Gebot“, von ''parats'' II „gebieten“, das sich wohl auch in [[1Chroniken 13#s2 |1 Chr 13,2]] und [[2Chroniken 31#s5 |2 Chr 31,5]] findet, vgl. Kissane 1928, S. 90) existiert. Dieses Wort ist nicht allgemein anerkannt (und findet sich daher in DCH VI, S. 769; ZLH S. 668, nicht aber in Ges18 und KBL3), wird aber an unserer Stelle von vielen Exegeten und einigen dt. Üss. (EÜ (nicht mehr EÜ16), GUAR, H-R, HER05, PAT, StierPs) vertreten.</ref> | ||
{{S|5}} Es hielten meine Schritte sich in deinen Spuren | {{S|5}} Es hielten meine Schritte sich in deinen Spuren | ||
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{{S|7}} Wirke wunderbar (erweise)<ref>'''Textkritik''': MT hat ''hapleh'' („scheide/erweise“), so auch Tg. Einige MT-Handschriften aber haben ''haple´'' („Wirke wunderbar“), was durch LXX, Syr, VUL und Hier gestützt wird. Die Fügung ''palah chesed'' findet sich sonst nicht mehr in der Bibel (allerdings das ähnliche ''palah chasid'', „er hat geschieden seinen Frommen“ in [[Psalm 4#s4 |Ps 4,4]]), ''pala´ chesed'' aber in [[Psalm 31#s22 |Ps 31,22]] und beide Wörter in engem Zhg. auch in [[Psalm 106#s7 |Ps 106,7]] und [[Psalm 107#s8 |107,8]].15.21.31. Syr hat darüber hinaus offenbar sogar an Ps 4,4 gedacht und statt ''chesed'' ''chasid'' übersetzt, ''dennoch'' aber nicht ''palah'', sondern ''pala´''. Etwas wahrscheinlicher ist daher „wirke wunderbar“; letztlich trägt es sich aber nicht wesentlich auf die Bedeutung des Textes aus.</ref> deine Huld, [oh] Retter der sich ([zu dir])<ref>'''Textkritik''': ''[zu dir]'' steht nicht in MT, Tg, Hier, aber in LXX, Syr, VUL, Saadja. Houbigant 1777 und BHS erachten es daher als ursprünglich, doch ist es wohl eher Angleichung an „''deine'' Huld“ und „''deine'' Hand“.</ref> Flüchtenden (der ([auf dich]) Hoffenden) | {{S|7}} Wirke wunderbar (erweise)<ref>'''Textkritik''': MT hat ''hapleh'' („scheide/erweise“), so auch Tg. Einige MT-Handschriften aber haben ''haple´'' („Wirke wunderbar“), was durch LXX, Syr, VUL und Hier gestützt wird. Die Fügung ''palah chesed'' findet sich sonst nicht mehr in der Bibel (allerdings das ähnliche ''palah chasid'', „er hat geschieden seinen Frommen“ in [[Psalm 4#s4 |Ps 4,4]]), ''pala´ chesed'' aber in [[Psalm 31#s22 |Ps 31,22]] und beide Wörter in engem Zhg. auch in [[Psalm 106#s7 |Ps 106,7]] und [[Psalm 107#s8 |107,8]].15.21.31. Syr hat darüber hinaus offenbar sogar an Ps 4,4 gedacht und statt ''chesed'' ''chasid'' übersetzt, ''dennoch'' aber nicht ''palah'', sondern ''pala´''. Etwas wahrscheinlicher ist daher „wirke wunderbar“; letztlich trägt es sich aber nicht wesentlich auf die Bedeutung des Textes aus.</ref> deine Huld, [oh] Retter (Heiland) der sich ([zu dir])<ref>'''Textkritik''': ''[zu dir]'' steht nicht in MT, Tg, Hier, aber in LXX, Syr, VUL, Saadja. Houbigant 1777 und BHS erachten es daher als ursprünglich, doch ist es wohl eher Angleichung an „''deine'' Huld“ und „''deine'' Hand“.</ref> Flüchtenden (der ([auf dich]) Hoffenden) | ||
_Vor sich Erhebenden wider deine rechte Hand!<ref>''wider deine rechte Hand'' - der ungewöhnliche Ausdruck (für gewöhnlich erhebt man sich nicht gegen Hände, sondern gegen Menschen und Götter) soll wohl die Formulierung der ausgleichenden Gerechtigkeit in V. 14 vorbereiten, wo Gottes Hand seine Waffe gegen Menschen ist: Diese sind „sich Erhebende gegen seine rechte Hand“; sie haben es also geradezu herausgefordert.<br />Weil der Ausdruck so ungewöhnlich ist, haben andere vorgeschlagen, dass die letzte Phrase nicht auf die „sich Erhebenden“ zu beziehen sei, sondern auf die „sich Flüchtenden“ („die sich zu deiner rechten Hand flüchten“), was noch recht ungezwungen möglich ist (z.B. HER05, EÜ 16, SLT), auf „[oh] Retter“ („oh Retter durch deine rechte Hand“; so z.B. TAF) oder gar auf „Wirke wunderbar deine Huld“ („... mit deiner rechten Hand“; so offenbar B-R). Mosca 2011 hat sogar vorgeschlagen, dass die Phrase bewusst ans Ende des Verses gestellt wurde, um sich ''gleichzeitig'' in der Tat auf ''all'' diese Phrasen beziehen zu können:<br />„Erweise deine Huld mit,<br />[oh] Retter durch,<br />von sich Flüchtenden zu,<br />vor sich Erhebenden gegen<br />dein(e) rechte(n) Hand!“</ref> | _Vor sich Erhebenden wider deine rechte Hand!<ref>''wider deine rechte Hand'' - der ungewöhnliche Ausdruck (für gewöhnlich erhebt man sich nicht gegen Hände, sondern gegen Menschen und Götter) soll wohl die Formulierung der ausgleichenden Gerechtigkeit in V. 14 vorbereiten, wo Gottes Hand seine Waffe gegen Menschen ist: Diese sind „sich Erhebende gegen seine rechte Hand“; sie haben es also geradezu herausgefordert.<br />Weil der Ausdruck so ungewöhnlich ist, haben andere vorgeschlagen, dass die letzte Phrase nicht auf die „sich Erhebenden“ zu beziehen sei, sondern auf die „sich Flüchtenden“ („die sich zu deiner rechten Hand flüchten“), was noch recht ungezwungen möglich ist (z.B. HER05, EÜ 16, SLT), auf „[oh] Retter“ („oh Retter durch deine rechte Hand“; so z.B. TAF) oder gar auf „Wirke wunderbar deine Huld“ („... mit deiner rechten Hand“; so offenbar B-R). Mosca 2011 hat sogar vorgeschlagen, dass die Phrase bewusst ans Ende des Verses gestellt wurde, um sich ''gleichzeitig'' in der Tat auf ''all'' diese Phrasen beziehen zu können:<br />„Erweise deine Huld mit,<br />[oh] Retter durch,<br />von sich Flüchtenden zu,<br />vor sich Erhebenden gegen<br />dein(e) rechte(n) Hand!“</ref> | ||
{{S|8}} Behüte mich wie die Pupille (das Männchen) der (, die) Pupille (Tochter des Auges),<ref>''die Pupille (das Männchen) der (, die) Pupille (Tochter des Auges)'' - Zwei (auch: in vielen Sprachen, z.B. Lat: ''pupus'' und ''pupilla'') verbreitete Umschreibungen der Pupille folgen hier aufeinander. Die erste ist w. „das Männchen“, die zweite w. „die Tochter des Auges“. Entweder steht die „Tochter des Auges“ in Apposition zum „Männchen“ (also: „das Männchen, [d.h.] die Tochter des Auges“) oder in einem Constructus-verhältnis mit ihm (also der heb. Entsprechung des Genitivs: „das Männchen der Tochter des Auges“). Alle uns zugänglichen Auslegungen deuten als Apposition, aber es ist doch zu fragen, was der Mehrwert dieser Apposition sein soll, wenn doch beide Glieder sonst stets alleine stehen („Männchen (des Auges)“: [[Deuteronomium 32#s15 |Dnt 32,15]]; [[Sprichwörter 7#s2 |Spr 7,2]]; [[Jesus Sirach 3#s25 |Sir 3,25]]; [[Jesus Sirach 17#s22 |17,22]]; „Tochter des Auges“: [[Klagelieder 2#s18 |Klg 2,18]]; [[Sacharja 2#s12 |Sach 2,12]]). Vielleicht findet sich hier also ein schönes Bild:<br /> | {{S|8}} Behüte mich wie die Pupille (das Männchen) der (, die) Pupille (Tochter des Auges),<ref>''die Pupille (das Männchen) der (, die) Pupille (Tochter des Auges)'' - Zwei (auch: in vielen Sprachen, z.B. Lat: ''pupus'' und ''pupilla'') verbreitete Umschreibungen der Pupille folgen hier aufeinander. Die erste ist w. „das Männchen“, die zweite w. „die Tochter des Auges“. Entweder steht die „Tochter des Auges“ in Apposition zum „Männchen“ (also: „das Männchen, [d.h.] die Tochter des Auges“) oder in einem Constructus-verhältnis mit ihm (also der heb. Entsprechung des Genitivs: „das Männchen der Tochter des Auges“). Alle uns zugänglichen Auslegungen deuten als Apposition, aber es ist doch zu fragen, was der Mehrwert dieser Apposition sein soll, wenn doch beide Glieder sonst stets alleine stehen („Männchen (des Auges)“: [[Deuteronomium 32#s15 |Dnt 32,15]]; [[Sprichwörter 7#s2 |Spr 7,2]]; [[Jesus Sirach 3#s25 |Sir 3,25]]; [[Jesus Sirach 17#s22 |17,22]]; „Tochter des Auges“: [[Klagelieder 2#s18 |Klg 2,18]]; [[Sacharja 2#s12 |Sach 2,12]]). Vielleicht findet sich hier also ein schönes Bild:<br /> | ||
Die beiden Bezeichnungen rühren wohl daher, dass man sich als kleines „Männchen“ in der Pupille des Anderen spiegelt, wenn man ihm in die Augen sieht ( | Die beiden Bezeichnungen rühren wohl daher, dass man sich als kleines „Männchen“ in der Pupille des Anderen spiegelt, wenn man ihm in die Augen sieht (Kimchi: „Es heißt ''´ischon'', weil man darin das Bild eines Menschen sieht.“). Dies war bereits in der Antike auffällig, vgl. Platon, Alkibiades 132e-133a („Hast du beobachtet, dass von dem, der in ein Auge blickt, das Gesicht im Auge gegenüber erscheint wie in einem Spiegel – wir nennen dies Pupille...?“); Plinius, Naturalis Historia XI 53 („So sehr gleicht das Auge einem Spiegel, dass, so klein die Pupille auch ist, sie das ganze Bild eines Menschen widergibt. Dies ist der Grund, warum die meisten Vögel in den Händen von Menschen am ehesten nach den Augen picken, weil sie ihr Bild in ihnen erkennen.“; Stellen nach Hunziker-Rodewald 2009b, S. 138). Hierauf spielt wohl das „Behüten wie jmds Augenmännchen/-mädlein“ (Dtn 32,15; Spr 7,2; Sir 17,22; ähnlich Sach 2,12) an: Nicht, dass man jmdn/etw. so behüten soll wie etwas sehr Verletzliches (Thomas von Aquin: „Die Pupille des Auges wird mit Sorgfalt bewacht, weil nichts, das sie verletzten könnte, erlaubt ist, sich ihr zu nähern.“), sondern so aufmerksam, dass man ihm mit dem Gesicht so nahe ist, dass der/das Behütete sich im Auge des Hüteres widerspiegelt (ebd., S. 140: „Garde-moi comme [...] une image pupilline!“). Deuten wir, weil wie gesagt der Mehrwert der ''Apposition'' „wie ein Männchen, eine Tochter des Auges“ nicht einzusehen ist, die Fügung als Constructus-verbindung, geht diese Abwandlung des Bildes vielleicht sogar noch einen Schritt weiter: Gott soll den Beter nicht nur so sehr behüten, dass sich dessen Bild in seinen Augen widerspiegelt, sondern sogar so sehr, dass dieses Spiegelbild sozusagen der „Angetraute“ seiner Pupille ist: „Lass mich das Männchen deines Augenmädleins sein!“, „Erbaue meinem Bild ein Heim in deinem Auge!“</ref> | ||
_Im Schatten deiner Flügel birg mich!<ref>Eine weitere schöne Kompositmetapher. Sowohl der „Schatten“ als auch die „Flügel“ allein können als Metaphern für das schützende und heilsame Handeln Gottes stehen (s. [[Psalm 121#s5 |Ps 121,5f]] und [[Psalm 61#s5 |Ps 61,5]]; [[Psam 91#s4 |91,4]]). Im Ausdruck „Schatten der Flügel“ (hier; [[Psalm 36#s8 |Ps 36,8]]; [[Psalm 57#s2 |57,2]]; [[Psalm 63#s8 |63,8]]) werden beide Bilder kombiniert. Übrigens legt Ps 91,4 nahe, dass bei diesem Bild weniger an einen Adler zu denken ist, der schützend über dem Nest seiner Jungen flattert (vgl. nicht [[Deuteronomium 32#s11 |Dtn 32,11]], aber entfernt [[Jesaja 31#s5 |Jes 31,5]], wo jedoch Vögel''chen'' ''fliegen'' und nicht Adlern beschirmen), sondern an eine Henne, die ihre Küken unter ihren Flügeln birgt (s. [[Matthäus 23#s37 |Mt 23,37]]).</ref> | _Im Schatten deiner Flügel birg mich!<ref>Eine weitere schöne Kompositmetapher. Sowohl der „Schatten“ als auch die „Flügel“ allein können als Metaphern für das schützende und heilsame Handeln Gottes stehen (s. [[Psalm 121#s5 |Ps 121,5f]] und [[Psalm 61#s5 |Ps 61,5]]; [[Psam 91#s4 |91,4]]). Im Ausdruck „Schatten der Flügel“ (hier; [[Psalm 36#s8 |Ps 36,8]]; [[Psalm 57#s2 |57,2]]; [[Psalm 63#s8 |63,8]]) werden beide Bilder kombiniert. Übrigens legt Ps 91,4 nahe, dass bei diesem Bild weniger an einen Adler zu denken ist, der schützend über dem Nest seiner Jungen flattert (vgl. nicht [[Deuteronomium 32#s11 |Dtn 32,11]], wo vom Schützen nicht die Rede ist, aber entfernt [[Jesaja 31#s5 |Jes 31,5]], wo jedoch Vögel''chen'' ''fliegen'' und nicht Adlern beschirmen), sondern an eine Henne, die ihre Küken unter ihren Flügeln birgt (s. [[Matthäus 23#s37 |Mt 23,37]]).<br />Eine schöne geistliche Auslegung stammt von Thomas von Aquin: „Die beiden Flügel sind die beiden Arme, die Christus am Kreuz ausbreitete, s. Dtn 32: ‚Er breitete seine Flügel aus, nahm sie auf und trug sie auf seinen Schultern‘.“</ref> | ||
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Version vom 10. Juli 2018, 09:23 Uhr
Syntax ungeprüft


Lesefassung (Psalm 17)
(kommt später)Studienfassung (Psalm 17)
1 Ein Bittgebet. Von (für, über, nach Art von) David.
Höre, JHWH, Gerechtigkeit:〈a〉
Lausche meinem Schreien,
Horch mein Bittgebet
Von Nicht-Trug-Lippen!
2 Von dir möge (wird) mein Recht ausgehen (aufstrahlen),〈b〉
Deine Augen mögen (werden) schauen Aufrichtigkeit{en} (richtig, unparteiisch):
3 Testestest du (du testestest) mein Herz,
Prüftest du (du prüftest) [mich (es)]〈c〉 [selbst]〈d〉 bei Nacht, probtest du (du probtest)〈e〉 mich,
Würdest (wirst, könntest) du nicht finden Schandtat an mir (ich habe geplant),〈f〉
[die] nicht meinen Mund überschreiten dürfte.〈g〉
4 Was die Taten (das Tun) des Menschen gegen das Wort deiner Lippen angeht:〈h〉
5 Es hielten meine Schritte sich in deinen Spuren
Nicht wankten meine Tritte.〈i〉
6 Ich rufe zu dir, damit du mich erhörst (denn du wirst mich erhören), Gott!
Neige dein Ohr zu mir, höre meine Rede!
7 Wirke wunderbar (erweise)〈j〉 deine Huld, [oh] Retter (Heiland) der sich ([zu dir])〈k〉 Flüchtenden (der ([auf dich]) Hoffenden)
Vor sich Erhebenden wider deine rechte Hand!〈l〉
8 Behüte mich wie die Pupille (das Männchen) der (, die) Pupille (Tochter des Auges),〈m〉
Im Schatten deiner Flügel birg mich!〈n〉
9
10
11
12
13
14
15
Anmerkungen
| a | Textkritik: LXX hat „meine Gerechtigkeit“; so daher auch viele Exegeten. Doch ist dies sicher nur eine auslegende Übersetzung. Gemeint ist natürlich „meine“ Gerechtigkeit, doch hier wird JHWH allgemein aufgefordert, auf „Gerechtes“ zu lauschen. V. 1 bildet so eine kleine Inclusio mit V. 2: JHWH soll „Gerechtigkeit hören“ – und Gerechtigkeit spricht aus dem Mund des Beters, weil sein Beten geäußert wird von „Nicht-Trug-Lippen“ – und er soll „Aufrichtigkeit sehen“, nämlich wieder die des Beters, die JHWH erkennen würde, wenn er ihn denn prüfte (V. 3). „Gesehen werden“ soll gerade jene Aufrichtigkeit, die „nicht über meine Lippen kommen dürfte“ (V. 3); das „Hören“ in V. 1 bezieht sich also auf die Aufrichtigkeit des Beters im Beten, das „Schauen“ auf die unhörbare Aufrichtigkeit des Beters im Denken. (Zurück zu v.1) |
| b | mein Recht ausgehen - d.h. vor deinem Richterstuhl möge mir Gerechtigkeit widerfahren. Das heb. Verb kann auch „aufgehen“, „aufstrahlen“ bedeuten und wird oft von der Sonne gesagt, was gut zur Rechtfertigung am Morgen in V. 15 passt (s. dort). (Zurück zu v.2) |
| c | [mich (es)] - Objekt der Prüfung könnte hier entweder wieder das „Herz“ sein oder allgemein „ich“. Tg und Syr übersetzen einheitlich mit „ich“, was nicht im MT steht; vielleicht ist also sogar von Schreibern wegen der Buchstabengleichheit von „ich“ und dem Beginn von „bei Nacht“ das „ich“ übersehen worden: pqdt [lj] ljlh. (Zurück zu v.3) |
| d | [selbst] - Fokuspartikeln wie „selbst“ werden im Heb. häufig auch dort nicht gesetzt, wo das Deutsche sie setzen muss. So wohl auch hier; der Gedanke ist vermutlich: Selbst Nachts, wenn ich am wenigsten auf eine Durchsuchung meiner Selbst vorbereitet bin, wirst du nichts finden (Schegg 1845, S. 166: „Denn du hast mein Herz geprüft, überrascht bei Nacht“). (Zurück zu v.3) |
| e | probtest - W. „läutertest“; der Psalmist verwendet (wie z.B. auch Ijob 23,10) das Bild der Läuterprobe aus der Metallurgie, mit der durch das Schmelzen von Edelmetallen Beimengungen von anderen Stoffen gefunden und ausgeschieden werden können (NGÜ: „Du hast mich 'wie Metall im Feuer' geläutert“; StierPs: „schmelze mich aus!“). Der Fremdkörper, der in diesem Fall nicht gefunden wird, ist die „Schandtat“. Trikolon mit Klimax: Die drei Tests in V. 3 werden immer intensiver: Testen – bei Nacht prüfen – Läuterprobe durchführen. (Zurück zu v.3) |
| f | Textkritik: Schandtat an mir (ich habe geplant) - Beide Alternativen wären mit den selben Konsonanten geschrieben worden (zimati vs. zamoti); MT und die meisten dt. Üss. deuten als Variante 2, die meisten alten Üss. aber wie wir als Variante 1. (Zurück zu v.3) |
| g | [die] nicht meinen Mund überschreiten dürfte - so gut als Relativsatz aufgelöst von Ehrlich 1905; Zorell 1928; R-S. Im Heb. sind die beiden Zeilen ganz parallel gebaut, was sich schwer ins Dt. übertragen lässt: „Nicht findest du Schandtat von mir, / nicht durfte [sie] überschreiten den Mund von mir.“ Die meisten dt. Üss. lösen auf verschiedenste Weisen anders auf. W. übersetzt lautet MT: „nicht(s) wirst/sollst du finden ich habe geplant/mein Planen nicht(s) wird/soll überschreiten mein(en) Mund V. 4 Taten von Menschen“, was sich dann konstruieren lässt als:
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| h | Z. 1 aufgelöst in Anlehnung an Köster 1837 („So oft die Menschen thun wider deiner Lippen Wort“, S. 40; auch Calvin berichtet, gelegentlich auf diese Auflösung gestoßen zu sein). Obwohl sie sich so selten findet, ist sie recht wahrscheinlich richtig: Nach den Wortsünden (V. 1) und den Gedankensünden (Vv. 2-3) werden nun in Vv. 4-5 noch die Tatsünden zurückgewiesen. Der Beter ist völlig unschuldig. Die meisten Üss. und Exegeten ziehen den Beginn der Zeile entweder zu V. 3 („Mein Mund quillt nicht über beim Tun des Menschen“) oder teilen noch häufiger diese Zeile auf in zwei Gliedsätze („Was das Tun des Menschen angeht: Beim Wort deiner Lippen...“, was dann aber schwerlich „gemäß dem Wort deiner Lippen“ hieße, wofür kidbar statt bidbar verwendet würde (so korrigieren den Text daher Bonkamp 1949 und Leveen 1961, S. 48).). Theoretisch möglich wäre allerdings die Auflösung „Was die Taten ders Menschen angeht: Durch das Wort deiner Lippen habe ich die Wege des Gebots geachtet“ (so BigS). Calvin kommentiert: „Suchen wir nach einer guten Richtlinie für unser Verhalten, wenn unsere Feinde uns dazu provozieren, ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten, lasst uns am Beispiel des David lernen, über das Wort Gottes nachzudenken und unsere Augen darauf gerichtet zu halten! So nämlich wird unser Geist davon abgehalten, geblendet zu werden, und wir werden stets den Weg der Frevler meiden können, da Gott durch seine Gebote nicht nur unsere Affekte bändigt, sondern durch seine Versprechungen auch unsere Geduld befeuert.“ (Calvin 1845, S. 240).<ref> _Ich habe geachtet die Wege des Gebots (Gewalttätigen),<ref>tFN: Gebots (Gewalttätigen) - W. auf den ersten Blick „Ich habe geachtet die Wege des Gewalttätigen“, was dann oft erläutert wird als „achten, [um nicht darauf zu geraten]“. Doch dafür würde im Heb. nicht schamar („achten“), sondern schamar min („sich in Acht nehmen vor“) verwendet. Besser sollte man daher in Orientierung an arab. faraḍa („gebieten“) davon ausgehen, dass neben parits („Gewalttätiger“, von parats „überschreiten“) ein gleichlautendes Wort parits II („Gebot“, von parats II „gebieten“, das sich wohl auch in 1 Chr 13,2 und 2 Chr 31,5 findet, vgl. Kissane 1928, S. 90) existiert. Dieses Wort ist nicht allgemein anerkannt (und findet sich daher in DCH VI, S. 769; ZLH S. 668, nicht aber in Ges18 und KBL3), wird aber an unserer Stelle von vielen Exegeten und einigen dt. Üss. (EÜ (nicht mehr EÜ16), GUAR, H-R, HER05, PAT, StierPs) vertreten. (Zurück zu v.4) |
| i | Wege des Gebots, meine Schritte, deine Spuren, meine Tritte - Der Psalmist greift hier zurück auf die häufige Metapher des „rechten Weges“: Indem Gott den Menschen seine Gebote gab, wies er ihnen einen „Weg“. Beschreitet man diesen, ist man auf dem „rechten Weg“ und wird dafür von Gott gesegnet sein (s. z.B. Spr 2,18f.; 5,5f.; 12,28; 15,9f.); „der Frevler Weg jedoch vergeht“ (Ps 1,6). (Zurück zu v.5) |
| j | Textkritik: MT hat hapleh („scheide/erweise“), so auch Tg. Einige MT-Handschriften aber haben haple´ („Wirke wunderbar“), was durch LXX, Syr, VUL und Hier gestützt wird. Die Fügung palah chesed findet sich sonst nicht mehr in der Bibel (allerdings das ähnliche palah chasid, „er hat geschieden seinen Frommen“ in Ps 4,4), pala´ chesed aber in Ps 31,22 und beide Wörter in engem Zhg. auch in Ps 106,7 und 107,8.15.21.31. Syr hat darüber hinaus offenbar sogar an Ps 4,4 gedacht und statt chesed chasid übersetzt, dennoch aber nicht palah, sondern pala´. Etwas wahrscheinlicher ist daher „wirke wunderbar“; letztlich trägt es sich aber nicht wesentlich auf die Bedeutung des Textes aus. (Zurück zu v.7) |
| k | Textkritik: [zu dir] steht nicht in MT, Tg, Hier, aber in LXX, Syr, VUL, Saadja. Houbigant 1777 und BHS erachten es daher als ursprünglich, doch ist es wohl eher Angleichung an „deine Huld“ und „deine Hand“. (Zurück zu v.7) |
| l | wider deine rechte Hand - der ungewöhnliche Ausdruck (für gewöhnlich erhebt man sich nicht gegen Hände, sondern gegen Menschen und Götter) soll wohl die Formulierung der ausgleichenden Gerechtigkeit in V. 14 vorbereiten, wo Gottes Hand seine Waffe gegen Menschen ist: Diese sind „sich Erhebende gegen seine rechte Hand“; sie haben es also geradezu herausgefordert. Weil der Ausdruck so ungewöhnlich ist, haben andere vorgeschlagen, dass die letzte Phrase nicht auf die „sich Erhebenden“ zu beziehen sei, sondern auf die „sich Flüchtenden“ („die sich zu deiner rechten Hand flüchten“), was noch recht ungezwungen möglich ist (z.B. HER05, EÜ 16, SLT), auf „[oh] Retter“ („oh Retter durch deine rechte Hand“; so z.B. TAF) oder gar auf „Wirke wunderbar deine Huld“ („... mit deiner rechten Hand“; so offenbar B-R). Mosca 2011 hat sogar vorgeschlagen, dass die Phrase bewusst ans Ende des Verses gestellt wurde, um sich gleichzeitig in der Tat auf all diese Phrasen beziehen zu können: „Erweise deine Huld mit, [oh] Retter durch, von sich Flüchtenden zu, vor sich Erhebenden gegen dein(e) rechte(n) Hand!“ (Zurück zu v.7) |
| m | die Pupille (das Männchen) der (, die) Pupille (Tochter des Auges) - Zwei (auch: in vielen Sprachen, z.B. Lat: pupus und pupilla) verbreitete Umschreibungen der Pupille folgen hier aufeinander. Die erste ist w. „das Männchen“, die zweite w. „die Tochter des Auges“. Entweder steht die „Tochter des Auges“ in Apposition zum „Männchen“ (also: „das Männchen, [d.h.] die Tochter des Auges“) oder in einem Constructus-verhältnis mit ihm (also der heb. Entsprechung des Genitivs: „das Männchen der Tochter des Auges“). Alle uns zugänglichen Auslegungen deuten als Apposition, aber es ist doch zu fragen, was der Mehrwert dieser Apposition sein soll, wenn doch beide Glieder sonst stets alleine stehen („Männchen (des Auges)“: Dnt 32,15; Spr 7,2; Sir 3,25; 17,22; „Tochter des Auges“: Klg 2,18; Sach 2,12). Vielleicht findet sich hier also ein schönes Bild: Die beiden Bezeichnungen rühren wohl daher, dass man sich als kleines „Männchen“ in der Pupille des Anderen spiegelt, wenn man ihm in die Augen sieht (Kimchi: „Es heißt ´ischon, weil man darin das Bild eines Menschen sieht.“). Dies war bereits in der Antike auffällig, vgl. Platon, Alkibiades 132e-133a („Hast du beobachtet, dass von dem, der in ein Auge blickt, das Gesicht im Auge gegenüber erscheint wie in einem Spiegel – wir nennen dies Pupille...?“); Plinius, Naturalis Historia XI 53 („So sehr gleicht das Auge einem Spiegel, dass, so klein die Pupille auch ist, sie das ganze Bild eines Menschen widergibt. Dies ist der Grund, warum die meisten Vögel in den Händen von Menschen am ehesten nach den Augen picken, weil sie ihr Bild in ihnen erkennen.“; Stellen nach Hunziker-Rodewald 2009b, S. 138). Hierauf spielt wohl das „Behüten wie jmds Augenmännchen/-mädlein“ (Dtn 32,15; Spr 7,2; Sir 17,22; ähnlich Sach 2,12) an: Nicht, dass man jmdn/etw. so behüten soll wie etwas sehr Verletzliches (Thomas von Aquin: „Die Pupille des Auges wird mit Sorgfalt bewacht, weil nichts, das sie verletzten könnte, erlaubt ist, sich ihr zu nähern.“), sondern so aufmerksam, dass man ihm mit dem Gesicht so nahe ist, dass der/das Behütete sich im Auge des Hüteres widerspiegelt (ebd., S. 140: „Garde-moi comme [...] une image pupilline!“). Deuten wir, weil wie gesagt der Mehrwert der Apposition „wie ein Männchen, eine Tochter des Auges“ nicht einzusehen ist, die Fügung als Constructus-verbindung, geht diese Abwandlung des Bildes vielleicht sogar noch einen Schritt weiter: Gott soll den Beter nicht nur so sehr behüten, dass sich dessen Bild in seinen Augen widerspiegelt, sondern sogar so sehr, dass dieses Spiegelbild sozusagen der „Angetraute“ seiner Pupille ist: „Lass mich das Männchen deines Augenmädleins sein!“, „Erbaue meinem Bild ein Heim in deinem Auge!“ (Zurück zu v.8) |
| n | Eine weitere schöne Kompositmetapher. Sowohl der „Schatten“ als auch die „Flügel“ allein können als Metaphern für das schützende und heilsame Handeln Gottes stehen (s. Ps 121,5f und Ps 61,5; 91,4). Im Ausdruck „Schatten der Flügel“ (hier; Ps 36,8; 57,2; 63,8) werden beide Bilder kombiniert. Übrigens legt Ps 91,4 nahe, dass bei diesem Bild weniger an einen Adler zu denken ist, der schützend über dem Nest seiner Jungen flattert (vgl. nicht Dtn 32,11, wo vom Schützen nicht die Rede ist, aber entfernt Jes 31,5, wo jedoch Vögelchen fliegen und nicht Adlern beschirmen), sondern an eine Henne, die ihre Küken unter ihren Flügeln birgt (s. Mt 23,37). Eine schöne geistliche Auslegung stammt von Thomas von Aquin: „Die beiden Flügel sind die beiden Arme, die Christus am Kreuz ausbreitete, s. Dtn 32: ‚Er breitete seine Flügel aus, nahm sie auf und trug sie auf seinen Schultern‘.“ (Zurück zu v.8) |